Die Deutsche Einheit kam für viele Bürger überraschend. Dass sich aber in den Kreisen der Politik bereits eine Entwicklung (auch international) zeigte, wird oft nicht oder nur wenig beachtet. Welche Rolle spielte die Sowjetunion unter Gorbatschow bei der Wiedervereinigung? Und war Eduard Schewardnadse, der Außenminister der Sowjetunion, eine der treibenden Kräfte?
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Inhaltsverzeichnis
DIE SOWJETUNION UND DIE DEUTSCHE EINHEIT ( DEZEMBER 1989 – MAI 1990 )
1. WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE LAGE DER SOWJETUNION ZUR ZEIT DES MAUERFALLS
2. ERSTE PHASE : ABLEHNUNG
3. PARTNERSUCHE IM WESTEN
4. AMBIVALENZ DER SOWJETISCHEN POSITION
5. DER KOHL-BESUCH IN MOSKAU ( 10. FEBRUAR 1990 )
6. VERHANDLUNGEN UM DIE ÄUßEREN ASPEKTE DER EINHEIT
7. GORBATSCHOW IN ZUGZWANG
8. MOSKAUER WIRTSCHAFTSGESPRÄCHE ( MAI 1990 )
9. SICHERHEITSGARANTIEN UND ENDGÜLTIGER DURCHBRUCH
RÉSUMÉE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Haltung und die außenpolitische Strategie der Sowjetunion gegenüber dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung zwischen Dezember 1989 und Mai 1990. Dabei wird analysiert, wie Michail Gorbatschow angesichts einer prekären innenpolitischen wirtschaftlichen Krise und des schwindenden Einflusses in Osteuropa auf die Dynamik der deutschen Einheit reagierte und welche Motive ihn letztlich zu einer Akzeptanz des Wiedervereinigungsprozesses und der NATO-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands bewegten.
- Wirtschaftliche und politische Krisensituation der Sowjetunion Ende 1989.
- Wandlung der sowjetischen Haltung von anfänglicher Ablehnung zu verhandlungsbereiter Akzeptanz.
- Die Rolle der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Bundesrepublik Deutschland.
- Interne Machtkämpfe in der KPdSU und der Einfluss konservativer Kräfte.
- Die diplomatischen Verhandlungen im Rahmen der 2+4-Gespräche und die Suche nach Sicherheitsgarantien.
Auszug aus dem Buch
1. Wirtschaftliche und politische Lage der Sowjetunion zur Zeit des Mauerfalls
Michail Gorbatschow war seit 1985 Generalsekretär der KPdSU . Mit seinem Amtsantritt begann ein neuer Abschnitt in der sowjetischen Innen – und Außenpolitik ebenso wie in Bezug auf die Wirtschaft. Wie aber sah die wirtschaftliche und politische Lage der Sowjetunion im November / Dezember 1989 aus ?
Ein großer Teil des Staatshaushaltes war der Rüstung und dem Militär vorbehalten, genauer gesagt , ein Viertel des gesamten Haushaltes . Das Wirtschaftswachstum stagnierte seit einigen Jahren ebenso wie die Produktivität . Die angebotenen Güter waren von meist geringer Qualität , mussten aber vom Volk zu einem hohen Preis gekauft werden. Die Industrie hatte sich auf einen verschwenderischen Umgang mit Rohstoffen und anderen Ressourcen ( Arbeitskraft , Geld u.a..) verlegt. Es schien die Devise zu gelten , wer am meisten verbraucht , ist der Beste . Schmarotzertum ( so nennt es Gorbatschow in seinem Buch Perestroika1 ) hatte Einzug in die alltägliche Planung der Betriebe gehalten . Darunter waren z.B. das Annahme von unverdienten staatlichen Prämien zu zählen , ohne aber im Gegenzug , die erforderlichen Mengen bzw. Waren tatsächlich zu produzieren. Bilanzen wurden gefälscht . Was das Land an Devisen einnahm , z.B. durch den Verkauf von Öl oder anderen Brennstoffen ins Ausland, wurde meist nur für die Beseitigung akuter Krisenherde verwendet, nicht aber zur Abschaffung grundlegender , u.a. struktureller Probleme .
Gorbatschow versuchte mit Hilfe des Programms der Perestroika ( = Umgestaltung ) die desolate Lage seines Landes wieder zu verbessern. Zu den wirtschaftlichen Zielen , die durch die Perestroika erreicht werden sollten, gehörten beispielsweise die Schonung von Ressourcen ,die strukturelle Reorganisation der Wirtschaft , wozu auch die Straffung der Arbeitsdisziplin zu zählen war, die Erhöhung des Leistungswillen ,eine Änderung der staatlichen Investitionspolitik zum Zivilen hin, neue Technologien auch im nicht-wissenschaftlichen und nicht-militärischen Bereich, eine höhere Qualität der angebotenen Produkte sowie eine qualifiziertere Besetzung der Führungspositionen in der Wirtschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE LAGE DER SOWJETUNION ZUR ZEIT DES MAUERFALLS: Das Kapitel skizziert die desolaten wirtschaftlichen Bedingungen und den Reformdruck durch die Perestroika, die Gorbatschows Handlungsspielraum zur Zeit des Mauerfalls massiv einschränkten.
2. ERSTE PHASE : ABLEHNUNG: Es wird dargestellt, wie die sowjetische Führung nach Kohls 10-Punkte-Plan zunächst mit Skepsis und Ablehnung reagierte, aber zunehmend unter den Druck der Ereignisse in der DDR geriet.
3. PARTNERSUCHE IM WESTEN: Hier wird beschrieben, wie die Sowjetunion versuchte, Verbündete gegen die deutsche Einheit zu finden, dabei jedoch die Einsicht gewann, dass die USA den Prozess unterstützen würden.
4. AMBIVALENZ DER SOWJETISCHEN POSITION: Das Kapitel analysiert die zwiespältige Haltung Moskaus, die einerseits das Selbstbestimmungsrecht anerkannte, andererseits aber Sicherheitsgarantien forderte und innenpolitisch unter Druck konservativer Kräfte stand.
5. DER KOHL-BESUCH IN MOSKAU ( 10. FEBRUAR 1990 ): Dieses Kapitel behandelt das entscheidende Treffen zwischen Kohl und Gorbatschow, bei dem das prinzipielle Einverständnis zur Wiedervereinigung im Rahmen eines internationalen Prozesses erzielt wurde.
6. VERHANDLUNGEN UM DIE ÄUßEREN ASPEKTE DER EINHEIT: Es werden die zentralen Streitpunkte der 2+4-Verhandlungen, wie Truppenpräsenz und Bündniszugehörigkeit, sowie das Bestreben nach einer schnellen Lösung thematisiert.
7. GORBATSCHOW IN ZUGZWANG: Das Kapitel beschreibt den wachsenden innenpolitischen Druck auf Gorbatschow durch Reformer und Konservative sowie die außenpolitische Zwangslage bei der Wahl der verfassungsrechtlichen Grundlage für die Einheit.
8. MOSKAUER WIRTSCHAFTSGESPRÄCHE ( MAI 1990 ): Hier steht die wirtschaftliche Notlage der UdSSR im Fokus, die zu einer dringenden Bitte um Finanzhilfen an die Bundesrepublik führte, um die Handlungsfähigkeit des sowjetischen Staates zu sichern.
9. SICHERHEITSGARANTIEN UND ENDGÜLTIGER DURCHBRUCH: Abschließend wird dargestellt, wie westliche Sicherheitsgarantien den Weg für die sowjetische Zustimmung zur NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands ebneten.
Schlüsselwörter
Sowjetunion, Deutsche Wiedervereinigung, Michail Gorbatschow, Perestroika, Kalter Krieg, Außenpolitik, DDR, Bundesrepublik Deutschland, 2+4-Vertrag, NATO-Mitgliedschaft, Schewardnadse, Wirtschaftskrise, Europäisches Haus, Abrüstung, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verhalten der Sowjetunion während der deutschen Wiedervereinigung zwischen Ende 1989 und Mitte 1990.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die sowjetische Innen- und Außenpolitik, der Einfluss der wirtschaftlichen Krise auf diplomatische Entscheidungen sowie die Verhandlungen zur internationalen Einbettung der deutschen Einheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu erklären, warum Gorbatschow seine anfängliche Ablehnung der Wiedervereinigung aufgab und unter welchen Bedingungen die Sowjetunion letztlich zustimmte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von Quellen und Sekundärliteratur zur Diplomatiegeschichte der Wendezeit basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert den Prozess chronologisch, von der wirtschaftlichen Lage der UdSSR über die ersten Reaktionen auf die deutsche Einheitsdynamik bis hin zu den konkreten Verhandlungen und wirtschaftlichen Absprachen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sowjetunion, Wiedervereinigung, Gorbatschow, Perestroika, Wirtschaftsinteressen, 2+4-Prozess und internationale Sicherheitsgarantien.
Warum war die wirtschaftliche Lage der UdSSR entscheidend für die Einheitsfrage?
Die wirtschaftliche Krise und die Abhängigkeit von Krediten der Bundesrepublik schränkten Gorbatschows politischen Handlungsspielraum ein und machten ihn für deutsche Argumente in der Einheitsfrage empfänglicher.
Welche Rolle spielten die konservativen Kräfte in Moskau?
Konservative Politiker und das Militär übten erheblichen Druck auf Gorbatschow aus, um den Einfluss der Sowjetunion zu wahren und den aus ihrer Sicht drohenden „Ausverkauf“ der DDR und des sowjetischen Erbes zu verhindern.
Was war das "Novum" in den Verhandlungen im Februar 1990?
Das Novum war die prinzipielle Anerkennung des Rechts auf Wiedervereinigung durch die sowjetische Führung, was einen deutlichen Wandel ihrer bisherigen blockpolitischen Strategie darstellte.
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- Wencke Thiele (Author), 2003, Die Sowjetunion und die deutsche Einheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124049