[...] Weyslings Zusammenfassung begründet somit (unbeabsichtigt) die Anwendung Bourdieus Theorie am Zauberberg. Denn auch Bourdieus literatursoziologische Theorie vom sozialen Raum erhebt den Anspruch eine Mischung aus werkinterner und –externer Deutung zu sein. Und auch er sagt, dass sich die Grundhaltungen, welches an dieser Stelle mit der Position im sozialen Raum oder Feld verglichen werden kann, bewahren.
Somit ist die Anwendung Bourdieus Distinktionstheorie am Zauberberg begründet und logisch nachvollziehbar. Als Grundlage, also als Distinktionsmerkmal, wird in dieser Arbeit die Musik herangezogen. Auch hier scheint Der Zauberberg besonders gut für geeignet zu sein, da sich Mann in dem Kapitel Fülle des Wohllauts (ZB, 874 ff.) „als der musikbesessenste Autor der Weltliteratur zu erkennen gab“ (Vaget 2006, 9).
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Diese Arbeit wird zuerst Bourdieus Theorie vom sozialen Raum und die von ihm verwendeten Begriffe Feld, Habitus und Kapital erläutern. Daran anknüpfend werden exemplarischen Erläuterungen in Bezug auf Musik gegeben, um die Funktionsweise von Musik als Distinktionsmerkmal zu unterstreichen. An einen inhaltlichen und strukturellen Abriss des Zauberberg knüpft die Darstellung der Position Hans Castorps im sozialen Raum durch seinen sozialen Hintergrund an. Zentrales Anliegen dieser Arbeit ist es, diese ermittelte Position Hans Castorps im Feld Zauberberg durch das Distinktionsmerkmal Musik zu unterstreichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pierre Bourdieus Theorie vom sozialen Raum
2.1. Theoretische Erläuterungen der Theorie vom sozialen Raum
2.2. Praktischer Erläuterung Bourdieus Distinktionstheorie in Bezug auf Musik
3. Der Zauberberg und Hans Castorp
3.1. Inhalt und Struktur des Zauberbergs
3.2. Die Position Hans Castorps im Zauberberg
4. Die Musik als Distinktionsmerkmal im Zauberberg
4.1. Die Musik im Feld Zauberberg
4.1. Die Positionierung Hans Castorps durch die Musik
4.3. Hans Castorps Position als Ausdruck der Entstehungszeit von Zauberberg
5. Kritik an Bourdieus Distinktionstheorie
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der Musik im Roman "Der Zauberberg" von Thomas Mann unter Anwendung der literatursoziologischen Distinktionstheorie von Pierre Bourdieu, um die soziale Positionierung der Hauptfigur Hans Castorp innerhalb des erzählten Feldes zu bestimmen.
- Grundlagen der Theorie vom sozialen Raum nach Pierre Bourdieu
- Musik als symbolisches Kapital und Distinktionsmerkmal
- Strukturanalyse des Romans "Der Zauberberg"
- Soziologische Verortung von Hans Castorp
- Kritische Reflexion der Anwendung soziologischer Theorien auf literarische Texte
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Positionierung Hans Castorps durch die Musik
Die Hauptfigur Hans Castorp wird dem Leser durch den auktorialen Erzähler als jemand vorgestellt, „der Musik von Herzen liebte“, da sie auf ihn „beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend“ wirkte (ZB, 58 f.). Für ihn ist die vierzehntägliche Kurmusik eine „Unbezahlbarkeit“ während seines Aufenthaltes (ZB, 224). Außerdem genießt er es den entfernten Abendkonzerten des Ortes Davos zu lauschen: „vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus ›Carmen‹, aus dem ›Troubadour‹ oder dem ›Freischütz‹, wohlgebaute, zügige Walzer sodann, Märsche“ (ZB, 229). Er empfindet dabei „inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen Eingebung“ (ebd.). Somit kann man sagen, dass es Castorps Habitus ist, ein Musikliebhaber zu sein, und die Musik ein hohes symbolisches Kapital für ihn besitzt. Diese Aussage liefert bereits die Anzeichen, dass seine Position im Feld des Zauberberg durch relativ hohes kulturelles Kapital im Vergleich zu anderen Kurgästen gekennzeichnet ist.
Castorp wird singend beim Auskleiden, pfeifend und den Takt schlagend im Bett geschildert (ZB, 126 f.). Im Vergleich zu den anderen Kurgästen genießt er das vierzehntägige Kurkonzert intensiver, mit geöffnetem Mund und auf die Seite gelegtem Kopf lauscht er benommen (ZB, 156). Somit ist er in der Abbildung 3 bei den Kurgästen im linken Teil des Kreises, mit höherem Kulturkapital, zu positionieren. Dieses bestätigt somit die vorangegangene Zuweisung in Kapitel 3.2.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung begründet die Relevanz der Anwendung von Bourdieus Theorie auf Thomas Manns "Zauberberg" und führt die Musik als zentrales Distinktionsmerkmal ein.
2. Pierre Bourdieus Theorie vom sozialen Raum: Dieses Kapitel erläutert die soziologischen Kernbegriffe Feld, Habitus und Kapital sowie deren Bedeutung für die Literaturanalyse.
3. Der Zauberberg und Hans Castorp: Das Kapitel bietet einen Abriss über die Romanstruktur und analysiert die soziale Ausgangslage sowie die Kapitalausstattung der Figur Hans Castorp.
4. Die Musik als Distinktionsmerkmal im Zauberberg: Der Hauptteil untersucht die Rolle der Musik als Kapitalform im Sanatorium und bestimmt Castorps soziale Positionierung anhand seiner musikalischen Vorlieben und Verhaltensweisen.
5. Kritik an Bourdieus Distinktionstheorie: Dieses Kapitel reflektiert methodische Herausforderungen und Grenzen bei der Übertragung soziologischer Modelle auf fiktionale Charaktere und Autoren.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit bestätigt den Erfolg des gewählten methodischen Ansatzes und weist auf das Potenzial hin, Musik auch in anderen Werken als Distinktionsmittel zu untersuchen.
Schlüsselwörter
Pierre Bourdieu, Der Zauberberg, Thomas Mann, Distinktionstheorie, Musik, Hans Castorp, soziales Feld, kulturelles Kapital, symbolisches Kapital, Habitus, Literatursoziologie, musikalische Analyse, Sanatorium, Klassengesellschaft, Sozialisationshintergrund.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die soziale Positionierung der Romanfigur Hans Castorp aus Thomas Manns "Der Zauberberg" mithilfe der Distinktionstheorie von Pierre Bourdieu, wobei Musik als zentrales Indiz für den sozialen Status dient.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den soziologischen Grundbegriffen Bourdieus (Habitus, Kapital, Feld), der Analyse der Romanstruktur und der Interpretation von Musikszenen im Sanatoriumskontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, nachzuweisen, dass Hans Castorps musikalische Vorlieben und Verhaltensweisen seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht innerhalb des "Zauberberg"-Feldes widerspiegeln und bestätigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literatursoziologische Analyse durchgeführt, bei der Bourdieus Konzepte des sozialen Raums und der Kapitalformen auf das literarische Material und die fiktionalen Charaktere angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in Bourdieus Konzepte, die inhaltliche Einführung in den Roman, die empirische Untersuchung der Musik als Distinktionsmerkmal im Roman und die Positionierung Castorps.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören Bourdieu, Distinktion, Habitus, kulturelles Kapital, Musik, Hans Castorp, Feldtheorie und literarische Soziologie.
Wie unterscheidet sich die Musikwahrnehmung von Hans Castorp von der der anderen Kurgäste?
Die Analyse zeigt, dass Castorp eine intensivere, "musikliebende" Haltung einnimmt, die ihm eine andere Position im Feld zuweist als Kurgästen, die Musik nur als beiläufiges Unterhaltungsmittel oder "politisch verdächtig" betrachten.
Warum wird die Anwendung der Distinktionstheorie im Fazit als "problematisch" bezeichnet?
Die Autorin weist darauf hin, dass die Grenze zwischen der Interpretation des Autors Thomas Mann und der fiktiven Figur sowie die subjektive Wertung der Musik durch die Analysierende selbst methodische Spielräume und Interpretationsschwierigkeiten lassen.
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- Katharina Teichert (Author), 2008, Hans Castorps Seelenzauber, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124510