[...] In den großen Umfragen, die sich mit Ängsten und Wertewandel befassen, klettert die
Gesundheit als Thema seit etwa Mitte der 90er Jahre rapide nach oben. Sie löst derzeit
Themen wie Arbeit, Umwelt und Krieg ab. [...] Auch Jugendliche geben in ihrem
Angstspektrum, aber auch in ihren Wunschlisten, immer häufiger den Begriff
Gesundheit an.“ (aus Matthias Horx, 1999: Die acht Sphären der Zukunft)
Weitere entscheidende Faktoren: demographische Entwicklung (Überalterung der
Gesellschaft), medizinischer Fortschritt, Budgetknappheit und dadurch Reformbedarf
Auf die Frage: „Was bedeutet für Sie Gesundheit“ antwortet in der Umfrage
„Prävention und Gesundheitsförderung“ des Fonds Gesundes Österreich ein Drittel
(34%) der Österreicher: „Gesundheit ist das höchste Gut bzw. das Wichtigste im
Leben“.
Gleichzeitig veränderte sich aber die öffentliche Meinung gegenüber politischer
Prioritäten. „Die Erwartung, [der Staat] habe für alles zu sorgen, was außerhalb des –
anfangs äußerst bescheidenen – privaten Konsums lag, war [noch ist in die 70er Jahre]
vorherrschend.“ Mittlerweile ging das Vertrauen in die Allzuständigkeit des Staates
zurück, einerseits will man diese in Frage stellte, andererseits weil man die
Überforderung auch einsah. Fragte man im Jahr 1976 die Österreicher, worum sich
„politische Parteien in Österreich besonders kümmern sollten“, so lag
Gesundheitswesen bei den Antworten auf Rang vier, im Jahr 2000 steht auf diesem
Platz die Budgetsanierung, Gesundheit ist nicht mehr unter den ersten sechs. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Themenfeld Gesundheit
Kurzdarstellung Issue
Verlauf des Issue
Issue Setzung
Einschätzung des Issue
Anknüpfungspunkte mit anderen Themenfeldern
Internationale Diskussion – Beispiele
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel im österreichischen Gesundheitssystem vom umfassenden „Vollkasko“-Prinzip hin zu einer stärkeren Eigenverantwortung der Bürger, analysiert die politischen Konfliktlinien dieses Prozesses und beleuchtet die aktuelle internationale Reformdiskussion.
- Finanzierungskonflikte zwischen staatlicher Vorsorge und Eigenbeitrag
- Einfluss soziokultureller Trends wie Wellness und Individualisierung
- Politische Dynamik durch Regierungsmaßnahmen und Volksbegehren
- Vergleichende Analyse internationaler Gesundheitsreformmodelle
- Rolle der Interessensvertretungen und Meinungsbildner
Auszug aus dem Buch
3. VERLAUF/ ENTWICKLUNG DES ISSUE:
In den 90er Jahren ging Österreich, wie viele andere Länder der Europäischen Union, den Weg der Anpassung und des teilweisen Rückbaus sozialstaatlicher Leistungen, dies aus einer Notwendigkeit heraus, die durch die demographische Entwicklung und somit drohende Kostenexplosion hervorgerufen wurde.
Besonders die Regierungsphase 2000-2002 und deren sozialpolitische Entscheidungen kündigen den Wandel eines umfassenden Wohlfahrtsstaates in einen liberalen Fürsorgestaat an. Maßnahmen waren etwa die Erhöhung bzw. Einführung von Selbstbehalten für Behandlungen, die Erhöhung der Rezeptgebühr und die umstrittene und mittlerweile revidierte Einführung der Ambulanzgebühr.
Februar 2000: Amtsantritt des Kabinett Schüssel I
Die Bundesregierung präsentiert ihr Regierungsprogramm („Österreich neu regieren“). Die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen, etwa zur Sanierung der Krankenkassen, werden von den parlamentarischen Oppositionsparteien sowie von der Arbeiterkammer scharf kritisiert. Die Gegner befürchten Mehrbelastungen für die Bürger in Form höherer Selbstbehalte und fordern ein für alle leistbares Gesundheitssystem, das aus Budgetmitteln garantiert werden muss.
April 2001: Einführung der „Ambulanzgebühr“
Die Ambulanzgebühr ist ein Selbstbehalt, den Patienten bei der Inanspruchnahme von Leistungen einer Krankenhausambulanz oder eines öffentlichen Ambulatoriums anstatt eines niedergelassenen Arztes, zu zahlen haben. Es ging der Bundesregierung hier zwar nicht primär darum, den Konflikt „private gegen staatliche Vorsorge“ zu entfachen bzw. zu lösen, die Ambulanzgebühr war vielmehr als Steuermechanismus geplant. Dennoch flammte in deren Umfeld die Diskussion um die Verantwortung es Staates bzw. des Individuums für seine Gesundheit auf.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Themenfeld Gesundheit: Der Einstieg analysiert den Wertewandel in Österreich, bei dem die Gesundheit zwar eine hohe Priorität einnimmt, aber nicht zwingend mit der Erwartung an den Staat verknüpft ist, alle Leistungen allein zu finanzieren.
Kurzdarstellung Issue: Hier werden die zentralen Akteure, das Konfliktpotenzial zwischen staatlicher Finanzierung und Eigenverantwortung sowie die soziopolitische Relevanz des Themas definiert.
Verlauf des Issue: Dieses Kapitel zeichnet die politische Entwicklung in Österreich zwischen 2000 und 2003 nach, insbesondere im Hinblick auf Sparmaßnahmen wie die Ambulanzgebühr und den Widerstand durch Volksbegehren.
Issue Setzung: Es wird erörtert, wie das Thema strategisch durch Kampagnen „Pro Eigenvorsorge“ oder „Pro staatliche Sicherung“ in der Öffentlichkeit gerahmt und beeinflusst werden kann.
Einschätzung des Issue: Eine Prognose zur langfristigen Bedeutung des Themas, bedingt durch den anhaltenden Reformdruck und Entwicklungen im europäischen Umfeld.
Anknüpfungspunkte mit anderen Themenfeldern: Die Untersuchung zeigt, wie Trends wie „Wellness“ und die „Individualisierung“ der Gesellschaft die Bereitschaft und Notwendigkeit zur persönlichen Gesundheitsvorsorge verstärken.
Internationale Diskussion – Beispiele: Ein Überblick über verschiedene Ansätze in den USA, Deutschland, Großbritannien, Dänemark und Belgien zur Bewältigung der Finanzierungsproblematik im Gesundheitswesen.
Schlüsselwörter
Gesundheitspolitik, Vollkasko, Eigenverantwortung, Sozialstaat, Ambulanzgebühr, Krankenversicherung, Wellness, Individualisierung, Reformbedarf, Sozialversicherung, Patientenrechte, Gesundheitsreform, Budgetknappheit, Selbstbehalt, Österreich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Wandel des österreichischen Gesundheitssystems weg vom „Vollkasko“-Modell hin zu mehr Eigenverantwortung der Patienten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Finanzierung des Gesundheitswesens, politische Reformentscheidungen, der Einfluss von gesellschaftlichen Trends auf das Gesundheitsverhalten und der internationale Vergleich.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, wie das Spannungsfeld zwischen staatlich garantierten Leistungen und der zunehmenden Forderung nach individueller Vorsorge und Kostenbeteiligung zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Issue-Management-Analyse, die politische Ereignisse, gesellschaftliche Trends und die öffentliche Meinungsbildung untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die chronologische Entwicklung der gesundheitspolitischen Debatte in Österreich, strategische Kommunikationsansätze und die Einbettung in breitere Trends wie Wellness und Individualisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Gesundheitspolitik, Eigenverantwortung, Sozialstaat, Ambulanzgebühr und Systemfinanzierung.
Warum spielt das Thema Wellness eine so große Rolle in der Argumentation?
Die Autorin argumentiert, dass der „Wellness-Trend“ ein verändertes Gesundheitsbewusstsein fördert, das den Übergang zu mehr Eigenverantwortung begünstigen kann.
Was unterscheidet den österreichischen Ansatz laut der Arbeit von dem in Dänemark?
Während in Österreich die politische Debatte stark von der Diskussion über Selbstbehalte wie die Ambulanzgebühr geprägt war, setzt Dänemark auf eine durchgehend hohe Eigenbeteiligung bei Arzneimitteln zur Finanzierungssicherung.
- Citation du texte
- Mag. Bettina Rausch (Auteur), 2003, "Vollkasko" im Gesundheitssystem: Zwischen staatlich gewährleisteten Gesundheitsstandards und Eigenvorsorge, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124936