Nicht die Moral, sondern das Eigeninteresse bestimmt das Handeln.
In vielen Alltagssituationen glauben wir, aus moralischen Gründen zu handeln. Ein gutes Beispiel dafür ist die Regel, dass man sich an gegebene Versprechen halten muss. Der Moral- Kontraktualist Peter Stemmer behauptet darüber hinaus, dass wir eine moralische Pflicht haben, uns an die gegebenen Versprechen zu halten. Anhand des Gefangenendilemmas wird nach eingehender Darstellung und Diskussion der Stemmerschen Theorie demonstriert, dass diese Behauptung nicht haltbar ist. Es wird gezeigt, dass nicht die Moral Antrieb für die meisten unserer Handlungen ist, sondern das Eigeninteresse und das Interesse an wohl funktionierenden sozialen Mechanismen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Gefangenendilemma
3. Das Gefangenendilemma als soziales Dilemma
4. Vorschläge zur Überwindung eines sozialen Dilemmas
5. Normen, Pflicht und Moral im moralischen Kontraktualismus
5.1 Die Rechtfertigung moralischer Normen
5.2 Der Begriff der moralischen Pflicht
6. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kritische These, dass menschliches Handeln nicht durch moralische Verpflichtungen, sondern primär durch rationales Eigeninteresse bestimmt wird. Dabei wird insbesondere der moralische Kontraktualismus von Peter Stemmer hinterfragt, indem die "Versprechens-Situation" als strukturell identisch mit der Gefangenendilemmasituation analysiert wird.
- Analyse des Gefangenendilemmas als theoretisches Modell für soziale Dilemmata
- Kritische Auseinandersetzung mit Stemmers Konzeption von Moral und Pflicht
- Untersuchung der Rolle innerer Sanktionen und rationaler Entscheidungsprozesse
- Vergleich zwischen instrumenteller Rationalität und moralischer Verpflichtung
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
In unserem Alltag fällen wir häufig Urteile wie: „Dieses Verhalten finde ich schlecht“ oder „Diese Handlung finde ich gut“. Meistens sind diese Urteile moralisch motiviert. Betrachtet man aber einmal die Situationen genauer, die mit moralischen Attributen beurteilt werden, so keimt der Verdacht, dass die Moral zu Unrecht belangt wird. Ein Beispiel hierfür ist das Verbot: „Man darf nicht stehlen.“ Sicherlich glauben die meisten Menschen, dass man aus moralischen Gründen nicht stehlen darf. Ich aber glaube, dass man sich aus einem gesunden Eigeninteresse an dieses Verbot halten sollte: Eine Gemeinschaft, in der ich nicht bestohlen werden darf, ist für mich sicherer und friedlicher, als eine, in der man mich ohne Konsequenzen bestehlen darf. Also habe ich aus Eigeninteresse ein Interesse daran, dass eine „soziale“ Regel gibt, die das Stehlen verbietet. (Und dieses Interesse überwiegt das Interesse, andere bestehlen zu dürfen.) Besonders gut lässt sich die Frage, ob etwas aus moralischen Gründen oder aus Eigeninteresse zu tun sei, am Beispiel gegebener Versprechen und ihre Einhaltung diskutieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin führt in die Thematik ein und stellt die These auf, dass nicht die Moral, sondern die Rationalität und das Eigeninteresse das menschliche Handeln motivieren.
2. Das Gefangenendilemma: Dieses Kapitel erläutert das spieltheoretische Gedankenexperiment und zeigt, wie rationale Akteure zu sub-optimalen Ergebnissen gelangen können.
3. Das Gefangenendilemma als soziales Dilemma: Hier wird die Übertragbarkeit der spieltheoretischen Logik auf alltägliche Situationen wie Tauschakte verdeutlicht.
4. Vorschläge zur Überwindung eines sozialen Dilemmas: Der Abschnitt diskutiert vertragliche Lösungen und die Rolle des Staates sowie Sanktionen bei der Lösung von Dilemmasituationen.
5. Normen, Pflicht und Moral im moralischen Kontraktualismus: Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Theorie von Peter Stemmer, insbesondere hinsichtlich der Legitimation moralischer Normen und des Begriffs der Pflicht.
6. Abschlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt die Kritik an Stemmers kontraktualistischem Moralbegriff.
Schlüsselwörter
Moral, Eigeninteresse, Gefangenendilemma, Rationalität, Kontraktualismus, Peter Stemmer, soziale Dilemmata, moralische Pflicht, Sanktionen, Tauschakt, Entscheidungstheorie, Ethik, Normen, Spieltheorie, instrumentelle Rationalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Verhältnis von Moral und Eigeninteresse, mit einem Fokus auf die kontraktualistische Moralkonzeption von Peter Stemmer.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Spieltheorie (Gefangenendilemma), der praktischen Philosophie sowie der Struktur von sozialen Regeln und moralischen Pflichten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass vermeintlich moralisches Handeln in vielen Fällen durch rationales Eigeninteresse und soziale Mechanismen anstatt durch Moral im traditionellen Sinne erklärt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie spieltheoretische Modelle auf moralphilosophische Theorien anwendet und deren Konsistenz prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Darstellung des Gefangenendilemmas, der Analyse von sozialen Dilemmata und der detaillierten Dekonstruktion von Stemmers Theorie der moralischen Pflicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Moral, Rationalität, Gefangenendilemma, Eigeninteresse und Kontraktualismus.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen prudentiellem und moralischem Müssen?
Die Autorin stützt sich hierbei auf Stemmers Differenzierung, hinterfragt jedoch, ob Stemmers Konstruktion des moralischen Müssens tatsächlich über instrumentelle Rationalität hinausgeht.
Was ist die Kritik an der von Stemmer beschriebenen "Mini-Moral"?
Die Autorin kritisiert, dass das, was Stemmer als Moral bezeichnet, lediglich ein Regelwerk zur Interessenbefriedigung ist, das die eigentliche moralische Substanz verfehlt.
- Quote paper
- Master of Arts Kathrin Flottmann (Author), 2006, Verpflichtende "Moral"? Über das Versprechen als soziale Gefangenendilemmasituation, den Begriff der moralischen Pflicht und eine vorgeschobene Moral, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124980