Die Frage nach den Gründen und Ursachen für das schnelle Ende des Freistaates Bayern nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten sind zuletzt in der Forschung kontrovers diskutiert worden. Während Karl Schwend vor allem externe Gründe und den illegalen Prozess der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ins Zentrum seiner Betrachtung rückt, weist Falk Wiesemann auch auf interne Versäumnisse der BVP und die heimlichen Sympathien mit der NSDAP hin, welche man für eine Koalitionsregierung auf parlamentarischer Grundlage gewinnen wollte. Weitere Fragestellungen ergeben sich zudem in der Beurteilung des Versuchs von Kreisen der BVP, den Bestand Bayerns durch Garantien seitens des Reichspräsidenten zu sichern sowie in der Einschätzung, ob ein adäquater Widerstand der bayerischen Regierung gegen das Reich überhaupt möglich gewesen wäre.
Diese Arbeit soll sich mit dem Ende des Freistaates Bayern beschäftigen. Hierzu wird im ersten Punkt zunächst die Ausschaltung der preußischen Regierung Braun von 1932 näher betrachtet, da dies als erster schwerer Schlag gegen den Föderalismus zu werten ist und auch von Bayern bereits mit Sorge aufgenommen wurde. Der zweite Punkt rückt dann die innen- und reichspolitischen Bemühungen der bayerischen Regierung um Selbstbehauptung in den Jahren 1932/1933 in den Mittelpunkt. Der dritte und letzte Punkt befasst sich schließlich mit den letzten freien Wahlen in Bayern und schildert die Ereignisse am „Tag der Machtergreifung“ (9.März 1933).
Ein abschließendes Fazit rundet die Arbeit ab und fasst nochmals unterschiedliche Standpunkte und Kontroversen zum Ende der parlamentarischen Demokratie im Freistaat Bayern zusammen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Preußenschlag am 20. Juli 1933 aus der Sicht Bayerns
3. Letzte Versuche der Selbstbehauptung Bayerns zwischen dem 30. Januar 1933 und der Verkündung der Reichstagsbrandverordnung
3.1 Verhandlungen auf Reichsebene
3. 2 Innenpolitische Reformversuche
3.3 Veränderungen durch die Reichstagsbrandverordnung
4. Das Ende der Regierung Held
4.1 Die Reichstagwahlen vom 5. 3. 1933
4.2 Machtergreifung in Bayern – Der 9. 3. 1933
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess der nationalsozialistischen Machtergreifung in Bayern und analysiert die Gründe für das Scheitern der bayerischen Regierung Held. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie externe politische Druckmittel der Reichsregierung sowie die interne Unentschlossenheit und defensive Haltung der Bayerischen Volkspartei (BVP) zum Ende des Freistaates Bayern führten.
- Die Auswirkungen des Preußenschlags auf die föderale Struktur Deutschlands.
- Die innen- und reichspolitischen Bemühungen der Regierung Held zur Selbstbehauptung Bayerns.
- Die strategische Bedeutung der Reichstagsbrandverordnung für die Kompetenzverschiebung zulasten der Länder.
- Die Rolle der Landtagswahlen und die Machtübernahme am 9. März 1933.
Auszug aus dem Buch
3.3 Veränderungen durch die Reichstagsbrandverordnung
Eine schwerwiegende Veränderung der innenpolitischen Lage im Reich setzte ein, als am 28. 2. 1933 die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ im Zuge des Reichstagsbrandes verkündet wurde und wichtige Grundrechte außer Kraft setzte, die bisher durch die Verfassung garantiert wurden. Begründet wurden diese schwerwiegenden Eingriffe in die persönliche Freiheit der Staatsbürger vor allem durch die angebliche kommunistische Gefahr, sodass sogleich führende Funktionäre der KPD in Haft genommen wurden, was den Wahlkampf der NSDAP umso mehr beflügelte. Der zweite und dritte Paragraph der Notverordnung regelten aber auch das Verhältnis des Reiches zu den Ländern neu und bedeuteten eine entscheidende Wende im bisher schwelenden Streit um die Kompetenzen und Eigenständigkeit der Länder. In ihnen heißt es:
„ § 2: Werden in einem Lande die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen nicht getroffen, so kann die Reichsregierung insoweit die Befugnisse der obersten Landesbehörde vorübergehend wahrnehmen.
§ 3: Die Behörden der Länder und Gemeinden (Gemeindeverbände) haben den auf Grund des § 2 erlassenen Anordnungen der Reichsregierung im Rahmen ihrer Zuständigkeit Folge zu leisten.“45
Die entscheidende Veränderung beruhte auf der Machtverschiebung vom Reichspräsidenten zur Reichsregierung. Bisher konnte nur der Reichspräsident mit Hilfe einer Notverordnung einen Reichskommissar einsetzen, wohingegen diese Befugnisse nun auch die Reichsregierung, insbesondere der nationalsozialistische Innenminister Frick, wahrnehmen konnte. Solch eine Machtfülle schien sogar Papen unheimlich, der insgeheim darauf drängte, die Kompetenz der Einsetzung eines Reichskommissars weiterhin beim Reichspräsidenten zu belassen. Er konnte sich jedoch nur soweit durchsetzen, dass die Befugnisse abstrakt der Reichsregierung zugesprochen wurden und nicht nur dem Innenminister, wie es ein ursprünglicher Entwurf vorgesehen hatte.46 Die Reaktionen in Bayern auf diese Notverordnung waren von großer Unsicherheit und Misstrauen geprägt. Ein Telegramm an Hindenburg sollte dem Protest der bayerischen Regierung Nachdruck verleihen und abermals eine Garantie verlangen, dass sich der § 2 der Notverordnung nicht auf Bayern auswirken würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der nationalsozialistischen Machtergreifung in Bayern ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Ursachen für den Zerfall des Freistaates.
2. Der Preußenschlag am 20. Juli 1933 aus der Sicht Bayerns: Dieses Kapitel analysiert die Absetzung der preußischen Regierung als Präzedenzfall für die Aushöhlung föderaler Strukturen und die Reaktion der bayerischen Führung darauf.
3. Letzte Versuche der Selbstbehauptung Bayerns zwischen dem 30. Januar 1933 und der Verkündung der Reichstagsbrandverordnung: Hier werden die Verhandlungen mit der Reichsregierung, innenpolitische Reformversuche der BVP sowie die drastischen Veränderungen durch die Notverordnungen nach dem Reichstagsbrand detailliert beschrieben.
4. Das Ende der Regierung Held: Dieses Kapitel schildert die Auswirkungen der Reichstagswahlen vom März 1933 und beschreibt die Ereignisse des 9. März 1933 als finalen Akt der Machtergreifung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die internen und externen Faktoren zusammen, die zum Untergang des Freistaates Bayern führten und bewertet die Handlungsoptionen der Regierung Held.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Freistaat Bayern, Machtergreifung, Nationalsozialismus, BVP, Heinrich Held, Preußenschlag, Reichstagsbrandverordnung, Föderalismus, Franz Ritter von Epp, Reichskommissar, 9. März 1933, politische Geschichte, Innenpolitik, Gleichschaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Prozess, der zum Ende des Freistaates Bayern während der Zeit des Nationalsozialismus führte, wobei der Fokus auf den politischen Ereignissen zwischen Januar und März 1933 liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Aushöhlung des Föderalismus durch das Reich, die verzweifelten Versuche der Bayerischen Volkspartei (BVP), die staatliche Eigenständigkeit Bayerns zu bewahren, sowie der schrittweise Prozess der nationalsozialistischen Machtergreifung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für das schnelle Ende des Freistaates Bayern zu ergründen und die Kontroverse zwischen externen Machtausübungen des Reiches und den internen politischen Versäumnissen der bayerischen Landesregierung aufzuklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse, die primäre Quellen wie zeitgenössische Dokumente und Tagebucheinträge mit einschlägigen wissenschaftlichen Sekundärdarstellungen der bayerischen Landesgeschichte verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Preußenschlags, die diplomatischen und innenpolitischen Abwehrversuche der bayerischen Regierung sowie die abschließende Machtübernahme am 9. März 1933.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wesentliche Begriffe sind Machtergreifung, Freistaat Bayern, BVP, Föderalismus, Reichskommissar, Gleichschaltung und Heinrich Held.
Welche Rolle spielte die sogenannte Bayernwacht in den letzten Tagen der Regierung Held?
Die Bayernwacht fungierte als Schutztruppe der BVP, war jedoch angesichts der zahlenmäßigen und militärischen Übermacht der nationalsozialistischen Organisationen wie SA und SS sowie mangelnder Befehlsketten in der entscheidenden Situation faktisch wirkungslos.
Warum lehnte die Regierung Held den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Umsturz ab?
Die Regierung war durch ein rein legalistisches Staatsverständnis geprägt und versuchte bis zuletzt, eine parlamentarische Lösung zu forcieren, während sie gleichzeitig die reale Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes und die Entschlossenheit der Nationalsozialisten unterschätzte.
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- Frank Hoyer (Author), 2007, Das Ende des Freistaates Bayern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125165