Eine konventionelle Suche nach Wahrheit und Identität unter postmodernen Bedingungen

Michael Krüger: "Wieso ich? Eine deutsche Geschichte"


Bachelorarbeit, 2009

47 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Vergangenheitsbewältigung und Identitätsstifter
1.1 Intentionale Gattungsbestimmung
1.2 Die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität

2. Willkür: „Re-Aktion“
2.1 Der Entschluss: Rationalität als Elfenbeinturm
2.2 Das Unterlassen
2.3 Der Widerruf
2.4 Das Trauma der Vergangenheit
2.5 Selbstwirksamkeit

3. Weltbild: „Pluralismus“
3.1 Die sozialen Rahmen und die vererbte Schuld
3.2 Der Protagonist
3.2.1 Das Feind-Stigma
3.2.2 Propaganda
3.2.3 Lebensbedrohlichkeit simulieren –
gesellschaftliche Meidung erwirken
3.2.4 Internalisierung der Schuld
3.2.5 Isolation/Rückzug des Feindes als Konsequenz bewirken
3.3 Die Mutter
3.4 Mutter-Sohn-Konflikt als Gesellschaftskritik
3.4.1 Realitäts-Ästhetik
3.5 Postmoderne Wirklichkeit

4. Sinn / Bedeutung: „Die Entzweiung der Welt“
4.1 Die Ideologie der Sprache
4.2 Psychotische Divergenz

5. Wahrheit: „subjektiv“
5.1 „L’Effect de réelle“- Der Wirklichkeitseffekt

6. Der „Identitätseffekt“
6.1 Der„selfing Prozess“
6.2 Der Abschied: Loslassen

7.Bibliographie

1. Vergangenheitsbewältigung und Identitätsstifter

Nach Jean-Francois Lyotard[1] gibt es vier Arten des Schweigens nach dem Holocaust:

„das Schweigen der Schuld“, „das Schweigen der Scham“, „das Schweigen des Schreckens“ und „das Schweigen der Sinnlosigkeit“[2]. Ein solches Schweigen steht für die Schwierigkeit vor dem Hintergrund einer traumatischen Vergangenheit Identität zu definieren und zu konstruieren. Ein gesellschaftlicher Erinnerungsdiskurs wird in Deutschland erst „seit Mitte der neunziger Jahre von der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit (...) geprägt“[3]. Vorher, in der „frühen Bundesrepublik“ dämmerte das Land in einer Art Schockzustand über das Erlebte vor sich hin. In den „Jahren des Schweigens“, die sich dem Kriegsende bis zur gegenwärtigen Wende zum „erinnerungspolitischen Trend“[4] anschlossen, verharrte die Nation reglos, tief verunsichert durch die Demaskierung von zuvor als absolut propagierten Werten und Idealen als schändliche und verbrecherische Gesinnung. So verunsichert, dass ein ganzes Land wie gelähmt das „Verdrängen vor Verarbeiten und Vergessen vor Verantworten“[5] präferierte. Und das „ist genau das Themengebiet der neuen Erinnerungsliteratur, die diese non-dits [...] aus dem Unbewussten in die öffentliche Reflexion zurückholt“[6]. Die Erzählung „Wieso ich?“ trägt natürlich nicht umsonst den Beinamen „Eine deutsche Geschichte“, weshalb sie auch als „die kollektive große Geschichte im Kleinformat von Familiengeschichten“[7] gelesen werden muss.

Lyotards Arten des Schweigens sind im übertragenen Sinn in der Erzählung Krügers enthalten, denn sie spiegeln sich im Umgang der Figuren mit ihrer eigenen Existenz wider: Die Figuren sind Repräsentanten unterschiedlicher Generationen und Befindlichkeiten der deutschen Nation während des Paradigmenwechsels im „Umgang der bundesdeutschen Gesellschaft mit der NS-Vergangenheit“[8]: Die erste „Phase der »Vergangenheitspolitik«“[9] war eine Zeit der „Verharmlosung, der Leugnung und der Amnestie“[10], die nun in den achtziger Jahren (dem Entstehungszeitraum der Erzählung) in die dritte Phase der „Vergangenheitsbewältigung“[11] überging. Die Figuren werden als mehr oder minder reglos in ihrer Rolle präsentiert, der sie durch äußerliche Zwänge machtlos ausgeliefert zu sein meinen. Die Mutter des Protagonisten schwieg zeitlebens über die Familiengeschichte vor Scham, welche „eine Scham der Unzulänglichkeit ist“[12]: eine Unfähigkeit, sich von der Schuld zu reinigen, die ihr von der vorhergehenden Generation unbewältigt übertragen wurde. Deshalb muss sie diese „enormen Verdrängungs- und Verleugnungsleistungen“[13] verrichten, die sich in ihrem Leben als hypersensible Moralität entladen. Der Vater praktizierte zu seinen Lebzeiten ein „Schweigen der Sinnlosigkeit“[14] im Sinne einer nihilistischen Lebensgestaltung, die von seiner postmodernen Lebensphilosophie noch betont wird. Denn an der Wand seines Arbeitszimmers prangte Jürgen Habermas Zitat „Fortschritt ist die ewige Wiederkehr der Katastrophe“[15]. Diese radikale Fortschrittskritik ist ein Symptom der Postmoderne und Statut für die Ablehnung moderner „Forderung nach ständiger Neuerung“[16]. So ist es signifikant, dass er selbst seinem Leben im mittleren Alter ein Ende setzte. Die postmoderne Fortschrittskritik ist aber auch durch die Struktur der Erzählung präsent, denn der Handlungsbogen ist zyklisch aufgebaut: Der Sohn, ich-erzählender Protagonist, macht sich auf den Weg, die „unter der Kruste der Zeit“ (S.158) schleierhaft gewordene Identität des Vaters zu definieren, derer er sich nur spiralartig über Indizien anzunähern vermag. Nachdem er aber schließlich für einen kurzen Moment die Erkenntnis einer neuen Weltsicht erlangt, die alles bisher für wahr Gehaltene in Frage stellt, fällt er resignierend wieder auf das alte Denkmuster zurück und macht sich schließlich unverrichteter Dinge auf den Heimweg. Der Protagonist schließlich ersetzt den Widerruf des eigenen Weltbildes, der sich als „unausdrückbar“[17] erweist, mit einem „Schweigen des Schreckens“[18]. Doch es ist eben „das Schweigen, das eine problematische Vergangenheit fortwirken läßt“[19], denn auch wenn es z.B. in der Nachkriegszeit „die Seelen vor affektiver Überforderung schützte, schwächte [die fehlende Auseinandersetzung, S.D.] andererseits die Kraft und ein Gefühl von Kohärenz und Identität“[20].

Die Erzählung ist ebenso wie viele postmoderne Texte „darauf gerichtet, den LeserInnen die Zweifelhaftigkeit, die Gesetztheit, die Willkür und die Ideologielastigkeit jeglicher Festlegung erfahrbar zu machen.“[21] So muss der Protagonist durch die postmodernen Konditionen an seiner Illusion von der Existenz einer totalitären Wahrheit scheitern. „Die Alterität des Anderen soll nicht länger ein zu negierendes oder auflösendes Hindernis sein, sondern als Möglichkeit der Selbstentfaltung und der gemeinsamen Wahrheitssuche wahrgenommen werden“[22], eine Lehre, die dringend applizierbar ist auf die deutsche Geschichte. Denn ohne die Akzeptanz, dass es neben der eigenen Lebensauffassung gleichberechtigte Alternativen gibt, setzt sich das moderne Subjekt nicht „gegen ein System zur Wehr, das alles normiert und nivelliert und das total zu werden droht“[23].

1.1 Intentionale Gattungsbestimmung

Krüger leistet mit seiner Erzählung einen Beitrag zur Erinnerungskultur der Deutschen. Sein Werk trägt Züge der „Väterliteratur“, die „in den siebziger und achtziger Jahren“ entstand, aber auch des Familienromans, in dem seit den „neunziger Jahren“[24] die nationale Historie in der Familiengeschichte verarbeitet wird. Krüger unterstützt den literarischen Diskurs zum Thema mit dem konsequenten „Thematisieren und Profilieren von deutscher Identität“[25] und stellt dabei infrage, inwiefern man „normalerweise“ Vergangenheit zu bewältigen versucht und ob dies (auf diese Art) möglich ist. Der Leser muss selbst rekapitulieren und reflektieren, ob man in der Vergangenheit tatsächlich zu sich selbst finden kann oder ob und welche Alternativen es gibt. „Gemeinsames Thema“ der Väterliteratur und des Familienromans ist „die Fokussierung auf ein fiktives oder autobiographisches Ich, das sich seiner/ihrer Identität gegenüber der eigenen Familie und der deutschen Geschichte versichert“[26]. Das Thema deutsche Geschichte wird bei Krüger sehr subtil berührt, der extradiegetisch-homodiegetische Ich-Erzähler berichtet zwar von den Familienverhältnissen als stark autoritärem Matriarchat, das aufgrund seiner Funktionsweise auf das Nazi-Regime anspielt: die familiäre Einheit wird vom Befehlshaber in zwei Lager separiert und das „Andere“, hier die beiden männlichen Familienmitglieder, als schlecht und schändlich erklärt und kontinuierlich als so geartet propagiert. Doch explizit wird der Nazi-Diskurs nur am Rand im Bezug auf seine Eltern, einen Freund der Familie und seinen ehemaligen Musiklehrer touchiert. Dennoch ist die Gemeinsamkeit mit den beiden „Subgattungen der deutschen Erinnerungsliteratur“[27] offensichtlich, wenn auch in abstrahierter Variation. Das thematische Zentrum der Erzählung ist, ähnlich wie das der Väterliteratur, „die Konfrontation, die Auseinandersetzung und die Abrechnung mit dem Vater“. Im Bezug auf Konfrontation und Auseinandersetzung stimmt dieses Motiv mit der Textstruktur von „Wieso ich?“ überein, doch hinsichtlich der „Abrechnung“ und dessen, dass „die Väterliteratur im Zeichen des Bruchs steht“[28], wird der „anthropologische Grundkonflikt“[29] in der Erzählung doch hauptsächlich mit der Mutter ausgetragen. Indem also „andere Familienmitglieder und Generationen“ an der Entfremdung beteiligt sind, indem ihre Funktion und Beziehung zum Protagonisten von selbigem hinterfragt werden (er gedenkt unter anderem „mein Verhältnis zu den Schwestern einer ernsten Prüfung zu unterziehen“ S.223), geht es eben auch „um die Integration des eigenen Ich in einen Familienzusammenhang“[30], die das thematische Zentrum des Familienromans ausmacht. „Während die Figur des Ich-Erzählers in der Väterliteratur von einem starken Abgrenzungswillen bestimmt wird, stellt sie sich im Familienroman als suchende, erleidende, deutende und lernende dar.“[31] In der Erzählung finden sich beide Charakteristika wieder, wobei dringend der letztgenannte Aspekt des „lernens“ exkludiert werden muss, da dieser bis zum Ende fragwürdig bleibt. So nutzt Michael Krüger in der Tradition der Väterliteratur die „intergenerationelle Sollbruchstelle“, um „das Drama der deutschen Nachkriegsgeschichte von Schuld und Anklage, Verstrickung und Auflehnung exemplarisch [auszuagieren]“[32], wobei er den „Bruch zwischen den Generationen“ zur Identitätssuche während der Erkundung der grundsätzlichen familiären Verhältnisse nutzt.

1.2 Die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität

Es geht sowohl auf der individuellen Ebene der Vergangenheitsbewältigung darum, Identität retrospektiv greifbar zu machen, als auch in Abstraktion auf der Ebene der nationalen Erinnerungspolitik und –kultur. Der Erinnerungsdiskurs der Erzählung über die Familien-Vergangenheit impliziert einen Diskurs über die „individuelle Ressourcenfrage für Identitäts- wie für Theorieentwicklung“[33]. Michael Krüger relativiert nämlich das Fassungsvermögen des kommunikativen aber auch des kulturellen Gedächtnisses für diese Zwe name="_ftnref34" title="">[34], “Erinnerungen, die der Mensch mit seinen Zeitgenossen teilt"; das kulturelle Gedächtnis dagegen „richtet sich auf Fixpunkte der Vergangenheit. Auch in ihr vermag sich Vergangenheit nicht als solche zu erhalten. Vergangenheit gerinnt hier viel mehr zu symbolischen Figuren, an die sich die Erinnerung heftet“[35]. Diese beiden sogenannten „Modi Memorandi“[36] können in Krügers Szenario keine rechte Sinnstiftung zur Identitätsfindung durch Vergangenheitsbewältigung leisten. Weil die Vergangenheit aber der existentielle Nährboden für die individuelle Identität ist und hier nun der Zugang zu dieser so offenkundig blockiert ist, muss in diesem Rahmen auch die moderne „Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität“[37] konsultiert werden.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie Krüger die sich Ende der achtziger Jahre ablösenden Modi Memorandi ad absurdum führt und welche Selbstbefreiungsstrategie er stattdessen für das Diskurs-Panoptikum der Gesellschaft zum Umgang mit Vergangenheit generell und mit Identitätsstiftern speziell anbietet.

2. Willkür: „Re-Aktion“

Jürgen Habermas hatte im Historikerstreit von 1986/87, also dem Publikationszeitraum der Erzählung, die „apologetische[n] Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“[38] kritisiert. Er meinte damit die rechtfertigende Argumentation gewisser Historiker, die den Holocaust als einen Völkermord in die Reihe vorheriger Völkermorde eingliederten und ihn „als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich“[39] machten, was die Singularität der Naziverbrechen in seinen Augen relativierte.

Der Protagonist der Erzählung „Wieso ich?“ verfügt über ein ähnlich apologetisch funktionierendes Selbstbild. Er hat eine „Theorie der [eigenen, S.D.] Nichtverantwortlichkeit“ (S.227) über sein gesamtes Leben entwickelt, mit der er „[s]eine Krankheiten, Hypochondrien und Empfindlichkeiten“ (S.223), das heißt seine Neurosen und Persönlichkeitsstörungen entschuldigt. Dadurch scheint er nicht oder nur eingeschränkt in der Lage zu sein, bewusst und aktiv sein Leben durch Entscheidungsfindungsprozesse und durch die sich darauf ergebenden Konsequenzen für das eigene Agieren voranzutreiben. Er tritt stets statt agierend nur re-agierend auf und lässt sich in der Vielzahl von Situationen durch äußere Umstände zur Durchführung einer Handlung „zwingen“ bzw. davon abhalten. Das „Dazwischenkommende“ ist transzendentales Motiv der Erzählung und wohnt fast jeder noch so banalen Situation inne, ja ist sogar in der Sprache des Romans verwirklicht, also in der Sprache des Erzählers. Jeder Satz ist fragmentiert, wird unterbrochen von Einschüben, die die basale Aussage erläutern, deren Informationsgehalt aber auffallend oft irrelevant für das Verständnis zu unnötig komplexen Sätzen anschwellen lassen. Das heißt, selbst auf der Ebene der Artikulation ist der Ich-Erzähler nicht in der Lage, sein Anliegen ohne Umschweife, Unterbrechungen oder Ausführungen zu Ende zu bringen. Dem Rezipienten dieser Arbeit wird auffallen, wie häufig Textzitate durch den Verfasser mit „[…]“ abgekürzt werden müssen. Es kann beim Protagonisten also nur eingeschränkt von Handlungen bzw. Aktionen gesprochen werden, sondern eher von Reaktionen gemäß der allgemeinen Definition im Brockhaus als „durch etwas ausgelöste Aktivität“[40].

2.1 Der Entschluss: Rationalität als Elfenbeinturm

So beschließt er beispielsweise in einer Bahnhofskneipe, nachdem er mit dem Zug in seiner Heimatstadt angekommen ist, die Studentin anzurufen, die er auf der Fahrt kennen gelernt hatte, „um sowohl einen geeigneten Gesprächspartner zur Fortsetzung der eben aufgetauchten Wissenschaftsprobleme als auch ein Nachtquartier zu finden“, wobei diese rationalen Beweggründe als Hauptanliegen ausgegeben werden und das persönliche Bedürfnis, nämlich der Studentin näher zu kommen, nur zum „Nebenprodukt dieser zwei zur Lösung anstehenden Grundprobleme“ (S.172) abgewertet wird. Die Erörterung von Wissenschaftsproblemen liefert aus Sicht des Protagonisten den Grund für die Notwendigkeit mit der Studentin in Kontakt zu treten. Der Ich-Erzähler bevorzugt eine rationalisierte Artikulation seines Annäherungsvorhabens, indem er die bei der Studentin „als Verdacht bestehende Frage der genetischen Anziehung ein Stück vorangebracht werden“ (S.172) wollte, um seine Sehnsucht rational begründbar zu machen („meine genetische Sehnsucht nach ihr“ S.172) und damit sowohl zur Existenz zu berechtigen als auch als Motivation für einen Anruf zu rechtfertigen. So ist nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Motivation für die Nachforschungen ob einer Existenz der zur Fortpflanzung mit ihm erforderlichen „äußerst selten anzutreffenden Genkombination“ (S.170) bei der Studentin legitimiert, da sie zur Erlangung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse auf dem Gebiet der Biologie dient.

Die Betonung eines etwaigen Nützlichkeitsaspekts in der Begegnung mit ihr befähigt ihn, seinen Wunsch zu etablieren und dient ihm nicht nur in dieser Situation, sondern auch generell, als Rechtfertigung für seine Präferenz bestimmter Handlungen oder Ansichten, um nicht „als ein seinen Trieben verfallenes […] Subjekt hingestellt“ (S.182) zu werden.

Aus diesem Grund übernimmt die Figur zudem keine Verantwortung für ihr Handeln. Sie ist der Ansicht, durch die „konzentrierte Versachlichung meiner Lebensprobleme“ (S.173), also die stete Reduzierung der eigenen Motivation auf eine rationalisierte Darstellung, die persönlichen Anlagen, also Neigungen und Unfähigkeiten, Untauglichkeiten und Wirkungslosigkeiten, intersubjektiv verstehbar und nachvollziehbar machen zu müssen. Das beste Beispiel dafür ist die oben angedeutete, recht eigentümliche Theorie des Protagonisten zu den Konditionen der Partnerwahl, die er aus dem Tierreich ableitet:

„daß viele weibliche Marienkäfer der Art Adalia biprunetata sich nicht etwa freiwillig für diesen oder jenen männlichen Marienkäfer entscheiden können, wie wir alle bis dahin angenommen hatten, sondern daß ein einziges Gen darüber bestimmt, ob sie einen schwarzen Käfer mit roten Punkten oder einen roten mit schwarzen bevorzugen […]. Die Vorliebe für dunkle Männchen wird von den Eltern an die Tochter vererbt, und trägt die Tochter einmal das dominante Gen, haben nur schwarze männliche Käfer eine Chance; besitzt sie das Gen dagegen nicht, können ihr sowohl schwarze wie rote männliche Käfer gefallen. Diese Erkenntnis […] mag in den Ohren gewöhnlicher Sterblicher lächerlich klingen, die es immer noch ihrem Willen beziehungsweise ihrer Unterscheidungsunfähigkeit zuschreiben, ob sie diesen oder jenen Mann geheiratet haben, aber für unsere Ohren, die soziobiologisch konditioniert waren, kam dieser Entdeckung eine unerhörte Brisanz zu. Aller Wahrscheinlichkeit nach besaß ich nämlich jene Messerspitze Gene, die jeden vom Willen gelenkten Versuch, mit einer Frau über längere Zeit auskömmlich zusammenzuleben, vereitelten“ (S.169)

Er hat somit einen wissenschaftlichen Grund geliefert, der seine Beziehungsunfähigkeit rechtfertigen und legitimieren soll:

„Wenn wir geneigt sind, diesen oder jenen Freund vorschnell der Liebesunfähigkeit zu bezichtigen, sollten wir besser verzeihend an den genetischen Kampf denken, der ihn zu einem solchen Fehlverhalten zwingt.“ (S.169)

Doch da eine Analogie von Phänomenen in der Tierwelt nicht ohne Nachweis auf den Menschen übertragen werden kann, klingt dieser Kausalzusammenhang „in den Ohren gewöhnlicher Sterblicher“ (S.169) tatsächlich „lächerlich“ (S.169), aber vielmehr als das erscheint die Theorie wie aus dem Elfenbeinturm[41] heraus gesagt. Aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt seine Schlussfolgerung umso tragischer, da sie ebenjene „Verantwortlichkeit der Seite der Wissenschaft“[42] für das „Verständigungsproblem zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“, die im Elfenbeinturmsyndrom zutage tritt, impliziert:

„Was mich betraf, so zog ich aus unserer Entdeckung die Lehre, daß mein Genbedürfnis nur von einer äußerst seltenen Genkombination zu befriedigen war“ (S.169)

Die eigene soziale Inkompetenz wird mit einer abgehobenen wissenschaftlichen Theorie legitimiert, die das Unverständnis eines Nichtbiologen für selbige „als unvermeidliche – wenn nicht sogar begrüßenswerte – Tatsache“[43] akzeptiert.

Eine solche Verfremdung des Innenlebens hat unweigerlich den "Verlust von 'Ich'"[44] zur Folge: „Er ist als die Auflösung einer geschlossenen, einheitlichen Identität zu verstehen und geht mit dem "Verlust von 'Tiefe'" als Auflösung der "Innen/Außen"-Dimension einher.“[45]

Denn der Protagonist wird erst durch die Rationalisierung seiner inneren Motivation zu einer äußerlich begründbaren befähigt, überhaupt einen Entschluss zu fassen und erste Schritte zur Durchführung des Vorhabens in die Wege zu leiten, die im oben eröffneten Kneipen-Szenario darin bestehen, sich zum Standort des Telefons und zur Erlaubnis für die Benutzung desselben durchzufragen.

2.2 Das Unterlassen

Zur Hinderung an der Durchführung von Plänen ist ihm Verdrängung und Ablenkung willkommen, für die er meist Anderen oder äußeren Umständen die Schuld zuschreibt. Auf diese Weise schwindet denn auch in Konfrontation mit dem Telefongerät seine Überzeugung von der Kontaktaufnahme: durch seinen Eindruck von den „durch und durch würdelosen Umständen“ (S.173) in der Küche der Bahnhofskneipe, den er durch den Standort des Telefons gewinnen konnte, ist es ihm „unmöglich eine Strategie zu entwerfen, wie ich der Doktorandin […] meine genetische Sehnsucht nach ihr erklären sollte […]“ (S.173). Wenn er sich einmal selbst für das Unterlassen oder Aufschieben eines Vorhabens verantwortlich macht und dies nicht mit wissenschaftlichen Tatsachen zu begründen ist, dann gibt er, wie in dieser Situation, vor, aufgrund seiner Vergangenheit unfähig zu sein, die Dinge ohne Unterbrechung durchzuführen: „Auf keinen Fall“ zieht er in Betracht, die Situation direkt aufzulösen und „frei sprechen[d]“ (S.173) der Studentin sein Anliegen vorzutragen, angeblich bedingt durch die Befürchtung der „Fehlinterpretationen“ (S.173) seiner Intention. In seinem Leben gibt es nur diese eine pessimistische Perspektive, nach der die Erwartungen an zukünftige Situationen ausgerichtet werden.

2.3 Der Widerruf

Als programmatisch für seine Einstellung zum Leben und eben auch in dieser Situation bewahrheitet sich sein Geständnis „[i]ch konnte nur abbrechen, weglaufen, verstummen, mich in mir selbst verkriechen, aber ich konnte nicht widerrufen“ (S.167). Der Widerruf als Abfall von einer ursprünglich postulierten Auffassung impliziert einen Moment der Entscheidung, einen der Reflektion und einen der Konfrontation. Doch diese Konfrontation mit der Präsentierung eines geänderten Willens ist ihm unmöglich. Er kann die Konfrontation nicht aushalten, er kann sie nur umgehen, indem er verstummt, es also hinnimmt und die sprichwörtliche Suppe auslöffelt, indem er wegläuft und abbricht, also indem er sich der herbeigeführten Situation ganz entzieht oder diese vorzeitig beendet, indem er sich in sich verkriecht, also von der Außenwelt zurückzieht und den Konflikt im Inneren durch Rationalisierung entschärft. Er ist also außer Stande eine Entscheidung zu revidieren: sein Weg zur Erneuerung einer Erkenntnis führt über die Kapitulation vor den als übermächtig empfundenen Konventionen, also indem er keinen Widerruf vornimmt. „Nur durch den mit rollenden Augen erteilten Befehl“ des Kellners zu telefonieren oder sich wieder an seinen Platz zu begeben, kann er sich endlich dazu durchringen, den nächsten Schritt zur Kontaktaufnahme mit der Studentin einzuleiten: den Hörer abzuheben und zu wählen. Dies ist abermals keine Entscheidung aus sich selbst heraus, sondern „Re-Aktion“. So ist er nicht einmal Herr seiner eigenen Entscheidungen, seine Kapitulationspräferenz in konfrontativen Situationen zwingt ihn zu einer Reglosigkeit und erzieht ihn zur dauerhaften Unterwerfung unter überholte Erkenntnisse.

2.4 Das Trauma der Vergangenheit

Auch eine weitere, mit der Vergangenheit in Beziehung gebrachte Wahrnehmung der Situation, lähmt den Protagonisten schließlich im letzen Schritt der Ausführung seines Plans: zu sprechen. Das

„ergebnislose Klingeln […] erinnerte mich auf erniedrigendste Weise an all die vergeblichen Versuche, wenigstens telefonisch Kontakt zum weiblichen Geschlecht zu halten, an all die Schreie der Verzweiflung und all die stammelnden Bitten, mir ein Ohr zu leihen, an all die schroffen Ablehnungen und brüsken Beendigungen, die mein vierzigjähriges Leben wie ein roter Faden durchzogen“ (S.174).

Und diese lebendige Assoziation mit der Furcht vor einer Kränkung lähmt ihn, macht ihn „unfähig […] auch nur meinen Namen zu nennen“ (S.174). Aus Angst vor Beschämung gesteht er sich keine aus sich selbst kommende, allzu menschliche Furcht oder Aufregung vor den ersten Schritten der Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht ein, sondern schiebt künstlich rationalisierte Hindernisse vor, Blockaden aufgrund der traumatischen Vergangenheit und aufgrund der Verwirrung über etwas den Regeln Zuwiderlaufendes, um sich zum angepeilten Abbruch oder zur letztlichen Ausführung des Plans bewegen zu lassen. Das selbstunsichere, pessimistische Denkschema produziert die Erwartung der Ablehnung bzw. ein passives Abwarten eines Donnerwetters im Sinn einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“[46]:

[...]


[1] Jean-Francois Lyotard, Der Widerstreit, S.35

[2] Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337

[3] Wolfgang Bergem, Identitätsformationen in Deutschland, S.286

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.25

[7] Ebd.

[8] Heribert Prantl, Wenn die Geschichte ruhen soll, http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/289/110179/

[9] Bericht zur Fachkonferenz »Das linke und das rechte Auge – Zur juristischen Aufarbeitung von NS-Staat und DDR«

[10] Heribert Prantl, Wenn die Geschichte ruhen soll, http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/289/110179/

[11] Bericht zur Fachkonferenz »Das linke und das rechte Auge – Zur juristischen Aufarbeitung von NS-Staat und DDR«, http://www.forumjustizgeschichte.de/Bericht-zur-Fac.36.0.html

[12] Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337

[13] Tilman Moser, Übernommenes Trauma, entlehnter Konflikt, S.406

[14] Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337

[15] Jürgen Habermas über Walter Benjamins negative Geschichtsbetrachtung, Philosophisch-politische Profile, S.347

[16] Brockhaus Band 11 „Postmoderne“, S.157

[17] Jean-Francois Lyotard, Der Widerstreit, S.35

[18] Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337

[19] Dr. Ulfried Geuter, Reden ist besser als Schweigen: Auch die Enkel leiden am Holocaust

[20] Tilmann Moser, Übernommenes Trauma, entlehnter Konflikt, S.406

[21] Prof. Martin Klepper, Die amerikanische Postmoderne zwischen Spiel und Rekonstruktion, S.52

[22] Peter V. Zima, Moderne Postmoderne, S.397

[23] Ebd. S.396

[24] Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.26

[25] Peter V. Zima, Moderne Postmoderne, S. 287

[26] Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.26

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Ebd. S.28

[30] Ebd. S.26

[31] Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.27

[32] Ebd. S.28

[33] Wolfgang Kraus, Identität als Narration: Die narrative Konstruktion von Identitätsprojekten

[34] Peter V. Zima, Moderne Postmoderne, S. 287

[35] Ebd.

[36] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S.50

[37] Wolfgang Kraus, Identität als Narration: Die narrative Konstruktion von Identitätsprojekten

[38] Jürgen Habermas, Eine Schadensabwicklung. Apologetische Tendenzen in der Zeitgeschichtsschreibung, in: Historikerstreit, S.62-77

[39] Ebd. S.71

[40] Brockhaus Band XI, „Reaktion“ S.326

[41] „Symbol praxisfremder, auch hochmütiger Absonderung von der Welt“ Brockhaus Band Vier, „Elfenbeinturm“ S.51

[42] http://de.wiktionary.org/wiki/Elfenbeinturm

[43] http://de.wiktionary.org/wiki/Elfenbeinturm

[44] Ihab Hassan, Postmoderne heute, S.50

[45] Stephan Lanz, Demokratische Stadtplanung in der Postmoderne, S.69

[46] Nach Robert Merton, The self-fulfilling prophecy

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Eine konventionelle Suche nach Wahrheit und Identität unter postmodernen Bedingungen
Untertitel
Michael Krüger: "Wieso ich? Eine deutsche Geschichte"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Michael Kürger
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
47
Katalognummer
V125233
ISBN (eBook)
9783640300518
ISBN (Buch)
9783640305346
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suche, Wahrheit, Identität, Bedingungen, Michael, Postmoderne, German Angst, Erinnerungsdiskurs, Erinnerungspolitik, Erinnerungskultur, Väterliteratur, Familienroman, Vergangenheitsbewältigung, vererbte Schuld, Bruch zwischen den Generationen, Michael Krüger, Lacan, Modi Memorandi, Lähmung, Abbrechen, der Wirklichkeitseffekt, l'effect de réelle, die Ideologie der Sprache, Identitätsstifter, Rationalität, Elfenbeinturm, Trauma, Puralismus, soziale Rahmen, Feind-Stigma, Propaganda, Internalisierung der Schuld, Nationalsozialismus, deutsche Nachkriegsgeschichte
Arbeit zitieren
Sofia Doßmann (Autor), 2009, Eine konventionelle Suche nach Wahrheit und Identität unter postmodernen Bedingungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125233

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