'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapitalismus und dessen (soziale) Folgen


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
34 Seiten, Note: Keine

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Allgemeine Veränderungen in der ökonomischen Sphäre

3 Der Ausgangspunkt – Der Rheinische Kapitalismus und das Stakeholder- systems

4 Die Wirtschaft im Wandel – Shareholder-Value Kapitalismus und die Auflösung der Deutschland AG
4.1 Die Indikatoren des Wandels
4.2 Interne Faktoren des Wandels
4.3 Externe Faktoren des Wandels

5 Die Folgen der Shareholder-Value Orientierung
5.1 Die Entstehung eines neuen Produktionsmodells
5.2 Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen

6 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.“[1]

Die Äußerung des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering stellt auf den ersten Blick eine überspitzte und extrem vereinfachte Aussage dar, dennoch stehen diese Ausführungen symbolisch für einige essentielle Strukturen und Verhältnisse die im gegenwärtigen ökonomischen Modell der Bundesrepublik Deutschland erkennbar sind. Innerhalb dieses Systems kam es in den letzten Jahren zu massiven Veränderungen, die nicht nur auf den ökonomischen Bereich begrenzt blieben. Dabei erfolgte eine schrittweise Annäherung des kontinentaleuropäischen Kapitalismusmodells an das angelsächsische Modell[2]. Erste Anzeichen für eine Veränderung zeigten sich bereits zu Beginn der 1990er Jahre. So häuften sich die Meldungen über (feindliche) Übernahmen von deutschen durch ausländische Unternehmen und die Aktivitäten auf den Kapitalmärkten nahmen rapide zu. Mit dem Boom der New Economy[3] wurden diese Veränderungen auf breiter Ebene sichtbar. Aktienhandel wurde zum Inbegriff für schnellen und reibungslosen Liquiditätsbezug. Neue, junge Unternehmen mit teilweise waghalsigen Ideen - die oft auch nur Ideen blieben - ‚schossen aus dem Boden‘ und erlebten für kurze Zeit einen gigantischen Boom. Besonders häufig konnte dabei beobachtet werden, dass diese Unternehmen auf den Kapitalmärkten erheblich mehr ‚wert‘ waren als es der realen Unternehmensentwicklung entsprach. Dies führte zu erheblichen Überbewertungen, die angetrieben durch einen – besonders durch mediale Vermarktungsstrategien - fern der Realität liegenden Optimismus und Glauben, in dem sich die ‚Hoffnungen‘ widerspiegelten schnell und unkompliziert an den Renditen der Unternehmen zu partizipieren. Die Spekulationen erreichten Ausmaße, in denen die Erwartungen und die tatsächlichen Entwicklungen der Unternehmen sich immer mehr von einander ‚entfernten‘ (vgl. Soros 2008) und sich eine Spekulationsblase aufbauen konnte die in einem Crash im Jahre 2001 kollabierte und dabei viele Kleinanleger, die den ‚verlockenden und verheißungsvollen Stimmen der Finanzbranche‘ gefolgt waren, in den finanziellen Ruin trieb. Auch ein Großteil der Unternehmen an diesem ‚Neuen Markt‘ ging zu Grunde oder wurde aufgrund des niedrigen Aktienkurses von anderen größeren Unternehmen aufgekauft.[4] Dieses Beispiel der New Economy verdeutlicht dabei nur die ‚Spitze des Eisberges‘ an Erscheinungen die seit der Mitte der 1990er Jahre zu beobachten sind. Die Veränderungen, die auf dem ‚Neuen Markt‘ am deutlichsten hervortraten, konnten auch in vielen anderen großen Unternehmen beobachtet werden.[5] Hinter diesen Veränderungen offenbart sich ein Bild indem das Modell des R heinischen Kapitalismus[6] schrittweise durch den auf die ‚Erwirtschaftung‘ des Shareholder-Value ausgerichteten angelsächsischer Kapitalismustyps auf- und abgelöst wird. Der Kapitalmarkt und die Bewertung durch die Aktionäre avancierten zum neuen Leitmotiv für viele Unternehmen. Teilweise konnten dabei Aktivitäten auf den Kapitalmärkten beobachtet werden, die so im deutschen Modell bisher nicht bekannt waren. Damit sind die Aktivitätszuwächse von Finanzmarktakteuren, wie etwa ‚Hedgefonds‘[7] oder ‚Private-Equity-Fonds‘[8] gemeint, die mit vollständig auf die Finanzspekulation ausgelegten Intentionen in die Eigentümerstrukturen deutscher Unternehmen eintreten, um entweder durch reine Finanzspekulation oder durch den Einkauf in ein Unternehmen – mit dem Ziel von diesem die profitabelsten Unternehmensanteile zu entfernen und den Rest des Unternehmens wieder abzustoßen - auf relativ schnelle Weise eine hohe Rendite für die Anleger zu ‚erwirtschaften‘.[9] Diese neuen Akteure stellen dabei jedoch nur einen kleinen und bezogen auf die ökonomischen Verhaltensweisen extremen Teil der Veränderungen dar, die zu beobachten sind, denn auch in der Ausrichtung der ökonomischen Aktivitäten vieler Unternehmen konnten entscheidende Tendenzen einer Annäherung des deutschen Modells an das angelsächsische festgestellt werden. In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen diese Veränderungen, die in den letzten Jahren zu beobachten waren, darzustellen. Den Ausgangspunkt der Argumentation bildet die Beschreibung der für die Bundesrepublik Deutschland bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein typischen Stakeholderkoalition, um an dieser zu erörtern, welche Bedingungen es waren die zu einer Veränderung - hin zu einer ‚Shareholderisierung‘ - führten. Im Spezifischen wird dabei auch auf die besondere Rolle charakteristischer Akteure eingegangen deren Bedeutung in der Forcierung und Entfaltung dieser neuen Entwicklungen von entscheidender Bedeutung ist.

2 Allgemeine Veränderungen in der ökonomischen Sphäre

Die drastischen institutionellen Veränderungen, die sich innerhalb der ökonomischen Sphäre zu Beginn der 1990er Jahre abspielten, lassen sich allgemein zusammenfassen als eine Abkehr von der bis dahin gültigen Corporate-Governance-Struktur[10] deutscher Prägung. Die Zielverschiebungen in der strategischen Ausrichtung lösten in der Folge Umwälzungsprozesse in der internen Strukturierung vieler Unternehmen aus. Verstärkt konnte dieser Aspekt zu Beginn der 1990er Jahre in großen, international agierenden Konzernen beobachtet werden.[11] Doch im Laufe der Zeit erfasste dieser Wandel auch weitere, kleinere börsennotierte Unternehmen. Das primäre Unternehmensziel lag nun nicht länger in einer auf (langfristigen) Wachstum vieler verstreuter Unternehmenssegmente ausgerichteten Unternehmensstrategie sondern die Führung der Unternehmen richtete sich zunehmend an den Interessen der Aktionäre aus (vgl. Höpner 2003: 15). Diese Orientierung wird als Shareholder-Value bezeichnet und ist auf eine dauerhafte Steigerung des Aktionärsnutzens angelegt[12]. Anderen Interessengruppen, zu denen auch die Arbeitnehmer oder die Gewerkschaften gezählt werden, wird dabei ein insgesamt sinkender Bedeutungsgehalt beigemessen.

Der Argumentationsausgangspunkt beschäftigt sich deshalb mit der Frage, welche ursprünglichen, originären systematischen Eigenschaften das ‚Deutsche Modell‘ kennzeichneten und welche spezifischen Charakteristika es prägten. Im Anschluss daran werden die Bedingungen aufgezeigt, deren Folgen zur schrittweisen ‚Zersetzung‘ dieses Systems führten.

3 Der Ausgangspunkt – Der Rheinische Kapitalismus und das Stakeholdersystem

Das Stakeholdersystem und die damit einhergehende systemspezifische ‚Unternehmenskoalition‘ zeigt gravierende Unterschiede im Vergleich zum Shareholder-Value-System. Einer der wesentlichen Differenzen liegt in der Ausrichtung des Informationsflusses innerhalb der Unternehmen. So lässt sich das Stakeholdersystem als ein Insidersystem bezeichnen, in dem der Informationsfluss zwischen den beteiligten Akteuren auf internen Kommunikationswegen festgelegt und ausgerichtet ist (vgl. Höpner 2003: 24). Dies produzierte ein Informationsgefälle. Für außenstehende Akteure war es dadurch äußert schwierig, in die internen Strukturen eines Unternehmens Einblick zu erhalten. Verstärkt wurde dieser Aspekt durch Bilanzierungsregeln, die es dem Top-Management eines Unternehmens erlaub(t)en, stille Reserven in Form von Rücklagen zu bilden und diese nicht an die Aktionäre auszuschütten (vgl. Höpner 2003: 24). Mit diesem Sachverhalt steht ein weiterer Aspekt in enger Verbindung der dadurch gekennzeichnet ist, dass deutsche Unternehmen bis in die Mitte der 1990er Jahre über stabile Aktionärskreise verfügten. Diese setzten sich zumeist aus Unternehmen und Banken[13], aber auch aus den ursprünglichen Familieneigentümern sowie Gewerkschaften zusammen (vgl. Höpner 2003: 24). Typisch für diesen stabilen Aktionärskreis ist, dass primär langfristige strategische Ziele im Unternehmen verfolgt werden und kurzfristige Interessenbefriedigungen, etwa durch hohe Renditeerwartungen, in den Hintergrund treten. Ein weiteres charakteristisches Merkmal der Unternehmensführung im Rheinischen Kapitalismus bestand in der besonderen Bedeutung die den deutschen Großbanken zugeschrieben wurde. Diese fungierten primär nach dem Hausbankenprinzip, dass heißt sie waren vorzugsweise für die Vergabe von Krediten verantwortlich (vgl. Höpner 2003: 24). Dies und die enge Verflechtung – durch Kapital- und Personalverflechtungen - mit den Unternehmen führten zu einem dichten, sich selbst schützenden Netzwerk.[14] Eine Schlüsselposition nahmen in diesem Netzwerk Versicherungen und Banken ein. Diese delegierten durchschnittlich häufiger Vertreter in die Aufsichtsräte anderer Unternehmen (vgl. Beyer 1998: 134). Durch diese Verflechtungen erhielten die entsendenden Unternehmen entscheidende Einblicke in die jeweiligen Zielunternehmen. Dadurch wurde es insbesondere für die Banken wesentlich vereinfacht, Einblicke in die Ertrags- und Leistungsfähigkeit eines Unternehmens zu erhalten, um so Kreditvergabeentscheidungen zu treffen und

gleichzeitig Einfluss auf das Management der Zielunternehmen nehmen zu können (vgl. Beyer 1998: 137). In Abbildung eins ist eine schematisch vereinfachte Darstellung eines solchen

Netzwerkes dargestellt.

Abbildung 1: Vereinfachte schematische Darstellung von Kapital- und Personalverflechtungen der ‚Deutschland AG‘

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Windolf 1997: 89)

[...]


[1] Dieses Zitat ist Bestanteil einer Rede von Franz Müntefering mit dem Titel ‚Freiheit und Verantwortung‘. Der Redetext wurde wortwörtlich in den Programmheften der SPD vom Januar und April 2005 wiederholt (vgl. SPD 2005: 18).

[2] Neben dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen Modell lässt sich bis in die Mitte der 1990er Jahre auch das asiatische Modell aufführen. Alle drei Formen des Kapitalismus weisen für sich ganz spezifische Eigenschaften auf. So ist der angelsächsische Kapitalismus durch starke Deregulierungsstrategien und Liberalisierungstendenzen geprägt (vgl. Hank 2000: 53). Das kontinentaleuropäische Modell ist demgegenüber dadurch gekennzeichnet, dass dem Konsens innerhalb der Interessenfindung eine höhere Bedeutung beigemessen wird und der ‚freie‘ Wettbewerb einen geringeren Stellenwert einnimmt als im angelsächsischen Modell (vgl. Hank 2000: 63). Das asiatische Modell galt bis zu den großen Finanzkrisen Mitte der 1990er Jahre als ‚Wunderkind der Weltwirtschaft‘. Dieses System ist gekennzeichnet durch eine relativ große Offenheit gegenüber ausländischen Investoren und Innovationen. Unternehmen, die hier agieren sind durch eine Langfristorientierung gekennzeichnet, die auf enge Beziehungen bauen und eine wichtige Rolle bei den Aushandlungsprozessen zwischen den ökonomischen Akteuren spielen (vgl. Hank 2000: 75).

[3] Der Begriff der ‚New Economy‘ der seine deutsche Manifestierung im ‚Neuen Markt‘ findet, steht als Sinnbild für den raschen Aufstieg und Niedergang einer ganzen Branche. Durch das Aufkommen neuer Kommunikationsformen und hier im Besonderen der Computer- und Internettechnologien konnte ein sprunghafter Anstieg in diesem Wirtschaftssegment beobachtet werden. Die in der ‚Old Economy‘ betriebene Massenfertigung von Produkten ist in der Sichtweise der ‚New Economy‘ überholt. Stattdessen soll der weltweite Wettbewerb um Informationen und innovative Ideen an dessen Stelle treten (vgl. Buch et al 2003: 1). Der ‚Hype‘ der sich um dieses Marktsegment formierte und seinen Ausdruck in den Kursdaten der NASDAQ oder des NEMAX wiederfand erreichte teilweise gigantische Höhen. So lag der Kurswert des Onlineanbieters Yahoo zeitweise deutlich höher als der von etablierten Unternehmen wie Daimler-Chrysler oder Boeing (vgl. Buch et al 2003: 5). Das Auftauchen von Insolvenzen und das Verfehlen von Geschäftszielen führten dazu, dass sich das Vertrauen der Anleger und institutionellen Investoren in dieses Marktsegment verringerte, was die Finanzierungsmöglichkeiten dieser Unternehmen, die sich primär über die Ausgabe von Aktien finanzierten in erheblichen Maße störte und zum Zusammenbruch vieler Unternehmen auf diesem Markt führte (vgl. Moldenhauer 2004: 2; Kühl 2003).

[4] Diese Entwicklung beschreibt George Soros als typischen Verlauf eines Boom/Bust Zyklus. Dieser Prozess beginnt immer mit der Entwicklung eines herrschenden Vorurteils (für die Entwicklungen der New Economy bedeutete dies etwa die gigantischen Entwicklungen im Hochtechnologiebereich). In einer ersten Phase ist der Trend dabei kaum wahrnehmbar. Erst in der Phase der Beschleunigung wird dieser Trend auch einem breiten Publikum verdeutlicht (vgl. Soros 2000: 89). Dieser Sachverhalt bewirkt, dass das Vorurteil und der Trend weiter verstärkt werden. Der gesamte Prozess erfährt eine Beschleunigung und die Realität vermag den übertriebenen Erwartungen nicht mehr gerecht zu werden. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt der Wendepunkt dar von dem aus sich das Vorurteil in das Gegenteil kehrt und zu einer ‚Beschleunigung‘ in die entgegengesetzte Richtung führt und in einem Crash der Finanzmärkte münden kann (vgl. Soros 2000: 89). Dieses durch Soros geprägte Modell stellt eine Möglichkeit dar, Krisen an den internationalen Finanzmärkten nachzuzeichnen sowie neu auftauchende Konflikte zu erkennen.

[5] Die Veränderungen konnten dabei nicht in der gleichen Intensität in verschiedenen Unternehmen beobachtet werden. Gerade für Deutschland lassen sich Einzelfallanalysen von Unternehmen aufzeigen, die mit unterschiedlichen Strategien den Shareholder-Value Ansatz in ihren Unternehmen implementierten. Als ein eher radikales Beispiel lässt sich die Umstrukturierung des Hoechst Konzerns aufführen. In diesem, bis zu seiner Umorientierung, stark diversifizierten Unternehmen mit unterschiedlichen Schwerpunktsegmenten konnte eine radikale Abkehr vom rheinischen Kapitalismus beobachtet werden. Im Zuge der Transformation konzentrierte sich der Konzern auf die Bereiche des Life Science Segmentes und löste sich von seinen Chemiesegmenten. Hoechst steht damit für die radikale Abkehr vom Stakeholdersystem. Ende der 1980er Jahre hatte der Konzern seine wichtigsten Wettbewerbsvorteile in einigen Segmenten verloren und die Gewinnmargen gingen dramatisch zurück (vgl. Vitols 2003 (a): 207). Mit dem Vorstandsvorsitzenden, Jürgen Dormann, gelangte 1994 ein Manager an die Spitze des Unternehmens für den der Shareholder-Value zu den wichtigsten Unternehmenszielen avancierte. Der Zusammenschluss mit dem französischen Unternehmen Rhone-Poulenc zu Aventis sollte dem Unternehmen die nötige Marktmacht erschließen, um mit anderen, insbesondere US-amerikanischen Unternehmen, konkurrieren zu können (vgl. Vitols 2003 (a): 209). Ein weniger radikaler Wandel findet sich ebenfalls in der Pharmabranche im Bayer Konzern wieder. Dieses Unternehmen vollzog einen maßvollen Wandel im Rahmen der Unternehmenstradition. Zwar gewann auch hier eine finanzorientierte Unternehmenspolitik zunehmend an Bedeutung, dennoch wurden auch Bekenntnisse zum rheinischen Kapitalismus geäußert, um auch zukünftig wichtige Entscheidungen mit den Stakeholdern zu koordinieren (vgl. Vitols 2003 (a): 211). Der Hauptfokus der Aktivität des Unternehmens sollte weiterhin auf den vier Kernbereichen (Polymere, Chemie, Gesundheit und Agrarprodukte) liegen, dennoch wurden auch hier unrentable Unternehmensbestandteile abgestoßen oder verkauft (vgl. Vitols 2003 (a): 212).

[6] Der Begriff rheinischer Kapitalismus steht als eine Art Synonym für den Kapitalismustyp kontinentaleuropäischer Prägung.

[7] Hedgefonds stellen eine besondere Spielart von Kapitalanlagegesellschaften dar (vgl. Deutsche Bundesbank

1999: 31-44). Die allgemein(en) üblichen Bestimmungen für Investmentfonds gelten für sie nicht und sie unterliegen damit faktisch keiner Aufsicht. Sie bewegen sich überwiegend im regulatorisch und aufsichtsrechtlich freien Niemandsland, sind frei für die Wahl ihrer Anlagemöglichkeit und können so ein bedeutend höheres Risiko eingehen (vgl. Huffschmid 1999: 92). Dies ist auch einer der Gründe warum sie überdurchschnittlich hohe Gewinne produzieren. Die Gefahr die sich aus den Aktivitäten der Hedgefonds ergibt besteht in einem konzentrierten Einsatz der finanziellen Mittel verschiedener Fonds gegen ein erkorenes Anlageobjekt. Die Fonds verfolgen unterschiedliche Ziele. So existieren Fonds, die global agieren und weltweit nach lukrativen Anlagemöglichkeiten suchen (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere Fondsform bilden Makro Fonds. Diese spekulieren auf makroökonomische Entwicklungen (in der Regel mit Wechselkursen) (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere spekulative Form von Hedgefonds findet sich in marktneutralen Fonds wieder. Deren Tätigkeit besteht darin, bestimmte Zins- oder andere Einkommensunterschiede auszunutzen. So leihen sich diese Fonds etwa in Ländern mit niedrigen Zinsen Kapital, um dieses in anderen Ländern mit hohen Zinssätzen gewinnbringend weiter zu veräußern (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere Strategie stellen ereignisgetriebenen Fonds dar. Diese setzen auf Marktbewegungen, aufgrund besonderer Ereignisse wie etwa Fusionen oder Zusammenbrüche von Unternehmen (vgl. Huffschmid 1999: 96).

[8] Unter Private-Equity-Fonds versteht man Fonds in denen durch die Investition von privatem Eigenkapital in nicht börsennotierte Unternehmen eine über den in ‘Public Fonds’ liegende Rendite erreicht werden soll (vgl. Botzenhardt 2007: 5). Die durchgeführte Investition ist dabei auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Über diese Fonds sammeln spezielle Gesellschaften Gelder von privaten Investoren um diese anschließend in geeignete Investitionsobjekte zu investieren (vgl. Koss 2006: 136). Das Ziel der Fonds besteht langfristig darin die Beteiligung an einem Unternehmen an der Börse oder an ein anderes Unternehmen zu veräußern. Eine Unterform des Private-Equity findet sich im Venture Capital wieder. In solchen Unternehmen dient eine solche Finanzierung dazu, noch relativ junge Unternehmen, die sich in einer frühen Entwicklungsphase befinden, aufzubauen mit dem Ziel diese gewinnbringend zu veräußern (vgl. Huffschmid 2007: 31ff.; Koss 2006: 136; Kühl 2003).

[9] Neben diesen radikalen Akteuren kann eine Veränderung auch dahingehend festgestellt werden, dass die Geldanlage zunehmend durch sogenannte institutionelle Investoren professionalisiert wird (vgl. Huffschmid 1999: 82).

[10] Unter dem Begriff Corporate Governance versteht man die Regeln und die betrieblichen Institutionen nach

denen Unternehmen beherrscht werden. Dabei werden die spezifischen Eigenschaften der für das System typischen Strukturmerkmale analysiert und beschrieben (vgl. Hall/Soskice 2001: 21-27; Deeg 2006: 84ff.).

[11] Als radikale Beispiele lassen sich hierfür die Umorientierung der Deutschen Bank und des Allianz Versicherungskonzerns auf das Shareholder-Value Konzept benennen. Diese beiden Unternehmen zeichneten sich durch eine hohe Verflechtungsdichte mit anderen Unternehmen aus und bildeten so das Zentrum der ‚Deutschland AG‘. Die Deutsche Bank orientierte ihre Aktivitäten auf das Investmentbanking und vollzog so eine Abkehr vom bis dahin verfolgten Hausbankenprinzip (vgl. Beyer 2003: 123f.). Auch der Allianz Konzern orientierte seine Geschäftspolitik auf globaler Ebene um und vollzog so schrittweise eine Abkehr von der ‚Deutschland AG‘ (vgl. Beyer 2003: 132ff.).

[12] Alfred Rappaport kann als der Begründer des Shareholder-Value Ansatzes benannt werden und lieferte mit

seinem Buch ‚ Creating Shareholder-Value ‘ eine der Grundlagen für die ökonomischen Aktivitäten von börsennotierten Unternehmen (Rappaport 1986).

[13] Jürgen Beyer (1998) hat in einer Studie explizit diese Strukturen analysiert und dabei enge Verflechtungen (Personal- und Kapitalverflechtungen) festgestellt. Diese Netzwerke besaßen unterschiedliche Funktionen. Zum einen dienten sie als Schutz vor externen Übergriffen, das heißt, deutsche Unternehmen agierten in einer ‚geschützten Umgebung‘, in die kaum ausländische Unternehmen eindrangen. Diese Schutzfunktion erklärt auch die kaum vorhandene Anzahl feindlicher Übernahmen, welche auf die Funktionsweise dieser Netzwerke zurückzuführen ist (vgl. Beyer 1998: 83). Neben dieser Schutzfunktion konstatiert Beyer weiter, dass diese Netzwerke auch eine regulierende Funktion ausübten, das heißt, kein Unternehmen konnte ein anderes dominieren. Durch den wechselseitigen Austausch von Führungskräften in die Aufsichtsgremien eines anderen Unternehmens wurden Strategien aufeinander abgestimmt, was es für einzelne Unternehmen unmöglich machte, bestimmte Ziele zu verfolgen, deren Resultat in eine dominierende Marktposition führen sollte (vgl. Windolf 1997: 88). Die Banken entsendeten durchschnittlich häufiger Vertreter in die Aufsichtsräte anderer Unternehmen (vgl. Beyer 1998: 134). Durch Personalverflechtungen erhielten sie dabei entscheidende Einblicke in die jeweiligen Unternehmen, was für sie natürlich die Kreditentscheidung wesentlich beeinflusste und auf diesem Wege konnte auch mäßigender Einfluss auf das Management ausgeübt werden (vgl. Beyer 1998: 137). Das Hauptaugenmerk deutscher Banken lag zu diesem Zeitpunkt in der Verfolgung makroökonomischer Ziele, deren primäres Interesse in der Stabilisierung des Wirtschaftssystems lagen (vgl. Windolf 1997: 89).

[14] Für dieses Netzwerk führten einige Autoren den Begriff der ‚Deutschland AG‘ ein. Dieser verweist auf die internen Strukturierungsmechanismen, die eine Schutzfunktion ausübten und so die beteiligten Unternehmen relativ gut gegen außenstehende Akteure abschirmten (vgl. Beyer 2003: 118).

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapitalismus und dessen (soziale) Folgen
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Pädagogisches Seminar)
Note
Keine
Autor
Jahr
2009
Seiten
34
Katalognummer
V125249
ISBN (eBook)
9783640300525
ISBN (Buch)
9783640305353
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschland, Shareholder-Value-Kapitalismus, Folgen
Arbeit zitieren
Matthias Völcker (Autor), 2009, 'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapitalismus und dessen (soziale) Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125249

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