Die Schweigespirale - Führt Isolationsfurcht zu einer Verzerrung der öffentlichen Meinung


Hausarbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kernthesen der Schweigespirale
2.1 Psychologische Grundlagen
2.2 Kommunikationswissenschaftliche Grundlagen
2.3 Soziale Grundlagen

3 Konformitätshypothese
3.1 Das doppelte Meinungsklima
3.2 Mitläufer-Effekt beim Wahlkampf

4 Integratives Modell der öffentlichen Meinung

5 Ergebnisse
5.1 Zusammenfassung
5.2 Kritik

6 Schluss

7 Literatur

1 Einleitung

Es war ein langer Weg, bis das deutsche Mediensystem die Freiheiten und Rechte erlangt hat, die ihm mittlerweile zustehen. Nach zahlreichem Missbrauch zu Propagandazwecken wurde die Forderung nach der Staatsferne der Medien im Laufe der Geschichte immer lauter und erreichte ihren Höhepunkt nach den Vorfällen im Dritten Reich. Um zu vermeiden, dass es zukünftig noch einmal einen Meinungsführer gibt, dem sich ein ganzes Volk fügen muss, wurde eine verfassungsrechtliche Grundlage für das Mediensystem errichtet, die sich zusammensetzt aus Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Pressefreiheit, Rundfunk- und Filmfreiheit sowie das Zensurverbot[1]. Durch die Wirkungsweisen der Medienfreiheit als Abwehrrecht gegenüber dem Staat sowie die institutionelle Garantie wurde ein staatsfernes und gleichzeitig stabiles Mediensystem geschaffen, das durch zusätzliche gesetzliche Sonderregelungen, wie indirekte staatliche Subventionen durch die vergünstigte Mehrwertsteuer noch verstärkt wurde. Durch diese Maßnahmen sollte sichergestellt werden, dass die Medien einen breit gefächerten Meinungsmarkt zur Verfügung stellen können, auf Grundlage dessen sich dann jeder frei eine Meinung zu jedem Thema bilden kann und soll, sodass schließlich der lang ersehnten Meinungspluralismus in der Bundesrepublik Deutschland entstehen konnte.

Medien werden allerdings nicht umsonst die „vierte Gewalt“ genannt[2]. Basierend auf dem enormen Einfluss, den Medien auf die Bevölkerung und damit die öffentliche Meinung haben, entwickelte Elisabeth Noelle-Neumann die Theorie der Schweigespirale[3]. Diese zeigt, dass Menschen trotz Staatsferne und pluralistischer Kommunikation in speziellen Situationen ihre eigene Meinung unterdrücken und sich der Meinung anderer, die in der scheinbaren Mehrheit sind, anschließen, unabhängig davon, ob sie diese wirklich teilen oder nicht. Der Einfluss der Massenmedien drückt sich hier dadurch aus, dass die wahrgenommene Meinungsmehrheit immer die Meinung ist, die in den Massenmedien vorherrscht. Doch worin liegen die Ursachen für dieses Verhalten? Durch die gesetzlich geregelten Freiheiten des Mediensystems wurde sichergestellt, dass keinerlei äußerer Druck auf die Menschen ausgeübt werden kann, der ihre eigene Meinung in irgendeiner Weise beeinflussen oder gar bestimmen könnte. Daher sieht Noelle-Neumann die Ursachen in dem Druck der von innen auf jeden einzelnen Menschen wirkt, der Druck, der ausgelöst wird durch die menschliche Furcht vor Isolation[4] bzw. das Bestreben nach Integration, was in gegebenen Situationen also einen Mitläufer-Effekt auslöst. Dieser Mitläufer-Effekt führt also zu einer grundlegenden Verzerrung des Meinungsbildes der Öffentlichkeit, sodass sich die Frage stellt, ob man überhaupt noch von einer objektiv messbaren öffentlichen Meinung ausgehen kann bzw. ob Inhaltsanalysen diesbezüglich überhaupt nützlich und valide sind. Des weiteren stellt sich die Frage, ob hinsichtlich diesen Effektes bisherige Definitionsansätze des Terminus „öffentliche Meinung“ ergänzt bzw. grundlegend anders angegangen werden müssten, sodass man weniger von einer objektiven öffentlichen Meinung ausgehen sollte, als von einem integrativen Modell, dass öffentliche Meinung als Mittel zur Integration bzw. Billigung darstellt[5].

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob Isolationsfurcht und die daraus resultierende Theorie der Schweigespirale zu einer Verzerrung der öffentlichen Meinung führt und wird in Anbetracht dieser Theorie die Kernthesen der Schweigespirale, deren Effekte, sowie die eben angedeuteten, sich daraus ergebenden, integrativen Definitionsansätze von öffentlicher Meinung behandeln.

2 Kernthesen der Schweigespirale

Um die Effekte und Wirkungsweisen der Schweigespirale näher betrachten zu können ist es zunächst einmal erforderlich einen näheren Blick auf die Kernthesen dieser Theorie zu werfen. Diese basieren sowohl auf psychologischen, kommunikations-wissenschaftlichen, sowie auch sozialen Hintergründen, die im Folgenden erläutert werden.

2.1 Psychologische Grundlagen

Wie bereits erwähnt liegen die Ursachen für die Schweigespirale in der Isolations-

furcht des Menschen. Um besser zu verstehen, welch großen Druck diese Isolationsfurcht dar-

stellt ist es nötig sich auf das Gebiet der Psychologie und Biologie zu begeben.

Studien der Psychologie haben gezeigt, dass Menschen sich vor Einsamkeit fürchten und, dass Menschen, die alleine sind, zu Angstgefühlen und Depressionen neigen[6]. Es liegt also in der menschlichen Natur die Gesellschaft anderer zu suchen, was auf biologische Grundlagen zurückzuführen ist: Nach Tiger (1992) ist das Miteinander im menschlichen Nervensystem mit positiven Empfindungen, Einsamkeit mit negativen belegt worden[7]. Biologisch bedeutet das, dass die Arterhaltung des Menschen gesichert ist, psychologisch allerdings bedeutet es einen enormen Druck, der auf den Menschen wirkt, da er oft selbst größere Schwierigkeiten in Kauf nehmen muss, um Isolation und Einsamkeit zu entgehen[8]. Für die Theorie der Schweigespirale ist die Isolationsfurcht insofern bedeutend, dass sie von der Annahme ausgeht, dass von der Gesellschaft abweichende Individuen mit Isolation bedroht werden[9],[10]. Um dies zu vermeiden versucht der einzelne seine Umwelt zu beobachten, die herrschende Meinung zu ermitteln und sich daran anzupassen, um von der Gemeinschaft akzeptiert zu werden[11],[12] Diese Behauptung baut auf den experimentellen Ergebnissen von Asch und Milgram[13], die gezeigt haben, dass Menschen sogar bereit sind sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen, auch wenn diese ganz offensichtlich falsch ist; um es mit den Worten von Tocqueville auszudrücken: „Da sie die Absonderung mehr fürchteten als den Irrthum…“ (Tocqueville, 1857, S. 182, zit. n. Noelle-Neumann 1991, S. 62).

Aus den genannten Hypothesen resultiert nun ein dynamischer Prozess: Um Isolation zu vermeiden, wird die eigene Meinung verschwiegen, wenn man glaubt die Mehrheitsmeinung gegen sich zu haben. Gleichzeitig nimmt die Redebereitschaft derjenigen, die sich in der Mehrheit glauben zu, sodass die wahrgenommene Minderheitsmeinung immer schwächer, die wahrgenommene Mehrheitsmeinung

immer stärker erscheint, was letztendlich in einem Spiralprozess endet[14].

2.2 Kommunikationswissenschaftliche Grundlagen

Die kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen beziehen auf die Fähigkeit der Umweltbeobachtung und auf die Rolle, die die Massenmedien hierbei spielen. Laut Noelle-Neumann sind die Menschen mit einem sogenannten „quasi-statistischen Wahrnehmungsorgan“ ausgestattet, dass ihnen erlaubt, nicht nur ihr unmittelbares Umfeld, sondern mithilfe der Massenmedien die gesamte Öffentlichkeit zu beobachten und die Meinungsverteilung zu bestimmten Themen abzuschätzen[15]. Jedes Individuum beobachtet also sowohl direkt seine Umwelt, d.h. über soziale Kontakte, sowie indirekt, über die Massenmedien[16]. Unter direkter Beobachtung versteht man jede Art von Meinungsaustausch im Gespräch mit anderen Menschen, mit denen zumindest oberflächlicher Kontakt besteht. Während dieser direkten Kommunikation wird über das quasi-statistische Wahrnehmungsorgan ermittelt, mit welchen Meinungen man sich in der Öffentlichkeit isolieren kann und welche ohne weiteres geäußert werden können. Da es in der Öffentlichkeit die meisten Menschen vorziehen Ansichten zu äußern, die in der Umgebung befürwortet werden, entsteht so ein erster Eindruck über die scheinbar vorherrschende Meinung.

Mithilfe indirekter Beobachtung über die Medieninhalte erhält man Informationen darüber, welche Meinungen im öffentlichen Diskurs akzeptabel sind und was die scheinbare Mehrheit denkt[17],[18].

[...]


[1] Vgl. Altendorfer, Otto (2001 Teil 1, 1. Auflage): Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag

[2] Vgl. Paschke, Marian (2001, 2. Auflage): Medienrecht. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, S. 141

[3] Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Öffentliche Meinung: Die Entdeckung der Schweigespirale. Berlin: Ullstein

[4] Vgl. Noelle-Neumann 1991: 62

[5] Vgl. Noelle-Neumann 1991: 92

[6] Vgl. Csikszentmihalyi, Mihaly (2004) Flow: Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 217 ff.

[7] Vgl. Csikszentmihalyi , Mihaly (1992): Öffentliche Meinung und Psychologie der Einsamkeit. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Öffentliche Meinung- Theorie, Methoden, Befunde. Beiträge zu Ehren von Elisabeth Noelle-Neumann. Freiburg/München: Karl Alber (Band 19), S. 34

[8] Vgl. Csikszentmihalyi 1992: 33

[9] Vgl. Csikszentmihalyi 1992: 31

[10] Vgl. Noelle-Neumann 1991: 298

[11] Vgl. Csikszentmihalyi 1992: 35

[12] Vgl. Scherer, Helmut 1(1990): Massenmedien, Meinungsklima und Einstellung. Eine Untersuchung zur Theorie der Schweigespirale. In: Ders. (Hrsg.): Studien zur Sozialwissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag (Band 101), S. 23

[13] Vgl. Asch, Solomon E. (1951): Effects of Group Pressure upon the Modification and Distortion of Judgements. In: Guetzkow, H. (Hrsg.): Groups, Leadership, and Men. Pittsburgh: Carnegie Press, S. 177 ff.

[14] Vgl. Noelle-Neumann 1991: 18, 40

[15] Vgl. Noelle-Neumann (1991): 27 ff.

[16] Vgl. Donsbach, Wolfgang (1987): Die Theorie der Schweigespirale. In: Schenk, Michael (Hrsg.): Medienwirkungsforschung. Tübingen: Mohr, S. 325

[17] Vgl. Zetterberg, Hans L. (1992): Medien, Ideologie und die Schweigespirale. In: Wilke, Jürgen: Öffentliche Meinung- Theorie, Methoden, Befunde. Beiträge zu Ehren von Elisabeth Noelle-Neumann. Freiburg/München: Alber, S. 59

[18] Vgl. Donsbach 1987: 325

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Schweigespirale - Führt Isolationsfurcht zu einer Verzerrung der öffentlichen Meinung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Einführung in die Publizistikwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V125423
ISBN (eBook)
9783640310944
ISBN (Buch)
9783640309948
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schweigespirale, Führt, Isolationsfurcht, Verzerrung, Meinung, Einführung, Publizistikwissenschaft
Arbeit zitieren
Daniela Will (Autor), 2008, Die Schweigespirale - Führt Isolationsfurcht zu einer Verzerrung der öffentlichen Meinung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125423

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