Die Goldene Bulle bildete bis 1806 die verfassungsrechtliche Grundlage des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. In ihr wurden die Modalitäten der Königswahl sowie die Rechtsstellung der Kurfürsten erstmals und endgültig geregelt. Damit stellt die Goldene Bulle den Abschluss einer Entwicklung dar, die sich bis in das frühe 13. Jahrhundert nachweisen lässt.
Die schriftliche Fixierung des damals anerkannten Kurfürstenkollegiums legt den Schluss nahe, der Dynamik des Entstehungsprozesses des Kollegiums wäre sonach ein Ende gesetzt.
Dass dem nicht so war, zeigt die weitere Entwicklung. Zwar hatte die Regelung der Goldenen Bulle bis zum Ende des Reiches Bestand, doch kam es zu Veränderungen hinsichtlich der Zusammensetzung des Kollegiums.
Die Arbeit befasst sich im Schwerpunkt mit den Erweiterungen des Kollegs, wie sie sich mit der Schaffung einer achten (wittelsbachischen) Kur als Folge des Dreißigjährigen Krieges sowie mit der Aufnahme des Braunschweigers Ernst August in das Kurkolleg (1692) vollzogen.
Neben den quantitativen Veränderungen sollen jedoch auch personelle Veränderungen innerhalb der einzelnen Kurwürden, wie sie sich durch Dynastiewechsel ergaben, aufgezeigt werden. Die böhmische Kur soll im Hinblick auf ihren „Sonderweg“ etwas ausführlicher behandelt werden. Dabei soll die Geschichte der böhmischen Readmission (1708), also der Zulassung des böhmischen Kurfürsten zu allen Verhandlungen, bei der Behandlung der braunschweigischen Bemühungen um eine (neunte) Kur nähere Erläuterung finden, da die beiden Probleme untrennbar miteinander verbunden sind .
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Die sächsische Kurwürde
2.1 Die Kur bei den Askaniern (bis 1422)
2.2 Die Wettiner als Träger der Kurwürde (1423 – 1806)
2.3 Die Kurwürde bei den Ernestinern (1485 – 1547)
2.4 Die Kurwürde bei den Albertinern (1547 – 1806)
3 Entwicklung in Brandenburg
3.1 Die Kur bei den Wittelsbachern und Luxemburgern
3.2 Die Kurfürsten aus dem Hause Hohenzollern (1417 – 1806)
4 Der böhmische „Sonderweg“
5 Der Kampf um die pfälzische Kurwürde
5.1 Die Bedeutung der Kur
5.2 Widerstand im Reich
5.3 Positionen der europäischen Herrscherhäuser
5.4 Die Geheiminvestitur 1621
5.5 Der Regensburger Fürstentag, 1623
5.6 Weitere Entwicklung
5.7 Auf dem Weg zum Friedenskongress
5.8 Die Westfälischen Friedensverhandlungen, Errichtung einer achten Kur
6 Die Errichtung einer neunten Kurwürde und die böhmische Readmission
6.1 Ernst Augusts Streben nach Rangerhöhung, der Kurtraktat vom 22. März 1692
6.2 Die Belehnung mit der Kurwürde, Dezember 1692
6.3 Keine vollständige Anerkennung der neunten Kurwürde
6.4 Weitere Entwicklung
6.5 Forderung nach Restitution Böhmens, Problem der Ersatzkur
6.6 Trotz Vereinigung des Kurkollegs keine Introduktion
6.7 Einlenken der Reichsfürsten und Restitution Böhmens
6.8 Letzte Verhandlungen bis zur Introduktion
7 Die Vereinigung der pfälzischen mit der bayerischen Kur
8 Der Reichsdeputationshauptschluss und die Neuordnung des Kurfürstenkollegiums
9 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Veränderungen in der Zusammensetzung des Kurfürstenkollegiums des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation von der Verabschiedung der Goldenen Bulle bis zum Ende des Reiches. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse der politischen Dynamiken, die zur Erweiterung des Kollegiums durch die Schaffung einer achten und neunten Kurwürde führten, sowie den damit verbundenen personellen und dynastischen Verschiebungen.
- Die Entwicklung der sächsischen und brandenburgischen Kurwürde.
- Der komplexe "Sonderweg" der böhmischen Kurwürde und deren Readmission.
- Der Kampf um die pfälzische Kurwürde infolge des Dreißigjährigen Krieges.
- Die diplomatischen und rechtlichen Bemühungen um die Errichtung der neunten Kur für das Haus Hannover.
- Die Auswirkungen des Reichsdeputationshauptschlusses auf die Struktur des Kurkollegiums.
Auszug aus dem Buch
5.4 Die Geheiminvestitur 1621
Auf die Haltung des Kaisers wirkten diese verschiedenen Positionen stark ein. Letztlich erklärte sich Ferdinand dann doch bereit die Investitur Maximilians und seiner Nachkommen auf dem nächsten Kurfürstentag vorzunehmen, stellte jedoch Bedingungen41. Maximilian sah hierin einen Bruch des Münchner Vertrages, in dem die Kurwürde ohne Vorbehalt versprochen worden war. Der Kaiser rückte daraufhin von seiner Konditionierung ab, da er noch auf die militärische Unterstützung Maximilians angewiesen war, verzögerte aber die Einberufung eines Kurfürstentages.
Maximilian, dem an Beschleunigung in der Kurfrage viel gelegen war, sah mit Beunruhigung, dass der englische Gesandte Sir John Digby am Kaiserhof auf eine Restitution Friedrichs V. drang, was eine Vereitelung von Maximilians Ziel bedeutet hätte42.
Letztlich war es auch das Wirken der Römischen Kurie durch den Kapuzinerpater Hyazinth von Casale, die Ferdinand zur unverzüglichen geheimen, damit aber auch öffentlich-rechtlich wirkungslosen43, Investitur Maximilians im Jahre 1621 bewegte. Fortan war die öffentliche Belehnung das Ziel Maximilians. Große Unterstützung fand dieser hierbei nur beim Papst. Ferdinand sah das Einverständnis Kursachsens und die Hilfszusage Spaniens als Voraussetzung für eine öffentliche Investitur44.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung umreißt die rechtliche Ausgangslage durch die Goldene Bulle und benennt die Schwerpunkte der Arbeit, insbesondere die Erweiterungen des Kurkollegiums im 17. Jahrhundert.
2 Die sächsische Kurwürde: Das Kapitel behandelt die Entwicklung der sächsischen Kurwürde über verschiedene dynastische Linien hinweg, von den Askaniern bis zu den Albertinern.
3 Entwicklung in Brandenburg: Hier wird der Aufstieg des Hauses Hohenzollern zur Kurwürde nach einer Phase wittelsbachischer und luxemburgischer Einflüsse dargestellt.
4 Der böhmische „Sonderweg“: Dieses Kapitel analysiert die Sonderstellung und die wiederholten Ausschluss- sowie Readmissionsprozesse der böhmischen Kur im Reich.
5 Der Kampf um die pfälzische Kurwürde: Es wird der politische und diplomatische Kampf Maximilians I. von Bayern um den Erhalt der Kurwürde während und nach dem Dreißigjährigen Krieg detailliert beschrieben.
6 Die Errichtung einer neunten Kurwürde und die böhmische Readmission: Der Text beschreibt die langwierigen Bemühungen Ernst Augusts von Braunschweig-Lüneburg um die Rangerhöhung und die damit verknüpfte Restitution Böhmens.
7 Die Vereinigung der pfälzischen mit der bayerischen Kur: Das Kapitel thematisiert die Zusammenlegung der Linien unter Kurfürst Karl Theodor im späten 18. Jahrhundert.
8 Der Reichsdeputationshauptschluss und die Neuordnung des Kurfürstenkollegiums: Hier werden die fundamentalen Veränderungen durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 und die Neuschaffung von Kurfürstentümern erläutert.
9 Schlusswort: Das Fazit fasst den Bedeutungswandel der Kurwürde zusammen, die sich von einer traditionsgebundenen Institution zu einem Spielball machtpolitischer und konfessioneller Interessen entwickelte.
Schlüsselwörter
Goldene Bulle, Kurfürstenkollegium, Kurwürde, Heiliges Römisches Reich, Wittelsbach, Hohenzollern, Westfälischer Friede, Böhmische Kur, Readmission, Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, Reichstag, Investitur, Reichsdeputationshauptschluss, Kurhessen, Dynastiewechsel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der verfassungsrechtlichen und politischen Entwicklung des Kurfürstenkollegiums im Heiligen Römischen Reich von 1356 bis 1806.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Erweiterungen des Kurkollegiums, dynastische Machtverschiebungen, der konfessionelle Einfluss auf die Kurvergabe sowie die Rolle Böhmens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Prozesse und Interessen aufzuzeigen, die dazu führten, dass das ursprünglich durch die Goldene Bulle fixierte Kollegium durch neue Kurwürden erweitert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Untersuchung, die auf der Auswertung relevanter Fachliteratur und zeitgenössischer Dokumente basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die spezifischen Entwicklungen in Sachsen, Brandenburg, Böhmen sowie den komplexen Kampf um die pfälzische und die hannoversche Kurwürde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Goldene Bulle, Kurwürde, Kurkollegium, Restitution, Readmission und der Reichsdeputationshauptschluss.
Wie beeinflusste der Dreißigjährige Krieg die Kurwürde?
Der Krieg war der Auslöser für die Übertragung der pfälzischen Kur an das Haus Wittelsbach-Bayern und leitete damit eine Phase der politischen Neugestaltung des Kollegiums ein.
Welche Rolle spielte die "Dritte Partei" für Ernst August?
Die Bildung einer Partei neutraler Fürsten diente Ernst August als politisches Druckmittel, um den Kaiser zur Bewilligung der neunten Kur zu zwingen.
Was war die Bedeutung der "böhmischen Readmission" von 1708?
Sie markierte das Ende des böhmischen „Sonderwegs“, indem der böhmische König wieder vollständig und vollwertig an den Beratungen und Verhandlungen des Kurkollegiums teilnehmen konnte.
- Citar trabajo
- Michael Nehmer (Autor), 2006, 650 Jahre Goldene Bulle Karls IV. von 1356, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125860