Die Bedeutungs- und Beschreibungslehre von Begriffen, sprich: Die Semantik, versuchte nach der französischen Revolution unter Führung der Begriffe wie „Nation“ und „Souveränität“ einen Ersatz für die Monarchie zu finden, die zur Republik geworden war und jetzt ohne einen Monarchen auskommen musste.
Das neue politische System berief sich auf die Rechte und Meinungen der Individuen, auf die Menschenrechte und auf die öffentliche Meinung –
dem volonté générale der Individuen.
Diese Berufung auf die Menschenrechte diente jetzt nicht mehr nur der Einschränkung sondern der Fundierung souveräner Gewalt.
Ein Problem nach der französischen Revolution war, dass die, die vorher Untertanen waren, jetzt die politische Herrschaft innehatten. Diese Volkssouveränität führte zu massiven organisatorischen Problemen, wurde aber durch eine Veränderung des Verständnisses des Begriffs der „Repräsentation“ gelöst.
Aber was bleibt von den Untertanen übrig, wenn man sie emanzipiert, also ihnen ihre Untertänigkeit streicht?
Antwort:
- Nur die Individualität. Der Naturzustand. – Deshalb wird die Natur des Menschen als Freiheit bestimmt.
Wenn auf Merkmale wie Stände oder Nationsherkunft des Individuums verzichtet wird, gibt es nur noch die selbstorganisierte Individualität. Zu dieser gehören z.B. Verträge, Einkünfte oder die Heirat. Also alles Dinge, die man selber beeinflussen kann.
Aber trotz solcher persönlicher Entscheidungen oder wechselnder Umstände bleibt man immer derselbe.
Die notwendige Selbstorganisation des Politischen setzte Mikrodiversität voraus. Diese lies sich damals durch den neuen Begriff der „Population“- später Varietät erklären.
Eine Population besteht aus Individuen, die jedoch durch gemeinsame Merkmale zusammengehören.Da das politische System nach der französischen Revolution von einer indirekten (einer ständischen Ordnung) zu einer direkten Regulierung (des volonté générale) der Individuen übergegangen und die Natur des Menschen als Freiheit, also unterschiedlich bestimmt worden ist, ergeben sich für Luhmann neue Voraussetzungen der Selbstbeschreibung des politischen Systems.
Das Paradox, das Freiheit einerseits Anspruch auf Emanzipation besitzt, andererseits in einem Sozialstaat aber auch als einschränkungsbedürftig gilt, wird gelöst indem man besondere Ansprüche an politische Einschränkungen der Freiheit stellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Selbstbeschreibungen können nicht neu definiert werden
2. Natur des Menschen als Freiheit
3. Verfassungen und Grundrechte
4. Paradoxie der Herrschaftsausübung
5. Begriff des Staates und weiche Begriffe
6. Export von Verfassungen und Repräsentationsprinzip
7. Demokratie als Herrschaftswiderspruch
8. Legitimation als Selbstlegitimation
9. Werte und Fremdreferenz
10. Legitimation und Wertesemantik
11. Begriff des Wohlfahrtstaats
12. Anpassung der Selbstbeschreibung
13. Volk als übergeordnete Instanz
14. Steuerung durch den Staat
15. Selbstbeschreibung aus Sicht des Volkes
16. Probleme der Ausgangspunkte
17. Repräsentation im sozialen Rahmen
18. Souveränität und politische Herrschaft
19. Selbstlegitimation in der Demokratie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen des politischen Systems nach Niklas Luhmann, insbesondere den Wandel der Selbstbeschreibungsformen wie Repräsentation, Souveränität und Demokratie im Kontext der modernen Gesellschaft.
- Die funktionale Differenzierung politischer Systeme und deren Selbstorganisation.
- Die Paradoxie der Demokratie als Herrschaft der Beherrschten.
- Die Rolle von Werten als Legitimationsbasis politischer Kommunikation.
- Die Problematik der Selbststeuerung des Staates im Verhältnis zum Individuum.
- Die Bedeutung der Semantik für die historische Entwicklung politischer Herrschaftsformen.
Auszug aus dem Buch
Die Demokratie als Staatsform des politischen Systems
Die Demokratie als Staatsform des politischen Systems gilt heute bei uns als durchgesetzt. Der Staat gilt zwar als souverän, jedoch lassen sich verschiedene Funktionssysteme der Gesellschaft nicht mehr hierarchisch ordnen. Vielmehr tritt hier eine Selbstorganisation zu Tage wie zum Beispiel im Wirtschaftssystem, das durch den Markt reguliert wird.
Diese veränderte Situation führte zu Veränderungen in der Selbstbeschreibung des politischen Systems. Im 16. und 17. Jahrhundert genügte zur Beschreibung der Begriff des „Staates“. im 18. Jahrhundert kamen zusätzlich die Begriffe „Öffentlichkeit“ und „öffentliche Meinung“ hinzu. Durch Einführung dieser weichen Begriffe gewinnt das politische System größere Freiheitsgrade der Selbstgestaltung und mehr Beweglichkeit in der Reaktion auf wechselnde Anforderungen der Umwelt.
Die größere Freiheit der verschiedenen Teilsysteme, die sich nicht mehr hierarchisch ordnen lassen, belastet allerdings das politische System selbst. Ob in der Gesetzgebung, in der Marktwirtschaft, im Wissenschaftssystem oder im Erziehungssystem: Alle brauchen politische Organisationssysteme zum Entscheidungsfinden.
Nun, wie kann man diese Entscheidungslasten bewältigen? Der liberale Konstitutionalismus glaubte, durch eine Verfassung das Problem lösen zu können. Die Verfassung schafft Ämter (Parlamente, Regierunge, Gerichte) die man beobachten muss, wenn man wissen will, wie eine unbekannt bleibende Zukunft behandelt wird. Noch im 21. Jahrhundert werden Verfassungen exportiert, in denen die Demokratie festgelegt wird. Aber reicht dies nicht aus, denn durch das Repräsentationsprinzip wird zwar die Demokratie eingeführt, gilt dann aber als Selbstbeschreibungsformel für das politische System mit der sich jede politische Bewegung als demokratisch bezeichnet. Undemokratisch gilt dann als Schimpfwort. Die durch die Verfassung rechtlich zugelassene Demokratie frisst sich in das System ein und erklärt sich schließlich zum herrenlosen Herrn.
Zusammenfassung der Kapitel
1.-4. Selbstbeschreibungen und die Paradoxie der Demokratie: Diese Abschnitte erörtern, wie das politische System sich durch Begriffe wie Freiheit und Verfassungsrecht selbst definiert und dabei die strukturelle Paradoxie der Volkssouveränität zu bewältigen versucht.
5.-9. Historische Transformation und Legitimation: Es wird dargestellt, wie die Einbettung von Begriffen wie „Öffentlichkeit“ und die Orientierung an Werten dem politischen System eine flexiblere Selbstbeschreibung sowie eine notwendige Selbstlegitimation ermöglichen.
10.-19. Wohlfahrtsstaat, Systemkomplexität und Ausblick: Diese Kapitel beleuchten den Aufstieg des Wohlfahrtsstaates, die Problematik der Systemintransparenz und das fundamentale Erfordernis, sich als politisches System in einer ungewissen Zukunft ständig neu zu legitimieren.
Schlüsselwörter
Niklas Luhmann, Politische Systeme, Demokratie, Selbstbeschreibung, Repräsentation, Souveränität, Legitimation, Wertesemantik, Wohlfahrtsstaat, Systemtheorie, Gesellschaft, Volkssouveränität, Fremdreferenz, Selbstreferenz, Entscheidungslasten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Selbstbeschreibung des politischen Systems in der modernen Gesellschaft basierend auf den Theorien von Niklas Luhmann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Evolution politischer Herrschaftsbegriffe, die Rolle der Legitimation durch Werte sowie die strukturellen Herausforderungen der Demokratie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Wandel der Selbstbeschreibungsformeln des politischen Systems (Repräsentation, Souveränität, Demokratie) angesichts zunehmender gesellschaftlicher Komplexität zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die systemtheoretische Analyse, um politische Kommunikation und die Semantik von Herrschaftsformen theoretisch zu durchdringen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Verschiebungen in der Begrifflichkeit des Staates, das Paradoxon der Selbstlegitimation und die Belastungen moderner politischer Organisationssysteme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Systemtheorie, Selbstbeschreibung, Legitimation, Demokratie, Werte und politische Kommunikation.
Warum wird Demokratie als „Selbstwiderspruch“ bezeichnet?
Luhmann beschreibt Demokratie als Paradoxie, da das Volk in einer Demokratie zugleich befehlen muss und dem Gehorsam unterworfen ist – es ist Herrscher und Beherrschter zugleich.
Welche Rolle spielen „Werte“ bei der Selbstlegitimation?
Werte dienen als semantisches Gerüst, das es der Politik ermöglicht, Kontinuität vorzutäuschen und sich gegen die Gefahr zu rechtfertigen, dass sie sich ausschließlich mit sich selbst befasst.
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- Dipl.sc.pol.Univ. Nepomuk V. Fischer (Author), 2005, Niklas Luhmann - Die Politik der Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126398