In den vergangenen Jahrzehnten wurden lyrische Werke im Deutschunterricht immer wieder als Basis für analytische Interpretationen des Typus Inhalt-Form-Einheit missbraucht, die vor allem das Herexerzieren epochentypischer und formaler Merkmale unter der Überschrift des poetischen Lernens als wesentlichen Erkenntnisertrag in den Mittelpunkt setzten. Den Schülern hat diese Art und Weise des Umgangs, eines Zerpflückens und Zurechtbiegens der Werke, das Interesse an Gedichten weitestgehend verdorben. Neuere Konzeptionen des Lyrikunterrichts geben seit den 1980ern durch imaginative Zugänge, handlungs- und produktionsorientierte Verfahren sowie Integration von Schülervorwissen und -interesse eine andere Richtung an, die vor allem Akzente auf eine Verstehensleistung setzt. Dabei steht nicht das, was „der Autor uns sagen möchte“ im Vordergrund – es geht vielmehr um die Relativierung eigener und fremder Subjektivität , die Textwirkung auf den Leser und Beschreibung von Besonderheiten, die mit Zitaten aus dem Text belegt werden sollen. Darüber hinaus soll der Schüler durch kreative und operative Verfahren selbst tätig werden. Die vorliegende Hausarbeit wird sich im Folgenden damit beschäftigen, wie – ausgehend von verschiedenen didaktischen Positionen und den Vorgaben des Thüringer Lehrplans – die Schüler nun eigentlich zu einem kompetenten Umgang mit lyrischen Werken in den verschiedenen Lehrbüchern geführt werden. Was sollen die Schüler lernen und wie wird es ihnen beigebracht? Geht es mehr um Produktion oder Rezeption? Herrschen induktive oder deduktive Aufgaben vor und wie viel Freiheit steht den Schülern beim Entwickeln von Lösungsansätzen zur Verfügung? Als Untersuchungsgrundlage dieser Arbeit dienen jeweils ausgewählte Subtitel zum Themenkomplex „Gedichte“ der Lehrbücher „Deutsch vernetzt“ (roter Band: Literatur und Medien) und „Deutsch plus“ für die 9. Jahrgangsstufe.
Dabei konzentriert sich die vorliegende Arbeit im Wesentlichen auf eine vergleichende und exemplarische Analyse der Aufgabenstellung und versucht, in der Zusammenschau aller Erträge ein Muster aufzuzeigen, aus dem sich die Konzeption der Lehrbücher und daraus folgend der Umgang mit Lyrik ableiten lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Fachdidaktische Diskussion zum Umgang mit lyrischen Werken
3. Zur Lehrwerkkonzeption in Deutsch vernetzt und Deutsch plus
3.1 Thematische Sequenzierung
3.2 Die Kapitelkonzeption
3.3 Aufgabenanalyse
3.3.1 Deutsch plus
3.3.1.1 Einführungsseite
3.3.1.2 Endlich erwachsen?
3.3.1.3 Lebenswege
3.3.1.4 „Du...“ – Liebesgedichte
3.3.2 Deutsch vernetzt
3.3.2.1 Einführungsseite
3.3.2.2 Fundstücke
3.3.2.3 Erinnerte Orte
3.3.2.4 Wenn man zurückkommt
4. Auswertung der Ergebnisse
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend, wie Schüler in den Lehrwerken „Deutsch plus“ und „Deutsch vernetzt“ zu einem kompetenten Umgang mit lyrischen Werken der 9. Jahrgangsstufe geführt werden. Dabei stehen die Konzeption der Lehrbücher sowie die Struktur und Ausrichtung der Aufgabenstellungen im Fokus, um aufzuzeigen, ob diese eher induktiv oder deduktiv, rezeptions- oder produktionsorientiert gestaltet sind und inwieweit sie das literarische Lernen fördern.
- Didaktische Konzepte des Lyrikunterrichts
- Vergleichende Analyse der Lehrwerke „Deutsch plus“ und „Deutsch vernetzt“
- Strukturierung und Sequenzierung von Unterrichtseinheiten zu Lyrik
- Untersuchung von Aufgabenkulturen und Kompetenzorientierung
- Integration von Produktions- und Rezeptionsverfahren
Auszug aus dem Buch
Die Fachdidaktische Diskussion zum Umgang mit lyrischen Werken
Der Literaturunterricht der 1960er Jahre zeichnete sich durch werkimmanente Herangehensweisen aus. Demnach enthalten lyrische Texte an sich alle zur Interpretation wichtigen Hinweise. Ziel des Unterrichts war es, den Blick der Schüler auf das ästhetisch ethische, also Schöne und Wahre der poetischen Werke zu lenken. Dabei standen Hypothesenbildungen zum Titel, Gedichtvortrag durch den Lehrer (zur Sensibilisierung für Form-Inhalt) und das fragend- entwickelnde Unterrichtsgespräch (nach Paul Nentwig) im Mittelpunkt. Den roten Faden des Gesprächs bildeten hauptsächlich vier Fragen: Was denkt ihr über den Text? Wie ist der Text aufgebaut und welche sprachlichen Mittel sind zu erkennen? Was wollte der Dichter uns damit sagen? Wie verhält sich das festgestellte Ergebnis der gemeinsamen Lektüre zu den ersten Textbeobachtungen? Insgesamt betrachtet wurden die Werke instrumentalisiert, um spezielle Lern- bzw. Unterrichtsziele zu erreichen. In den nächsten Jahren veränderten sich die Herangehensweisen zugunsten eines sachlichen, auf gattungs-und textsortenspezifische Merkmale konzentrierten Umgangs mit Lyrik. Das Lernziel lag in der Entschlüsselung gattungsspezifischer Gegebenheiten und dem Erwerb poetischer Verstehenskompetenz begründet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Arbeit führt in die didaktische Problematik der Lyrikvermittlung in der Schule ein und stellt die Relevanz der Lehrwerkanalyse am Beispiel der 9. Jahrgangsstufe dar.
2. Die Fachdidaktische Diskussion zum Umgang mit lyrischen Werken: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss über verschiedene fachdidaktische Ansätze der Lyrikvermittlung, von der werkimmanenten Interpretation bis hin zu handlungs- und produktionsorientierten Verfahren.
3. Zur Lehrwerkkonzeption in Deutsch vernetzt und Deutsch plus: Hier werden die ausgewählten Lehrwerke hinsichtlich ihrer thematischen Sequenzierung, Kapitelkonzeption und Aufgabenstruktur detailliert analysiert und gegenübergestellt.
4. Auswertung der Ergebnisse: Dieses Kapitel verallgemeinert die Erkenntnisse aus der Aufgabenanalyse und leitet ein Raster für die Lyrikvermittlung in den untersuchten Lehrwerken ab.
5. Fazit: Die Arbeit fasst die wesentlichen Unterschiede zwischen dem systematisierten, eher instrumentalisierten Ansatz von „Deutsch plus“ und dem lernerorientierten, flexibleren Ansatz von „Deutsch vernetzt“ zusammen.
Schlüsselwörter
Lyrikunterricht, Lehrwerkanalyse, Deutsch plus, Deutsch vernetzt, Aufgabenanalyse, Produktionsorientierung, Rezeptionsorientierung, Literaturdidaktik, induktives Lernen, Kompetenzorientierung, Lyrikvermittlung, Schülerorientierung, Interpretation, Textverständnis, Unterrichtsverfahren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie zwei spezifische Lehrwerke für die 9. Jahrgangsstufe, „Deutsch plus“ und „Deutsch vernetzt“, Schüler an den kompetenten Umgang mit lyrischen Texten heranführen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die didaktische Konzeption von Lyrikunterricht, die Analyse von Aufgabenstellungen in Schulbüchern sowie der Vergleich zwischen systematischer Lehrgangsstruktur und offenen, schülerorientierten Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Muster in der Aufgabenkultur der Lehrwerke aufzudecken und zu beurteilen, wie diese zur Verstehenskompetenz und Lesefreude der Schüler beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende und exemplarische Lehrwerkanalyse auf Basis didaktischer Fachliteratur und der Vorgaben des Thüringer Lehrplans.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der fachdidaktischen Diskussion, die spezifische Analyse der Kapitelthemen in den Lehrwerken sowie eine detaillierte Auswertung der Aufgaben nach verschiedenen Merkmalen wie Induktion, Deduktion und Komplexität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit Begriffen wie Lyrikunterricht, Lehrwerkanalyse, Aufgabenkultur, Produktions- und Rezeptionsorientierung sowie kompetenzorientiertes Lernen beschreiben.
Welche Rolle spielen die Lehrplanvorgaben für die Analyse?
Die Vorgaben des Thüringer Lehrplans dienen als Maßstab, um zu bewerten, inwieweit die Lehrwerke die geforderten Kompetenzen, wie beispielsweise das „Erfassen wesentlicher Aussagen“, in ihren Aufgaben umsetzen.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von „Deutsch plus“ von dem von „Deutsch vernetzt“?
„Deutsch plus“ ist stärker systematisiert und „lehrgangsorientiert“ aufgebaut, was der Lehrkraft wenig Flexibilität lässt, während „Deutsch vernetzt“ deutlich stärker auf Lernerorientierung setzt und der Lehrperson mehr Spielraum in der Gestaltung des Unterrichts lässt.
- Arbeit zitieren
- Anja Vitting (Autor:in), 2009, Wie werden Schüler zum kompetenten Umgang mit Gedichten geführt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126628