Woodrow Wilson (1858 –1924). Evolution statt Revolution

Religiöse Moral, Liberalismus, idealistischer Internationalismus, Sachzwänge und Realpolitik


Hausarbeit, 2009
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Biographie und politische Überzeugungen: Vom Prediger zum Präsidenten

4 Amerikas Engagement in Mexiko

5 Amerikas Weg in den Krieg
5.1 „Es herrscht der völlig toll gewordene Militarismus“
5.2 Das Bild des Kaiserreichs in den USA
5.3 Die ersten Jahre im Amt: Kriegsgefahr und strategische Überlegungen
5.4 Vermittlungsversuche 1914 – 1916:
5.5 Vermittlungsversuche 1916 - 1917: Krieg dem Krieg

6 „Neutrality is no longer feasable or desireable.“
6.1 Der uneingeschränkte U-Bootkrieg
6.2 Das Zimmermann Telegramm
6.3 Wilson und die bolschewistische Revolution

7 Wilsons Friede und sein Traum vom Völkerbund
7.1 Peace wihout victory: Wilsons Appell an die Weltöffentlichkeit
7.2 Wilsons Vierzehn Punkte
7.3 Retardierendes Moment auf dem Weg zum Wilson-Frieden
7.4 Wilson scheitert

8 Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem außenpolitischen Wirken des 28. Präsidenten der USA;[1] Woodrow Wilson. In seine beiden Legislaturperioden fällt der bemerkenswerte Epochenwandel bezüglich der Stellung Amerikas im internationalen Staatensystem.

Heute mutet das Bild Amerikas als (vorerst) einzige Supermacht auf Erden als nahezu Gottgegeben an und das amerikanische Engagement in aller Welt schafft Bewunderer und Neider, schafft Freunde, aber auch erbitterte Gegner. Nun war der Weg, welcher dieses Land bis zu diesem Punkt gebracht hat, weniger das Produkt einer wohl geplanten und stringent betriebenen Außenpolitik. Vielmehr waren und sind die USA wie so viele Nationen auch Opfer beziehungsweise Nutznießer der äußeren Umstände ihrer Zeit.

Vor Beginn des Ersten Weltkrieges zumindest bereits eine wirtschaftliche Weltmacht, so erstand Amerika mit dem militärischen Eingreifen im Kriegsgeschüttelten Europa auch als politische Weltmacht aus dem Urkonflikt des 20. Jahrhunderts.

Wilsons Beitrag dazu bestand nicht nur in der Tatsache, dass er aus seinem Land eine kriegswillige, kriegsbereite und vor allem kriegführende Nation machte. Vielmehr suchte er dem Bösen in Europa schon frühzeitig ein diplomatisches Ende zu bereiten und war die treibende politische Kraft hinter den Waffenstillstands- und späteren Friedensverhandlungen zwischen den Europäischen Mächten. Der Traum dieses Mannes, welcher sich stets bemühte, auf dem Pfad christlicher Tugenden zu wandeln, erfüllte sich mithin nicht. Dieser Traum eines Völkerbundes, einer „Community of Power“, welche die „Balance of Power“ ersetzen sollte, scheiterte letztlich an den Machinteressen der europäischen Staaten und am innenpolitischen Widerstand im eigenen Land.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit zwei Fragestellungen. Zum einen soll dargelegt werden, durch welche Umstände die USA schließlich dazu bewogen wurden, in den vorerst rein europäischen Krieg einzugreifen. Und zum anderen werden die Bemühungen Wilsons aufgezeigt, diesen Krieg auf dem Verhandlungswege nicht nur zu beenden, sondern den Frieden auch dauerhaft zu sichern. Das geeignete Werkzeug des „Peace Keeping“, und Herzstück des Friedensplanes Wilsons sollte der bereits erwähnte Völkerbund werden, in ihm vertreten; die Mächte der Welt, welche ihre Konflikte künftig im Einvernehmen auf dem Verhandlungswege lösen sollten. Innerhalb dieser beiden Punkte wird stets die Beziehung zwischen Deutschland und den USA im Blick behalten und die Folgen der Ereignisse für beide Staaten skizziert.

Bei der Darstellung der Ursachen für den Kriegseintritt der USA wird dem U-Bootkrieg der größte Platz eingeräumt. Denn vor diesem Hintergrund ergibt sich ein interessanter Blick auf die diplomatischen Entwicklungen jener Jahre, die Annahmen und Absichten der Beteiligten und deren Folgen für die Gesamtentwicklung des Themas.

2 Forschungsstand

Die Forschungsliteratur, welche sich mit dem Gesamtkomplex des Ersten Weltkriegs beschäftig, ist aufgrund des weltgeschichtlichen Stellenwertes dieses Urkonflikts des 20. Jahrhundert sehr umfangreich. Das weite Forschungsfeld lässt sich in mannigfaltige Teilbereiche aufgliedern, so in Betrachtungen des internationalen Systems der Vorkriegsjahre, die Kriegsschuldfrage, den Kriegsverlauf selbst, die Verhandlungsinitiativen der beteiligten oder neutralen Staaten, die jeweiligen Kriegsziele der Konfliktparteien, die Friedensverhandlungen in Versailles mit all ihren Hintergründen und vieles mehr. Bei diesen Betrachtungen spielt der Einfluss der Subjektivität, manchmal sogar der Voreingenommenheit der Historiker eine nicht zu unterschätzenden Rolle. Insbesondere die frühen Arbeiten zur Kriegschuldfrage sind häufig geprägt von der frischen Erinnerung an die Katastrophe des Weltkrieges oder der jeweiligen Überzeugung des Autors von der Alleinschuld Deutschlands. Für alle frühen Arbeiten, egal zu welchem Teilbereich gilt gleichermaßen, dass die Quellenlage aufgrund der Sperrfristen der jeweiligen staatlichen Archive, eine erschöpfende Darstellung nicht zuließ.

Vor diesem Problem stehen die aktuelleren Arbeiten nicht, und deren Qualität hängt nicht zuletzt von Umfang und Art der verwendeten Quellen ab. In den Arbeiten von Rainer Pommerin finden verschiedene „privat papers“ umfangreiche Verwendung und dies erscheint umso nötiger, da bezüglich des offiziellen Schriftverkehrs „in den anglo-amerikanischen Staaten das Einhalten des Dienstweges mehr die Ausnahme als den Normalfall darstellte.“[2]

Naturgemäß stellen die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der hiesigen Literatur einen Schwerpunkt der Forschung dar. Zu den Autoren, welche dieses Feld intensiv bearbeiteten zählen unter anderen Klaus Schwabe, Andreas Hillgruber und erneut Pommerin, dessen Arbeit von 1986 zu den grundlegenden Referenzen dieser Arbeit gehört.

Ein spezielles Forschungsfeld innerhalb der Betrachtungen zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen untersucht das „Image“ Deutschlands und Amerikas im jeweils anderen Land, wobei dem Gewicht der öffentlichen Meinung bei der Entscheidungsfindung der Exekutiven in den USA sicher mehr Bedeutung beigemessen werden muß, als im kaiserlichen Deutschland. In der historischen Forschung findet sich recht umfangreiches Material, zur Entwicklung des Deutschlandbildes in Amerika in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.[3] Den Ausgangspunkt entsprechender Untersuchungen bildet dabei häufig das Gründungsdatum des Kaiserreiches, oder der Antritt von Bülow`s als deutscher Reichskanzler im Jahr 1898 (als Nachfolger von Leo von Caprivi), einher gehend mit einer Umorientierung der Reichsaußenpolitik weg vom Fokus auf Europa hin zu internationaler „Weltgeltung“.

Zum Leben und vor allem dem außenpolitischen Wirken Wilsons, liegen ebenfalls umfangreiche Materialien vor. Auffällig ist dabei, dass entsprechende Werke häufig schon im Untertitel auf den Wilsonschen Konflikt „between ideology and realpolitik“[4] hinweisen.

3 Biographie und politische Überzeugungen: Vom Prediger zum Präsidenten

Am 28. Dezember 1856 in Virginia geboren, war Wilson nicht zuletzt das Produkt der

Erziehung seines streng presbyterianischen Vaters. In ihm vereinten sich christliche (beinahe dogmatische) Ansichten mit einem für Südstaatler typischem Hang zur starken Stellung der Einzelstaaten zum Bund und ausgesprochenem Wirtschaftsliberalismus. Die Quelle für sein politisches Denken bildete das „Wort Gottes“ und das daraus resultierende Vermögen, moralische Urteile zu treffen. Klaus Schwabe zeichnet in seiner Arbeit von 1971 einen Wilson, welcher für das Handeln des Menschen nur zwei Möglichkeiten sieht; „entweder als erwählter Gottes diesen Gesetzen zu folgen (...) oder aber als Verdammter sich ihnen zu widersetzen. Kompromisse gab es bei dieser Gewissensentscheidung nicht.“[5] Unter dem Begriff Freiheit verstand er vor allem die „Pflicht zum rechtschaffenden Handeln“. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften in Princeton und seiner kurzen Tätigkeit als Anwalt in Atlanta, zog es ihn erneut an die Universität; diesmal nach Baltimore, wo er sich den politischen Wissenschaften und der Geschichte verschrieb. Hier erschien 1885 das erste seine zahlreichen Bücher. Das Werk mit dem Titel „Congressional Governmemt, -eine Studie des amerikanischen Regierungssystems- machte Wilson auf einen Schlag bekannt. 1890 folgte schließlich seine Berufung zum Professor in Princeton,[6] 12 Jahre später gar zum Rektor dieser Universität. Politisch näherte er sich im Laufe der Jahre (nicht ganz freiwillig) den „Progressiven“ an, eine Reformbewegung, welche gegen die Konzentration von wirtschaftlicher und politischer Macht in den Händen weniger, Stellung bezog. Von Radikallösungen hielt Wilson wenig, und später wird angesichts seiner Bemühungen um eine politische Neuordnung nach dem ersten Weltkrieg und seiner Haltung den Bolschewiken gegenüber gezeigt, dass sein politisches Wirken stets unter dem Motto „Evolution statt Revolution“ stand, „wobei politische Reform und religiöse Erweckung aus seiner Sicht auf nahezu dasselbe hinausliefen.“[7] Durch seinen Förderer, den einflußreichen Zeitungsverleger und Vertreter des rechten Flügels der Demokraten, George Harvey gelangte er 1910 zunächst in das Amt des Gouverneurs von New Jersey (nicht ohne vorher auch erhebliche Widerstände innerhalb seiner eigenen Partei überwunden zu haben) und im März 1913 ins Weise Haus.

Die Halbzeitwahlen von 1910 und die Kongreßwahlen zwei Jahre später brachten den Demokraten eine knappe Mehrheit in Senat und Kongreß.

Innenpolitisch tat er sich vor allem mit einem progressiven Gesetzgebungswerk hervor, dass die Macht der Großkonzerne beschnitt (!), eine nationale Bankenaufsicht einrichtete, Zölle beschnitt aber auch den Versuch unternahm, beispielsweise durch Einführung der Einkommenssteuer die Steuerlast auf alle Bevölkerungsschichten gleichmäßig zu verteilen. Vom internationalen Wirtschaftsliberalismus („open door“) und der Notwendigkeit zur Förderung weltweiter Demokratisierung überzeugt, darüber hinaus entschiedener Gegner des militanten Imperialismus und der Autokratie, ordnete er seine Außenpolitik entsprechenden Prämissen unter.

4 Amerikas Engagement in Mexiko

Die Ereignisse in Mexiko und vor allem Amerikas unglückseliges Engagement in den revolutionären Wirren jenes mittelamerikanischen Staates haben mit dem Eintritt der USA in den Weltkrieg oder den folgenden Ereignissen nur indirekt zu tun. Dennoch soll das Geschehen hier dargestellt werden, prägte es doch Wilsons Einstellung zu Einmischungen in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten und kann zur Erklärung der zunächst ablehnenden Haltung des Präsidenten bezüglich des amerikanischen Kriegseintritt herangezogen werden.

Der spanisch-amerikanische Krieg von 1898 bestärkte Wilson in seinem Glauben, dass die USA aus ihrem selbst auferlegten Isolationismus auf die Bühne der Weltpolitik treten und das internationale System aktiv mit gestalten mußten. Den Antrieb dafür bildete nicht nur das Wilsonsche Interesse gemäß der open door policy Handelsplätze zu erschließen und offenzuhalten, sondern auch „die ethische Bestimmung seines Landes, d. h. die Pflicht (...) für die Verbreitung des Rechts demokratischer Selbstbestimmung zu sorgen.“[8] Eine erste Gelegenheit, diese Ansprüche auch zu verwirklichen, ergab sich für Wilson –gerade erst im Amt- nachdem im revolutionären Mexiko der General Victuriano Huerta durch Militärputsch Anfang 1913 die Macht an sich gerissen hatte. Die europäischen Mächte beeilten sich, gemäß gängiger internationaler Praxis, die neue Regierung anzuerkennen, „schien Huerta (doch) erneut stabile Verhältnisse zu garantieren, mochten sie die Art und weise seiner Machtübernahme auch verachten.“[9] Wilson hingegen machte bereits am 12. März an die Adresse Huertas gerichtet klar, „that just government rests always upon the consent of the governed. (...) We can have no sympathy with those who seek to seize the power of government to advance there own personal interests or ambition.“[10]

In Venustiano Carranza, dem Führer der „Konstitutionalisten“ erstand Huerta nun –zur Freude Wilsons- ein neuer und starker Gegner, dem Washington nur all zu gern Waffenhilfe zukommen ließ (d.h. das seit 1911 bestehende Waffenembargo gegen Mexiko einseitig zu Gunsten Carranzas aufhob). Carranza hingegen verbot sich trotz amerikanischer Unterstützung jede Einmischung der USA in die Angelegenheiten seines Landes, während Huerta, von Washington diplomatisch isoliert, nach innen plötzlich als Held des mexikanischen Vaterlandes dastand. Wilson, vom erhofften Freund zurück gewiesen und dem Gegner in die Hände gespielt, „verrannte sich trotzdem immer mehr in Irrtum, er sei imstande, den Latein-Amerikanern beizubringen, wie man gute Regierungen wählt.“[11] Wollte Wilson sein Gesicht nicht verlieren und endlich dem blutigen Treiben in Mexiko ein Ende bereiten, mußte er schließlich militärisch intervenieren. Die amerikanische Presse freilich begründete die Landung amerikanischer Truppen im April 1914 in Tampico und Veracruz mit der Absicht, deutsche Interessen in Mittelamerika[12] abzublocken. Nachdem es bereits zu Gefechten zwischen US-Soldaten und den Truppen Carranzas gekommen war, nahm Wilson den Vorschlag der ABC-Staaten (Argentinien, Brasilien, Chile) einer Friedenskonferenz dankend an. Diese fand in Kanada statt und endete allerdings im Mai 1914 ergebnislos. Denn ähnlich, wie die Entente bei den Friedensverhandlungen in Versailles fünf Jahre später auf das Wohlwollen der USA nicht mehr angewiesen war und ihre Forderungen gegenüber Deutschland durchsetzen konnten (den militärischen Sieg hatte sie ja in der Tasche, und wirtschaftliche und politische Druckmittel Amerikas verfingen nicht), war es nun Carranza, sich seiner starken Stellung als Sieger in den Wirren in Mexikos bewußt, welcher sich nicht den Ansichten Wilsons beugen mußte. Das letzte Kapitel in dieser verworrenen Geschichte begann, nachdem der ehemalige Kommandeur der Carranza-Truppen in Nordmexiko, Francisco Villa, sich mit seinem einstigen Protegé überwarf und eine Gegenregierung ausrief.. Wilson setzte sofort auf dieses neue Pferd, und wurde erneut bitter enttäuscht, nachdem Villa entgegen des amerikanischen Wunsches, den Konflikt mit politischen und vor allem demokratischen Mitteln beizulegen, seine Truppen gegen Carranza führte und schließlich geschlagen wurde. Villa, von Washington im Stich gelassen, begann im Sommer eine Serien von blutigen Überfällen auf amerikanischem Territorium, worauf hin US-Truppen in den Norden Mexikos einmarschierten, um seiner habhaft zu werden. Diesem Unternehmen war letztlich kein Erfolg beschieden, Carranza forderte kategorisch den Abzug der amerikanischen Soldaten und in Europa tobte der erste Weltkrieg, welcher die ganze außenpolitische Aufmerksamkeit der USA erforderte. So nahm Wilson nach seiner Wiederwahl Ende 1916 seine Truppen schließlich zurück und es folgte –nachdem Carranza per Volkswahl in seinem Amt bestätigt wurde- die faktische Anerkennung der mexikanischen Regierung.

Welches sind nun die Konsequenzen der amerikanischen Verwicklung in den mexikanischen Bürgerkrieg für die Haltung Wilsons gegenüber Krieg und Revolution? Wilson wurde sowohl von Carranza als auch von Villa enttäuscht. Anders als der Präsident es wünschte, lag die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung mit demokratisch-parlamentarischen Mitteln nicht in der Absicht dieser beiden Revolutionsführer. Wilson war sich über die Ziele der jeweiligen Parteien, die er unterstützte, nicht im Klaren. In der Folge waren für ihn dann anfangs auch die moralisch-ethischen Fronten im ersten Weltkrieg nicht klar verteilt. Einerseits sah er in Deutschland wohl den Aggressor, andererseits unterstellte er auch der Entente, sich nicht

unbedingt nur auf einem Kreuzzug gegen das Böse zu befinden, sondern ganz banal das Gleichgewicht der Mächte zu ihren Gunsten verändern zu wollen. Das mag einer der Gründe dafür sein, weswegen er bei den Vermittlungsversuchen bis 1917 auch stets auf die Offenlegung der jeweiligen Kriegsziele pochte.

Des weiteren erhob er es in der Folge seines Scheiterns in Mexikos zu seiner Maxime, nur mit demokratisch legitimierten Regierungen zu verhandeln. Bereits die Wilson-Doktrin von März und November 1913, anläßlich der Ereignisse in Mexiko, lehnte die Anerkennung einer jeden Regierung ab, die auf revolutionärem, nicht demokratischen Wege zustande gekommen ist.

Die spätere amerikanische Unterstützung der Antibolschewisten mit dem Höhepunkt der militärischen Intervention in Sibirien, geschah schließlich aufgrund der Wilsonschen Überzeugung, „that Bolshevism represented the rule of an undemocratic minority wich was contemptuous of liberal institutions and was willing to retain power by terror.“[13]

Außerdem verkannte Wilson in Mexiko einen „Faktor von kardinaler Bedeutung: den Nationalstolz der Mexikaner, für die auch wohlgemeinte Hilfe von außen nichts anderes als Einmischung war. (...) Die Doppelrolle des liberalen Emanzipators und des puritanisch-strengen Erziehers vermochte die Mexikaner nicht zu überzeugen.“[14] Später wird sich Wilson anläßlich seines politischen und militärischen Engagements in Europa auch um die Gunst der deutschen Bevölkerung bemühen (mit Erfolg). So erreichten Europa und vor allem Deutschland umfangreiche amerikanische Finanzhilfen und Lebensmittellieferungen. Was das zusammen gebrochene Kaiserreich betrifft, so nicht zuletzt deswegen, um die bereits brodelnde revolutionäre Gefahr einzudämmen.

5 Amerikas Weg in den Krieg

5.1 „Es herrscht der völlig toll gewordene Militarismus“

Bis in die Anfänge des Jahres 1917 konnte in Amerika von Kriegsbegeisterung, wie sie zu Beginn des Krieges in Europa vorherrschte, nicht die Rede sein. So hemmte beispielsweise die oben beschriebene unglückliche Verwicklung Amerikas in die inneren Angelegenheiten des revolutionären Mexikos jeden Antrieb, in den europäischen Krieg einzutreten. Wilson selbst, ein Verfechter des internationalen Wirtschaftsliberalismus, zeigte sich nicht begeistert, für welche Partei auch immer, an einem Krieg teil zu nehmen, dessen eigentliche Triebfeder der militante Imperialismus bildete.

Zu den frühen Befürwortern eines militärischen Engagements Amerikas in Europa zählten seine Berater ++House[15] und Robert Lansing,[16] welche Wilson zeit seiner Präsidentschaft mehr oder weniger treu zur Seite standen, die nördlichen Atlantikstaaten, sowie der rechte Flügel der Republikaner unter Führung von Senator Henry Cabot Lodge.

Beschränkte sich die Unterstützung der Entente anfangs auf rein wirtschaftliche Hilfestellung (von der gefühlsmäßigen und moralischen Parteiergreifung einmal abgesehen), so beschleunigte sich das Zusammengehen von USA und Entente schlagartig im Verlauf des Frühjahres 1917.

Als sich House im Sommer 1914 anläßlich von Sondierungsgesprächen in Berlin aufhielt, konnte er Wilson nur ein niederschmetterndes Bild der allgemeinen Lage zeichnen: „Es herrscht der völlig toll gewordene Militarismus. Wenn nicht jemand, der in Ihrem Namen handelt, eine Verständigung auf ganz neuem Grunde zustande bringt, so wird es eines Tages zu einer fürchterlichen Katastrophe kommen. (…) Es herrscht hier zu viel Hass, zu viel Eifersucht.“[17]

Die „fürchterliche Katastrophe“ kam, als im August 1914 die europäische Bündnisfalle zuschnappte. Wilson proklamierte für sich selbst zunächst „neutral in fact as well as in name ..., impartial in thought as well as in action,“[18] mußte er doch Rücksicht auf seine Landsleute nehmen, welche alles andere als willens waren, ihr Land im Krieg zu sehen. Was den Präsidenten selbst betraf, zu zeigte dieser keine Neigung dazu, auf welcher Seite auch immer an einem Waffengang teil zunehmen, dessen eigentliche Ursachen seiner Meinung nach Militarismus und Imperialismus waren. Bei den späteren Friedensverhandlungen in Versailles wird man sehen, dass Wilson immer mehr den Eindruck gewann, Deutschland trage einen erheblichen Teil an der Kriegsschuld. Mit Kriegsbeginn hingegen, so scheint es zumindest, sah man im Kaiserreich noch nicht den späteren Alleinschuldigen, und zumindest House äußerte im April 1915 zur Entlastung Wilhelms, es sei „klar, dass der Kaiser den Krieg nicht wünschte und zur gegebenen Zeit nicht einmal erwartete.“[19] Allerdings änderte das nichts an seiner und Lansings Meinung, Amerika müsse früher oder später an der Seite der Entente in den Krieg eintreten. Lansing selbst sah in den Mittelmächten sehr wohl eine Bedrohung für das internationale Gleichgewicht der Kräfte. Wilsons Außenminister ++Bryan hingegen war für strikte Neutralität der USA und mußte schließlich, nachdem sich der amerikanische Ton gegen Deutschland angesichts der allgemeinen militärischen Lage und besonders der U-Boot-Bedrohung verschärfte, zurücktreten.

[...]


[1] Der Verfasser verwendet die Begriffe USA, Amerika und Vereinigte Staaten stets synonym, das gleiche gilt für

Deutschland, Reich und Kaiserreich (dies zumindest bis 1918).

[2] Pommerin, Reiner (1986): Der Kaiser und Amerika. Die USA in der Politik der Reichsleitung 1890-1917. Köln/Wien. S. 12.

[3] vergl. +++++++++++++

[4] Schild, Georg (1995): Between Ideology and Realpolitik. Woodrow Wilson and the Russian Revolution, 1917-1921. Greenwood Press. Oder die Wilsonbiographie von Schwabe, Klaus (1971): Woodrow Wilson. Ein Staatsmann zwischen Puritanertum und Liberalismus. Zürich, Frankfurt. Und andere mehr.

[5] Schwabe, S. 8.

[6] Nebenbei war Wilson auch als Publizist, Redner und sogar Prediger tätig. Darüber hinaus bildeten deutsche

Autoren eine häufig genutzte Grundlage seiner Studien sowohl in Baltimore als auch in Princeton. Wilson war

also des Deutschen in Wort und Schrift mächtig.

[7] Schwabe, S. 18.

[8] Schwabe, S. 38.

[9] Pommerin, 1986, S. 329. Die deutschen Investitionen in Mexiko beliefen sich immerhin auf etwa 500 Mio.

Mark und mußten natürlich geschützt werden.

[10] Statement on Latin America, March 12. 1913. In: Clements, Kendrick A./ Cheezum, Eric A. (2003): Woodrow

Wilson. American Presidents Reference Series. S. 161. Bei diesem Buch handelt es sich größtenteils um eine

Dokumentation und wird daher in der Folge Dokumente genannt.

11 Schwabe, S. 43. Nach Woodrow Wilson.

12 Die kaiserliche Kriegsmarine liebäugelte tatsächlich mit dem anlegen einer Kohlestation für ihre Schiffe in

mittelamerikanischen Gewässern. Dieses Ansinnen wurde aber von der Reichsleitung mit Blick auf die Empfindlichkeit der USA bezüglich der Monroe-Doktrin stets abgewiesen.

[13]Levin, N. Gordon Jr. (1970): Woodrow Wilson And World Politics. America Response to War and

Revolution. New York. S. 69.

[14] Schwabe, S. 47.

[15]

[16] 18++ - 19++. Ein Jurist und Völkerrechtsexperte, der „den nationalistisch-anglophilen Republikanern im

Grunde näher (stand) als der Partei des Präsidenten“ (Schwabe, 1971, S. 49).

[17] Bericht Houses an Wilson, 24. Mai 1914. In: Hrsg: Pommerin, R. und Fröhlich M. (1996) Quellen zu den

Deutsch-Amerikanischen Beziehungen 1776-1917. Bd. 1. S. 167. In der Folge Quellen genannt.

[18] Press Conference, August 3, 1914. In: Dokumente. S. 198.

[19] Persönliche Aufzeichnung Houses, 15. April 1915, In: Quellen, S. 180.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Woodrow Wilson (1858 –1924). Evolution statt Revolution
Untertitel
Religiöse Moral, Liberalismus, idealistischer Internationalismus, Sachzwänge und Realpolitik
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Die USA von 1917 bis 2007
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V126811
ISBN (eBook)
9783640329557
ISBN (Buch)
9783640331406
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Woodrow, Wilson, Evolution, Revolution, Religiöse, Moral, Liberalismus, Internationalismus, Sachzwänge, Realpolitik
Arbeit zitieren
Oliver Löser (Autor), 2009, Woodrow Wilson (1858 –1924). Evolution statt Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126811

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