In dieser Arbeit sollen die Zusammenhänge zwischen der Expansion des Pressemarktes und der sprunghaft anwachsenden Nachfrage nach Lesestoff in Novellenform aufgezeigt werden. Dabei soll eine literaturwissenschaftliche Methode Anwendung finden, die Literatur im Feld mentaler, sozialer und kultureller Kontexte untersucht. Mit diesem Ansatz, der sich u.a. auf Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur stützt, soll vermieden werden, dass „Literaturgeschichte [...] als Anhäufung isolierter, autonomer Einzelwerke oder Dichterfiguren“ behandelt wird. Allerdings soll Literatur hier auch nicht als ein „bloßer Reflex auf ökonomische Umstände“ verstanden werden.
Die in der vorliegenden Arbeit verwendeten Fallbeispiele können veranschaulichen, wie die Beschaffenheit der Journale Einfluss nahm sowohl auf die Form der Novellen als auch auf Arbeitsweise und Selbstverständnis der Textproduzenten. Im Hintergrund dieser Explikationen stehen sowohl theoretische Arbeiten Pierre Bourdieus mit dem darin enthaltenen Grundgedanken des Literaturfeldes , in dem die Bereiche Autor und Verleger als in einem gemeinsamen Feld agierend und sich gegenseitig beeinflussend gedacht werden, als auch Niklas Luhmanns Systemtheorie, in welcher neben anderen Gesellschaftssystemen auch das insbesondere von Niels Werber herausgearbeitete System Literatur untersucht wird. Die von Bourdieu und Luhmann entwickelten Theorien brechen mit der Überzeugung von einer Hochliteratur, deren angebliche autonome Beschaffenheit ausschließlich text- und biografiebezogene Exegesen rechtfertigen sollen, und machen u. a. auf weitere Faktoren wie die Einflussmechanismen des Marktes auf den Literaturproduzenten und sein Produkt aufmerksam.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
I. Lesewut oder das explosionsartige Wachstum des Pressemarktes im 19. Jahrhundert
1.1. Voraussetzungen für die steigende Nachfrage nach Lesestoffen
1.2. Die Kapitalisierung des Buchmarktes
1.3. Die Macht der Zensur im Kampf mit Geist und Kapital
II. Novellenwut oder die Hochphase der deutschsprachigen Novellistik im 19. Jahrhundert
2.1. Begriffsbestimmung und Anfänge der Novelle
2.2 Hochphasen der Novelle und wechselnde Autorengenerationen
2.3 „Autoreninflation“ und „fabrikmäßige Literatur“ in der Novellistik des 19. Jahrhunderts
III. Die Wechselwirkungen zwischen Journalpresse und Novellenproduktion
3.1. Literaten werden zu Journalautoren
3.2. Die veränderte (soziale) Situation von Autoren um 1830: Der Berufs Schriftsteller als Literatur-Lieferant
3.3. Der Einfluss der Journal-Strukturen auf die novellistische Erzählprosa
IV. Exkurs: Die integrative Funktion des Erzählrahmens als Zweitverwertungsstrategie in deutschsprachigen Novellensammlungen des 19. Jahrhundert
V. Ausblick und Schlussbemerkung
5.1 Die weitere Entwicklung von Buchmarkt, Novellistik und Journalistik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
5.2 Die Novelle verschwindet wie ein fliehendes Pferd / Die Presse wird zum Leitmedium des 20. Jahrhunderts
5.3 Schlussbemerkung : Schwierigkeiten der Literaturwissenschaft mit dem kapitalisierten Literatur-Markt
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den engen Zusammenhang zwischen der massiven Expansion des Pressemarktes im 19. Jahrhundert und der zeitgleichen Blüte der Novellistik. Dabei wird analysiert, wie ökonomische Faktoren, veränderte Publikationsbedingungen in Journalen und der wachsende Einfluss der Presse auf das Leseverhalten die literarische Produktion, Formgebung und die soziale Rolle des Schriftstellers maßgeblich transformierten.
- Wechselwirkungen zwischen Literatur und Markt
- Transformation der Novelle zur Journalprosa
- Die ökonomische Situation des Schriftstellers im 19. Jahrhundert
- Rahmenerzählungen als Strategie der Zweitverwertung
- Systemtheoretische und soziologische Perspektiven auf das Literaturfeld
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Einfluss der Journal-Strukturen auf die novellistische Erzählprosa
Faktoren wie die Buchmarkt- und Medienorientierung der Herausgeber und die (auch auf die Autoren zurückwirkende) Erwartungshaltung der Leser sowie die regulative Wirkung erfolgreicher Werke sorgten, trotz regional und sozial unterschiedlicher Leserschaft, bei der Produktion von Novellen für die Etablierung relativ stabiler Erzählstrukturen: Eines der prägnantesten Merkmale war die Brechung von Prosatexten in Fortsetzungen. Diese Stückelung hatte für den Autor zur Folge, dass er das vom jeweiligen Herausgeber für dessen Journal festgelegte Stückelungsprinzip als Strukturprinzip seiner Erzählung übernehmen musste.
Zugleich hatte er dafür zu sorgen, dass sein Text trotz der Unterbrechungen nicht an Wirkung verlor. Für jeden Fortsetzungsteil standen in der Regel maximal zehn Druckseiten zur Verfügung, woraus sich auch ein ungefähres Richtmaß für einzelne Erzählkomponenten wie Bericht, Reflexion, Rückblick, Einschub und Binnen-Erzählung ergab mit dem Ziel, den Erzählzusammenhang für den Leser zu wahren.
Da ein kleinstrukturierter Erzähltext nicht beliebig lang fortgesetzt werden kann, erstreckten sich die Novellen in der Regel über etwa zehn Fortsetzungen mit einem Gesamtumfang von 40 bis 60 Seiten. Allerdings erschienen in speziellen Organen wie den Taschenbüchern und Almanachen auch längere Erzählungen, da solche Periodika in größeren Intervallen erschienen und für sie nur abgeschlossene Erzählungen infrage kamen, wenngleich auch diese Texte einen Umfang von etwa 80 Seiten nicht überschreiten durften. Die Umfangsbeschränkungen sowohl für die Fortsetzungsgeschichten als auch für die abgeschlossenen Erzählungen oder Novellen wurden durch das jeweilige Publikationsorgan festgelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie ökonomische und technische Bedingungen des 19. Jahrhunderts die Novellistik beeinflussten und stellt den theoretischen Rahmen (Bourdieu, Luhmann) vor.
I. Lesewut oder das explosionsartige Wachstum des Pressemarktes im 19. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet die technischen Voraussetzungen und die Kapitalisierung des Buchmarktes, die zur massenhaften Nachfrage nach Lesestoffen führten.
II. Novellenwut oder die Hochphase der deutschsprachigen Novellistik im 19. Jahrhundert: Hier werden die Definitionsversuche und die Entwicklung der Novelle als Gattung im 19. Jahrhundert sowie der inflationäre Gebrauch des Begriffs untersucht.
III. Die Wechselwirkungen zwischen Journalpresse und Novellenproduktion: Dieses Kapitel analysiert, wie die ökonomischen Zwänge der Journalpresse zur Professionalisierung von Autoren und zu spezifischen Erzählmustern führten.
IV. Exkurs: Die integrative Funktion des Erzählrahmens als Zweitverwertungsstrategie in deutschsprachigen Novellensammlungen des 19. Jahrhundert: Der Exkurs zeigt auf, wie der Erzählrahmen genutzt wurde, um in Journalen vorveröffentlichte Texte ökonomisch sinnvoll zu einem Buch zusammenzufassen.
V. Ausblick und Schlussbemerkung: Das Kapitel skizziert den weiteren Bedeutungswandel der Novellistik bis ins 20. Jahrhundert und reflektiert die lange Zögerlichkeit der Literaturwissenschaft gegenüber marktorientierten Aspekten der Literatur.
Schlüsselwörter
Novellistik, Pressemarkt, Journalismus, 19. Jahrhundert, Literaturbetrieb, Buchmarkt, Erzählrahmen, Sozialgeschichte, Literatursoziologie, Pierre Bourdieu, Niklas Luhmann, Autorenschaft, Leserevolution, Journalprosa, Literaturtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den engen Zusammenhang zwischen der industriellen Expansion des Pressemarktes im 19. Jahrhundert und der Entwicklung sowie dem Erfolg der Novellistik in diesem Zeitraum.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Rahmenbedingungen (wie dem Honorarsystem und Verlegervorgaben), technischen Fortschritten im Druckwesen und der Gestaltung literarischer Texte durch die Autoren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Markteinflüsse und journalistische Publikationszwänge die Gattung der Novelle geformt haben und warum Literatur nicht als isoliertes autonomes Werk, sondern als Teil eines sozioökonomischen Feldes verstanden werden sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Methode angewandt, die sich auf sozialgeschichtliche Ansätze (wie Hansers Sozialgeschichte) sowie soziologische Theorien von Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Voraussetzungen der Presseexpansion, die Gattungsgeschichte der Novelle, die Rolle der Journalautoren und den Einfluss der Publikationsmedien auf die Struktur und Ästhetik von Novellentexten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Novellistik, Pressemarkt, Literaturbetrieb, Journalismus, Zweitverwertung, Erzählrahmen und Literatursoziologie.
Warum war der Erzählrahmen laut der Arbeit so wichtig?
Er diente als integratives Mittel, um bereits in Zeitschriften verstreut publizierte Einzelnovellen in Buchform zu einem „größeren Werk“ zusammenzufassen, was eine zusätzliche Einnahmequelle für die Autoren bedeutete.
Wie veränderte sich die Rolle des Schriftstellers um 1830?
Autoren wurden durch den hohen Bedarf an Manuskripten zunehmend zu Berufsschriftstellern, die in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und merkantiler Notwendigkeit agierten, oft mit dem Zwang zum Vielschreiben.
Wie hat sich die Literaturwissenschaft zu diesem Thema verhalten?
Die Literaturwissenschaft hat den Einfluss des Marktes auf die Literatur lange Zeit ignoriert oder abwertend betrachtet, da sie sich primär auf eine ästhetische bzw. hermeneutische Analyse klassischer Werke konzentrierte.
Warum verschwand die Novelle laut der Arbeit als Leitgattung?
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor die Novellistik an Bedeutung, da neue Erzähltechniken wie der innere Monolog aufkamen und die Presse selbst zum dominierenden Leitmedium wurde, was die Literatur unter veränderten Druck setzte.
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- Christian Finger (Author), 2008, Wechselwirkungen zwischen expandierenden Pressemarkt und der Novellistik des deutschen Sprachraums zwischen Wiener Kongress und der Revolution von 1848, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127080