Korrelationen, so lehrt die Statistik, haben nichts mit Kausalität zu tun. Ähnliche Phänomene, die sich eventuell parallel entwickeln, müssen noch lange nicht die Folgen selber Ursachen sein. Zusammenhänge können zufällig sein, es kann eine dritte Größe verborgen bleiben. Dennoch mag es bezeichnend sein, dass sich parallel zur Entwicklung des Internets in den 1960ern die theoretische Aufarbeitung des Diskurs der Postmoderne entwickelte.
Nach Jean-François Lyotards zeichnet sich die Postmoderne durch die Skepsis gegenüber einem allgemein verbindlichen Konsens und die Anerkennung unausweichlicher gesellschaftlicher Differenzen und Inkommensurabilitäten aus. Postmoderne Werke sind sich nach Lyotard bewusst, dass es Undarstellbares gibt. Sinn ist es nicht Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu liefern, das nicht dargestellt werden kann. Inhalt der Postmoderne ist daher auch nicht die Negation der Moderne, sondern ihre Aktualisierung durch kritische Reflexion. Es ändern sich im postmodernen Film grundlegend die Inhalte. Im lyotardschen Sinne geschieht dies durch eine Abrückung von den Meta- zu Gunsten der kleinen Erzählungen (Lyotard 1994). Aber es ändern sich nicht nur das Was, sondern auch das Wie. Die Diskurse um Postmoderne und Gender haben grundlegenden Einfluss auf die Ästhetik des Films. Betroffen sind davon in erster Linie die Bildsprache und der Umgang mit den filmischen Mitteln. In ihrer Eigenschaft der Intertextualität kommt es zu einer Verwischung der Genre-, Gattungs- und Systemgrenzen innerhalb eines Werks. In semantischer Hinsicht versucht der postmoderne Film eine Verbindung von Wirklichkeit und Fiktion zu schaffen, in soziologischer Hinsicht einer Verbindung von elitärem und populärem Geschmack.
1965 prägte Ted Nelson den Begriff des Hypertextes, die nonlineare Organisation von unterschiedlichen Objekten, eine netzartige Struktur durch logische Verbindungen (Links) zwischen weiterführenden Wissenseinheiten (z.B. Texte oder Bilder).
Es mag daher Zufall oder das Bedürfnis einer Zeit sein, in verschiedenen Disziplinen einzelne "kleine Erzählungen" mit einem „Metatext“ zu verbinden. Der multivalente Spielfilm, der reflexive Dokumentarfilm, die Hyper- und Net-Filme, etc. berufen sich auf die Multivalenz, eine Mehrfachkodierung, die sich in der stilistischen Vielfalt und der nicht mehr reduzierbaren Heterogenität zeigt.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 FILMISCHE & VIDEOGRAPHISCHE UMSETZUNGEN...
2.1 ...der Multivalenz
2.2 ...des fragmentierten Subjekts
3 HYPERTEXTUELLE UMSETZUNGEN...
3.1 ...der elektronischen Datenräume
3.2 ...der Linkstruktur
4 NEUE GESTALTUNGSFORMEN
4.1 ...durch die Beatapher
4.2 ...durch Intermedialität
4.3 ...durch Interaktivität
5 PROBLEMFELDER – SYNKRETISMUS
6 ERGEBNISSE – ANALYSEMÖGLICHKEITEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen und gestalterischen Parallelen zwischen filmischen Werken und der Struktur von Hypertexten, insbesondere unter Berücksichtigung postmoderner Diskurse und neuer audiovisueller Gestaltungsformen.
- Multivalenz und Mehrfachkodierung im modernen Film
- Die Darstellung des fragmentierten Subjekts in audiovisuellen Medien
- Hypertextuelle Strukturen und Link-Ästhetik in der Net.art
- Neue Gestaltungsformen wie Beataphern und Interaktivität
- Methodische Ansätze zur Analyse multivalenter Werke
Auszug aus dem Buch
2.1 ...DER MULTIVALENZ
Bereits auf den ersten Blick ist klar, dass Filme zwar durch die Besonderheit ihrer Signifikantenstruktur gerade zu angewiesen sind, sich quasi zu verlinken. Dennoch kann bezüglich der Similtextualität niemals von einem nichtlinearen Objekt ausgegangen werden. Anders, als bei vergleichbaren Künsten, ist der Film immer linear, immer in gewissen Sinne literarisch. Es gibt einen klaren Anfang, ein klares Ende, der Verlauf der Handlung und die damit verbundene Rezeption kann nicht aktiv gestaltet werden. Die Querverweise funktionieren daher weniger offensichtlich, sind von Frame zu Frame fixer Bestandteil und eingebunden in den filmischen Verlauf.
Im Gegensatz zum literarischen Text hat der filmische Text jedoch ähnlich dem Hypertext ebenso leicht und fast zwingend die Möglichkeit auf Querverweise außerhalb des Mediums hinzuweisen. Ein Beispiel hierfür wäre Gerda Lampalzers Experimentalfilm Österreich im Kettenhemd (2005). In einer Remontage spricht Wolfgang Schüssel zum Gedankenjahr 2005. Gerda Lampalzer arbeitet in dieser Remontage mit Assoziationen zur österreichischen Tagespolitik, im Besonderen zu den zahlreichen Reden und politischen Diskussionen im Zuge des Österreich-Gedenkjahres 2005. Anders als in literarischen Texten kann Lampalzer hier die ikonographische Struktur der Signifikantenkette nutzen. Zeichen und Bezeichnendes fallen zusammen - was durch die Montagestruktur zusätzlich hervorgehoben wird.
Wird der Pluralismus als allumfassendes gestalterisches Stilmittel des Films bevorzugt, erfolgt die Umsetzung dieses Anspruchs durch die so genannte Doppel- oder auch Mehrfachkodierung. Diese Kodierung beinhaltet Gegensatzpaare, wie alt-neu, elitär-populär. Um dies sinnvoll in ein und dem selben Werk erreichen zu können, bedient sich der Film - neben der ausgeklügelten Überlagerung der Ebenen Bild, Ton, Schnitt und Aufzeichnung - an Mitteln, wie der Parodie, Verschiebung, Ellision und anderen Formen. Der Widerspruch und die Spannung, die dadurch entstehen, sind besonders in den audiovisuellen Medien kennzeichnend und bereiten dem Publikum große Lust.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Diese Einleitung führt in die postmoderne Thematik ein und erläutert die Relevanz der nichtlinearen Hypertext-Struktur für moderne filmische Erzählweisen.
2 FILMISCHE & VIDEOGRAPHISCHE UMSETZUNGEN...: Das Kapitel befasst sich mit der Multivalenz als filmisches Mittel und analysiert die Darstellung von Identität durch das fragmentierte Subjekt.
3 HYPERTEXTUELLE UMSETZUNGEN...: Hier werden die Übertragbarkeit digitaler Datenräume auf den Film sowie die spezifischen Linkstrukturen innerhalb netzbasierter Kunstformen untersucht.
4 NEUE GESTALTUNGSFORMEN: Dieses Kapitel erläutert innovative ästhetische Konzepte wie die Beatapher, Intermedialität und Interaktivität als Werkzeuge moderner Medienproduktion.
5 PROBLEMFELDER – SYNKRETISMUS: Der Abschnitt diskutiert die methodische Abgrenzung zwischen reflexiver Postmoderne und diffusem Postmodernismus sowie die Gefahren des Synkretismus.
6 ERGEBNISSE – ANALYSEMÖGLICHKEITEN: Der abschließende Teil bietet eine qualitative Analyse-Systematik, um multivalente filmische Werke in Bezug auf ihre Struktur und inhaltliche Aussagekraft zu untersuchen.
Schlüsselwörter
Postmoderne, Multivalenz, Hypertext, Filmtheorie, fragmentiertes Subjekt, Intermedialität, Interaktivität, Beatapher, Net.art, Synkretismus, Filmanalyse, Mehrfachkodierung, digitale Medien, Ästhetik, Diskursanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen und formalen Schnittstellen zwischen dem filmischen Erzählen und den Prinzipien des Hypertexts in der postmodernen Medienlandschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Kernbereichen zählen die Multivalenz im Film, die Rolle der Interaktivität in der digitalen Kunst (net.art) sowie die Analyse von Identitätskonstruktionen durch das fragmentierte Subjekt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich filmische Strukturen durch den Einfluss von Hypertextualität wandeln und welche neuen analytischen Ansätze notwendig sind, um diese komplexen, mehrfach kodierten Werke zu verstehen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring sowie auf kulturwissenschaftliche Diskursanalysen, um sowohl inhaltliche als auch formale Aspekte der untersuchten Werke zu durchdringen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung filmischer Umsetzungsmöglichkeiten, die Analyse hypertextueller Datenräume und die Erläuterung neuer gestalterischer Mittel wie Intermedialität und Interaktivität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Multivalenz, Postmoderne, Hypertextualität, Beatapher und das Konzept des fragmentierten Subjekts.
Was bedeutet in diesem Kontext der Begriff „Beatapher“?
Die Beatapher beschreibt ein gestalterisches Mittel, bei dem Emotionen, Träume oder Musik in postmodernen Werken nicht mehr literarisch, sondern metaphorisch und metonymisch visualisiert werden, ähnlich der Rhythmik in der Pop-Musik.
Warum wird der Begriff des „Synkretismus“ in der Arbeit kritisch beleuchtet?
Der Synkretismus wird diskutiert, um eine methodische Abgrenzung zwischen einem bewussten, reflexiven Umgang mit medialer Vielfalt und einer diffusen, beliebigen Aneinanderreihung von Inhalten vorzunehmen.
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- Carola Unterberger-Probst (Author), 2005, Der Filmische Hypertext, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127085