Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit einem elementaren Aspekt der sowjetischen Lebensgestaltung, der Kindererziehung. Genauer soll es um den Umgang mit den Straßenkindern innerhalb der Sowjetunion gehen und darum, etwaige Unterschiede zur Gründungszeit unter Wladimir Iljitsch Lenin gegenüber dem späteren Vorgehen zur Zeit Josef Stalins zu untersuchen und zu vergleichen.
In Folge der Oktoberrevolution 1917 formierte sich auf dem Gebiet des zerfallenden Russischen Kaiserreichs die 1922 gegründete Sowjetunion. Diese war de jure eine Räterepublik, wobei de facto die staatliche Gewalt in den Händen einer Einheitspartei, der Kommunistischen Partei Russlands/der Sowjetunion, lag und deren Führung rasch eine totalitäre Herrschaft etablierte.
Beinahe 70 Jahre lang bestimmte so die offiziell nach den kommunistischen Grundsätzen handelnde Führung das Leben unzähliger Menschen im sowjetischen Bundesstaat und unterwarf all seine Bürger jenem höheren Ziel. Wenn wir an diese Zeit zurückdenken, dann kommen uns gleich die großen Führungspersönlichkeiten der Sowjetunion in den Sinn: Lenin, Stalin, Chruschtschow oder Gorbatschow. Insbesondere hierzulande denken wir an den Eisernen Vorhang, den Ostblock, Planwirtschaft, Bespitzelung und den Kalten Krieg, vielleicht sogar Filmstreifen wie James Bond oder Jagd auf Roter Oktober.
Als Grundlage der Betrachtung dienen hierbei die Werke einschlägiger Historiker wie Alan M. Ball, Catriona Kelly, Margaret K. Stolee und Kathleen Beger. Es gibt hierzu einen umfangreichen Katalog an Literatur zu sämtlichen Lebensfacetten innerhalb der Sowjetunion. Insbesondere das renommierte Werk "And Now My Soul is Hardened" von Alan Ball wird hierbei Aufschluss über die Gegebenheiten der 1920er Jahre geben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Straßenkinder
Beznadzorniki
Besprizorniki
Das Leben auf der Straße
Kinder der Revolution
Ideologische Grundlage
Kompetenzfragen
Lösungskonzepte
Pläne vs. Realität
Stalinismus und Straßenkinder
Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der sowjetischen Straßenkinder und analysiert den staatlichen Umgang mit dieser vulnerablen Bevölkerungsgruppe, wobei der Fokus auf den Unterschieden zwischen der Ära unter Wladimir I. Lenin und der nachfolgenden Periode des Stalinismus liegt.
- Phänomenologie der "Beznadzorniki" und "Besprizorniki"
- Strukturen des sowjetischen Verwaltungsapparates im Bereich der Fürsorge
- Entwicklung und Umsetzung staatlicher Lösungskonzepte in den 1920er Jahren
- Ideologischer Wandel und Repression im stalinistischen Umgang mit der Jugend
- Vergleich der staatlichen Effektivität und deren Folgen für die Lebenswirklichkeit der Kinder
Auszug aus dem Buch
Diebesbanden, welche aus älteren Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren bestanden und bereits mehrere Monate auf der Straße lebten. Sie stahlen alle Güter von Wert für die Bande und gaben auf die jüngeren Bandenmitglieder Acht, wenn diese in Auseinandersetzungen gerieten.
Deutlich prekärer war indes ein anderes Problem. Viele der Straßenkinder wiesen eine Abhängigkeit von Betäubungsmitteln auf: Alkohol, Kokain, Cannabis sowie diverse starke Opioide zählten hierbei zu den am weitesten verbreiteten Drogen.
Diese suboptimalen Lebensbedingungen, d.h. elende Lebensumstände, gesellschaftliche Isolation und eine fehlende Zukunftsperspektive waren es, welche dafür sorgten, dass das soziale Geflecht einer Bande, als Leidensgemeinschaft oder Ersatzfamilie, so attraktiv für die sonst auf sich gestellten Straßenkinder wurde.
Innerhalb solch einer Bande gab es klare Aufgabenverteilungen und Hierarchien, denen sich die Neuankömmlinge unterzuordnen hatten, dafür genossen Sie dann die Vorteile einer Solidargemeinschaft, etwa den Schutz der Gruppe gegenüber äußeren Feinden oder die günstigeren Erfolgsaussichten, wenn es um das Beschaffen oder Aufteilen von Geld, Nahrung und anderen Gütern ging.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die historische Zäsur der Oktoberrevolution sowie Vorstellung der Problematik der Kindererziehung und des Umgangs mit Straßenkindern in der Sowjetunion.
Straßenkinder: Definition und Kategorisierung der verschiedenen Gruppen von Straßenkindern sowie Beschreibung ihres Lebensalltags unter prekären hygienischen und sozialen Bedingungen.
Kinder der Revolution: Analyse der ideologischen Grundlagen der bolschewistischen Kinderpolitik und der Versuche, die Erziehung des Nachwuchses staatlich zu lenken.
Kompetenzfragen: Untersuchung des komplexen und oftmals ineffizienten sowjetischen Verwaltungsapparates, in dem verschiedene Ministerien und Kommissionen um Zuständigkeiten rangen.
Lösungskonzepte: Darlegung der staatlichen Strategien zur Unterbringung, Kategorisierung und pädagogischen Rehabilitation in Heimen und Arbeitskolonien.
Pläne vs. Realität: Gegenüberstellung der theoretischen Zielsetzungen mit den praktischen Misserfolgen aufgrund von Ressourcenknappheit, Hungersnöten und bürokratischer Überforderung.
Stalinismus und Straßenkinder: Ausführliche Betrachtung des Wandels hin zu einer autoritären Politik, die unter dem Einfluss des NKWD zur Kriminalisierung der Kinder beitrug.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der zwei Epochen und Feststellung, dass trotz massiver staatlicher Anstrengungen keine nachhaltige Integration der Kinder gelang.
Schlüsselwörter
Besprizorniki, Beznadzorniki, Sowjetunion, Straßenkinder, Bolschewiken, Narkompros, Kinderheime, Stalinismus, NKWD, Jugendkriminalität, Sozialfürsorge, Kollektivismus, Erziehung, Revolution, Obdachlosigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser historischen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation obdachloser Kinder in der Sowjetunion vom Ende der Oktoberrevolution bis in die späten 1930er Jahre.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Neben der Definition verschiedener Kindergruppen werden die staatlichen Institutionen, deren Erziehungskonzepte sowie die Auswirkungen des stalinistischen Terrors auf die Jugend untersucht.
Was ist das primäre Forschungsziel der Untersuchung?
Ziel ist der Vergleich des Umgangs mit Straßenkindern zwischen der frühen sowjetischen Ära unter Lenin und der späteren, autoritär geprägten Periode des Stalinismus.
Welche wissenschaftliche Methode nutzt der Autor?
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die auf Literaturanalyse, der Auswertung wissenschaftlicher Fachwerke und zeithistorischer Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die administrative Zuständigkeitsanalyse, die Beschreibung der Lösungskonzepte der 1920er Jahre bis hin zum rigiden Wandel durch den stalinistischen Staatsapparat.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit geprägt?
Zentrale Begriffe sind Besprizorniki, die Rolle des Narkompros, der Wandel zu staatlich verordneten Erziehungskollektiven sowie die spätere Involvierung des NKWD.
Welche Rolle spielte die "Detkommissija" in diesem Kontext?
Die Detkommissija war eine Kommission des Innenministeriums, die ab 1921 eingerichtet wurde, um das Problem der Obdachlosigkeit unter Kindern mit oft sehr strikten, teils zwangsweisen Programmen zu bekämpfen.
Wie änderte sich die Behandlung straffällig gewordener Jugendlicher im Laufe der 1930er Jahre?
Die anfängliche pädagogische Ausrichtung wich einer zunehmenden Kriminalisierung, die 1935 in der Senkung der Strafmündigkeitsgrenze auf 12 Jahre und häufigen Haftstrafen in Arbeitslagern gipfelte.
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- Fabian Lenz (Autor:in), 2022, Straßenkinder zwischen Revolution und Terror. Kindheit in der Sowjetunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1271888