Da das methodische Grundprinzip der Sprachwissenschaft bis Mitte der 60er Jahre auf einer idealisierenden Homogenitätsannahme beruhte, der zufolge alle Sprecher eines Systems dieselben sprachlichen Oppositionen realisieren und erkennen, ergaben sich Schwierigkeiten, die tatsächliche Heterogenität der historischen Einzelsprachen in bezug auf regionale, soziale und stilistische Varianten zu erfassen. Eugenio Coseriu, welcher diesen Mangel des Strukturalismus am deutlichsten wahrnahm, unterschied daher die Ebene der „funktionellen Sprache“ und jene der „Architektur der Sprache“. Letztere trägt der faktischen Untergliederung eines Systems in mehrere Subsysteme Rechnung.* Doch stellen Diatopik,
Diastratik und Diaphasik theoretische Konstrukte dar, die in der Praxis nicht klar voneinander abgegrenzt erscheinen, sondern sich vielmehr überlagern. Schließlich kann ein und dieselbe Sprachstruktur in bezug auf mehrere Dimensionen markiert sein. – Was die Unterscheidung zwischen gesprochener und geschriebener Sprache anbelangt, so ist zwar umstritten, ob ihr ebenfalls der Rang einer eigenständigen Variation im Sinne Coserius zukommt, feststeht aber, daß beide Aspekte bis zu einem bestimmten Grad auf eigenen Regeln beruhen, welche wiederum mit den übrigen Dimensionen gewisse Interferenzen eingehen. Das Endziel der vorliegenden Arbeit besteht darin zu zeigen, in welchem Verhältnis diastratische und „diamesische“ Ebene zueinander stehen, bzw. wie sich der Gegensatz aus ‚gesprochen’ und ‚geschrieben’ in Beziehung setzten läßt zu jenem aus höheren und niederen Sprachniveaus. Zuvor soll jedoch herausgearbeitet werden, inwiefern die Ebenen jeweils in sich differenziert sind. Daher widmen sich Kapitel 1 und 2 zunächst beiden Gegensatzpaaren einzeln. Während in Kapitel 1 der Unterscheidung zwischen Konzeption und Medialität eine übergeordnete Rolle zukommt, wird das darauffolgende Kapitel die Opposition zwischen höheren und niederen Niveaus mit Hilfe zweier unterschiedlicher Ansätze zu erklären versuchen. Bedingt durch Veränderungen in der Sozialstruktur moderner Gesellschaften, zeigt
auch die jüngere Sprachgeschichte Frankreichs eine Tendenz zur Auflösung diastratischer Differenzen, und zwar zugunsten einer Zunahme an diaphasischen Varietäten. Dieser Umstand, welcher Gegenstand des dritten Kapitels ist, beeinflußt automatisch die in Kapitel 4 vorgenommenen Zuordnungen, und sollte deshalb ebenfalls berücksichtigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gesprochene Sprache und geschriebene Sprache
2.1 Die Unterscheidung von code phonique/graphique und code parlé/écrit
2.2 Zum Verhältnis von code phonique und code graphique
2.2.1 Inkongruenz von graphischem und phonischem Zeicheninventar
2.2.2 Divergenzen bei morphologischen Markierungen
2.2.3 Metasprachliche Informationsleistung
2.3 Zum Verhältnis von code parlé und code écrit
2.3.1 Grad der Partizipation
2.3.2 Grad der Situationsidentität
2.3.3 Planungsgrad – Spontaneitätsgrad
2.3.4 Grad der persönlichen Betroffenheit
2.4 ‚Gesprochen’ und ‚geschrieben’ als eigenständige Varietätendimension ?
3 Höhere und niedere Sprachniveaus
3.1 High versus Low: Der Diglossiebegriff nach Charles A. Ferguson
3.2 Elaborated code versus restricted code: Die Defizitkonzeption nach Basil Bernstein
4 Zum Übergang zwischen diastratischer und diaphasischer Variation
5 Code écrit und code parlé im Verhältnis zu höheren und niederen Sprachniveaus
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen diastratischer (schichtspezifischer) und diamesischer (gesprochen/geschrieben) sprachlicher Variation. Dabei wird analysiert, wie sich die Opposition zwischen gesprochener und geschriebener Sprache zu den Kategorien höherer und niederer Sprachniveaus in Beziehung setzen lässt, insbesondere am Beispiel des Französischen.
- Grundlagen und Abgrenzung von gesprochener und geschriebener Sprache
- Analyse der Diglossie-Theorie nach Charles A. Ferguson
- Untersuchung der Defizitkonzeption von Basil Bernstein (Elaborated vs. Restricted Code)
- Übergang von diastratischer zu diaphasischer Variation in modernen Gesellschaften
- Strukturelle und soziale Aspekte der Sprachverwendung
Auszug aus dem Buch
2.3.3 Planungsgrad – Spontaneitätsgrad
Die Simultaneität beider Vorgänge ist charakteristisch für die mündliche Kommunikation. Zusammen mit der Flüchtigkeit phonisch realisierter Sprache bewirkt sie, daß sowohl En- als auch Dekodierung irreversibel sind. Vom Sender einmal begangene Sprachfehler sind für den Empfänger wahrnehmbar. Gleiches gilt für Pausen, Flickwörter, Gliederungssignale etc. Im Gegensatz zur schriftlichen Kommunikation können Korrekturen und Modifikationen nur als Hinzufügung vorgenommen werden, nicht aber als Ersatz. Daraus folgt automatisch eine höhere Redundanz. Die Nicht-Simultaneität von En- und Dekodierung in der geschriebenen Sprache sowie deren graphische Fixierung erlauben nicht nur dem Sender, unmerklich Korrekturen und Veränderungen vorzunehmen, sondern auch dem Empfänger, einzelne Elemente beliebig oft nachzulesen. Entscheidend ist, daß sich der Faktor der (Dis)Simultaneität unmittelbar auf die Realisierungsdauer auswirkt und damit auf den Planungs- bzw. Spontaneitätsgrad einer Äußerung. Da die Realisierungsdauer im code écrit theoretisch unbegrenzt ist, läßt sich die Rede in aller Ruhe planen und bei Bedarf revidieren. Dies ermöglicht sowohl komplexere Satzstrukturen als auch eine höhere semantische Präzision und Variabilität, wodurch wiederum das Fehlen eines situativen Kontexts kompensiert werden kann. Der code parlé konstituiert hingegen Rede unter hohem Zeitdruck, sozusagen aus dem Zwang des Augenblicks heraus. Sein hoher Spontaneitätsgrad schlägt sich u.a. nieder in Erscheinungen wie Fehlstarts, Selbstkorrekturen, Hesitationsphänomenen, holophrastischem Diskurs, relativer Einfachheit und Kürze, Ellipsen, Parataxe oder sogenannten Schwammwörtern (chose, truc, machin...). Mit einigen dieser Merkmale verschafft sich der Sender mehr Zeit, um seine Rede zu planen. Die durch den geringen Planungsgrad erzwungene strukturelle Einfachheit besteht sowohl auf syntagmatischer Ebene, wo sie beispielsweise in kurzen, verblosen Sätzen zutage tritt, als auch auf paradigmatischer Ebene, wo u.a. der häufige Gebrauch von Präsentativen wie c’est und il y a oder von on statt nous zu nennen wäre. Ellipsen, Einsparungen oder unausgesprochene Gedanken stellen keine echten Formen der Unvollständigkeit dar. Mit ihnen nutzt der Textproduzent vielmehr die Einbettung seiner Äußerung in einen situativen Kontext, der die Informationslücken schließt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die methodische Problematik der sprachlichen Homogenitätsannahme und die Zielsetzung der Arbeit, die Konzepte der gesprochenen und geschriebenen Sprache mit diastratischen Sprachniveaus zu verknüpfen.
2 Gesprochene Sprache und geschriebene Sprache: Systematische Differenzierung zwischen medialen Bedingungen (code phonique/graphique) und konzeptionellen Ebenen (code parlé/écrit) unter Berücksichtigung linguistischer Modelle.
3 Höhere und niedere Sprachniveaus: Erläuterung der soziolinguistischen Konzepte von Diglossie nach Ferguson und der Defizitkonzeption nach Bernstein zur Erklärung schichtspezifischer Sprachunterschiede.
4 Zum Übergang zwischen diastratischer und diaphasischer Variation: Analyse des gesellschaftlichen Wandels und der zunehmenden Pluralisierung, die zu einer Verschiebung von sozialen Schichtmarkern hin zu diaphasischen Varietäten führt.
5 Code écrit und code parlé im Verhältnis zu höheren und niederen Sprachniveaus: Synthese der zuvor behandelten Modelle und kritische Auseinandersetzung mit der Verquickung von Code- und Registerbezeichnungen.
Schlüsselwörter
Gesprochene Sprache, geschriebene Sprache, Code, Register, Sprachniveau, Diastratik, Diaphasik, Diglossie, Elaborated Code, Restricted Code, Soziolekt, Sprachvarietät, Französisch, Kommunikation, Sprachnorm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache sowie deren Einordnung in soziale Sprachniveaus, schwerpunktmäßig am Beispiel des Französischen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung zwischen medialer und konzeptioneller Sprachrealisierung, soziolinguistische Ansätze wie Diglossie und Bernstein'sche Sprachcodes sowie die Entwicklung von sozialen hin zu diaphasischen Sprachvarietäten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie sich der Gegensatz von ‚gesprochen‘ und ‚geschrieben‘ zu dem Gegensatz von ‚höheren‘ und ‚niederen‘ Sprachniveaus in Beziehung setzen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Analyse und theoretische Aufarbeitung soziolinguistischer Konzepte auf Basis bestehender Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Grundlegung der Code-Unterscheidung, die Analyse der Diglossie und der Defizitkonzeption sowie die soziologische Betrachtung des Wandels von Schichtsprachen zu diaphasischen Registervariationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Diastratik, Diaphasik, Code, Register, Sprachnorm, Diglossie und Sprachwandel charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen "Code parlé" und "Code écrit"?
Diese Unterscheidung ist essenziell für die konzeptionelle Einordnung von Sprache, da sie unabhängig vom Medium (phonisch oder graphisch) Regeln und Strukturen definiert, die für den jeweiligen Modus typisch sind.
Wie verändert sich die Sprachschichtung laut dem Autor?
Der Autor stellt fest, dass sich die Sprachschichtung von einer ehemals sozial motivierten (diastratischen) Klasseneinteilung hin zu einer stärker diaphasischen Schichtung wandelt, was durch die gesellschaftliche Pluralisierung bedingt ist.
- Citation du texte
- Thomas Roghmann (Auteur), 2007, Gesprochene und geschriebene Sprache im Verhältnis zu höheren und niederen Sprachniveaus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127997