Das interpretative Paradigma, das sich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Gegenentwurf zu positivistisch orientierter quantitativer Sozialforschung entwickelte, wagt mit einem neuartigen Konzept der biographischen Fallarbeit einen Vorstoß in die pädagogische Praxis. Die vorliegende Arbeit untersucht, welchen Beitrag dieses neuartige Konzept leisten kann, um die Zusammenarbeit zwischen Professionellen und ihren Klienten zu verbessern. Diese Analyse kann m.E. nicht durchgeführt werden, ohne die makrosozialen und mikrosozialen Schwierigkeiten im Auge zu behalten, in welche die Soziale Arbeit als Profession eingebettet ist. Im ersten Kapitel wird das bereits erwähnte Konzept v.a. anhand der druckfrischen Publikation „Biographische Fallarbeit“ von Birgit Griese und Hedwig Griesehop knapp vorgestellt, wobei nicht alle Prämissen und Arbeitsschritte, die das Konzept der Biographischen Fallarbeit umfassen, ausführlich erläutert werden können, was der Verfasserin hoffentlich nicht als ignorante Haltung ausgelegt wird.
Im zweiten Kapitel werden die Einschränkungen, denen sich die Profession nach Auffassung der Verfasserin auf mehreren Ebenen stellen muss, herausgearbeitet:
1. Mangelndes öffentliches Verständnis für teure und wenig Erfolg versprechende
Maßnahmen für die Klienten, woraus sich:
2. Finanzieller/ personeller Notstand in den Organisationen ergibt.
Bei gleichzeitiger:
3. mangelnder Akzeptanz der Pädagogischen Profession
3.a.: seitens anderer Professionen, z.B. Medizin (vgl. Anamnese)
3.b.: seitens der Bevölkerung
Bei gleichzeitiger:
4. hoch problematischer Gesamtsituation der Klientel
Den Abschluss der vorliegenden Arbeit bildet eine Diskussion über die Frage, inwiefern es realistisch ist, eine neue aufwändige Methode innerhalb der Sozialen Arbeit zu etablieren.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die rekonstruktive Sozialforschung im Bereich der Sozialen Arbeit
2. Die pädagogische Profession im Spannungsfeld von Organisation, Öffentlichkeit und fallspezifischen Problemlagen
2.1 Die Profession im Dialog mit der Öffentlichkeit
2.2 Der soziale Erwartungshorizont
2.1.2 Der wissenschaftliche Erwartungshorizont
2.2 Das Image der pädagogischen Profession
2.3 Hindernisse für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Klienten
3. Schluss
4. Literatur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den potenziellen Beitrag der angewandten Biographieforschung zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Professionellen und ihren Klienten, wobei insbesondere die strukturellen, organisatorischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kritisch reflektiert werden.
- Anwendung der Biographieforschung und narrativer Identitätskonzepte in der sozialen Praxis.
- Analyse der Spannungsfelder zwischen pädagogischer Intervention, bürokratischen Organisationszwängen und öffentlicher Wahrnehmung.
- Untersuchung der professionellen Identität im Kontext von Fremdverstehen und sozialen Ungleichheitsstrukturen.
- Kritische Diskussion der Belastungen, Erwartungshorizonte und Paradoxien im professionellen pädagogischen Handeln.
Auszug aus dem Buch
Die pädagogische Profession im Spannungsfeld von Organisation, Öffentlichkeit und fallspezifischen Problemlagen
Die pädagogische Profession ist, wie bereits gesehen wurde, von der Gesellschaft mit der Lizenz ausgestattet, die Fälle zu bearbeiten, die in die Lage geraten sind, ihr Leben, zumindest zeitweise nicht selbständig meistern können, was sich, individuell betrachtet, in einem Erleidensprozess für den Betroffenen, volkswirtschaftlich gesehen, in einer negativen Bilanz seiner Partizipation am allgemeinen Wohlstand niederschlägt.
2.1 Die Profession im Dialog mit der Öffentlichkeit
In Bezug auf ihre Ergebnisse im zu bearbeitenden Feld muss sich die Profession mit der öffentlichen Meinung auseinandersetzen, die diese Arbeit bewertet, da sie dieselbe, durch die soziale Verteilungslogik der staatlichen Wohlfahrtssysteme, finanziert.
2.2 Der soziale Erwartungshorizont
Da es sich bei den Klienten des Sozialwesens größtenteils um sozialstrukturell benachteiligte Fälle handelt, sind dem öffentlichen Verständnis für das subjektive Erleiden der Betroffenen Grenzen gesetzt.
Es handelt sich hierbei um einen Konflikt zwischen Überlegenen und Unterlegenen, dessen Wirkmechanismen Elias und Scotson in ihrer Studie „Etablierte und Außenseiter“ plausibel herausgearbeitet haben. Für dieselben ist es eine Tatsache,
„dass fast alle Gesellschaften bestimmte andere Gruppen als Gruppen eines niedrigeren Status und geringeren Werts stigmatisieren. Vielfältige Stereotypen dienen diesem Zweck. Traditionell wird der Begriff ‚Vorurteil’ als einheitliches Symbol für Gruppenverachtung in Wort und Tat benutzt. Aber die Natur des Vorurteils, der Grund, warum eine Etablierten- eine Außenseitergruppe als tieferstehend und minderwertig ansieht, bleibt in der Regel ungeklärt. (...) Der eine [Grund, warum überlegene Gruppen unterlegene stigmatisieren, S.Z.] betrifft die Eigenart des menschlichen Gruppenstolzes. Er ist eng verknüpft mit dem persönlichen Stolz von Menschen. (...) Sozialer Stolz kann, muss aber nicht mit dem Status oder der Funktion eines Menschen in der Gesellschaft verbunden sein“ (...) (dies. 2002: 304ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet soziale Ungleichheit als elementares Merkmal und diskutiert den Übergang von verwandtschaftlichen Strukturen hin zu einer bürokratisch organisierten Moderne, in welcher der Sozialarbeiter agiert.
1. Die rekonstruktive Sozialforschung im Bereich der Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel stellt Ansätze der interpretativen Sozialforschung sowie das Konzept der biographischen Fallarbeit vor, um die hermeneutische Bearbeitung von Lebensgeschichten in der Praxis zu fundieren.
2. Die pädagogische Profession im Spannungsfeld von Organisation, Öffentlichkeit und fallspezifischen Problemlagen: Es wird analysiert, welchen institutionellen und gesellschaftlichen Zwängen die Pädagogik unterliegt und wie diese die professionelle Interaktion mit Klienten erschweren.
2.1 Die Profession im Dialog mit der Öffentlichkeit: Hier wird thematisiert, dass die Profession sich einer Bewertung durch eine Öffentlichkeit stellen muss, die die soziale Arbeit primär durch eine ökonomische Verteilungslogik finanziert.
2.2 Der soziale Erwartungshorizont: Der Abschnitt arbeitet den Konflikt zwischen etablierten gesellschaftlichen Gruppen und sozial benachteiligten Klienten als stigmatisierungsträchtiges Spannungsfeld heraus.
2.1.2 Der wissenschaftliche Erwartungshorizont: Es wird untersucht, wie ein durch die Medizin geprägtes positivistisches Wissenschaftsverständnis die Erwartungen an pädagogische Interventionen verzerrt.
2.2 Das Image der pädagogischen Profession: Dieses Kapitel erörtert die mikro- und makrosoziologischen Folgen der gesellschaftlichen Abwertung pädagogischer Arbeit, etwa in Bezug auf finanzielle Ressourcen und berufliches Prestige.
2.3 Hindernisse für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Klienten: Der Fokus liegt auf den systemimmanenten Schwierigkeiten beim Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, bedingt durch institutionelle Rahmenbedingungen und gegenseitige Fremdheit.
3. Schluss: Das Schlusskapitel resümiert die Möglichkeiten und Grenzen einer aufwändigen biographischen Fallarbeit in der Praxis angesichts der realen gesellschaftlichen Bedingungen.
4. Literatur: Das Literaturverzeichnis listet sämtliche verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Referenzen auf.
Schlüsselwörter
Biographieforschung, Soziale Arbeit, Pädagogische Profession, Soziale Ungleichheit, Narrative Identität, Bürokratie, Fallarbeit, Fremdverstehen, Professionelles Handeln, Soziale Wohlfahrtssysteme, Organisation, Erwartungshorizont, Lebensgeschichte, Interaktion, Empowerment
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie angewandte Biographieforschung dazu beitragen kann, pädagogische Interventionen in der Sozialen Arbeit zu verbessern, indem sie das Fremdverstehen fördert und eine ganzheitliche Fallbetrachtung ermöglicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die soziologische Fundierung sozialer Ungleichheit, die institutionellen Bedingungen der Sozialarbeit, das Image pädagogischer Professionen sowie die methodischen Herausforderungen interpretativer Verfahren im Arbeitsalltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu erörtern, ob die Etablierung aufwändiger biographischer Fallarbeitsmethoden in der Praxis der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund struktureller und bürokratischer Zwänge realistisch und umsetzbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie der Auseinandersetzung mit Ansätzen der rekonstruktiven Sozialforschung, insbesondere dem Paradigma der Narrativen Identität und der biographischen Fallarbeit nach Griese und Griesehop.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Spannungsfelder zwischen Organisation und Klientel, die öffentliche Wahrnehmung der Sozialarbeit, den Einfluss medizinischer Therapiekonzepte auf pädagogische Erwartungen sowie spezifische Paradoxien des professionellen Handelns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Biographieforschung, Soziale Arbeit, Narrative Identität, professionelle Identität, soziale Ungleichheit, bürokratische Organisation und hermeneutisches Fallverstehen.
Warum ist das Image der pädagogischen Profession nach Ansicht der Autorin so problematisch?
Das Image leidet unter einer gesellschaftlichen Geringschätzung, die aus der "weiblichen" Verortung der Erziehungsarbeit, der Einordnung der Erziehungswissenschaft als "weiche" Wissenschaft und dem Fehlen standardisierter "Erfolgsgarantien" wie in der Schulmedizin resultiert.
Wie wirkt sich die bürokratische Organisation auf den Sozialarbeiter aus?
Die bürokratische Organisation steht im Widerspruch zum fallbezogenen, ganzheitlichen Arbeiten. Dies führt dazu, dass Sozialarbeiter oft Gefahr laufen, zu reiner Symptombekämpfung oder einer zynisch-distanzierten Verwaltung des Klientenelends zu tendieren.
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- Sabine Zimmermann (Author), 2007, Biographieforschung und soziale Wirklichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128489