Günther Jacob erarbeitet in seinem Diskurs „Was ist ein Protestsong?“ den Gedanken, dass ein kollektives Phantasma nötig ist, damit im Hörer „...die Illusion von realer Anwe-senheit solcher Verfassungen [z.B. einer depressiven Gemütsverfassung] und [politischer] Haltungen produziert [wird]. Dieses Phantasma lässt sich im Prinzip ebenso ein- und aus-schalten, wie man eine „depressive“ gegen eine „radikale“ CD austauschen kann.“2 Diese Auffassung würde bedeuten, dass die Wahrnehmung eines Stückes als Protestsong, nur dadurch möglich ist, dass der Mensch, ausgelöst durch die Musik, sich Phantasmen erstellt.
Der Mensch interpretiert demnach eine Haltung in die Musik hinein, ohne dass die Musiksie selber leistet.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Ereignis „Rock gegen Rechts“
1.1. Das Vorbild für „Rock gegen Rechts“
1.2. Entstehung des Festivals
1.3. Konsequenzen
2. Wie kann Rock „gegen Rechts“ sein?
2.1. Ist Protestmusik nur eine Einbildung?
2.2. Autonomie von Musik
3. Rock mit politischer Haltung
3.1. Das Sogenannte Linksradikale Blasorchester
3.2. „Ohne dass ich sagen würde, ich bin der neue Führer“
3.3. Stellungnahme
4. Wurde die Rockmusik missbraucht?
4.1. Rockmusik als Instrument der politischen Verführung
4.2. Rockmusik als Scheinsynthese für die Linke
5. Rockmusik ohne musikalische Autonomie
5.1. Udo Lindenberg
5.2. „Rock gegen Rechts“ heute
6. Kritisches Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische Funktion und Wirksamkeit linker Rockmusik am historischen Beispiel des Festivals „Rock gegen Rechts“ aus dem Jahr 1979, um zu klären, ob Musik tatsächlich eine eigenständige politische Haltung transportieren kann oder lediglich als Instrument der Unterhaltung und Imagepflege dient.
- Historische Einordnung des Ereignisses „Rock gegen Rechts“
- Theoretische Auseinandersetzung mit der Autonomie von Protestmusik
- Analyse der Rolle des „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“ als Positivbeispiel
- Untersuchung von Missbrauchspotenzialen und Scheinsynthesen in der politischen Musik
- Kritische Reflexion über die heutige Praxis von Rock-gegen-Rechts-Konzerten
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Sogenannte Linksradikale Blasorchester
Das Sogenannte Linksradikale Blasorchester wurde im April 1976 in Frankfurt am Main gegründet. Es besteht aus fluktuierenden Mitgliedern um den Komponisten Heiner Goebbels. Dieser ist als späterer musikalischer Leiter des Schauspiels Frankfurt am Main bekannt. „Wie schon für Eisler liegt für Goebbels eine linke, musikalische Entwicklung im evolutionären oder auch revolutionären Fortschreiten. Das führte ihn,..., notwendig zu einer „avantgardistisch hochkulturellen“ Orientierung.“ So ist auch die Positionierung des Ensembles zu verstehen. Sie grenzt sich bewusst von militanten Blaskapellen ab, da diese in ihren Augen zu dogmatisch und uniform sind. Das Ensemble möchte weder den Massengeschmack treffen, noch erzieherische Ansprüche haben. Seine kontrapunktische Musik besteht aus freien Interpretationen und Collagentechniken, die die „...„trivial-traditionelle“[...] Tonalität, Harmonik und Metrik nicht mehr...[akzeptieren].“ Auf diese Weise wird mit den linearen Hörgewohnheiten gebrochen und, wie in 2.2. erläutert, die Autonomie der Musik gewahrt.
Das Sogenannte Linksradikale Blasorchester ist ein fester Bestandteil der Frankfurter Spontiszene. Auftritte finden spontan auch auf Demos oder politischen Veranstaltungen statt. Besonders an dem Ensemble ist auch die Vermarktungsform. Es wird versucht der Industrie nicht zu stark zu verfallen. Die Alben werden vom Label Trikont produziert, jedoch nicht in Massen vermarktet. Stattdessen werden in einzelnen kleinen Läden, jedoch auch in große Konzerne, einige Platten hinterlegt. Der Laden selber kann keine Ware bestellen, sondern muss warten bis wieder ein Händler vorbeikommt. Der einzig andere Weg die Alben zu kaufen, ist über das Internet. In dieser Form wird versucht selber noch etwas Kontrolle über das Musikgeschäft zu behalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Ereignis „Rock gegen Rechts“: Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Festivals 1979 in Frankfurt und dessen Vorbildcharakter durch die britische Bewegung.
2. Wie kann Rock „gegen Rechts“ sein?: Theoretische Analyse, ob Musik durch Phantasmen oder Autonomie in der Lage ist, politische Haltungen zu vermitteln.
3. Rock mit politischer Haltung: Vorstellung des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters und dessen spezifische Umsetzung von politisch reflektierter Musik.
4. Wurde die Rockmusik missbraucht?: Untersuchung der kritischen These, dass Rockmusik als bloßes Mittel zur Massenmobilisierung oder als Scheinsynthese linker Strömungen diente.
5. Rockmusik ohne musikalische Autonomie: Analyse des Auftritts von Udo Lindenberg sowie eine kritische Bestandsaufnahme heutiger Rock-gegen-Rechts-Konzerte.
6. Kritisches Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die den Mangel an einem gemeinsamen „Wofür“ und die Schwierigkeiten politischer Musik auf Massenveranstaltungen hervorhebt.
Schlüsselwörter
Rock gegen Rechts, politische Musik, Protestsong, Autonomie der Musik, Sogenanntes Linksradikales Blasorchester, Heiner Goebbels, Antifaschismus, Linke Politik, Neue Deutsche Welle, Udo Lindenberg, Massenmobilisierung, Kulturindustrie, Musiktheorie, Ideologie, Musikgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die politische Wirksamkeit von Rockmusik anhand des Festivals „Rock gegen Rechts“ 1979 und hinterfragt kritisch, ob Musik eigenständig politische Haltungen vermitteln kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Musik und Politik, die Rolle der kulturellen Autonomie von Musik und die Funktion des Festivals als politisches Instrument der damaligen Linken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Evaluation, ob das Festival „Rock gegen Rechts“ erfolgreich eine politische Haltung transportieren konnte oder ob die Musik lediglich als „Kitt“ für eine politisch zersplitterte Bewegung diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine diskursorientierte Analyse, die sich auf musiktheoretische Ansätze (u.a. Adorno) und die Betrachtung konkreter künstlerischer Konzepte stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehungsgeschichte, der Theorie der Protestmusik, der Analyse des „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“ sowie einer kritischen Hinterfragung der kommerziellen und instrumentellen Nutzung von Musik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Autonomie der Musik, Rock gegen Rechts, politische Haltung, Antifaschismus und die kritische Distanz zur Instrumentalisierung durch die Kulturindustrie.
Wie bewertet der Autor den Auftritt von Udo Lindenberg?
Der Autor steht dem Auftritt kritisch gegenüber, da er Lindenbergs Musik als zu weich und austauschbar empfindet, was die politische Brisanz der textlichen Inhalte musikalisch abschwächt.
Warum wird das „Sogenannte Linksradikale Blasorchester“ hervorgehoben?
Das Ensemble wird als positive Ausnahme gewürdigt, da es durch bewusste Brüche mit Hörgewohnheiten und eine autonome musikalische Haltung tatsächlich zum Nachdenken anregt, statt nur zu unterhalten.
Was ist die „Scheinsynthese“ laut Autor?
Die Scheinsynthese beschreibt das Phänomen, dass die Linke die Rockmusik nutzte, um ihre inhaltliche Zersplitterung zu überdecken und eine Einigkeit vorzutäuschen, die faktisch nicht durch ein gemeinsames „Wofür“ untermauert war.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2002, Existiert politische Haltung in linker Rockmusik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129543