Diese Arbeit möchte herausarbeiten, wie am Beispiel von "Phèdre" die negative Anthropologie und psychoanalytische Ansätze einander ergänzen können und der Frage nachgehen, ob diese kombinierte Betrachtung neue Ansätze für das Verständnis der Tragödie mit sich bringt. Eine dritte Dimension möchte diese Arbeit mit Roland Barthes' teils tiefenpsychologischem und strukturalistischem Ansatz in "Sur Racine" für die Analyse der Tragödien Racines hinzufügen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die negative Anthropologie der französischen Klassik: Was ist der Mensch?
3. Psychoanalyse und Strukturalismus – Ansätze einer erweiterten Interpretation von Jean Racines Phèdre
4. Anwendung und Deutung: Psychoanalyse und die Dynamik des Schweigens
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie psychoanalytische Ansätze, strukturalistische Perspektiven und das Konzept der negativen Anthropologie kombiniert werden können, um ein vertieftes Verständnis für die menschliche Psyche und das Sprachproblem in Jean Racines Tragödie Phèdre zu gewinnen.
- Verknüpfung von Psychoanalyse (Freud, Rank) und literarischer Analyse
- Strukturalistische Betrachtung durch Roland Barthes
- Analyse des Menschenbildes im Kontext der negativen Anthropologie (Stierle, Pascal)
- Untersuchung der Dynamik des Schweigens und der Leidenschaft
- Figurenkonstellationen und psychologische Abwehrmechanismen in der Tragödie
Auszug aus dem Buch
Die Dynamik des Schweigens
Phèdre ist die Tragödie des Schweigens. Barthes identifiziert drei Situationen, in denen Phèdre ihr Schweigen bricht, die eine zunehmende Dynamik auslösen und schließlich mit dem Gifttod Phédres ihr Ende finden. Den ersten Bruch ihres Schweigens vollführt Phèdre gegenüber Œnone (I,3: 260ff), diese Aussprache wertet Barthes als narzistisch, den zweiten Bruch äußert sie gegenüber Hippolyte (II, 5: 634ff) und trägt dramatische Züge, und ein drittes Mal bricht Phèdre ihr Schweigen gegenüber Thésée im letzten Auftritt des Dramas. Sie bestätigt mit absoluter Klarheit Hippolytes Unschuld: " Il n´était point coupable" (V, letzt: 1618). Barthes verfolgt sehr gelungen seinen psychologischen Ansatz weiter, wenn er Phèdre als „Tragödie der Geburt“ (Barthes, 1963: 66), quasi als Geburt der Sprache versteht. Ihre Vertraute Œnone, ihre ehemalige Amme, wird zur Geburtshelferin, die Phèdre von ihrer Sprache befreien will. In demselben Maße wird Aricie zur Geburtshelferin Hippolytes in dem Bestreben ihn das Unvorstellbare aussprechen zu hören.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Fragestellung nach der Kombination von Psychoanalyse, Strukturalismus und negativer Anthropologie zur Interpretation von Racines Phèdre.
2. Die negative Anthropologie der französischen Klassik: Was ist der Mensch?: Dieses Kapitel legt die philosophischen Grundlagen der negativen Anthropologie dar, insbesondere durch Pascal und La Rochefoucauld, und thematisiert das dezentrierte Ich.
3. Psychoanalyse und Strukturalismus – Ansätze einer erweiterten Interpretation von Jean Racines Phèdre: Hier werden die theoretischen Ansätze von Sigmund Freud, Otto Rank und Roland Barthes eingeführt, um sie später auf das Werk anzuwenden.
4. Anwendung und Deutung: Psychoanalyse und die Dynamik des Schweigens: Dieses Kapitel verknüpft die vorgestellten Methoden konkret mit dem Text von Phèdre und analysiert die Dynamik des Schweigens sowie die Figurenkonstellation.
5. Fazit: Das Fazit bewertet die erzielten Ergebnisse und hält fest, dass die kombinierte Betrachtung der Ansätze ein erweitertes Interpretationsspektrum für die Tragödie ermöglicht.
Schlüsselwörter
Phèdre, Jean Racine, Psychoanalyse, Strukturalismus, negative Anthropologie, Verdrängung, Schweigen, Leidenschaft, dezentriertes Subjekt, Roland Barthes, Otto Rank, Sigmund Freud, Inzest-Motiv, Figurenkonstellation, condition humaine
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Jean Racines Tragödie Phèdre unter Zuhilfenahme verschiedener wissenschaftlicher Theorien, um das literarische Werk tiefgreifend zu deuten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Psychoanalyse (Verdrängung, Triebtheorie), die strukturalistische Dramenanalyse und das philosophische Konzept der negativen Anthropologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich diese unterschiedlichen Forschungsansätze gegenseitig ergänzen und ob sie zu einem neuen Verständnis der Tragödie beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit bedient sich einer literaturwissenschaftlichen Methodik, die primär auf der Anwendung psychoanalytischer Prinzipien und strukturalistischer Analysetools (Roland Barthes) auf den dramatischen Text basiert.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die Dynamik des Schweigens in Phèdre, die Figurenkonstellationen sowie die Frage, wie Selbstentfremdung und Leidenschaft im Text sprachlich realisiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Die wichtigsten Begriffe sind das „dezentrierte Subjekt“, das „Phädra-Schema“, die „negative Anthropologie“ und die „Dynamik des Schweigens“.
Warum spielt das „Phädra-Schema“ von Otto Rank eine Rolle?
Das Schema dient dazu, die leidenschaftliche, verbotene Beziehung zwischen der Stiefmutter und dem Stiefsohn anhand psychoanalytischer Kategorien wie Inzest-Motiv und Verdrängung zu systematisieren.
Wie unterscheidet sich Roland Barthes' Ansatz von dem der Psychoanalytiker?
Barthes konzentriert sich stärker auf die strukturelle Analyse der Dramen, die Figurenfunktionen und die Sprache selbst, während Rank und Freud eher die triebpsychologischen Hintergründe der Charaktere hervorheben.
- Arbeit zitieren
- Zahra Raoui (Autor:in), 2022, "Phèdre" von Jean Racine im Spannungsfeld zwischen Psychoanalyse, Strukturalismus und negativer Anthropologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1296750