Lernen am Modell. Die sozial-kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura und ihre sozialpsychologische Bedeutung für Schule und Unterricht


Hausarbeit, 2006
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozial-kognitive Lerntheorie
2.1. Theoretischer Rahmen
2.2. Lernen am Modell
2.3. Theorie der Verhaltensmodifikation

3. Sozialpsychologische Aspekte in Schule und Unterricht
3.1. Soziale Beziehungen in der Schulklasse
3.2. Lehrer- Schüler- Interaktion
3.3. Soziales Lernen in Schule und Unterricht
3.4. Lehrer als Modell

4. Zusammenfassung: Pädagogische Implikationen der sozial- kognitiven Lerntheorie für Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Lernen am Modell- Die sozial- kognitive Lerntheorie nach Bandura und ihre sozialpsychologische Bedeutung für Schule und Unterricht“. Das Thema eröffnet mehrere komplexe Forschungsgebiete, die in dieser Hausarbeit nicht vollständig erfasst werden können und zum Teil auch nur allgemein formuliert werden können. Das Thema muss somit zunächst eingeschränkt werden. Im Vordergrund dieser Arbeit steht die sozial- kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura, deren zentrale Aussagen als theoretische Grundlagen der gesamten Arbeit dienen. Es soll untersucht werden, welche Grundprinzipien Bandura vom menschlichen Verhalten annimmt, wie er diese begründet und analysiert. Diese theoretischen Überlegungen sollen in einen sozialpsychologischen Zusammenhang mit Schule und Unterricht gebracht werden. Somit besteht ein wesentliches Ziel dieser Arbeit darin, einen Theorie- Praxis- Bezug herzustellen. Das heißt mit anderen Worten, es soll untersucht werden, welche Konsequenzen aus der sozial- kognitiven Lerntheorie für Schule, Unterricht, Lehren und Lernen erfolgen.

Ein wesentlicher Gedanke der sozial- kognitiven Lerntheorie ist das Lernen am Modell, also der Annahme, dass menschliches Lernen durch Beobachtung und Imitation anderer geschehen kann. In einer Gesellschaft, in der Menschen nach Individualität und Originalität streben, sind Imitation oder Nachahmung mit negativen Eigenschaften verbunden. Trotzdem besitzt Nachahmungsverhalten auch in alltäglichen Situationen eine wichtige Bedeutung. Aggressives Verhalten oder Drogenkonsum einer Person werden häufig darauf zurückgeführt, dass eine Person sich dieses Verhalten bei ihren Freunden abgeschaut hat oder, dass das der Einfluss von anderen sei, oder dass sie sich mit falschen Leuten abgibt. Diese Hausarbeit versucht, diese „Alltagsweisheiten“ wissenschaftlich zu begründen, teilweise zu widerlegen und zu analysieren. Es sollen sozialpsychologische Aspekte der Schule und des Unterrichts herangezogen werden, um herauszufinden, welcher Zusammenhang zwischen sozialen Interaktionen in der Schule, dem sozialen Lernen in der Schule und dem Imitationslernen besteht und welche Rolle dabei das Lehrerverhalten spielt.

Die Beschäftigung mit diesem Thema soll mir für meine spätere Arbeit als Lehrerin zur Reflexion dienen.

Ich möchte noch betonen, dass die Arbeit sich lediglich auf zentrale allgemeine wissenschaftliche Ergebnisse beschränkt. Sicherlich können viele dieser Ergebnisse situationsspezifisch differenziert werden.

2. Sozial-kognitive Lerntheorie

Die sozial- kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura geht im Allgemeinen den Fragen nach, wie Menschen Verhaltensweisen erlernen und wie sie miteinander und ihrer Umwelt

interagieren. Dabei spielt nicht nur die Reaktion eines Individuums auf seine Umwelt eine be- deutende Rolle, sondern auch die aus der Interaktion von Mensch und Umwelt resultierenden Denkprozesse, d.h. kognitive Operationen.

Banduras sozial-kognitive Lerntheorie versucht somit behavioristische und kognitivistische Lerntheorien zu integrieren und lässt die Möglichkeit zu, komplexes soziales Lernen zu erklären, zu analysieren und zu verstehen. Soziales Lernen wird definiert als das Erlernen von bestimmten Verhaltensweisen, die soziale Anerkennung oder soziale Verachtung auslösen. Welche Wechselwirkungsprozesse zwischen Individuum und Umwelt bei dem Erlernen dieser Verhaltensweisen eine zentrale Rolle einnehmen, ist Gegenstand der sozial-kognitiven Lerntheorie. Dieses Kapitel konzentriert sich auf die theoretischen Prinzipien der sozial-kognitiven Lerntheorie, wie sie von Bandura 1979 in seiner gleichnamigen Veröffentlichung beschrieben worden sind.

2.1. Theoretischer Rahmen

Um Banduras Ausführungen zur sozial-kognitiven Lerntheorie nachvollziehen zu können und ihre Bedeutung für das komplexe Forschungsgebiet Lernen zu verstehen, bedarf es zunächst einer lerntheoretischen Einordnung. Lerntheoretiker des radikalen Behaviorismus

beschäftigten sich in ihren Untersuchungen überwiegend mit Umwelteinflüssen, die auf das menschliche Verhalten (in ihren Experimenten waren es jedoch überwiegend tierische Organismen, vgl. z.B. Skinner) einwirkten. Somit entstand die Auffassung, ein Individuum sei wahllos seiner Umwelt ausgeliefert, von ihr determiniert und könne durch äußere Eingriffe willkürlich manipuliert werden. Gemeint ist hier die Vorstellung, menschliches Verhalten könne beliebig konditioniert werden, wie es Experimente, die an Tieren und Menschen durchgeführt worden sind, belegten. Allerdings ist diese lerntheoretische Konzeption nur einseitig orientiert (Kontrolle der Umwelt) und lässt eine Erklärung des sozialen Lernens nur unzureichend zu. Banduras Lerntheorie basiert auf behavioristischen Lerntheorien, erweitert diese um zahlreiche Aspekte und schreibt den innerpsychischen Faktoren, sowie der Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt eine entscheidende Rolle zu. Lernen ist nach Bandura ein Prozess, in dem Erfahrungen aktiv und kognitiv verarbeitet werden, verbunden mit der Fähigkeit aus der Erfahrung anderer zu lernen (symbolisches und stellvertretendes Lernen). Menschliches Lernen wird begleitet von Motivations-, Empfindungs- und Denkprozessen. Symbolische, stellvertretende und selbstregulierende Prozesse nehmen hier eine zentrale Bedeutung ein. Menschen lernen, indem sie das Verhalten anderer Menschen beobachten, sowie die Konsequenzen, die aus ihrem Verhalten folgen: „Die Fähigkeit, durch Beobachtung zu lernen, ermöglicht den Menschen ausgedehnte, integrierte Verhaltensmuster zu erwerben, ohne sie langwierig und mühsam durch Versuch und Irrtum aufbauen zu müssen.“ (Bandura, A.: Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta. 1979, S. 22). Nicht nur, dass durch Beobachtungslernen der Mensch in der Lage ist sich unmittelbar Verhaltensweisen anzueignen, diese Fähigkeit ist nach Bandura überlebenswichtig. Die Vorstellung, dass angemessene Verhaltenweisen durch ihre Konsequenzen aufgebaut und durch Erfolge oder Fehler entdeckt werden, kann fatale Folgen haben, z.B. beim Autofahrenlernen. Mögliche Irrtümer können sich hier sogar tödlich auswirken. Die wesentliche Erkenntnis der sozial-kognitiven Lerntheorie besteht darin, dass Lernen nicht nur durch direkte Erfahrung von Kontingenzen stattfindet, sondern auch durch die Beobachtung anderer Personen. Bandura beobachtete, dass menschliches Verhalten weitgehend durch soziale Modelle vermittelt wird. Soziale Modelle können nicht nur reale Modelle sein (z.B. Lehrer oder Eltern), sondern auch symbolische Modelle (z.B. Medien), durch die soziales Lernen stattfinden kann. Aus dieser Überzeugung erarbeitete Bandura die Theorie des Modelllernens, welche an späterer Stelle genauer erläutert wird.

Zunächst geht Bandura davon aus, dass das menschliche Verhaltensrepertoire nicht angeboren ist, sondern erlernt werden muss, durch eigene oder beobachtete Erfahrungen. Verhaltensweisen werden in ihren Möglichkeiten andererseits von genetischen Bedingungen beeinflusst. Trotzdem ist es nach Bandura unmöglich, Verhaltenweisen allein durch Vererbungstheorien oder durch Umwelttheorien zu erklären. Vielmehr ist Bandura überzeugt, „(…) dass die Einflüsse aus Erfahrung und Physiologie auf vielfältige Weise interagieren und so das Verhalten bestimmen. Sie lassen sich deshalb kaum voneinander scheiden.“ (Bandura, A.: Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta. 1979, S. 25). Des Weiteren sieht Bandura davon ab, Verhaltenweisen in angeborene oder erlernte zu unterscheiden, sondern sieht die Erklärung von komplexen Verhaltensweisen in der Analyse ihrer zusammengesetzten Determinanten. Das Bekräftigungslernen ist nach Bandura eine wichtige Vorraussetzung dafür, das bestimmte Verhaltensweisen erlernt und beibehalten werden, während andere Verhaltensweisen verworfen werden. Menschliches Verhalten orientiert sich an den Konsequenzen, die es hervorruft. Diese können positiv (z.B. Erfolg, Lob, Anerkennung) oder negativ (z.B. Misserfolg, Verachtung, Strafe, Ärger) sein und wirken sich auf das spätere Verhalten aus: „Durch diesen Prozess differenzierter Bekräftigung werden schließlich erfolgreiche Verhaltensweisen ausgewählt und unbrauchbare aufgegeben.“ (Bandura, A.: Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta. 1979, S. 26).

Bandura schreibt den Reaktionskonsequenzen drei zentrale Funktionen zu: die informative, die motivationale und die bekräftigende Funktion.

Die informative Funktion: Menschen gewinnen aus ihrem Verhalten bzw. ihren Reaktionen Informationen darüber, welche Wirkungen ihre Reaktionen hinterlassen und erkennen somit welche Handlung in welcher Situation angemessen ist und selektieren befriedigende Handlungsweisen von unbefriedigenden: „Die Kognitionen werden also selektiv durch differenzierte Konsequenzen gestärkt oder widerlegt, die in einem gewissen zeitlichen Abstand auf die Reaktionen folgen.“ (Bandura, 1979. S. 26). Diese Informationsverarbeitung geschieht über kognitiv regulierte Prozesse und kann zu einer Verhaltensänderung führen, sofern dem Handelnden bewusst ist, welche Handlungen auch zukünftig bekräftigt werden. Motivationale Funktionen dienen der zukünftigen Ausschau von Handlungskonsequenzen. Wenn eine Person durch ihr Verhalten die Konsequenzen erlebt, entwickelt sie eine Erwartungshaltung gegenüber zukünftigen Verhaltenskonsequenzen in ähnlichen Situationen und kann diese als erfolgsversprechend oder wirkungslos einschätzen oder versuchen unangenehmen Situationen auszuweichen. Aus dieser Erkenntnis kann eine Handlungs-

motivation entstehen, die mit vorausschauendem Denken einhergeht und dazu führt, dass das gegenwärtige Verhalten an künftige Situationen angepasst wird. Bekräftigende Funktionen lassen die Wahrscheinlichkeit steigen, dass das bekräftigte Verhalten häufiger auftritt und sind dazu geeignet bereits erlernte Verhaltensweisen zu regulieren. Sie erklären jedoch nicht ausreichend, wie Verhaltensweisen erlernt werden.

2.2. Lernen am Modell

Der Kerngedanke der sozial- kognitiven Lerntheorie, ist die Theorie des Lernens am Modell (modeling), d.h. die Annahme, dass soziales Lernen überwiegend durch die Imitation anderer geschieht. Für diese Lerntheorie werden Formulierungen, wie Modelllernen, Beobachtungs-

lernen, Imitationslernen, Nachahmungslernen, Vorbildlernen oder stellvertretendes Lernen synonym verwendet. Was unter einem Modell verstanden werden kann, ist sehr weit definiert. Bezüglich der sozial- kognitiven Lerntheorie ist ein Modell eine „jegliche Repräsentation eines Verhaltensmusters“ (Lefrancois, G.: Psychologie des Lernens. Berlin, u.a.: Springer. 1994, S. 200). Das heißt, ein Modell kann jede Vorgabe sein, die Verhaltensweisen vorstellt und die vom Beobachter imitiert und selbstständig ausgeführt werden können. Menschen können untereinander Modelle sein, wobei es hier unterschiedliche Kombinations-

möglichkeiten (auch bezüglich der Rollenverhältnisse) geben kann: „Menschen dienen als Modelle für andere Menschen, Eltern dienen als Modelle für ihre Kinder, Kinder dienen als Modelle für andere Kinder und manchmal für Erwachsene, und Erwachsene imitieren einander fortwährend.“ (Lefrancois, G.: Psychologie des Lernens. Berlin, u.a.: Springer. 1994, S. 200). Solche Modelle werden in der Regel als reale Modelle bezeichnet, während symbolische Modelle z.B. Medien, wie Fernsehen, Filme, Bücher u.v.m. sein können. Zudem bedeutet modeling zum einen, die Darstellung des Modellverhaltens durch das Modell und zum anderen, das Lernen am Modell durch den Beobachter. Zwischen dem Modell und dem Beobachter liegt ein komplexer Prozess der Imitation, bei welchem drei unterschiedliche Effekte aufkommen können: Modelllernen (modeling effect), hemmende und enthemmende Effekte, sowie auslösende Effekte (nach Lefrancois, G.: Psychologie des Lernens. Berlin, u.a.: Springer. 1994, S. 200- 202).

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Lernen am Modell. Die sozial-kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura und ihre sozialpsychologische Bedeutung für Schule und Unterricht
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Theorien des Lernens
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V129814
ISBN (eBook)
9783640364749
ISBN (Buch)
9783640364633
Dateigröße
2120 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lernen, Modell, Lerntheorie, Bandura, Bedeutung, Schule, Unterricht
Arbeit zitieren
Liwia Kolodziej (Autor), 2006, Lernen am Modell. Die sozial-kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura und ihre sozialpsychologische Bedeutung für Schule und Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129814

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