Erving Goffmann ist ein Handlungstheoretiker, der sich für die vielfältigen Ausdrucksformen von Individuen in sozialen Interaktionen und für die sozialen Regeln, auf die Individuen zurückgreifen, wenn sie ihre Identität gegenüber den vorgegebenen Rollen abgrenzen, interessiert. Goffmanns Mikrostudien „Das Individuum im öffentlichen Austausch“ umfassen den gesamten Handlungsbereich, der durch Interaktionen von Angesicht zu Angesicht sowie durch kommunikative Normen organisiert wird. Seine Forschungsziele bestanden in der Er-klärung sozialer Mechanismen, durch die Interaktionen koordiniert sowie für Korrekturen und Modifikationen offen gehalten werden. Die sich dabei darstellenden Verhaltensmuster sind mit Grundregeln verknüpfte Routinehandlungen, die in ihrer Gesamtheit eine soziale Ordnung herstellen.
Goffmanns Prinzipien des korrektiven Austausches finden wir jeden Tag in öffentlichen Dialogen. Besonders Erklärungen und Entschuldigen nehmen eine gesellschaftlich relevante Stellung ein. Sie kommen ständig in Zeitungen, Nachrichten und Interviews vor. Aus diesem Grund sollen ihre Mechanismen in dieser Arbeit anhand des aktuellen Beispiels der Liechten-stein-Affäre hervorgehoben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der korrektive Austausch
2.1. Normen
2.2. Soziale Kontrolle
2.3. Korrektives Handeln
2.3.1. Erklärungen
2.3.2. Entschuldigungen
2.3.2. Ersuche
2.4. Der Dialog
3. Die Liechtenstein-Affäre
4. Mechanismen der Erklärung am Beispiel der Liechtenstein-Affäre
5. Mechanismen der Entschuldigung am Beispiel der Liechtenstein-Affäre
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Erving Goffmanns Modell des „korrektiven Austauschs“ im Kontext sozialer Regelverletzungen. Ziel ist es, die theoretischen Mechanismen wie Erklärungen, Entschuldigungen und Ersuche darzulegen und deren Anwendung anhand der öffentlichkeitswirksamen Liechtenstein-Affäre um Klaus Zumwinkel empirisch zu veranschaulichen.
- Grundlagen der soziologischen Mikrostudien nach Goffmann
- Struktur und Funktionen sozialer Normen und Kontrolle
- Korrektives Handeln in rituellen Interaktionsprozessen
- Die Liechtenstein-Affäre als Fallbeispiel für gesellschaftliche Reaktionen
- Analyse von Kommunikationsstrategien bei moralischem Fehlverhalten
Auszug aus dem Buch
2. Der korrektive Austausch
Der korrektive Austausch, auch öffentlicher Austausch genannt, kommt bei alltäglichen Interaktionen aufgrund des sozialen Miteinanders immer dann zustande, wenn eine Regelverletzung stattgefunden hat. Für das Verständnis des korrektiven Austausches ist es wichtig die Begrifflichkeiten der Normen, der sozialen Kontrolle, des korrektiven Handelns und des Dialoges zu erläutern.
2.1. Normen
Normen legen fest, was Menschen als Inhaber von sozialen Rollen tun sollten. Sie regulieren das öffentliche Leben. „Eine soziale Norm ist eine durch soziale Sanktionen abgestützte Richtschnur des Handelns [..].“ (Goffmann 1974, S.138). Soziale Sanktionen sind Metanormen und dienen der Absicherung von Konformität. Sie sind „ [..] hart, prompt und willkürlich wechselnd [..].“ (Goffmann 1974, S. 138)
Normen werden erstens als Pflichten bzw. Verpflichtungen angesehen und zweitens bilden sie eine Erwartung in Bezug auf andere. Sie sind Bestandteil eines Normensystems, das mit einem Sanktionierungssystem verknüpft ist. Ein Sanktionierungssystem zeigt „ [..] die Übereinstimmung oder Abweichung des Individuums in Bezug auf Regeln [..].“ (Goffmann 1974, S. 150) Der Geltung von Regeln liegt die Verantwortlichkeit zu Grunde. Verantwortlichkeit gibt es im Sinne unmittelbarer Verursachung, für Schadenersatz, als Ergebung aus ‚vorsätzlichem Handeln’ und für die eigentlichen Absichten. Moralische Verantwortung bezeichnet die Fähigkeit eines Akteurs, der nicht nach einer bestimmten Regel gehandelt hat, sich regelkonform zu verhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Goffmanns handlungstheoretischen Ansatz und Erläuterung der Relevanz korrektiver Austausche im Alltag.
2. Der korrektive Austausch: Theoretische Herleitung der Begriffe Normen, soziale Kontrolle, korrektives Handeln und Dialog sowie deren ritueller Charakter.
3. Die Liechtenstein-Affäre: Vorstellung des empirischen Falls um den ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel und den Vorwurf der Steuerhinterziehung.
4. Mechanismen der Erklärung am Beispiel der Liechtenstein-Affäre: Kritische Analyse der Verteidigungsstrategien und Ausreden von Zumwinkel sowie weiterer Akteure.
5. Mechanismen der Entschuldigung am Beispiel der Liechtenstein-Affäre: Darstellung, wie das Geständnis des Angeklagten als ritueller Akt der Entschuldigung soziologisch einzuordnen ist.
6. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung über die Allgegenwärtigkeit korrektiver Handlungen in der sozialen Interaktion.
Schlüsselwörter
Erving Goffmann, korrektiver Austausch, soziale Normen, soziale Kontrolle, korrektives Handeln, Regelverletzung, Erklärung, Entschuldigung, Ersuchen, Dialog, Liechtenstein-Affäre, Klaus Zumwinkel, rituelles Handeln, Interaktion, Sanktionierungssystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der soziologischen Theorie Erving Goffmanns zum „korrektiven Austausch“, die beschreibt, wie Menschen nach einer Regelverletzung sozial interagieren, um die Ordnung wiederherzustellen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Begriffe Normen, soziale Kontrolle, korrektive Handlungen (Erklärungen, Entschuldigungen, Ersuche) und den Prozess des Dialogs im Fall eines Regelverstoßes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die theoretische Aufarbeitung von Goffmanns Modell und dessen Anwendung auf das aktuelle Fallbeispiel der Liechtenstein-Affäre, um die Mechanismen von Rechtfertigung und Reue aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer literaturgestützten theoretischen Analyse, die auf ein empirisches Fallbeispiel aus den Medien angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Goffmannschen Begriffe und eine anschließende praktische Analyse der Aussagen und Verhaltensweisen von Klaus Zumwinkel in der Steuer-Affäre.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Interaktion, rituelles Handeln, Regelverletzung, Entschuldigung und öffentliche Rechtfertigung.
Wie unterscheidet Goffmann zwischen einer guten und einer schlechten Erklärung?
Goffmann bewertet Erklärungen nach ihrer Funktion: Eine „gute“ Erklärung vermindert die Schuld des Regelverletzers, während eine „schlechte“ Erklärung (oft als Ausrede wahrgenommen) das Ziel der Strafmilderung verfehlt.
Welche Stadien einer Entschuldigung lassen sich im Fall Zumwinkel identifizieren?
Anhand des Geständnisses lassen sich Stadien wie Bekümmerung, Verständnis des erwarteten Verhaltens, Verurteilung des Selbst und Buße tun (in Form einer Geldstrafe) feststellen.
- Quote paper
- Anne-Kathrin Jahnke-Wurm (Author), 2009, Skizzieren Sie Goffmanns Modell des „korrektiven Austauschs“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130281