Philosophische Aspekte und der Stellenwert der Kognition in Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung


Magisterarbeit, 2007

125 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 KOHLBERGS STUFENMODELL MORALISCHER ENTWICKLUNG

3 MORAL, MORALISCHE URTEILE UND EINE ERSTE ANNÄHERUNG AN DEN GERECHTIGKEITSBEGRIFF IN KOHLBERGS THEORIE
3.1 Moral und moralische Urteile
3.2 Eine Annäherung an Kohlbergs Gerechtigkeitsbegriff
3.3 Das Verhältnis von Moralphilosophie und Psychologie in Kohlbergs Theorie

4 PÄDAGOGISCHE ANSÄTZE DER MORALERZIEHUNG
4.1 Der romantische Ansatz
4.2 Der technologische Ansatz
4.3 Der progressive Ansatz
4.4 Der diskurspädagogische Ansatz

5 DER WILLE UND DIE FREIHEIT
5.1 Kant, Freiheit und Determinismus
5.2 Der Kategorische Imperativ

6 KOHLBERGS PHILOSOPHISCHE EINFLÜSSE
6.1 John Rawls und der Stellenwert der Gerechtigkeit
6.2 George Herbert Mead – Die Rollenübernahme
6.3 Jürgen Habermas – Diskursethik und Hermeneutik

7 KOHLBERGS TYPISIERUNG VERSCHIEDENER ANSÄTZE DER MORALPHILOSOPHIE

8 PRINZIPIENORIENTIERTHEIT

9 UNIVERSALISMUS IN KOHLBERGS THEORIE
9.1 Relativismus
9.2 Ein eingeschränkter Universalismus (Nunner-Winkler)
9.3 Eine Verbindung von induktiven und deduktiven Ansätzen
9.3.1 Prinzipien mittlerer Reichweite
9.3.2 Bottom-Up und Top-Down im reflexiven Äquilibrium
9.3.3 Kritik

10 KOORDINIERUNG VON GERECHTIGKEIT UND WOHLWOLLEN
10.1 Fürsorge als Prinzip – Carol Gilligan
10.2 Kritik an Gilligan

11 DIE BEDEUTUNG DER KOGNITION IN KOHLBERGS THEORIE
11.1 Der Kognitionsbegriff in Kohlbergs Theorie
11.2 Nicht-sprachliche Aspekte der moralischen Urteilsbildung
11.2.1 Eine psychologische Bestimmung von Kognition
11.2.2 Die Bedeutung von Emotionen bei der Urteilsbildung
11.3 Affektiv-kognitiver Parallelismus in Kohlbergs Ansatz (Georg Lind)

12 MORALISCHE SOZIALISATION – KOGNITIV ODER AFFEKTIV?
12.1 Vier Modelle moralischer Motivation (Nunner-Winkler)
12.2 Empirische Untersuchung moralischer Motivation
12.3 Philosophische Unterteilung moralischer Motive als intern beziehungsweise extern

13 INTUITION UND MORALISCHES URTEILEN
13.1 Moralphysiologie – neurowissenschaftliche Untersuchungen moralischer Urteile
13.2 Zwei-Prozess-Modelle der Informationsverarbeitung
13.3 Das Modell des Sozialen Intuitionismus (Jonathan Haidt)
13.3.1 Vier Gründe zum Bezweifeln der Kausalität zwischen moralischem Nachdenken und moralischem Urteil
13.3.2 Die sechs „Links“ zum moralischen Urteil
13.3.3 Kritik am Sozialen Intuitionismus

14 SCHLUSSBETRACHTUNGEN

15 QUELLENVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

Tab. 1: Kohlbergs Stufen der moralischen Entwicklung nach GARZ (1996, 55)

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Die Aspekte der Moralentwicklung

Abb. 2: Der Weg zum moralischen Urteil

1 EINLEITUNG

Eine Auseinandersetzung mit Lawrence Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung erfordert philosophische Grundannahmen und Überlegungen, denn traditionell gehören Begriffe wie Moral, Moralität und Ethik in das Feld der Philosophie. Kohlberg macht deutlich, dass die moralphilosophischen Konzepte seiner Theorie den psychologischen Untersuchungen voraus gehen müssen.

„Die philosophischen Annahmen, die vor Beginn einer psychologischen Untersuchung formuliert werden, sind metaethischer, die möglichen philosophischen Schlüsse aus einer Untersuchung dagegen im wesentlichen normativ-ethischer Natur.“ (KOHLBERG et al. 1984a, 311)

Kohlberg legt seiner Arbeit dabei meta-ethische Annahmen zugrunde (KOHLBERG et al. 1984a, 224ff.):

- Wertrelevanz im Gegensatz zu Wertfreiheit oder Wertneutralität. Moralkonzepte sollen normativ verstanden werden.
- Das Phänomenologie-Postulat, welches besagt, dass die Bildung moralischer Urteile einen bewussten Prozess darstellt und moralische Begriffe der Alltagssprache verwendet werden.
- Ethischer Universalismus im Gegensatz zu relativistischen (kulturell/ethisch) Ansätzen.
- Präskriptivismus, d.h. es wird zu moralisch qualifiziertem Handeln aufgefordert, indem ethische Legitimationsgründe angeführt werden.
- Kognitivismus im Sinne des Gebrauchs von Vernunft bei Begründungen und Schlussfolgerungen.
- Das Formalismus-Postulat, welches die Betonung der Form vor den Inhalt setzt.
- Prinzipienorientiertheit, d.h. der moralische Standpunkt soll sich auf Prinzipien gründen.
- Das Konstruktivismus-Postulat, wonach moralische Urteile bzw. Prinzipien als menschliche Konstruktionen aufgefasst werden, welche in sozialen Interaktionen entstehen.
- Das Gerechtigkeits-Postulat als Hauptdimension zur Bestimmung des Bereichs von Moral.

Neben den genannten meta-ethischen Postulaten finden sich jedoch auch normativ-ethische Annahmen, wenn beispielsweise von Kohlberg behauptet wird, dass die höchste Stufe moralisch angemessene Prinzipien beschreibt und alle vorherigen Stufen Annäherungen an diese darstellen (vgl. KOHLBERG et al. 1984a, 225).

Im Rahmen dieser philosophischen Auseinandersetzung mit Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung sollen sechs Problemstellungen leitend sein:

Erstens soll hinterfragt werden, wie und durch welche Kriterien moralische von außermoralischen Fragen abzugrenzen sind. Erfolgt diese Abgrenzung aus der Perspektive der Subjekte empirisch-induktiv und gilt das subjektive Gefühl der Verpflichtung als Kriterium hierfür? Oder erfolgt die Abgrenzung deduktiv durch philosophische Explikation, wobei z.B. das Merkmal der Universalität als Kriterium gelten könnte?

Zweitens soll geklärt werden, welche inhaltlichen Normen durch diese Kriterien ausgezeichnet werden können und sollen. Inwieweit können beispielsweise Pflichten den Geltungsbereich von Moral bestimmen?

Drittens soll nach den Prinzipien der Moral gefragt werden. Wie wird in Kohlbergs Ansatz z.B. Gerechtigkeit als konstituierendes Grundprinzip ausgezeichnet?

Viertens sollen die Begründungsverfahren diskutiert werden. Ist beispielsweise der kategorische Imperativ Kants oder das Diskursverfahren zur Prüfung der Geltung moralischer Regeln für Kohlbergs Theorie geeignet?

Fünftens wird die Allgemeingültigkeit der Normen (als soziale Regeln), Prinzipien und Verfahren hinterfragt.

Und sechstens wird der Frage nachgegangen, ob die (Über-)Betonung der Kognition in Kohlbergs Theorie mit aktuellen und ausgewählten Forschungsergebnissen noch zu vereinbaren ist.

Zu Beginn der Arbeit wird zunächst die Bedeutung einiger zentraler philosophischer Begriffe erläutert; zudem werden die philosophischen Eckpunkte in Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung markiert.

Zum besseren Verständnis wird daher der Ausgangspunkt dieser Arbeit sein, Kohlbergs kognitive Stufentheorie zu erklären, um danach eine Eingrenzung und Einordnung seines Moralbegriffs vorzunehmen, moralische Urteile zu kennzeichnen und den Stellenwert einiger ausgewählter Philosophen für Kohlbergs Theorie zu erörtern. Diese Vorgehensweise erscheint notwendig, um eine ausreichend theoretische Basis für (nachfolgende) konkretere philosophische Diskussionspunkte dieser Arbeit zu schaffen.

Daran anschließend wird auf der Grundlage von Kohlbergs Modell eine Einordnung unterschiedlicher Konzepte der Moralerziehung vorgenommen, wobei in den danach folgenden Kapiteln speziellere Fragestellungen zu Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihren philosophischen Aspekten betrachtet werden.

So sind beispielsweise die Prinzipienorientiertheit und das Universalismus-Postulat seiner Theorie in jüngster Zeit kritisiert worden und der Überhang der Kognition in Kohlbergs Modell wird besonders von Psychologen bemängelt.

Sowohl neuere psychologische als auch philosophische Implikationen legen eine Überprüfung bzw. Ergänzung kohlbergscher Grundannahmen nahe, und somit geraten eventuell Diversifizierungen im Moralbereich (besser) in den Blick.

Entsprechend werden im Hauptteil dieser Arbeit folgende Schwerpunkte gesetzt:

(1) Im Rahmen ihres „principlism“-Ansatzes bestreiten die Medizinethiker Beauchamp & Childress (1994) die Notwendigkeit der Annahme oberster Moralprinzipien und versuchen einen induktiven Ansatz („bottom-up“) mit einem deduktiven Ansatz („top-down“) zu verbinden.

Die Soziologin Gertrud Nunner-Winkler (1986) befürwortet einen eingeschränkten Universalismus und weist einen strikten Universalismus zurück. Es wird diskutiert, ob und inwieweit diese Modelle bzw. Sichtweisen die Kohlbergtheorie bereichern oder ergänzen können.

(2) Auch über das Verhältnis von moralischem Urteil, Emotion, Kognition und Intuition im Kontext der moralischen Entwicklung wird heutzutage in der Forschung gestritten. Einen weiteren Untersuchungsschwerpunkt der vorliegenden Arbeit wird daher auch dieser Themenbereich bilden. Dabei soll im Zentrum die Bedeutung bzw. der Stellenwert der Kognition für Kohlbergs Modell stehen.

Kohlbergs frühen Forschungsarbeiten waren seinerzeit paradigmatisch für die Moralforschung und führten zu einer „kognitiven Wende“ innerhalb der Moralpsychologie als Reaktion auf den Behaviorismus (vgl. HEIDBRINK 1996, 23). Heutzutage wird jedoch viel Kritik an der Überbetonung der Kognition und der Vernachlässigung der Emotionen in Kohlbergs Modell geübt. Das Verhältnis von Kognition und Affekten wird besonders anhand des Problems moralischer Motivation diskutiert.

(3) Ob bzw. inwieweit Intuitionen unseren moralischen Urteilen vorausgehen soll abschließend anhand des „sozial-intuitionistischen Ansatzes“ von Jonathan Haidt (2001) kritisch überprüft werden. Dieses Modell vereint verschiedene intuitive, emotionale und kognitive Verbindungen zu einer Theorie des moralischen Schlussfolgerns.

In der vorliegenden Arbeit wird der aktuelle Forschungsstand stets berücksichtigt. Kohlbergs Theorie wurde über Jahrzehnte immer wieder überarbeitet und ist entsprechend komplex.

Einzelne Begriffe und Theoretiker werden in den unterschiedlichen Kapiteln wiederholt auftauchen, sofern sie in verschiedenen Zusammenhängen erneut bedeutsam sind.

2 KOHLBERGS STUFENMODELL MORALISCHER ENTWICKLUNG

Mit seiner kognitionszentrierten, strukturgenetischen Stufentheorie beabsichtigte Kohlberg die Untersuchungen von Piaget zum moralischen Urteil beim Kinde (1932) auf das Jugendalter zu erweitern.

Die stufenförmige Entwicklung des moralischen Urteils wurde von Kohlberg und seinen Mitarbeitern im Rahmen einer beinahe 30-jährigen Longitudinalstudie untersucht, aufgezeichnet, permanent erweitert und modifiziert.

Kohlberg führte mit seinen Probanden Interviews durch, wobei den Befragten hypothetische Dilemmata1 vorgelegt wurden, zu denen eine begründete Entscheidung gefasst werden sollte.

Moralische Urteilsfähigkeit wird danach jedoch nicht bloß am vorgeschlagenen Handlungsergebnis, sondern auch am Argumentationsniveau der Befragten gemessen.

Es geht Kohlberg um eine Untersuchung der mentalen Kompetenzen im Gegensatz zur Performanz.2 Die erhobenen Interviewdaten geben letztlich Aufschluss über das entsprechende Niveau moralischen Denkens.

Kognitive Strukturen3 bilden sich nach Kohlberg als Ergebnis einer Interaktion von Subjekt und seiner Umwelt. Das Individuum muss diese Strukturen aktiv als Eigenleistung (Konstruktivismus) aufbauen, und die gesamte Entwicklung ist auf ein besseres Gleichgewicht (Äquilibrium) zwischen Individuum und Umwelt gerichtet (vgl. hierzu MILLER 1993, 80ff.). Entsprechend qualitative Unterschiede zwischen diesen Strukturen bezeichnet Kohlberg, analog zu Piagets Stufen des logischen Denkens, als kognitive Stufen.4 Die kognitiven Strukturen sind laut Kohlberg von den inhaltlichen Aspekten eines moralischen Urteils abzuheben. Die Meinungen, welche den Urteilen zugrunde liegen, sind dabei als die Inhalte zu verstehen, welche von Person zu Person variieren können. Die Strukturen spiegeln sich hingegen in typischen Denk- bzw. Argumentationsmustern wider. Auf diese wird zur Begründung der Meinungen zurückgegriffen. Sie weisen zumeist Regelmäßigkeiten in der Entwicklung auf und besitzen eine kulturübergreifende Allgemeingültigkeit.

Im Voranschreiten von einfachen zu komplexeren Strukturen bilden sich harte, d.h. logische und invariante Entwicklungsstufen5 heraus.

Durch die Tatsache, dass Kohlberg die Entstehung (Genese) dieser Moralstufen untersuchte, wird seine Theorie auch als strukturgenetisches Stufenmodell bezeichnet.

Kohlberg unterscheidet drei Hauptniveaus des moralischen Urteils mit jeweils zwei Stufen. Im Sinne dieses ontogenetischen Stufenmodells durchläuft ein Individuum die Stufen nacheinander.

Die zugrunde liegende Entwicklungslogik schreibt dabei vor, dass keine Stufe übersprungen werden kann; damit wird also eine festgelegte Abfolge (Invarianz) behauptet, bei der ein Rückfall auf eine frühere Stufe nicht möglich ist.

Tab. 1: Kohlbergs Stufen der moralischen Entwicklung nach GARZ (1996, 55)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kohlberg sieht Gerechtigkeit als eingelagerten Wert dieser Stufenfolge an und fasst diese Abfolge als universelle ontogenetische Gesetzmäßigkeit auf. Die Entwicklung der Moral vollzieht sich laut Kohlberg parallel zur Entwicklung der Kognition und ist untrennbar mit ihr verbunden.

Auch das Verständnis moralischer Prinzipien verläuft entsprechend den Stufen der kognitiven Entwicklung, wobei Denkprozesse zunehmend dezentriert, verallgemeinerbar und reversibel, im Sinne einer sich herausbildenden wechselseitigen Rollenübernahme (Reziprozität), werden.

Kohlberg vertritt die Ansicht, dass kognitive Reife zwar eine notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung einer Reife des moralischen Urteils darstellt (vgl. KOHLBERG 1974, 87).

Zusammenfassend markieren diese harten Entwicklungsstufen für Kohlberg also 1.) einen qualitativen Unterschied zwischen den Denkweisen, d.h. das gleiche Problem wird auf unterschiedlichen Altersstufen anders behandelt; diese Entwicklungsstufen unterstellen 2.) eine invariante Sequenz dieser Strukturen in der Entwicklung, wonach kulturelle Faktoren zwar das Tempo der Entwicklung beeinflussen, nicht aber ihre Reihenfolge verändern können; und die Entwicklungsstufen verweisen 3.) auf ein „strukturiertes Ganzes“, indem sie eine zugrunde liegende Organisation des Denkens repräsentieren.

Danach werden nicht bloß einzelne Teilmerkmale (wie z.B. Wissen) betrachtet, sondern das stufentypische Muster insgesamt; und die Stufen der Entwicklung sind 4.) „hierarchische Integrationen“, insofern höhere Stufen die Denkformen früherer Stufen einschließen (vgl. KOHLBERG et al. 1984a, 259).

Letztlich bedarf es gewisser Entwicklungsfaktoren, die eine moralische Entwicklung überhaupt erst stimulieren.

Neben der allgemeinen kognitiven Entwicklung benötigt das Individuum (a) Gelegenheiten zur Rollenübernahme, welche die soziale Umwelt bereit stellen muss, (b) eine moralische Atmosphäre, die gegeben ist, wenn Institutionen im Sinne des Gerechtigkeitsdenkens den Mitgliedern einer Gemeinschaft Möglichkeiten zur Mitbestimmung einräumen und (c) kognitiv-moralische Konflikte, durch die das Individuum angeregt wird nach neuen oder besseren Lösungsstrategien zu suchen und somit in der (moralischen) Entwicklung voran schreitet.

Die unterschiedlichen Aspekte der moralischen Entwicklung beim Menschen können durch folgende Abbildung (Abb.1) vereinfacht veranschaulicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die Aspekte der Moralentwicklung (verändert nach STUDIENSEMINAR KOBLENZ 2006)

Im Sinne der Abbildung 1 erfordert für Kohlberg die Fähigkeit des sozialen Verstehens (soziale Rollenübernahme)6 kognitive Fähigkeiten, während diese Fähigkeit zur Rollenübernahme wiederum grundlegend für moralisches Urteilen ist. Diese moralischen Urteile spiegeln sich idealer Weise im moralischen Handeln wider.

„Die Entwicklung des logischen Denkens im Sinne Piagets ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Entwicklung der sozialen Perspektive (Selman), die ihrerseits wiederum eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung des moralischen Urteils (Kohlberg) darstellt.“ (HEIDBRINK 1996, 94)

Die Relationen zwischen diesen verschiedenen Entwicklungsbereichen werden auch als „asymmetrisch“ (HEIDBRINK 1996, 94f.) beschrieben.

Die kognitiven Fähigkeiten bilden zwar die Basis der moralischen Urteilsentwicklung, doch verlaufen die unterschiedlichen Entwicklungsdimensionen für Kohlberg „parallel“ (vgl. KOHLBERG 1974, 10). Sie repräsentieren somit verschiedene Perspektiven und Zusammenhänge für die Bestimmung der strukturellen Veränderung.

3 MORAL, MORALISCHE URTEILE UND EINE ERSTE ANNÄHERUNG AN DEN GERECHTIGKEITSBEGRIFF IN KOHLBERGS THEORIE

Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung erfordert eine Beschäftigung mit der philosophischen Dimension von Moral, weil er selbst in seinen Arbeiten stets darauf verweist und weil ein Verständnis von Moral grundlegend für das Verständnis seiner Theorie der moralischen Entwicklung ist. Was ist eigentlich Moral beziehungsweise Moralität? Variiert sie von Individuum zu Individuum, oder ist sie universell zu begreifen? Kohlberg ist der Auffassung, dass philosophische Betrachtungen von Moral vor einer entsprechenden psychologischen Untersuchung stehen müssen.

„Es gibt [...] bestimmte metaethische Annahmen, die vor dem Beginn einer Untersuchung der Moralität erforderlich sind und denen Psychologen, die das Stufenkonzept und unser Messinstrument verwenden, wenigstens teilweise beipflichten müssen.“ (KOHLBERG et al. 1984a, 310) Kohlberg bezieht sich dabei häufig auf die Analytische Ethik von Frankena (1981). Die dort vorfindlichen ethischen Kategorien werden von Kohlberg für den Versuch herangezogen, die moralische Adäquatheit deontologischer7 Ethikpositionen als Repräsentationen oder Gehalt seiner höchsten Stufe 6 zu rechtfertigen. Sie dienen aber auch allgemein der inhaltlichen Bestimmung der moralischen Urteile.

Zunächst soll kurz geklärt werden, welche begrifflichen Unterscheidungen danach zu treffen sind, während die speziellen philosophischen Einflüsse in Kohlbergs Ansatz später geklärt werden.

3.1 Moral und moralische Urteile

Das deutsche Wort Moral steht synonym für das Wort Sitte und leitet sich vom lateinischen mOs (Plural: mores) ab, welches seinerseits eine Übersetzung der beiden griechischen ethos-Bedeutungen (Charakter, Sitte) ist.

In der Antike waren Moral und Ethik keine getrennten Begriffe. Der griechische Philosoph Aristoteles war der erste, der die Ethik als eigenständige philosophische Disziplin behandelt hat und in den platonischen Dialogen setzte Sokrates sich mit den Sophisten über das Ziel von Erziehung als ethisch begründeten Lernprozess auseinander (vgl. Platons Dialog Protagoras).

Der Begriff Moral ist ein Ordnungsbegriff, weil er verschiedene Aspekte zu einem Sinnganzen zusammenfasst. Mit einem solchen Ordnungsbegriff korrespondieren Prinzipienbegriffe, wie z.B. der Begriff Gerechtigkeit, welche die Bedingungen nennen und den Sinnanspruch des jeweiligen Ordnungsbegriffs einlösen sollen.

Allgemein lässt sich sagen, dass Moral heutzutage das meint, was in einer Gesellschaft (sittlich) gelebt wird, während wir von Ethik zumeist dann sprechen, wenn darüber – in der Regel wissenschaftlich – reflektiert wird. Die Ethik hat also Moral (Sitte) und Moralität (Sittlichkeit) zu ihrem Gegenstand; man kann vereinfacht sagen: Ethik betreibt nicht selber Moral, sondern redet über Moral.

Nach dieser groben Einordnung unterscheidet Frankena (1981, 20f.) drei Arten ethischer Reflexion:

Erstens eine deskriptiv-empirische Ethik, mit der beispielsweise Psychologen moralische Phänomene beschreiben und/oder erklären. Psychologie hat aber nicht den Anspruch eine Ethik zu begründen.

Zweitens eine normative Ethik, die im Sinne philosophischer Reflexion moralische Handlungen nicht bloß untersucht, sondern nach Begründungen dafür fragt.

Und drittens eine Metaethik, die Begrifflichkeiten und Begründungsformen der normativen Ethik wiederum zu reflektieren sucht.

Demnach ist zunächst eine erste Unterscheidung vorgenommen zwischen dem Aufgabenbereich der Psychologie und der Philosophie, wenn es um Fragestellungen zur Moral geht.

Liegt die Funktion der Ethik darin, die Begründungs- und Rechtfertigungsmethoden moralischer Urteile zu diskutieren, fällt sie in den Bereich der Metaethik, die gegenüber der normativen Ethik auf einer logisch höheren Ebene (Metaebene) betrachtet werden muss.

Gegenstand der Metaethik sind somit nicht Handlungen, sondern Urteile über Handlungen – und zwar jene moralisch-normativen Urteile, die wir im Alltag oder in der normativen Ethik abgeben.

Die Metaethik untersucht also die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein moralisch-normatives Urteil als gerechtfertigt gelten kann und bei Kohlberg werden moralische Urteile in Deutungs- und Überzeugungsstrukturen abgebildet, die sich qualitativ in der Ontogenese verändern.

Verschiedene Positionen haben sich innerhalb der sprachanalytischen Metaethik herausgebildet, welche sich hinsichtlich der Bedeutung und Funktion moralischer Begriffe, Urteile und Argumentationen unterscheiden. Zwei Positionen seien hierbei hervorgehoben: Die Kognitivisten und die Non-Kognitivisten.

So genannte Kognitivisten behaupten, dass Sprache sich auf eine rationale Tätigkeit des Menschen bezieht und je nach ihrer Begründung werden sie in Naturalisten (d.h., der Bedeutungsgehalt normativer moralischer Begriffe kann auf den Bedeutungsgehalt deskriptiver empirischer, quasi natürlicher Begriffe reduziert werden) oder Intuitionisten (d.h., moralische Intuition ist als unmittelbare Erkenntnis ein rationales Vermögen) unterteilt.

Die so genannten Non-Kognitivisten behaupten dagegen, dass moralische Aussagen ein rein gefühlsmäßiges und nicht objektiv überprüfbares Verhalten der Menschen zum Ausdruck bringen. Sie werden überwiegend als Emotivisten bezeichnet.

Allen meta-ethischen Theorien ist zum einen die rein begriffliche Analyse gemeinsam und zum anderen der Verzicht auf jegliche Form praktischer Anleitung.

Die Auffassung Kohlbergs ist, dass „rationales moralisches Urteilen für moralisches Handeln notwendig, aber nicht hinreichend ist“ (KOHLBERG & CANDEE 1984b, 396) und insofern steht sein Ansatz „im großen und ganzen im Einklang mit den naturalistischen Theorien“ (ebd.).

Moral kann somit als System von Werthaltungen verstanden werden, welches den Urteilen über richtiges und falsches Handeln zu Grunde gelegt wird.

Im Rahmen der Analytischen Philosophie lassen sich verschiedene Typen des moralischen Urteilens unterscheiden (vgl. hierzu HößLE 2001, 20):

1. Deontische Urteile, also Urteile, die sich auf Pflichten und Rechte beziehen
2. So genannte aretaische8 Urteile, welche auf den moralischen Wert von Personen oder Handlungen abzielen
3. Urteile über Ideale des guten Lebens
4. Meta-ethische Urteile über die grundsätzliche Natur der Moral

Kohlberg versteht moralische Urteile als präskriptive Urteile, also als Werturteile, welche zu Fragen des `richtigen´ sozialen Handelns durchaus Stellung nehmen (Präskriptivismus-Postulat). Diese Annahme berührt jedoch ebenso das Formalismus-Postulat seiner Theorie, weil hierin zum Ausdruck kommt, dass moralische Urteile formale Merkmale besitzen, welche ungeachtet möglicher inhaltlicher Unterschiede definierbar sind. Kohlberg schreibt hierzu:

„Die meisten Philosophen sind - obwohl sie nicht in der Lage waren, sich auf ein letztgültiges Prinzip des Guten zu einigen, welches >>richtige<< moralische Urteile definieren würde – sich doch über die Merkmale einig, die ein Urteil als genuin moralisches Urteil qualifizieren ... Moralische Urteile sind Urteile über das Gute und Rechte des Handelns.“ (KOHLBERG 1968, 28)

Das in der philosophischen Ethik vermutlich anerkannteste Moralkriterium ist dabei die Universalisierbarkeit von Normen. Universalisierung wird als Prinzip der Normenprüfung verstanden. Ein gutes Beispiel hierfür ist Kants deontische Pflichtethik, die im kategorischen Imperativ9 ihren Niederschlag findet. Kategorisch ist dieser Imperativ deshalb, weil er sich nicht an bestimmte Zwecke bindet oder an den möglichen Folgen einer Handlung orientiert ist.

Das Kriterium der Universalisierbarkeit ist demzufolge nicht empirisch begründet, sondern gilt a priori aus Vernunftgründen.

Im Gegensatz dazu hat der so genannte Utilitarismus (J. BENTHAM, 1748­1832; J. St. MILL, 1806-1873) ein empirisches Kriterium fundiert. Verkürzt dargestellt: Die Maximierung des Gemeinwohls.

Hier ist jedoch auf unterschiedliche Formen des Utilitarismus hinzuweisen (vgl. auch FRANKENA 1981, 57ff.). Der zeitgenössische Utilitarismus bezieht das Prinzip der Nützlichkeit nicht mehr auf einzelne Handlungen (Handlungsutilitarismus), sondern auf Handlungsregeln (Regelutilitarismus).

Ein solches utilitaristisches Kriterium ist jedoch für Kohlberg und seine Mitarbeiter zur Bestimmung ihrer Entwicklungstheorie des moralischen Urteilens eher ungeeignet, denn sie interessieren sich „für die prinzipienorientierte oder intentionale Komponente des Handelns, da sich eine an Konsequenzen orientierte, handlungsutilitaristische Ethik (...) nicht verallgemeinern lässt“ (KOHLBERG & CANDEE 1984b, 396). Das heißt aber nicht, dass Kohlberg „die Geltung einer konsequenzorientierten oder Verantwortungsethik [leugnet]; sie besteht jedoch nur innerhalb der Grenzen, in denen zwischenmenschliche Fürsorge und Anteilnahme wirksam sein kann und in denen Erfahrung und Umgang mit dem anderen möglich sind“ (ebd.).

Kohlberg legt den Schwerpunkt seines Modells auf die individuelle Entwicklung deontischen Urteilens und steht damit in der Tradition Kants. Den Gegenstandsbereich des moralischen Urteilens bilden in Kohlbergs Theorie also präskriptive Aussagen darüber, was moralisch richtig oder verpflichtend ist.

3.2 Eine Annäherung an Kohlbergs Gerechtigkeitsbegriff

Der Entwicklungspsychologe Piaget, auf dessen Untersuchungen Kohlberg sich ausdrücklich bezieht, bestimmt in seinem Buch „Das moralische Urteil beim Kinde“ (1932) Moral durch Gerechtigkeit10 und definiert Moralität als Achtung vor Regeln und deren gerechter Anwendung auf Personen.

Piaget stellt sich mit diesem Verständnis in die Nähe Kants. Allerdings war Piaget

„jedoch im Unterschied zu Kant der Auffassung, es gebe zwei Moralen der Gerechtigkeit, nicht nur eine. Kinder würden zuerst eine heteronome Moral des absoluten Gehorsams gegenüber Regeln und Erwachsenenautorität und dann eine zweite Moral der autonomen, gegenseitigen Achtung zwischen Gleichen und der Achtung vor Regeln als dem Ergebnis von sozialen Verträgen sowie der Übereinkunft und Zusammenarbeit zwischen Gleichen entwickeln“ (KOHLBERG et al. 1984a, 240).11

Kohlberg teilt hier Piagets Standpunkt nicht. Vielmehr schreibt Kohlberg an anderer Stelle, er habe „die Äußerung des Sokrates wieder aufgegriffen, es gebe nicht viele Tugenden, sondern lediglich eine, und ihr Name sei Gerechtigkeit“ (KOHLBERG et al. 1984a, 241). Mit seinem Gerechtigkeitskonzept rückt Kohlberg sich ebenso in die Nähe der aristotelischen Auffassung, indem er bemerkt, dass „Gerechtigkeit auch für Aristoteles die wichtigste und allgemeinste Tugend“ (KOHLBERG et al. 1984a, 241) ist.

Wenn aber Moral mit dem formalen (Verfahrens-) Prinzip der Gerechtigkeit im Sinne von Gleichbehandlung und Fairness gleichzusetzen sein soll, muss Kohlberg sich mit dem Vorwurf der Inhaltsneutralität dieses Prinzips auseinandersetzen (vgl. DÖBERT 1986, 94ff.).

Durch die Arbeiten von Carol Gilligan (1984, 1991) wurde Kohlberg überdies angeregt, das Prinzip des Wohlwollens theoretisch zu integrieren. Darauf wird jedoch später zurückgekommen.

Kohlbergs erkenntnistheoretisches Ziel berührt letztendlich die Frage, wie die Annäherung des kindlichen moralischen Denkens an die etablierten philosophischen Moralsysteme erfolgt, wobei die Validität der Moralbegriffe an ihre Entstehung zurückgebunden werden soll, d.h. ein Begriff oder Phänomen ist nur dann zu verstehen, wenn man auch seine Genese versteht. Moralentwicklung wird bei Kohlberg und Piaget als die Entwicklung moralischer Vernunft verstanden.

Moralentwicklung steht somit für die Veränderung des Denkens über Gerechtigkeit, also für die Frage, wie moralische Ansprüche gerecht verhandelt werden können. Kohlberg konzentriert sich auf den sozialen Sinn von Gerechtigkeit, wenn er überindividuelle Praktiken, wie z.B. Regeln oder Gesetze, betrachtet. Er bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Vertragstheorien von Rawls und Kant. Kohlberg hält die Konzentration auf die Gerechtigkeitsaspekte der Moral sowohl theoretisch wie forschungsmethodisch für sinnvoll.

Zum einen ließe sich in kantischer Tradition moralphilosophisch betonen, dass Gerechtigkeit den Kern der Moral bildet, und zum anderen kann die Psychologie die Strukturen problemlösenden Denkens anhand von Rechtfertigungen über das, was als gerecht betrachtet wird, viel einfacher erschließen, als anhand von beispielsweise diffusen Ideen der Nächstenliebe. Gerechtigkeit bilde also ein klares und kognitives Kriterium. (vgl. OSER & ALTHOF 1992, 47) Im folgenden Abschnitt wird zunächst erläutert, welche besondere Verknüpfung von Philosophie und Psychologie in Kohlbergs Ansatz stattfindet.

3.3 Das Verhältnis von Moralphilosophie und Psychologie in Kohlbergs Theorie

Lawrence Kohlbergs Hauptwerk trägt den Titel „Die Psychologie der Moralentwicklung“ (1996). Sein strukturgenetisches Stufenmodell bezieht sich auf die Untersuchung des moralischen Urteils und beschränkt sich dabei auf die Analyse der Strukturen operativen Denkens und nicht etwa auf die Betrachtung der Inhalte solcher Urteile.

Was hat aber empirische Psychologie überhaupt mit wertenden, moralischen Kategorien zu tun? Gehören moralische bzw. ethische Fragen nicht in das Feld der Philosophie? Habermas fragt hierzu kritisch zugespitzt:

„Ist Kohlbergs Theorie bloß pseudo-empirisch, eine hybride Variante, die weder den Rang einer Moraltheorie mit vollem normativen Status behaupten, noch dem Anspruch einer empirischen Wissenschaft genügen kann, deren theoretische Aussagen nur wahr oder falsch sein dürfen?“ (HABERMAS 1983, 46)

Die Besonderheit in Kohlbergs Theorie ist, dass er Philosophie und empirische Psychologie miteinander eigentümlich verbindet.

Kohlberg vertritt die Auffassung, dass eine klare Trennung von empirischer Wissenschaft und Philosophie kontraproduktiv ist, weil so der Zugang zur Wirklichkeit restriktiv gehandhabt wird und auf eine Wahrnehmungs- und Erkenntnisform allein beschränkt bleibt.

In der Ansicht moralischer Entwicklung erfährt beispielsweise eine rein entwicklungspsychologische Betrachtung ihre Grenzen, wenn bedeutsam wird, „dass auch die Entstehung, Aufrechterhaltung oder Änderung der Moral im Sinne der faktisch gegebenen handlungsleitenden Normen in einer Gesellschaft sich nicht völlig unreflektiert vollziehen kann, sondern dass auch das >naive Subjekt< [...] auf normative Handlungsentscheidungen reflektiert, diese rechtfertigt und begründet, eigenes und fremdes Verhalten bewertet.“ (ECKENSBERGER 1998, 477)12

Im Grunde zeigt sich darin, dass die meisten Menschen mehr oder weniger Rechtfertigungen im Alltag suchen – auf ähnliche Weise wie die wissenschaftliche Philosophie. „Das bedeutet aber nichts anderes, als dass aus der >normativen Ethik< naiver Subjekte ein empirisches Geschäft gemacht wird“ (ECKENSBERGER 1998, 477).

Die Gefahr, die in solchen Betrachtungsweisen liegt, ist die des naturalistischen Fehlschlusses („naturalistic fallacy“).13 Dieser beschreibt die Unmöglichkeit eines Übergangs vom Sein zum Sollen, d.h. nur weil etwas so ist, hat es nicht zwingend auch so zu sein.

Empirische Feststellungen lassen also nicht unmittelbar darauf schließen, dass diese auch ethisch richtig oder gewünscht sind.

Über das „Bootstrapping-Verfahren“ (engl.: bootstrap = Schnürsenkel) versucht Kohlberg eine spezielle Verknüpfung von Philosophie und Wissenschaft beziehungsweise Theorie und Empirie. Gemeint ist eine spiralförmige Verschränkung, eine gegenseitige („mutual“) Befruchtung beider Disziplinen.

Im Zusammenhang mit seinem Testverfahren meint Kohlberg, dass man „Entwicklungsstrukturen nicht mit der induktiven Methode findet, sondern durch eine abduktive Methode. Zu dieser gehört eine Art von wechselseitigem Sich-aus-dem-Sumpf-Ziehen (mutual bootstrapping), ein fortlaufendes Hin-und-Her-Arbeiten zwischen theoretischen Annahmen, wie den postulierten Strukturen, auf der einen Seite und empirischen Niederschlägen dieser Strukturen (...) auf der anderen Seite.“ (KOHLBERG 1979, 184f.)14

Unklar blieb zunächst, wie genau oder wie eng Kohlberg das Verhältnis von empirischer Psychologie und Philosophie beschreibt. In seiner Frühphase postulierte Kohlberg die so genannte starke Isomorphie- bzw. Identitätsthese, wonach Philosophie und empirische Wissenschaft identisch arbeiten.

Diese Identitätsthese wird von Habermas jedoch als zu anspruchsvoll zurückgewiesen (vgl. HABERMAS 1983, 47f.), denn die Psychologie analysiert anders als die Philosophie reflektiert. Die These der Identität wird von Kohlberg, nach einer Auseinandersetzung mit Habermas Kritik, durch die schwächere Komplementaritätsthese ersetzt. Diese geht davon aus, dass sich empirische Entwicklungstheorie und philosophische Reflexion fruchtbar und arbeitsteilig ergänzen. Kohlberg hat diesen Einwand aufgegriffen und in seine Theorie integriert.

Ein Anspruch der Philosophie auf die Rolle eines „Platzanweisers“ für die empirischen Wissenschaften wird abgelehnt und zugunsten eines Konzepts der „Platzhalterschaft“ ersetzt (vgl. HABERMAS 1983, 23).

Damit wird die Dominanz der Philosophie zurückgewiesen und sie wird zu einer Disziplin unter anderen. Sie reflektiert bestimmte Fragestellungen oder Probleme, die aber auch von den empirischen Wissenschaften mit wiederum eigenen Methoden untersucht werden.

Spielthenner (1996) verdeutlicht die Beziehung von Wissenschaft und Philosophie im Sinne der Komplementaritätsthese bei Kohlberg:

„Die Komplementaritätsthese ... [besteht] aus zwei miteinander verbundenen Behauptungen: (a) Eine empirische Theorie wie die von Kohlberg setzt die Geltung einer normativen Theorie voraus, die sie verwendet. (b) Umgekehrt wird aber die Gültigkeit dieser normativen Theorie zweifelhaft, sobald sich die philosophischen Rekonstruktionen im Verwendungszusammenhang der empirischen Theorie als unbrauchbar erweisen.“ (SPIELTHENNER 1996, 251)

In der Annahme dieser Implikationsbeziehung zwischen philosophischer und psychologischer Theorie kann die empirische Geltung der normativen Theorie möglicherweise falsifiziert, aber prinzipiell nicht bewiesen werden.

Kohlbergs philosophische Grundannahmen formten im Wesentlichen den Rahmen seiner Theorie und diesen hat er – zumindest prinzipiell – nie verlassen, während einzelne (empirische) Aspekte seiner Untersuchungen immer wieder korrigiert und modifiziert wurden. Manche Theoretiker sprechen in diesem Zusammenhang von „rettender Zirkularität“ (vgl. GARZ 1996, 33f.).

Im Sinne von Thomas Kuhns (1973) „normal science“ kann demnach ein ständiges Nachbessern und Korrigieren wissenschaftlicher Resultate durchaus angebracht sein. Kohlberg bezieht sich dabei unter anderem auf methodologische Argumente, die der amerikanische Pragmatismus hervorgebracht hat.

Die beschriebene gegenseitige Befruchtung oder Arbeitsteilung von Philosophie und Psychologie erfährt aber nicht zuletzt auch dann an Bedeutung, wenn Kohlbergs Theorie auf die Erziehungswissenschaft angewendet werden soll. Eine grundsätzliche Frage hierzu lautet: Darf Moralerziehung entsprechend als Tugendlehre angesehen werden (vgl. auch Platons Dialog Protagoras) oder muss das Ziel der Erziehung die Entwicklung selbst sein?

Im folgenden Kapitel werden nun kurz einige Aspekte der Moralerziehung erläutert, um eine bessere bzw. angemessene pädagogische Einordnung der kohlbergschen Theorie vornehmen zu können.

4 PÄDAGOGISCHE ANSÄTZE DER MORALERZIEHUNG

Kohlbergs Forschungsansatz knüpft an Piagets konstruktivistische Theorie der kognitiven Entwicklung an. Demnach ist die gesamte kognitive Entwicklung von Menschen von dem kontinuierlichen Versuch geprägt, die Welt zu verstehen und Sinn darin zu finden. Konstruktivismus meint in diesem Sinne, dass wir uns unsere (gedankliche) Wirklichkeit selbst erschaffen, also konstruieren. Kinder bauen ihre Weltsicht nach und nach auf. Sie müssen dafür Erfahrungen machen und Schlussfolgerungen ziehen. Das Konstruieren der Welt bezieht sich jedoch nicht nur auf die dingliche, sondern auch auf die soziale Welt. Auftauchende Hindernisse oder Probleme in ihrer Welt sorgen für Anregungen und ermöglichen Veränderungen der Kognition. Dazu bedarf es geeigneter Wechselwirkungen mit der Umwelt; das Kind interagiert. Die entwicklungstheoretische Position dazu wird Interaktionismus genannt. Über Piaget schreibt Kohlberg, dass dessen „zentraler Beitrag zur menschlichen Entwicklung auf seiner Einsicht beruht, dass das Kind ein Philosoph ist, seine eigene Welt der Bedeutung konstruiert, die fundamentale Frage >>Weshalb?<< stellt und sich selbst Antworten auf diese Frage gibt.“ (KOHLBERG 2000, 27) Mit Bezug auf die moralische Entwicklung verändern sich danach grundlegende Konzepte von Recht und Unrecht im Laufe eines Menschenlebens. Verschiedene Ansätze der Moralerziehung führen vor diesem Hintergrund unterschiedliche Zielvorstellungen mit sich, indem sie Entwicklung und Erfahrungsnähe verschieden interpretieren.

Vier mögliche Ansätze sollen (basierend auf einer Systematisierung pädagogischer Grundmodelle) sehr kurz beleuchtet werden (vgl. KOHLBERG & MAYER 1972; OSER & ALTHOF 1992; OERTER & MONTADA 1998).

4.1 Der romantische Ansatz

Die so genannte romantische Erziehungsphilosophie versteht Wachstum als Entfaltung angeborener Potenziale. Darunter fallen auch moralische und soziale Tugenden. Angeborene Strukturen benötigen einen guten Nährboden für ihre Reifung.

Ziel der Erziehung ist es, dem Kinde dazu zu verhelfen, zu sich selbst zu kommen. Entwicklungsfortschritte werden hierbei nicht durch gezielte Stimulationen hervorgerufen, sondern eher durch die Sicherung konfliktfreier Zonen. Werte werden von der Person individuell bestimmt und gelten als relativ. Ausgearbeitete Maßstäbe für die Legitimität moralischer Werte wären somit eher nicht die Aufgabe des dazu gehörigen Erziehungskonzeptes.15

4.2 Der technologische Ansatz

Den technologischen Ansatz bezeichnet man zumeist auch als Kultur- und Wertübermittlungsansatz. Entsprechend klassischer Bildungsvorstellungen hat der heranwachsende Mensch Wissen zu erlernen. Die moralischen Werte und Regeln der früheren Generation sollen internalisiert werden. Lehrplanwissen und Fertigkeiten müssen erworben werden.

Die Freiheit des Kindes ist beschränkt, die soziale Ordnung verlangt Disziplin. In der erzieherischen Praxis dieses Ansatzes finden sich meist lerntheoretische Prinzipien wie z.B. Belehrung, Nachahmung oder Übung.

4.3 Der progressive Ansatz

Das Modell der progressiven Moralerziehung wird in Anlehnung an die Erziehungsphilosophie John Deweys von Kohlberg als > progressiv< bezeichnet und hat Bedeutung für Kohlbergs Forschung. Am Anfang dieses Kapitels wurde erläutert, inwiefern Konstruktivismus und Interaktionismus bedeutsam für die kindliche Entwicklung sind.

Die sechs Stufen der moralischen Urteilsentwicklung weisen eine Tiefenstruktur auf, weil sie uns selbst nicht bewusst und für den Einzelnen schwer bestimmbar sind. Am Beispiel der Grammatik lässt sich dies verdeutlichen: Man kann die Regeln der Grammatik durchaus beherrschen, ohne sie jedoch erklären zu können.

Oser und Althof (1991) fassen die zentralen Aspekte des progressiven Erziehungsansatzes wie folgt zusammen:

„Kohlbergs moralpsychologische Entwicklungstheorie stellt das entscheidende Fundament seines Ansatzes der Moralerziehung dar. Dieser Ansatz geht davon aus, dass das Kind mit dem Lösen ganz konkreter ethischer Konflikte einen Lernprozeß durchmacht, der auf die nächsthöhere moralische Stufe der Entwicklung hinführt. Der interaktive und intensive Umgang mit der sich wandelnden Umwelt ermöglicht es, dass das Kind nach der beschriebenen Entwicklungssequenz immer reversibler, immer differenzierter und komplexer zu denken beginnt und seine Urteilskraft immer mehr nach universellen Prinzipien ausrichtet.“ (OSER & ALTHOF 1991, 103)

Das aktiv denkende Kind wird also durch Problemstellungen und Konflikterfahrungen herausgefordert nach (neuen) Lösungen zu suchen. Somit wird das Kind als eine Person gesehen, die Verantwortung übernehmen kann. Tugend soll in diesem pädagogischen Ansatz nicht (wie Wissen) erlernt werden, sondern die Förderung moralischer Urteilskompetenzen steht im Vordergrund. Ein strukturelles Fortschreiten wird nur dann möglich, wenn das Kind bestimmte Denkmuster als ungenügend erlebt.

Eine Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit wäre beispielsweise dadurch zu ermöglichen, indem man das Kind mit Argumenten zu einem Problem konfrontiert, welche einer höheren Stufe angehören.

Dabei dürfen die Argumente aber nicht mehr als eine Stufe höher liegen als die Stufe, auf der sich das Kind selbst befindet. Ansonsten kann das Kind die Argumente nicht wirklich verstehen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Plus-Eins-Konvention als didaktischer Leitlinie.16 Kohlberg entwickelte geeignete Dilemmata, die zum diskutieren anregen sollen.

Der progressive Ansatz ist stark interaktionistisch angelegt und hat in der konkreten pädagogischen Praxis zu so genannten Just-Communities (Gerechten Gemeinschaften) geführt (vgl. KOHLBERG & TURIEL 1978). In diesen Modellversuchen werden Beteiligung und Verantwortung bei der Lösung von Konflikten innerhalb der eigenen Gemeinschaft (Schulklasse, Familie etc.) gewährt.

Moralische Urteile sollen dabei in die Entscheidungen einfließen und Geltung erfahren. Kohlberg hat dabei der Schule als sozialem Erfahrungsraum eine besondere Bedeutung zugedacht, insofern deren „moralische Atmosphäre“ Moralentwicklung verstärkt fördert bzw. fördern kann (vgl. KOHLBERG et al. 1984a, 251 f. und KOHLBERG 1979, 168 f.).

4.4 Der diskurspädagogische Ansatz

Das diskurspädagogische Modell ist von Fritz Oser geprägt worden und entstand in Auseinandersetzung mit der Diskursethik. Ausgehend vom progressiven Ansatz sollen dessen Schwächen jedoch überwunden werden. An Kohlbergs progressivem Modell wird hiernach bemängelt, dass nur die argumentativen Aspekte moralischer Lernprozesse eingefangen werden und weniger die subjektiven, sozialen und kommunikativ-prozessualen Bedingungen für eine Auseinandersetzung um eine moralisch begründete Problemlösung in konkreten Situationen.

[...]


1 Diese Dilemmata sind deshalb hypothetisch zu nennen, weil sie relativ reduzierte Szenarien repräsentieren, welche in der Realität kaum vorkommen. Ferner sind sie Dilemmata, weil sie eine Entscheidung für einen Wert fordern, und in diesen Entscheidungen zwingend ein gegensätzlicher Wert verletzt wird. Ein typisches Kohlberg-Dilemma ist das Heinz-Dilemma und es beschreibt in etwa folgenden Konflikt: Heinz hat eine sterbenskranke Frau und benötigt dringend ein Medikament für sie. Der Apotheker will dafür aber viel Geld, das Heinz nicht aufbringen kann. Soll er das Medikament stehlen?

2 Kohlberg zieht mit dieser Begriffsverwendung eine Parallele zur linguistischen Theorie von Naom Chomsky. Dieser hat zwischen Kompetenz (Fähigkeit des idealen Sprecher-Hörers, Laute und Bedeutungen entsprechend der Regeln seiner Sprache zu verknüpfen) und Performanz (der tatsächliche Sprachgebrauch) unterschieden. Ich kann in diesem Sinne z.B. Regeln der Grammatik beherrschen, auch wenn ich sie nicht explizieren kann (CHOMSKY 1972, 483f.).

3 Der Begriff „kognitive Struktur“ bezeichnet bei Kohlberg die Regeln der Verarbeitung von Informationen respektive die Regeln der Verbindung von Erfahrungen. Reifung und Lernen reichen für Kohlberg als Erklärung für Entwicklung nicht aus (vgl. KOHLBERG 1974, 9). Die moderne Biologie deutet kognitive Strukturen auch als mentale Repräsentationen und nicht nur als Regeln.

4 Die jeweiligen Stufen meinen also keine Zuordnung des Charakters oder des Verhaltens, sondern des Urteilens über eine gegebene Situation: „Vor allem haben wir betont, dass Stufen keine Schubladen zur Klassifizierung und Bewertung von Menschen sind ... Es geht vielmehr darum, ihre Auffassung von Rechtmäßigkeit und Fairneß zu erkennen, und die Stufenzuordnung hilft, ihren Standpunkt zu verstehen.“ (KOHLBERG et al. 1984a, 228f.).

5 Diese Stufen bilden so genannte „Tiefenstrukturen“ (deep structures) des Denkens, die die Interpretation und Verarbeitung von Handlungssituationen bestimmen.

6 Soziale Rollen- bzw. Perspektivenübernahme meint die Fähigkeit sich und andere als Subjekte zu begreifen und sich selbst aus der Perspektive des Anderen zu sehen (vgl. hierzu auch SELMAN 1984).

7 deon (griech.: die Pflicht betreffend)

8 Areté (griech.: sittliche Leistungsfähigkeit, Tugend)

9 Eine kantische Formulierung des Kategorischen Imperativs lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (KANT 1781, Kritik der reinen Vernunft, §7)

10 Piaget unterscheidet zwei Aspekte von Gerechtigkeit: die austeilende und die vergeltende Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeitsforschung unterscheidet verschiedene Gerechtigkeits-prinzipien, wie z.B. die formale Verfahrensgerechtigkeit (prozedurale Gerechtigkeit) und die inhaltliche Verteilungsgerechtigkeit (distributive Gerechtigkeit). Die Gewichtung der Kriterien dieser Prinzipien ist dabei umstritten. Für eine Bewertung sozialer Verhältnisse ist Gerechtigkeit zentral. Siehe auch das Kapitel (9.2) „Eingeschränkter Universalismus“.

11 Piaget beobachtete zwischen heteronomer (fremdbestimmter) und autonomer (selbstbestimmter) Moral auch noch eine Art Zwischenstadium.

12 Unter naiven Subjekten werden hier alltägliche Personen bzw. Laien („der so genannte Mann auf der Strasse“) verstanden, die zu ihrem moralischen Verständnis befragt werden und Stellung nehmen.

13 Der Begriff des „naturalistischen Fehlschlusses“ wurde von dem englischen Philosophen G.E. Moore in seiner Schrift „Principia Ethica“ (dt. 1970) erwähnt, wobei diese Problematik bereits von dem Philosophen D. Hume skizziert wurde. Der naturalistische Fehlschluss gilt als ein Verstoß gegen das so genannte Humesche Gesetz, wonach nicht vom Sein auf das Sollen geschlossen werden darf.

14 „Der Begriff >Abduktion< wurde von C.S. Peirce eingeführt als Schluss auf eine Erklärung, ist aber sinnvollerweise so zu qualifizieren, dass nicht irgendeine beliebige Erklärung erzielt werden soll, sondern die bei gegebener Prämissenlage und bestehendem Hintergrundwissen beste Erklärung.“ (DÜWELL et al. 2002, 199)

15 Als Vertreter dieses romantischen Ansatzes kann beispielsweise A.S. Neill (1969), der Begründer der Summerhill-Schule genannt werden. Die Grundgedanken dieses Ansatzes finden sich bereits bei J.J. Rousseau (1762).

16 „Die beste Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit, so zeigt heute die Forschung, wird besser durch Argumente erreicht, die der Meinung der Person widersprechen (die >Pro-und-Contra<-Konvention), als durch solche, die eine höhere Stufe repräsentieren (+1-Konvention).“ (LIND 1992, 207)

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Philosophische Aspekte und der Stellenwert der Kognition in Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
125
Katalognummer
V130424
ISBN (eBook)
9783640357307
ISBN (Buch)
9783640357505
Dateigröße
1239 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophische, Aspekte, Stellenwert, Kognition, Kohlbergs, Theorie, Entwicklung
Arbeit zitieren
Oliver Link (Autor), 2007, Philosophische Aspekte und der Stellenwert der Kognition in Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130424

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Philosophische Aspekte und der Stellenwert der Kognition in Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden