„Was ist Ehre? – ein Wort.“ Das meint Shakespeare. Das Wort Ehre ist eng verbunden mit dem Ermessen anderer. Das heißt, Dritte beurteilen, was als ehrenvolles Verhalten und Handeln erachtet wird und was nicht. Ehre, als das Ansehen und die Anerkennung, die einem von anderen zuteil wird, bestimmt in großem Maße unsere Identität und unsere Stellung in der Gesellschaft. Heute scheint die Ehre als Normsystem keine allumfassende Bedeutung mehr zu haben. Sie kommt gegenwärtig nicht mehr explizit zur Sprache. Gleichwohl spiegelt sie sich immer dann wieder, wenn z.B. von „Image“ oder dem „guten Ruf“ die Rede ist. Der verbürgte Leumund einer Person oder Institution macht sie glaub- und vertrauenswürdig sowie achtbar. Von einer Bank zum Beispiel, die sich durch die eben dargelegten Attribute auszeichnet, lässt man sich lieber in Kreditfragen beraten als von einem Wucherer. Verliert jemand seine Ehre durch unehrenhaftes Handeln, wie z.B. dem Wuchern oder dem Begehen einer Straftat, wird er von der Gesellschaft geächtet und sozial ausgegrenzt. Er verliert buchstäblich sein Gesicht – beim Ehrverlust wird daher auch von Gesichtsverlust gesprochen – und ist somit nicht länger ein Teil der Gemeinschaft, sondern ein ausgestoßener Sonderling.
Kleists Michael Kohlhaas und Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre , namentlich Christian Wolf, sind zwei dieser Ehrlosen. Sie fallen aufgrund verletzter bzw. verlorener Ehre dem Mord und Diebstahl; kurz dem Verbrechen anheim. Enttäuscht vom Rechtssystem, das ihr Unglück maßgeblich mit verschuldet, nehmen sie das Recht selbst in die Hand. Als Rächer und Selbsthelfer üben sie Vergeltung an Justiz und Obrigkeit für ihr erlittenes Unrecht.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der vergleichenden Gegenüberstellung der obengenannten Erzählungen Kleists und Schillers unter besonderer Berücksichtigung der Frage nach den funktionalen und wirkungs-dimensionalen Bedeutungsbeziehungen von Rache und Ehre. Diese Fragestellung wird sowohl innerhalb des jeweils einzelnen Werkes als auch im Verhältnis zum jeweils anderen Werk betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre
2.1 Entstehungs- und Stoffgeschichte
3. Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas
3.1 Entstehungs- und Stoffgeschichte
4. Ehre – Recht – Rache
4.1 Ehre und Rache
4.2 Ehre und Recht
4.3 Rache und Recht
5. Kleist und Schiller als Rächer des Rechts
6. Struktur
7. Erzählstrategie und Sprache
8. Charakteristika der Hauptfiguren
8.1 „Sprechende“ Namen
8.2 Profile der Rächer
8.3 Unehrliche Leute
9. Adressaten der Rache
10. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Erzählungen "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist und "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" von Friedrich Schiller in einer vergleichenden Gegenüberstellung zu untersuchen. Dabei steht die Analyse der funktionalen und wirkungsdimensionalen Bedeutungsbeziehungen zwischen den Begriffen Rache und Ehre unter Berücksichtigung juristischer sowie psychologischer Aspekte im Zentrum der Forschungsfrage.
- Analyse der Begriffs-Triade Ehre, Recht und Rache
- Eruierung der Bedeutung von Justizkritik und Rechtsempfinden
- Charakterisierung der Titelfiguren als ehrlose Verbrecher
- Untersuchung der narrativen Strukturen, Erzählstrategien und Sprache
- Betrachtung des funktionalen Zusammenhangs zwischen Ehre und Rache
Auszug aus dem Buch
4.1 Ehre und Rache
Die Ehre stellt in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaften ein außerordentlich bedeutendes Gut dar. Sie ist Voraussetzung für die Teilhabe am und die Eingliederung in das öffentliche Leben. Die Ehrordnung in der sowohl Schiller als auch Kleist und ihre jeweiligen Helden, Christian Wolf und Michael Kohlhaas, angehören, ist zwar immer an ökonomischen und sozialen Status gebunden, hat darüber hinaus aber ihren eigenständigen Wert. Diesen eigenständigen Wert kann man als soziale Norm bezeichnen, nach der sich jeder zu richten hat, will er sein eigenes Leben in Anerkennung und Ehre verbringen.
Zunkel legt in seinem Artikel Ehre, Reputation dar, dass bereits bei den Germanen die Ehre als höchster Wert und die wesentliche Ordnungsgrundlage für das menschliche Dasein angesehen wird. Die Ehre, als soziokulturelles Ordnungsgefüge, das bestimmte Verhaltenscodices, Werte und Richtlinien umfasst, ist ein konstitutives Moment sowohl für die Gesellschaft als auch für den Einzelnen. Sie hat damit eine sehr große Macht- und Vorrangstellung inne. Sie bildet die Grenzen des Sag- und Handelbaren. Ferner zeigt sie Risiken des sozialen Falles und Verrufes sowie die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Aufstieges und des damit einhergehenden guten Rufes auf.
Die Ehre ist somit ein ambivalenter Begriff. Er spaltet sich auf in innere und äußere Ehre. Die innere Ehre bezeichnet das Selbstwertgefühl, die Selbstwertschätzung aber auch die Moral, Sittlichkeit und Tugend sowie die soziale Verantwortung. Diese Ehreigenschaften des Individuums bilden seine Maxime für Ehrlichkeit und Unbescholtenheit, aufgrund derer es in der Gesellschaft anerkannt und gewürdigt wird. Die äußere Ehre umfasst die Reputation, die Achtung und das Ansehen anderer gegenüber dem Einzelnen. Sie kann dem Individuum z.B. aufgrund von besonderen Leistungen, sozialer Stellung oder Berühmtheit zuerkannt werden. Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zwischen innerer und äußerer Ehre. Die innere Ehre besitzt man aufgrund seines Menschseins und ist bestrebt, sie zu bewahren. Die äußere Ehre, als öffentliche Anerkennung anderer, hingegen muss erst erworben werden bzw. diese kann einem auch wieder aberkannt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik von Ehre und Recht sowie Vorstellung der zu untersuchenden Werke von Kleist und Schiller.
2. Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre: Darstellung der Entstehungsgeschichte des Werkes und der biografischen Hintergründe Schillers.
3. Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas: Analyse der Stoffgeschichte und der Lebenssituation Kleists während der Entstehung der Erzählung.
4. Ehre – Recht – Rache: Grundlegende theoretische Untersuchung der Triade sowie der Begriffspaare unter Einbeziehung soziologischer und rechtlicher Perspektiven.
5. Kleist und Schiller als Rächer des Rechts: Betrachtung der Autoren als "Dichterjuristen" und ihrer Beziehung zum Strafrecht.
6. Struktur: Analyse der formalen Gestaltung der Werke, insbesondere in Bezug auf dramenähnliche Gliederungsmodelle.
7. Erzählstrategie und Sprache: Untersuchung der Erzählperspektiven und sprachlichen Mittel zur Vermittlung der Themen Ehre und Rache.
8. Charakteristika der Hauptfiguren: Analyse der sprechenden Namen, der psychologischen Profile der Rächer sowie der Einordnung in unehrliche Berufsgruppen.
9. Adressaten der Rache: Identifikation der Gegner und Institutionen, gegen die sich die Racheakte der Protagonisten richten.
10. Abschließende Betrachtung: Zusammenfassende Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Erzählungen.
Schlüsselwörter
Ehre, Rache, Recht, Justizkritik, Michael Kohlhaas, Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Heinrich von Kleist, Friedrich Schiller, Rechtschaffenheit, Ehrlosigkeit, Naturrecht, Selbstjustiz, Ständegesellschaft, Literaturgeschichte, Sozialpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den engen Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen den Leitbegriffen Ehre, Recht und Rache anhand der Erzählungen von Kleist und Schiller.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen das Konzept der Ehre in der frühen Neuzeit, die Kritik an einem starren Rechtssystem und die psychologische Motivation von Rachehandlungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die vergleichende Analyse, wie die beiden Protagonisten Christian Wolf und Michael Kohlhaas auf erlittenes Unrecht reagieren und inwiefern sie dabei die Grenzen von Recht und Moral überschreiten.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es wird eine werkimmanente, vergleichende Analyse vorgenommen, die durch historisch-kontextuelle Informationen und literaturwissenschaftliche Sekundärquellen gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur der Werke, die Charakteristika der Hauptfiguren (inklusive der Bedeutung ihrer Namen) sowie die soziale Einordnung durch die Thematisierung "unehrlicher Berufe".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wesentlichen Begriffe sind Ehre, Rache, Recht, Justizkritik, Literaturgeschichte und die spezifischen Werktitel der beiden Autoren.
Inwiefern spielt der "Schlagbaum" in Kleists Erzählung eine symbolische Rolle?
Er fungiert als Dingsymbol für eine willkürliche Grenze und als Zeichen für das gesamte Ehr- und Rechtsbegehren des Helden sowie dessen Identitätsverlust.
Warum wird der Begriff des "Naturrechts" für die Protagonisten wichtig?
Da das positive Recht sie im Stich lässt, berufen sich die Helden auf ein übergeordnetes Naturrecht, um ihren Widerstand und ihre Selbstjustiz zu legitimieren.
Was unterscheidet den Umgang mit "unehrlichen Berufen" bei den beiden Helden?
Während Christian Wolf aktiv die Nähe zu unehrlichen Berufen sucht, um sich aufzuwerten, meidet Kohlhaas diesen Kontakt bewusst, obwohl er durch die Inbesitznahme seiner Pferde indirekt in diesen Bereich gezogen wird.
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- Magister Artium Yvonne Holz (Autor), 2008, Rache und Ehre bei Kleist und Schiller, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130772