Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, darzustellen, wie und in welcher Form lehrkraftinduzierte Subjektivität in der tatsächlichen Praxis der Bewertung wirkt und in welches Verhältnis diese Praxis mit den institutionellen Vorstellungen der Schule tritt. Zur Einführung in das Themenfeld der Bewertungsforschung soll zunächst eruiert werden, wo der Leistungsgedanke seinen Ursprung hat und wie er schließlich in schulischen Kontexten Anwendung fand. Im Zuge dessen sollen Schulnoten als gewählte Möglichkeit der Operationalisierung von Leistung betrachtet und ein kurzer historischer Überblick über die die Einführung von Ziffernnoten dargeboten werden.
Um die übergreifende Bedeutung von Schule für das gesellschaftliche System zu veranschaulichen, sollen zudem aus strukturfunktionalistischer Perspektive die sozialen Funktionen von Schule erläutert werden. Im Rahmen dieser Betrachtung von Schule als gesellschaftsdienlicher Sozialisationsinstanz soll eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der Meritokratie erfolgen. In diesem Zusammenhang soll auch in Kürze erläutert werden, inwiefern eine Leistungsgesellschaft Schule als System in ihren Funktionen für sich beansprucht und wie die entsprechende Leistung in der Schule konstruiert und anerkannt wird. In dem Verständnis von Leistung als Konstrukt soll vertiefend die Funktion von Leistung in der Gesellschaft im Allgemeinen und der Schule im Besonderen erfasst und im Sinne des Doing Difference-Ansatzes näher ausgeführt werden. Innerhalb dieses Prozesses der Humandifferenzierung sollen die Rollen und Aufgaben von Schüler*innen und Lehrer*innen bestimmt und beschrieben werden.
Zur Verknüpfung von Theorie und Praxis soll im Folgenden anhand gesetzlicher Vorgaben und regulativer Normen überprüft werden, inwiefern das theoretische Leistungskonzept in der Praxis – zumindest qua Vorschrift – Anwendung finden kann. Die institutionellen Anleitungen der Makroebene werden so den in dieser Arbeit analysierten tatsächlichen Praktiken der Mikroebene gegenübergestellt; es erfolgt also gleichsam eine Überprüfung der Umsetzung des vorgegebenen Ideals.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Auseinandersetzung mit dem Leistungsbegriff in schulischen Kontexten
2.1 Historische Genese der Leistungsidee
2.2 Zum Konzept Schule und der Operationalisierung von schulischer Leistung durch Noten
2.3 Sozialkonstruktivistisches Verständnis in der Soziologie
2.4 Praktische Umsetzung des Leistungskonzepts
3 Empirische Analyse: Konstruktion schulischer Leistung in der Überprüfung und Bewertung durch Lehrkräfte
3.1 Leistungsbewertung im Rahmen der Klausurkorrektur
3.2 Leistungsbewertung im Rahmen der mündlichen Abiturprüfung
3.3 Leistungsbewertung im Rahmen der Notenbesprechung mit Schüler*innen
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen lehrkraftinduzierter Subjektivität auf die Bewertungspraxis in der Schule. Es wird dargelegt, dass schulische Leistung kein objektives Attribut ist, sondern erst durch die Interaktion und Bewertung von Lehrkräften aktiv konstituiert wird, was maßgeblich zur Produktion von Schulerfolg und der Reproduktion sozialer Ungleichheit beiträgt.
- Soziologische Grundlagen des Leistungsbegriffs
- Die Organisation Schule als Sozialisationsinstanz
- Methoden der subjektiven Leistungsbewertung (Klausuren, Abitur, Notenbesprechung)
- Das Spannungsfeld zwischen offiziellen Vorgaben und pädagogischer Freiheit
- Die soziale Konstruktion von Humandifferenzierung und Schulnoten
Auszug aus dem Buch
3.1 Leistungsbewertung im Rahmen der Klausurkorrektur
Die erste zu untersuchende Bewertungssituation soll die der Klausurkorrektur sein, wobei Kalthoffs „Zensurenpanoptikum“ (1996) als ethnographische Studie die Datengrundlage bildet. Im Rahmen der Studie wurden Lehrkräfte verschiedener Internatsschulen über einen Zeitraum von neun Monaten hinweg „bei der Korrekturarbeit von Klausuren [und] der Notenfindung“ (Kalthoff 1996: 109) begleitet und beobachtet. Dabei wurden fünf Lehrpersonen bei der Klausurkorrektur am „häuslichen Schreibtisch“ (Kalthoff 1996: 109) beobachtet und es wurde acht mündlichen Abiturprüfungen mit anschließender Notenberatung beigewohnt. Anhand des vorliegenden Materials zur Klausurkorrektur soll in diesem Kapitel analysiert werden, inwiefern die Bewertungspraxis der Lehrkräfte dem Gütekriterium der Objektivität folgt und inwiefern sie im Einzelnen die Leistung ihrer Schüler*innen konstituiert.
Während der Beobachtung der Lehrkräfte bei der Klausurkorrektur fällt auf, dass sie sich in ihrer Verwendung der Bezugsnormen der Leistungsbewertung unterscheiden (vgl. Spinath 2008: 187). Von drei möglichen werden in dieser Studie zwei Bezugsnormen in der Leistungsbewertung registriert, nämlich die „kriteriums-/lernzielorientierte“ (Kalthoff 1996: 111) bzw. kriteriale/sachliche Bezugsnorm (Spinath 2008: 187) und die „gruppenorientierte“ (Kalthoff 1996: 111) bzw. soziale Bezugsnorm (Spinath 2008: 187). Im Falle der Verwendung der kriterialen Bezugsnorm wird beobachtet, dass Lehrkräfte sich vor der Korrektur einen sogenannten Erwartungshorizont erstellen, der eine Musterlösung der Klausur darstellen soll (Kalthoff 1996: 111). Mithilfe dieses Erwartungshorizonts kann die Lehrkraft niedergeschriebenes ‚Wissen‘ kalkulierbar machen, indem sie einzelnen Aussagen oder „Wissenselemente[n]“ (Kalthoff 1996: 111) Punktzahlen zumisst, die die Ansprüche der Klausur oder ihrer einzelnen Aufgaben widerspiegelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert das Thema der schulischen Bewertung als sozialkonstruktiven Prozess und definiert das Ziel der Arbeit, die Dynamik lehrkraftinduzierter Subjektivität zu untersuchen.
2 Auseinandersetzung mit dem Leistungsbegriff in schulischen Kontexten: Dieses Kapitel erläutert die Genese der Leistungsidee und analysiert die Funktionen von Schule sowie die Rolle der Note als operationalisiertes Maß der Humandifferenzierung.
3 Empirische Analyse: Konstruktion schulischer Leistung in der Überprüfung und Bewertung durch Lehrkräfte: Das Hauptkapitel untersucht anhand empirischer Daten drei konkrete Settings – Klausurkorrektur, mündliches Abitur und Zeugnisnotenbesprechung – hinsichtlich ihrer Konstruktionsmechanismen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und verdeutlicht, dass die schulische Subjektivität aus einem grundlegenden Spannungsfeld zwischen menschlichem Handeln und dem mechanischen Idealbild der Notengebung resultiert.
Schlüsselwörter
Schulische Bewertungspraxen, Leistungsbegriff, Lehrkraftinduzierte Subjektivität, Sozialkonstruktivismus, Organisation Schule, Notengebung, Doing Difference, Meritokratie, Klausurkorrektur, Mündliche Abiturprüfung, Zeugnisnotenbesprechung, Bildungssoziologie, Humandifferenzierung, Chancengleichheit, Soziale Ungleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie schulische Noten entstehen. Dabei wird die These vertreten, dass Noten keine objektiven Abbilder von Fähigkeiten sind, sondern durch die subjektiven Handlungen und Wahrnehmungen von Lehrkräften konstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der soziologische Leistungsbegriff, die Funktionen der Schule (z.B. Enkulturation, Allokation), die Methoden der Notenvergabe sowie die Rolle der Lehrkraft als agierendes Subjekt innerhalb organisatorischer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, offenzulegen, wie lehrkraftinduzierte Subjektivität in verschiedenen Bewertungssituationen wirkt und wie diese Praxis das Verhältnis zwischen institutionellem Anspruch und tatsächlicher Bewertungserbringung beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse ethnographischer Studien (insbesondere Kalthoff und Breidenstein), um die Praxis der Leistungsbewertung in der Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von drei spezifischen Settings: die Klausurkorrektur, das mündliche Abitur sowie die Zeugnisnotenbesprechung mit Schüler*innen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Leistungskonstruktion, Subjektivität, Organisation Schule, Meritokratie, Notengebung, Differenzierung und soziale Ungleichheit.
Wie unterscheidet sich die Bewertung im Abitur von der Klausurkorrektur?
Während die Klausurkorrektur meist in der Isolation einer einzelnen Lehrperson stattfindet, unterliegt die mündliche Abiturprüfung einer Dynamik des Kollektivs (Prüfungsausschuss) sowie einer aktiven Interaktion, was die Konstruktion der Leistung deutlich komplexer macht.
Welche Bedeutung hat die Selbsteinschätzung der Schüler*innen?
Die Selbsteinschätzung dient laut der Analyse eher dazu, Schüler*innen eine vermeintliche Mitwirkung und Eigenverantwortung zu suggerieren, während ihre tatsächliche Rolle im Bewertungsprozess stark beschränkt bleibt.
Warum wird das meritokratische System der Schule kritisiert?
Die Arbeit kritisiert, dass das Meritokratie-Prinzip, also der Aufstieg durch Leistung, durch die unvermeidliche Subjektivität der Lehrkräfte ausgehöhlt wird, was die behauptete Chancengleichheit in Frage stellt.
- Citar trabajo
- Katharina Lehmann (Autor), 2022, Schulische Bewertungspraxen. Wie lehrkraftinduzierte Subjektivität Leistung definiert und dadurch Schulerfolg produziert, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1309518