Die Dekonstruktion nach Derrida und die Queertheorie nach Engel

Dekonstruktive Gedanken in der Queer Theorie


Hausarbeit, 2006
14 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dekonstruktion nach Derrida
2.1. Eine mögliche Definition
2.2. Dekonstruktionsstrategien

3. Die Queer Theorie nach Engel und Hark

4. Dekonstruktive Gedanken in der Queer Theorie

5. Persönliche Stellungnahme

6. Literatur

1. Einleitung

„Die Verwendbarmachung dekonstruktiver Analysen für die Gender-Forschung stellt jedoch durchaus ein Risiko dar, denn die Reflexion auf die eigenen Aussagebedingungen sind damit zu intensivieren.“ (Wachter, S.41)

„Dekonstruktivistische Leser und Leserinnen werden sich niemals um eine erschöpfende Untersuchung bemühen, sie haben die Idee von Einfachheit und Widerspruchsfreiheit abgelegt.“ (Dahlerup, 1998)

Ich sehe mich mit dieser Hausarbeit vor ein Problem gestellt: Ich möchte dekonstruktive Gedanken in der Queer Theorie untersuchen. Da ich in beiden Feldern eine „Anfängerin“ bin, werde ich mich zunächst um einen Überblick beider Bereiche bemühen und sie daraufhin gegenüberstellen.

Und hier fängt schon mein Problem an, denn: Wie kann ich eine Hausarbeit über die Praxis der Dekonstruktion schreiben und sie der Queer Theorie gegenüber stellen, ohne sie durch diese Form zu karikieren?

Ich muss beide Theoriefelder stark vereinfachen, um sie gegenüber zu stellen. Die Dekonstruktion ist eine Praxis, die gerade diese Vereinfachung, eine feste Abgrenzung von Theoriefeldern in Frage stellt, mit Recht.

Für mich gibt es drei mögliche Thesen, die mich aus diesem Dilemma befreien würden:

Ich behaupte, dass es sich bei meiner Hausarbeit nur um einen ersten Überblick über die Themen handelt. Dabei haben die Aussagen nur einen „tendenziellen“ Charakter.

Ich distanziere mich von der dekonstruktiven Denkweise in so fern, dass ich diese dialektische, vereinfachende Form aufrechterhalten kann.

Ich behaupte, dass das eine Thema aus dem anderen erwächst und keinesfalls fest umrissen gesehen werden darf, dass sich die Queer Theorie auf die Dekonstruktion bezieht und dass es sich damit nicht um ein „Gegensatzpaar“ handelt, sondern viel mehr ein Fruchtbarmachen der Dekonstruktion für einen sozialwissenschaftlichen oder erziehungswissenschaftlichen Bereich.

Da alle drei möglichen Thesen meiner Meinung „tendenziell“ nahe kommen, möchte ich aber im Voraus noch eine vierte These ins Feld führen: Eigentlich kann ich mich aus dem Dilemma nicht befreien, es sei denn ich ändere die Form, die ich aber für gut befunden habe.

Ich werde wie folgt vorgehen:

Ich werde zunächst einen Versuch machen, die Praxis der Dekonstruktion kurz zu referieren, sie zu definieren und ihre Strategien aufzuzeigen. Dabei beschränke ich mich auf Literatur zur Dekonstruktion nach Derrida, der ihr „Denkvater“ ist. Dieser Teil der Hausarbeit stützt sich größtenteils auf Sekundärliteratur, weil Derrida sehr viele Bücher über die Dekonstruktion geschrieben hat, die zudem, wegen ihrer Parataxe, den benutzten Wörtern und fachlichen Verweisen auf andere philosophische Theoriefelder, für Laien sehr schwer zu verstehen sind.

Leitende Fragen sind hier:

Was ist Dekonstruktion?

Welche Strategien verfolgt sie?

Was lässt sich zur Dekonstruktion in Hinblick auf die allgemeine Geschlechterforschung sagen?

Im zweiten Teil werde ich die Queer Theorie umreißen. Hier werde ich mich auf eine beschränkte Anzahl von Texten stützen. Wie in jeder Theorie gibt es auch in der Queer Theorie verschiedenartige Ausprägungen, Meinungen und Schwerpunktsetzungen. Ich werde mich dabei im Zentrum auf den Text „Wider die Eindeutigkeit“ von Antke Engel stützen:

Was ist die Queer Theorie?

Was besagt sie?

Was kritisiert sie?

In einem dritten Teil werde ich durch den Vergleich von Teil eins und zwei Ähnlichkeiten in der Denkweise von Dekonstruktion und Queer Theorie aufzeigen und eventuelle Diskrepanzen zwischen beiden aufdecken.

Eine persönliche Stellungnahme schließt die Hausarbeit ab.

2. Die Dekonstruktion nach Derrida

2.1. Eine mögliche Definition

Wie im Vorwort schon angedeutet, ist es schwierig, die Dekonstruktion zu definieren, ohne sie dadurch zu beschneiden, weil sie viele verschiedene Ausprägungen hat. Allgemein kann man aber sagen, dass Dekonstruktion ein philosophischer Begriff[1] ist, der von Derrida eingeführt wurde. Der Begriff der Dekonstruktion ist eine Wortschöpfung und bezieht sich auf den Begriff „Destruktion“[2], den Heidegger geprägt hat. Derrida ergänzt es um das „kon“, sodass das Wort „Dekonstruktion“ einen Gegensatz in sich vereint: das Aufbauen, d.h. Konstruieren und das Abbauen, d.h. DEkonstruieren (vgl. Wegmann, S.334 und Zima, S.30).

Nach Derrida wird sie als Praxis verstanden, die theoretische Ansätze, die die „im Alltagsbewusstsein allzu fest verwurzelten Vorurteile […] rationalistischer Ideologien aufweicht.“ (Zima, S.34). Im Grunde genommen könnte man von einer ideologiekritischen Methode sprechen. Nach Derrida ist die Dekonstruktion aber nicht bloß eine Methode. Eine Methode wäre „immer nach dem gleichen Muster anwendbar, die Dekonstruktion hingegen wird je nach Situation, Kontext und Text immer anders praktiziert.“ (Moebius, S.127). Demnach gibt es verschiedene Ausprägungen der Dekonstruktion, die beliebig erweitert werden können. Er spricht deshalb von einer Praxis.

Auch ist die Dekonstruktion keine simple Form von Kritik, aber dazu werde ich später kommen.

Der Hauptgesichtspunkt der Dekonstruktion ist die Aufzeigung von binären Gegensatzpaaren, wie z.B. Mann/Frau, Körper/Seele, Form/Inhalt (vgl.Dahlerup, S.38, Moebius, S.127). Derrida stellt heraus, dass dieses binäre Denken fest in unserem Denken verwurzelt ist. Dabei ist eine Seite der anderen überlegen. Sie wird als die ursprüngliche, die bedeutsamere und authentische angesehen. Die andere Seite ist ihr untergeordnet, von ihr abgeleitet, abgespalten oder später entstanden (vlg. Dahlerup, S.38). Hier kann man von einer Werthierarchie sprechen. „Derridas Dekonstruktion versucht, diese Gegensätze und ihre Hierarchien zu verwirren und die gesamte Logik der hierarchischen Opposition zu verschieben“ (Moebius, S.127).

Ihm geht es darum, nicht alles als natürlich darzustellen „was nicht auch natürlich ist, nicht so zu tun als ob das, was durch Geschichte, Technologie, Institution und Gesellschaft geprägt wurde, natürlich sei“ (Kirby und Ziering Kofman, aus dem Untertitel aus einem Interview mit Derrida, Minuten 10:23-10:50).

Und dieses Denken bezieht die Dekonstruktion auch auf ihre kritische Praxis. „Herkömmliche“ Kritik kommt von außen. Sie sieht das zu kritisierende Feld als ein homogenes Feld mit fest umrissenen Grenzen, die das Feld einschließen, sichern und zu einer Form konturieren (vlg. Wachter, S.28). „Herkömmliche Kritik“ möchte das Feld umstürzen, neutralisieren, aufheben bzw. be- und ersetzen. Dies tut sie, indem sie falsche oder schlechte Argumente aufspürt (vlg. Moebius, S.127 und Wachter, S.32). Damit hat diese Kritik aber auch einen Machtanspruch und arbeitet mit genau den Mechanismen, die die Dekonstruktion analysieren und zerlegen möchte (vgl. Wachter, S.29). Bei der Dekonstruktion geht es darum das System, das es dekonstruieren möchte, zunächst zu bewohnen und nicht zu besetzen (vgl. Wachter, S.32). Es geht darum, aufzuzeigen, was das System ausschließt. Dahlerup schreibt dazu:

„Die dekonstruktivistische Kritik am Strukturalismus könnte kurz folgendermaßen zusammengefasst werden: alle Strukturen brechen von innen heraus zusammen. Sie tun dies, so Derrida, weil jede Struktur, um sich zu konstruieren, Elemente unterdrücken muß, die nicht ins System passen. Wird dieser Ausschließungsprozeß enthüllt, so zerfällt die Struktur“ (Dahlerup, S.34).

Die Dekonstruktion nach Derrida zeigt auf, dass diese Elemente, die das System unterdrücken und ausschließen muss, um sich seiner „inneren Reinheit“ zu versichern, streng genommen auch innerhalb des Systems liegen (vgl. Moebius, S.128). Dies lässt sich gut anhand der Gegensatzpaare erläutern: Eine Seite wird als

die Höhere empfunden, wäre aber ohne die andere Seite gar nicht existent oder denkbar, denn erst das, was sie ausschließt und unterdrückt, macht sie zu dem, was sie ist. So kann man davon sprechen , und so argumentiert die Dekonstruktion, dass die erhöhte und überlegene Seite unvollständig, nicht allein lebensfähig wäre, ohne ihren Gegensatz, den sie so vehement bekämpft (vgl. Moebius, S.127).

[...]


[1] In der Philosophie wird darüber gestritten, ob die Dekonstruktion eine Philosophie ist, da sie diese gerade zu dekonstruieren versucht (vgl. Kern und Menke, S.7). So wird sie z.B. auch in einem Buch namens „Randgänge der Philosophie“ behandelt.

[2] Auch bei Heidegger war die Destruktion schon keine Zerstörung, „sondern Zerlegung und kritische Würdigung“ (Zima, S.30).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Dekonstruktion nach Derrida und die Queertheorie nach Engel
Untertitel
Dekonstruktive Gedanken in der Queer Theorie
Hochschule
Universität Hamburg  (Allgemeine Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
„Neuere Ansätze der Geschlechtertheorie“
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V131108
ISBN (eBook)
9783640372287
ISBN (Buch)
9783640371969
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Queer, Geschlechtertheorien, Engel, Derrida, Dekonstruktion, Geschlechterrollen, Queer Theorie
Arbeit zitieren
Ursula Mock (Autor), 2006, Die Dekonstruktion nach Derrida und die Queertheorie nach Engel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131108

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