Erkenntnistheoretische Grundlegung zur Anthropologie


Hausarbeit, 2001

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Über Wirklichkeit und Erkenntnis
Wissen und Wahrheit
Der Glaube an Ursache und Wirkung
Raum und Zeit
Konstruktivismus
Die Subjekt- Objekt Differenzierung
Determinismus

Konsequenzen für die Anthropologie in der Heilpädagogik
Das Problem der Gewißheit
Die Unmöglichkeit des Unsinns
Die Suche nach dem Verstehen

Resümee

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Geschichte der anthropologischen Fragen kann wohl mit der der Philosophie in Übereinstimmung gebracht werden. „Was ist der Mensch?“ Das beschäftigte wohl nicht die Griechen als erste. Dementsprechend kann diese Arbeit unmöglich eine Zusammenfassung anthropologischer Denkrichtungen, und sei es auch nur derjenigen, die sich unter das Dach der Behindertenpädagogik gesellen, darstellen. Der Anspruch dieser Arbeit muß sich anderswo erfüllen. Es geht also, wie der Titel ja bereits besagt, um das Errichten eines Fundamentes.

Man könnte sogar die Behauptung aufstellen, es ginge darum, ein Paradigma zu schaffen, doch scheint mir dieser Begriff zu belastet.

Ich werde in dem Folgenden vielmehr versuchen, einen Ausgangspunkt zu finden, welcher, sofern er eingenommen wird, eine wertschätzende Haltung gegenüber jeglichem menschlichem Leben unabdingbar macht.

Ausgerechnet Singer hat ja die Diskussion um den Wert des Menschen (gr.: anthropos) wiederbelebt und dafür kann man ihm durchaus dankbar sein. Mit ihm habe ich mich bereits im Rahmen meines Zivildienstes auseinandergesetzt, den ich in einer Euthanasie - Gedenkstätte ableistete. Damals hatte Singer vorerst die positive Wirkung auf mich, daß ich Vegetarier wurde und die Tatsache akzeptierte, daß wohl auch Tiere eine Art des Bewußtseins und Denkens sowie Gefühle besitzen. Sehr seltsam schien mir allerdings, daß der Mann, welcher mich zu dieser Veränderung inspirierte, andererseits behauptete, daß bei manchen Vertretern derjenigen Gattung, welche zu lange weit über das Tier gestellt wurde (im Sinne einer Unterbewertung des Tieres, nicht einer Überbewertung des Menschen), dagegen die Phänomene, die er nun auch Tieren zusprach, nicht auftreten. Das irritierte mich sehr und widersprach völlig meiner Ethik. Ich kam nicht dahinter, was einen Mann, der einerseits sich für die Rechte der Tiere einsetzt, dazu bewegt, sich andererseits gegen die Rechte von Menschen auszusprechen. Allerdings gab ich recht schnell anhand der intellektuellen Übermacht auf und glitt ab in Floskeln, die mir selbst nicht ausreichend schienen. Letzten Endes zweifelte ich sogar an der Richtigkeit meiner eigenen Überzeugungen und fragte mich, ob sie denn nicht bloß starr und anerzogen wären. Nun aber denke ich, einen Weg gefunden zu haben. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich jetzt ein Menschenbild in mir trage, welches ich begründen kann. Denn es ist wichtig, nicht einen in seiner Qualität dem Utilitarismus ähnelnden normativen Weg zu beschreiten, mit dem einzigen Unterschied, das wir nun diesen für den einzig wahren halten.

Demnach will ich in dieser Arbeit eine Anthropologie entwerfen, die nicht auf Ethik aufbaut sondern in ihr mündet. Wohl will ich eingestehen, daß auch ich natürlich nicht den Stein der Weisen gefunden habe, sondern ebenso im Dunklen tappe. Doch gerade darauf kommt es an, wie hoffentlich meine Arbeit zeigen wird. Ich will nämlich nicht aus Not erfinden, sondern eben diese Not nutzen. Ich möchte nicht aus Unwissenheit eine beliebige Norm, wie die Menschenrechte oder das Glück und das Leid als Wertmaß, gebären. Ich will im Gegenteil diese Unwissenheit selbst als Norm ergreifen, eine Norm, welche Toleranz impliziert.

Daher beginne ich auch mit dem Thema der Erkenntnis. Es soll hierbei herausgearbeitet werden, daß es kein objektives und allgemeingültiges Wissen beim Menschen geben kann.

Daraufhin werde ich die Konsequenzen betrachten, die sich aus dem Festgestellten für das Arbeiten mit Behinderten ergeben.

Man möge die Argumentation als logisch verstehen im Sinne vom Schaffen eines Systems, welches an sich dogmatisch ist und natürlich kritisiert werden kann und muß, in dem jedoch die darauf beruhenden Aussagen schlüssig sein sollen.

Man mag sich fragen, welche Aussagen nun von mir stammten, da nicht hinter jeder eine Literaturangabe vermerkt ist. Nun, nach jedem Kapitel stehen kurze Literaturangaben. Diese dienen der Erläuterung, welche Literatur mich speziell in der betroffenen Thematik inspiriert und unterstützt haben. Im Falle daß ich direkt einen Gedankengang eines Autors aufgreife, habe ich dies noch extra im Text vermerkt.

Das Gefühl, das ich oft bei Beschäftigung mit diesen Themen verspüre, kann nur der verstehen, welcher jemals wie Sokrates empfunden hat, als er zu Phaidros über das Schöne spricht: „Aber, lieber Phaidros, scheint es dir nicht, wie mir selber, daß ich von einem göttlichen Geschehen besessen bin?“

So schreibe ich in einem Fluß, der wohl von Büchern genährt sein mag, und dessen Ursprung doch auch mir ein Rätsel bleibt. Was ich damit meine, mag das folgende erweisen.

Über Wirklichkeit und Erkenntnis

Wissen und Wahrheit

Wissen ist wohl die Grundvoraussetzung für jeglichen Umgang mit der Welt. Gleichwohl kommt einer der bemerkenswertesten Philosophen, nämlich Sokrates, zum Schluß: „Ich weiß, daß ich nichts weiß.“ Dieses wohl berühmteste Paradoxon weißt auch mir den Weg und sagt das alles bereits aus, was ich noch hier zu sagen habe.

Damit meine Position zu diesem Thema nachvollziehbar wird, werde ich verschiedene Wissensbereiche behandeln. Doch möchte ich darauf verweisen, daß dieses Kapitel dem Begriff des Wissens im Sinne einer Definition, ohne allerdings den kritisierenden Anteil zu vergessen, gewidmet ist.

Die zu stellenden Fragen sind demnach: „Was ist Wissen?“ und nachdem diese Frage eingegrenzt wurde: „Kann es also Gewißheit geben?“

Ich möchte mich zuerst der möglicherweise vordergründig recht unproblematisch erscheinenden Wissenserschließung durch Erfahrung annehmen. Hierbei wird also Wissen durch Aufnahme von Eindrücken erlangt, welche sich durch das Vergleichen von Vorstellungen im Selbst bemerkbar machen (vgl. Hume 1989, S.106). Der Anspruch des Wissens ergibt sich dann durch das Kriterium der Wahrheit, demnach durch ein subjektiv und objektiv zureichendes „Fürwahrhalten“ (vgl. Kant 1998, S.831). Um allerdings nicht das Konkrete durch Abstraktion unverständlich zu machen, will ich meine Argumentation an einem Beispiel aufbauen. Wie kann es also zu einem solchen Wissen kommen?

Um der wissenschaftlichen Gewißheit den erforderlichen Tribut zu zollen, werde ich dem Anspruch der empirischen Überprüfbarkeit gerecht werden. Es handelt sich um ein sogenanntes „noncontingent reward experiment“, in welchem kein Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Versuchsperson (Vp) und der Bewertung dieses Verhaltens von Seiten des Versuchsleiters besteht, demnach auch ein Wissen über diesen Zusammenhang unmöglich ist (zum Versuch vgl. Watzlawick 2000, S.13f). Hierbei wurden den Vps eine lange Reihe von Zahlenpaaren vorgestellt (z.B. 67 und 23). Die Vps hatten nun die Aufgabe festzustellen, ob die Zahlen nun zusammenpassen oder nicht. Die Frage nach dem Kriterium von Seiten der Vp wurde damit beantwortet, daß gerade dieses gefunden werden solle. Daraufhin versuchte die Vp vorerst durch wahllose Antwort eine Regelmäßigkeit festzustellen. Der Versuchsleiter allerdings richtet sich in seiner Bewertung nicht nach den Aussagen der Vp, sondern nach der Form der aufsteigenden Hälfte der Gaußschen Glockenkurve. Daher häuften sich die positiven Bewertungen mit der Zahl der Aussagen. Das hat zur Folge, daß die Vp meint, den richtigen Weg gefunden zu haben, also zu wissen, was das Moment der Harmonie in den Zahlenpaaren ausmacht. Selbst nach der Aufklärung über die Versuchsanordnung, hält die Versuchsperson oft an ihrer Überzeugung fest oder meint eine Regelmäßigkeit doch entdeckt zu haben.

Zur Abstraktion: Auf die Vps wirkten Eindrücke, welche zu Vorstellungen führten (zum nicht linearen Zusammenhang von Eindruck und Vorstellung vgl. Hume 1989, S.8ff). Diese wurden verglichen (die Eindrücke der Zahlen und die Eindrücke der Bewertung), um zu Wissen zu gelangen. Als Maßstab der Wahrheit wurde hier ebenfalls ein Eindruck herangezogen[1], nämlich der der vermeintlichen Übereinstimmung von Versuch der Vp und Erfolg bei der Aufgabe. Doch nun mag mir wohl jeder zustimmen, daß der Mensch sich wohl zeitweise irrt, vor allem, wenn ihm dieser Irrtum auch noch nahegelegt und ein bestehendes Wissenskriterium beirrt wird wie in diesem Beispiel. Doch das bedeutet ja noch nicht, daß Wissen auf Unwissen beruht. Außerdem könnte man bemängeln, daß dies nur den subjektiven und gefühlsmäßigen Charakter des Wissens beleuchtet, demnach ein Wissen behandelt wurde, welches nicht objektiv gelten kann. Deswegen will ich mich nun denjenigen Menschen zuwenden, welche ihr Leben dem Wissen widmen. Die Wissenschaft trägt bereits in ihrem Namen den Anspruch des Wissens. Um die Kritik auch nicht zu einfach ausfallen zu lassen, betrachte ich die als exakteste Wissenschaft überhaupt angesehene Mathematik.

Es mag also sein, daß Wissen durchaus Interpretation ist. Doch wie steht es um die Aussage: 3+1=4? Dies ist doch eine unüberwindbare Wahrheit. Nun, ich will es genau besehen. Daß drei und eins vier ergibt, erscheint jedem, der mit den Grundlagen der Mathematik vertraut ist, unumgänglich. Doch welche Wahrheit führt dazu, daß uns dieses Ergebnis so unausweichlich richtig erscheint? Was zeichnet die Zahlen 1,3,4 aus, daß diese Harmonie entsteht. Nun, das ist einfach zu beantworten: Die Zahl eins zeichnet sich etwa dadurch aus, daß sie vervierfacht die Zahl vier ergibt. Die Zahl drei zeichnet sich mitunter dadurch aus, daß sie einer Verdreifachung der Zahl eins entspricht. Und die Zahl 4? Sie ist per definitionem die Wurzel aus 16, das Quadrat von 2, usw. und eben auch die Addition von 3 und 1. Das bedeutet, daß die Aussage 3+1=4 eine bloße Ableitung der Definitionen von 1,3,4 darstellt. Die Wahrheit besteht demnach darin, daß ein System geschaffen wurde, welches aus Teilen besteht, die sich wechselseitig beschreiben. Dabei wurden die Kriterien des Wahren allerdings zu Beginn dogmatisch festgelegt. 3+1=4 besagt also nichts anderes, als daß 3+1=4. Wahrheit existiert daher in diesem System, vermag aber die Grenzen desselben nicht zu überschreiten.

Es zeigt sich also, daß Wissen unmittelbar von einem Kriterium abhängt, das Wahrheit genannt wird. Wie ich an einem konkreten und einem abstrakten Beispiel gezeigt habe, kann diese Wahrheit nur in einem System bestehen, deren dogmatischen Regeln eingehalten werden müssen. So besteht dieses im ersten Beispiel in der Korrelation zwischen Aussage und Bewertung, wobei von der Vp festgelegt wurde, daß eine als richtig bewertete Methode als wahr betrachtet werden kann.

[...]


[1] Tatsächlich will ich damit nicht ausdrücken, daß das Wertesystem von außen kam, sondern daß natürlich Bestätigung selbst bereits als Wertmaß verinnerlicht war und letztendlich natürlich kein Eindruck sondern die Vorstellung bestimmend war. Der Eindruck muß allerdings als auslösend angesehen werden

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Erkenntnistheoretische Grundlegung zur Anthropologie
Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Görlitz  (Fachbereich für Sozialwesen)
Veranstaltung
Pädagogisches Denken und Handeln
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V13140
ISBN (eBook)
9783638188685
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Behinderung
Arbeit zitieren
Andreas Liebeg (Autor), 2001, Erkenntnistheoretische Grundlegung zur Anthropologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13140

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