Die Künstlerinnen Frida Kahlo und Maria Lassnig leisten sehr persönliche Beiträge zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzung erfolgt über jeweils drei Selbstbildnisse der Künstlerinnen. Den Bildbeschreibungen wird ein Abriss aus der Biografie vorangestellt und die wesentlichen Informationen der Lebensgeschichte der Künstlerinnen werden so zur Grundlage der Bildbetrachtungen. Beide Künstlerinnen reflektieren ihre somatische Innerlichkeit, Lassnig zumeist farbsymbolisch und Kahlo szenisch-narrativ. Die Dynamik des Selbst der Künstlerinnen wird bildhaft zugänglich durch eine körperbezogene ästhetische Erfahrung, in einer Selbstreflexion zeigenden Malerei und so ist es auch in der Kunsttherapie, bei der ein diagnostischer Blick hinzukommt.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Herangehensweise, Vorgehensweise
3.Selbstportraits von Maria Lassnig und Frida Kahlo
3.1.Biografischer Überblick Maria Lassnig
3.2.Das Selbst in Lassnigs Bildern
Herzselbstportrait im grünen Zimmer (1968)
Selbstportrait mit Stab (1971)
Die Sanduhr (2001)
3.3 Biografischer Überblick Frida Kahlo
3.4 Das Selbst in Frida Kahlos Bildern
Meine Amme und ich (1937)
Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar (1940)
Die gebrochene Säule (1944)
3.5.Zusammenfassung und kunsttherapeutischeAspekte
4.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Selbstbildnis als Erkenntnisinstrument sowie als symbolische Ausdrucksform. Ziel ist es, anhand der Werke von Maria Lassnig und Frida Kahlo die Ausdrucksmöglichkeiten aufzuzeigen, die durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild und der Subjektivität entstehen, um daraus für die kunsttherapeutische Praxis hilfreiche Aspekte abzuleiten.
- Selbstbildnisse als Instrument der Selbstbeobachtung und Erkenntnis
- Die Rolle von Körperbild und Subjektivität im künstlerischen Prozess
- Biografische Einflüsse und deren Verarbeitung im Werk
- Körperbezogene Arbeitsweisen in der Kunsttherapie
- Identitätsstiftende und gefühlsregulierende Funktionen des Gestaltens
Auszug aus dem Buch
Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar (1940)
Das Selbstportrait „Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar“(Abb.5) malt die Künstlerin 1940. Zu dem Zeitpunkt ist sie 33 Jahre alt. Die Künstlerin zeigt sich als Ganzfigur, eingebunden in einen erzählenden Rahmen. Sie sitzt auf einem leuchtend gelben, mexikanischen Stuhl. Dieser ist in leichter Schräglage positioniert und steht auf einem rotbraunen Untergrund. „Über den ganzen Boden verteilt sieht man abgeschnittene Haarsträhnen und es wirkt so, als würden sie ein Eigenleben führen. Sie schlängeln sich um die Stuhlbeine und - sprossen. Einer der Zöpfe liegt auf ihrem Oberschenkel.“ (vgl. Kettenmann 2009: 57) Sie schaut uns an und in der Hand hält sie noch die Schere, mit der sie sich soeben von ihren Haaren trennte. Sie trägt ihre Haare nun kurz und trägt einen übergroßen Männeranzug, sowie Herrenschuhe mit leichtem Absatz. Sie sitzt aufrecht da, mit leicht gespreizten Beinen. Ihr Blick wirkt stolz, ihr Ohr schmückt ein Ohrring. „Allein sitzt sie dort wie eine Gefangene in einer Zelle. Torfartige Farben beherrschen die Szene. Am oberen Bildrand sieht man eine Notenlinie, die durch das Bild ragt und darüber steht ein spanischer Satz geschrieben, der wie folgt zu übersetzen ist: Du siehst, wenn ich Dich liebte, so um Deiner Haare willen. Nun da Du kahl bist, liebe ich Dich nicht mehr.“ (Burrus 2021: 73)
Vor dem Hintergrund ihrer Biografie ist davon auszugehen, dass die Scheidung von ihrem Ehemann Diego Rivera, Anlass zu diesem Selbstbildnis bot. „Das Ereignis schien Kräfte in ihr zu mobilisieren und sie war wütend auf ihren Mann, der sie mit ihrer Schwester betrogen hatte und so ist dieses Bild als Klage und Anklage zugleich zu verstehen.“ (vgl. Herrera 1983:255) Sie stellt sich in einer neuen Rolle dar. Sie trennt sich von ihrem langen Haaren und dokumentiert diesen Schritt im Selbstbildnis. Dieser Schritt der äußeren Veränderung erzählt von ihrer Entschlossenheit und mag sie in dem Prozess gestärkt haben, diesen Schritt gegangen zu sein. Sie setzt sich in Szene und es wirkt wie ein Befreiungsschlag. Sie trennt sich von ihren Haaren, wie sie sich von ihrem Ehemann trennte. Sie trägt kein Tehuana Gewand mehr, wie es ihrem Ehemann gefiel, sondern einen Anzug, der der Größe nach zu urteilen von ihrem Mann stammen könnte. Der Schriftzug unterstreicht die Bildaussage zusätzlich. Der Satz ist vermutlich eine Anspielung auf die gesellschaftliche Konvention, dass nur Frauen mit üppiger Haarpracht begehrenswert sind. Ihr Wunsch nach Autonomie und ihre verletzten Gefühle finden hier ihren Ausdruck.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Einführung in das Thema des Selbstbildnisses als Erkenntnisinstrument sowie Definition der Zielsetzung der Hausarbeit.
2.Herangehensweise, Vorgehensweise: Erläuterung des methodischen Vorgehens anhand von Bildbeschreibungen und biografischen Hintergründen der Künstlerinnen.
3.Selbstportraits von Maria Lassnig und Frida Kahlo: Hauptteil, der Biografien und Werkanalysen beider Künstlerinnen gegenüberstellt, um Entwicklung und Ausdrucksformen zu beleuchten.
4.Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über die Wandlungsfähigkeit des Ichs und Anwendbarkeit der Körperbild-Arbeit in der Kunsttherapie.
Schlüsselwörter
Selbstbildnis, Kunsttherapie, Maria Lassnig, Frida Kahlo, Körperbild, Subjektivität, Selbstreflexion, Körperbewusstsein, Identitätsfindung, biografische Aufarbeitung, Künstlerselbstportrait, therapeutischer Kontext, Bildrezeption, Schmerzverarbeitung, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten des Selbstbildnisses als Ausdrucksform und Erkenntnisinstrument für die kunsttherapeutische Praxis am Beispiel von Maria Lassnig und Frida Kahlo.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild, die Bedeutung biografischer Krisen für den schöpferischen Prozess und die Funktion von Malerei als Instrument der Selbstreflexion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, welche Aspekte aus der Auseinandersetzung mit den Selbstbildnissen von Lassnig und Kahlo für die kunsttherapeutische Arbeit hilfreich sein können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden kunstwissenschaftliche Bildanalysen methodisch mit biografischen Kontexten verknüpft, um daraus kunsttherapeutische Implikationen abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich ausführlich den Lebensläufen und jeweils drei ausgewählten Selbstportraits beider Künstlerinnen, um entwicklungspsychologische und therapeutische Aspekte herauszuarbeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstbildnis, Körperbild, Kunsttherapie, Subjektivität, Identitätsbildung und der wertvolle Einsatz von Körperbezug in therapeutischen Settings.
Wie unterscheidet sich die künstlerische Herangehensweise der beiden Frauen?
Während bei Maria Lassnig die farbsymbolische Auseinandersetzung mit inneren Körperempfindungen im Vordergrund steht, zeigt Frida Kahlos Arbeit eine eher szenisch-narrative Ausdrucksform zur Verarbeitung physischer und psychischer Schmerzen.
Welche Bedeutung kommt dem "Stützkorsett" im Werk von Frida Kahlo zu?
Das Stützkorsett, wie im Bild "Die gebrochene Säule" zu sehen, symbolisiert nicht nur reale physische Verletzungen, sondern dient als Metapher für die Einsamkeit und das körperliche Leid der Künstlerin.
Warum wird das Selbstbildnis als "identitätsstiftend" in der Therapie bewertet?
Das Zeichnen führt zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Erscheinung und Vorgeschichte, was den Betroffenen helfen kann, ihre Identität konstruktiv zu ordnen und einen positiven Zugang zum eigenen Körper zu finden.
- Citar trabajo
- Janet Ehlers (Autor), 2021, Selbstbildnisse der Künstlerinnen Maria Lassnig und Frida Kahlo. Potenziale für den Einsatz in der Kunsttherapie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1316631