„Borges descubre en su obra, o quizás inventa, otra dimensión de lo real“ (José Luis Rodríguez Zapatero). Entdecken oder erfinden, um diese beiden Verben scheinen sich die Arbeiten des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges zu formieren. Die Unterscheidung, ob Realität in Text geschrieben und damit entdeckt oder ob Fiktion als Realität ausgegeben und damit erfunden wird, ist für den Leser nicht immer eindeutig zu treffen. Für gewöhnlich beobachtet man in Lesungen oder in Feuilletoninterviews bei Autoren die Tendenz, dass die autobiographischen Züge in ihren fiktionalen Texten Lesern und Kritikern gegenüber möglichst verheimlicht, ja vertuscht oder zumindest herunter gespielt werden. Vermutlich wird dieser Versuch unternommen, um nicht dem Vorwurf des Unkünstlerischen ausgesetzt zu werden, der Kritik, „zu autobiographisch zu schreiben“, zu wenig zu verfremden, vielleicht auch, um das Private vor dem Zugriff der Leser zu schützen, sobald es zu einem persönlichen Dialog kommt. Bei Jorge Luis Borges scheint die Kunst anders geartet zu sein. Es scheint, als würde er in seinen Texten am liebsten den Eindruck erwecken, alles Erzählte sei selbst erlebt und was vom Leser als erfunden aufgenommen werden soll, wird deutlich als Fiktion ausgewiesen, so dass die anderen Textteile umso biographischer scheinen können: „Ich nehme an, daß alles, was ich schreibe, biographisch ist, nur daß ich die Vorgänge nicht direkt erzähle. Ich ziehe es vor, mich in Symbolen auszudrücken“ (nach Fritz Rudolf Fries), zitiert Fries den Autor aus einem Interview, das 1964 mit Borges geführt wurde. Was die folgende Arbeit untersuchen will, ist die Strategie, mit der Borges diese Selbst- und Text-Inszenierung verfolgt, bei der es dem Leser schwer gemacht wird zu unterscheiden, was im Text entdeckt und was erfunden wurde, wenn doch vom Autor auf beides hin gezielt wird. Mit welchen Verfahren sorgt Borges für das Verschwimmen von faktualem und fiktionalem Erzählen bzw. welche Mittel sorgen dafür, dass vom Leser faktuales Erzählen angenommen wird, obwohl Fiktion vorliegt oder umgekehrt? Und letztlich: Welche Bedeutung lässt sich aus diesem Verfahren herauslesen? Die Arbeit untersucht die Texte eher dekonstruktivistisch, vor allem aber aus der Perspektive der lernenden Autorin und nimmt dabei hauptsächlich Bezug auf die Erzählungen aus Artificios.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zeugenaussage Erzählung
3 Überredungskunst
4 Borges und das Ich
5 Fiktion Welt
6 Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexen Erzählstrategien im Werk von Jorge Luis Borges, wobei der Fokus auf dem gezielten Verschwimmen von faktualem und fiktionalem Erzählen liegt. Ziel ist es zu analysieren, mit welchen narrativen Verfahren Borges den Leser dazu bewegt, Fiktion als Realität zu akzeptieren oder autobiographische Bezüge in seinen Texten zu vermuten.
- Analyse der Inszenierung von Text und Autor bei Borges
- Untersuchung von Beglaubigungsstrategien in fiktionalen Erzählungen
- Deutung des Verhältnisses zwischen faktualem Erzählen und Fiktion
- Dekonstruktion der Rolle des „Ich“ in Borges' Erzählwerk
- Reflexion über die Konstruktion von Wirklichkeit durch Literatur
Auszug aus dem Buch
3 Überredungskunst
Im allgemeinen, schreibt Michael Rössner, beruhe Borges' Schreibstrategie „auf einem intensiven Einsatz beglaubigender Faktoren, die das Erzählte meist direkt in der Lebenswelt des Autors situieren und dem Leser den Text als realistische Erzählung, ja mehr noch, als eine Art Zeugenaussage präsentieren“17. An der Geschichte Tlön, Uqbar, Orbis Tertius zeigt Rössner die Strategie auf, mit der Borges den Leser überreden zu wollen scheint, ihm, dem Autor/Erzähler, zu glauben: Die handelnden Figuren sind die beiden Schriftsteller Borges und Bioy Casares. Der Schauplatz der Handlung ist ein Landgut, das nachprüfbar existiert, nämlich das Landgut, das wirklich Casares gehöre, so Rössner. In den Gegenstand der Erzählung mischt der Autor ein phantastisches Element: Es geht um den Raubdruck einer Enzyklopädie, die real existiert und in der die beiden Figuren einen Artikel über das Land Uqbar entdecken, von dem die Figur Borges nichts wusste.
In seiner eigenen Ausgabe der Enzyklopädie, die die Figur Borges zu Hause besitzt, entdeckt der Erzähler, dass die vier Seiten mit diesem besagten Artikel fehlen. Bis hierhin, betont Rössner, müsse der Leser geglaubt haben, er lese eine Tatsachengeschichte. Mit diesem Detail aber müsse der Leser in Verunsicherung geraten, denn es sei das Detail, führt er aus, das im Kontrast stehe zu der Fülle der bisher verifizierbaren Details in der Erzählung. Die Verunsicherung würde dann weiter verstärkt, beschreibt er, wenn in der fiktiven Welt, die anschließend gezeichnet wird, die bekanntesten Namen der zeitgenössischen Literaturszene als Handelnde und damit als 'Zeugen' für die Realität der erzählten Welt auftauchten. Indem Tlön anschließend in essayistischer Form beschrieben aber nicht mehr erzählt wird, lässt der Autor die Gattungsgrenzen verschwimmen18.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel stellt die zentrale Fragestellung vor, wie Borges die Grenze zwischen Fiktion und Realität durch eine gezielte Selbst- und Text-Inszenierung verwischt.
2 Zeugenaussage Erzählung: Hier wird analysiert, wie Borges durch den Einsatz von Spiegelmetaphern und Zitaten den Eindruck erweckt, seine Texte seien authentische Berichte oder Zeugenaussagen.
3 Überredungskunst: Dieses Kapitel verdeutlicht anhand von Erzählungen wie „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“, wie der Autor durch die Verflechtung realer Schauplätze und Personen den Leser zur Annahme einer realistischen Erzählebene überredet.
4 Borges und das Ich: Die Untersuchung befasst sich mit der Instanz des Erzählers und wie Borges die Identität zwischen Autor, Erzähler und Protagonist strategisch inszeniert.
5 Fiktion Welt: Das letzte inhaltliche Kapitel betrachtet das Erzählen als Konstruktion von Wirklichkeit und untersucht, wie Borges den Leser für die Irrealität der Kunst sensibilisiert.
6 Bibliographie: Dieses Kapitel führt sämtliche verwendeten Primär- und Sekundärquellen der Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Jorge Luis Borges, Fiktion, Realität, Erzählstrategie, Autofiktion, Dekonstruktion, Literaturtheorie, Zeugenaussage, Wirklichkeitskonstruktion, Identität, Erzählinstanz, Artificios, Tlön Uqbar Orbis Tertius, Faktuales Erzählen, Narratologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Jorge Luis Borges in seinen Texten die Unterscheidung zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen gezielt auflöst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Selbstinszenierung des Autors, die Glaubwürdigkeit fiktionaler Erzählungen sowie das Verhältnis von Autobiographie und Fiktion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die narrative Strategie Borges' zu entschlüsseln, die den Leser dazu verleitet, seine fiktionalen Werke als biographisch oder faktual wahrzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt primär dekonstruktivistisch und narratologisch, wobei insbesondere erzähltheoretische Ansätze zur Anwendung kommen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Beglaubigungsstrategien wie Fußnoten, fingierte Mündlichkeit und das Spiel mit dem Autor-Ich anhand von ausgewählten Erzählungen aus dem Band „Artificios“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fiktion, Realität, Erzählstrategie, Autofiktion und Wirklichkeitskonstruktion charakterisiert.
Wie nutzt Borges laut der Autorin das „Ich“ in seinen Texten?
Borges nutzt das „Ich“ auf verschiedenen Ebenen, um eine Verbindung zwischen seiner realen Person und seinen fiktiven Erzählerfiguren zu suggerieren.
Welche Rolle spielt das Landgut Casares für die Argumentation des Kapitels „Überredungskunst“?
Das Landgut dient als reales Referenzobjekt, das als beglaubigender Faktor fungiert, um die Erzählung „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ zunächst als Tatsachenbericht glaubwürdig zu machen.
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- Ariela Sager (Author), 2009, "Es un cuento que es un ensayo que es un poema" (Oviedo), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132140