Das MAB-Programm, UNESCO-Biosphärenreservate und Regional Governance im Biosphärenreservat Rhön


Hausarbeit, 2009

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DAS INTERDISZIPLINÄRE MAB-PROGRAMM UND DIE HUMANE DIMENSION VON UNESCO-BIOSPHÄRENRESERVATEN

3. GOVERNANCE ALS ANALYSEPERSPEKTIVE FÜR DAS REGIEREN

4. REGIONAL GOVERNANCE

5. REGIONAL GOVERNANCE IM BIOSPHÄRENRESERVAT RHÖN

6. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

7. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Das Weltnetz der Biosphärenreservate ist seit der Aufnahme der ersten Gebiete 1976 ständig gewachsen und wurde qualitativ verbessert. Dennoch haben Biosphärenreservate zumindest in Deutschland wenig Beachtung bei der Bevölkerung gefunden. Viel zu oft ist entweder völliges Unverständnis, Desinteresse oder das falsche Bild des reinen Schutzgebietes im Kopf der Menschen. Dabei sollen UNESCO-Biosphärenreservate gerade als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung eine Alternative zu konventionellen Schutzgebieten darstellen, in denen der Mensch und damit auch die sozialwissenschaftliche Forschung eine wichtige Rolle spielt (vgl. MAB-Nationalkomitee 2004: 40).

Aber nicht nur in der Wahrnehmung der Bevölkerung, sondern auch in der Forschung spiegelt sich eine Randständigkeit der Wichtigkeit der Sozialwissenschaften für die Biosphärenreservate wider. Sozialwissenschaftliche Biosphärenreservatsforschung stellt sowohl innerhalb der Sozialwissenschaften als auch im Bereich der Biosphärenreservatsforschung eine Nische dar. Eine Auswertung der Forschungsarbeiten des Biosphärenreservates Rhön beispielsweise[1] weist im Zeitraum 1991 bis 2004 insgesamt 151 Forschungsarbeiten aus. Der Anteil der Sozialwissenschaften und Kulturgeographie beträgt dabei nur ca. 15 %, was auch an der wenig sozialwissenschaftlich orientierten Personalstruktur des Biosphärenreservates liegt. Es dominiert biologische und geographische Forschung (vgl. Künzel 2007: 77,82). Ein Wandel hin zu stärker sozialwissenschaftlicher Forschung ist für das Biosphärenreservat Rhön erst für die Jahre 2005 und 2006 zu konstatieren (vgl. Künzel 2008: 24).

In der Hausarbeit werden die Relevanz und Möglichkeiten der sozialwissenschaftlichen Governance-Forschung für Biosphärenreservate herausgestellt. Hierzu wird zunächst die Entwicklung des interdisziplinären MAB-Programmes und der Biosphärenreservate unter Berücksichtigung der humanen Dimension dieser Regionen vorgestellt ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Kapitel 2). Anschließend werden Grundgedanken, Prämissen aber auch blinde Flecken des Governance-Ansatzes allgemein umrissen ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) Kapitel 3), ehe danach auf die für sozialwissenschaftliche Biosphärenreservatsforschung bedeutsame, spezifische Form des Regional Governance eingegangen wird. Insbesondere die Entstehung und Abgrenzung zu anderen Ansätzen, die Charakteristika, die Akteure und ihre Handlungslogiken bei Regional Governance werden vorgestellt ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Kapitel 4). Abschließend wird untersucht, ob und wenn ja wie Regional Governance als Form der regionalen Selbststeuerung im Biosphärenreservat Rhön stattfindet und welche Potentiale und Grenzen dieser Steuerungsansatz für die nachhaltige Entwicklung solcher Regionen bietet ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Kapitel 5+6).

2. Das interdisziplinäre MAB-Programm und die humane Dimension von UNESCO-Biosphärenreservaten

Das MAB-Programm (engl.: Man and the Biosphere) existiert seit 1970. Seinen Ursprung hat es in einer 1968 von der UNESCO, der Weltnaturschutzunion (IUCN) und dem Internationalen Biologischen Programm (IBP) veranstalteten Konferenz mit dem Namen „Wissenschaftliche Grundlagen für eine rationale Nutzung und Erhaltung der Biosphäre“. Dort wurde die UNESCO aufgefordert ein Forschungsprogramm zu initiieren, welches ausgehend von einem ökosystemaren Ansatz ausdrücklich bereits Umwelt-, Kultur- und Wirtschafts- sowie soziale Aspekte berücksichtigen soll. Die Grundidee war ein internationales und interdisziplinär ausgelegtes Forschungsprogramm mit dem Ziel das menschliche Leben zu verbessern und den Verlust von biologischer Vielfalt zu verlangsamen (vgl. Marton-Lefèvre 2007: 13). Auf der Generalkonferenz der UNESCO 1970 wurde das Programm verabschiedet und 1970/1971 legte der Internationale Koordinierungsrat (ICC) – das wichtigste Gremium des MAB-Programmes - 14 Projektbereiche fest (Jungmeier / Zoller 2005: 16):

- MAB1 – Ökologische Folgen der zunehmenden Einwirkung des Menschen auf Ökosysteme tropischer und subtropischer Wälder
- MAB2 – Ökologische Auswirkungen verschiedener Nutzungs- und Bewirtschaftungsarten auf Waldlandschaften der gemäßigten und der mediterranen Zone
- MAB3 – Einfluss menschlicher Aktivitäten und Nutzungspraktiken auf Weideland: Savanne und Grasland (gemäßigte bis aride Gebiete)
- MAB4 – Einfluss menschlicher Aktivitäten auf die Dynamik von Ökosystemen arider und semi-arider Zonen, unter besonderer Berücksichtigung der künstlichen Bewässerung
- MAB5 – Ökologische Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf den Wert und die Nutzbarkeit von Seen, Sumpfgebieten, Flüssen, Deltas und Flussmündungen sowie von Küstengebieten
- MAB6 – Einfluss menschlicher Aktivitäten auf Gebirgs- und Tundraökosysteme
- MAB7 – Ökologie und rationelle Nutzung der Ökosysteme von Inseln
- MAB8 – Erhaltung von Naturgebieten und des darin enthaltenen genetischen Materials
- MAB9 – Ökologische Bewertung von Schädlingsbekämpfung und Düngung in terrestrischen und aquatischen Ökosystemen
- MAB10 – Auswirkungen großtechnischer Anlagen auf den Menschen und seine Umwelt
- MAB11 – Ökologische Aspekte von Ballungsgebieten unter besonderer Berücksichtigung der Energiewirtschaft
- MAB12 – Wechselwirkungen zwischen Umweltveränderungen und der adaptiven, demographischen und genetischen Struktur der menschlichen Bevölkerung
- MAB13 – Wahrnehmung der Umweltqualität
- MAB14 – Forschung über Umweltverschmutzung und ihre Auswirkung auf die Biosphäre

Die Projektbereiche zeigen, dass das MAB-Programm auf die Erforschung von Mensch-Natur-Beziehungen abzielt. In den Projektbereichen 1 bis 6 soll der Einfluss menschlicher Aktivitäten auf verschiedene Ökosysteme untersucht werden. Projektbereich 7 erforscht Nutzungsstrategien für den Menschen auf Inseln, die Bereiche 9 bis 11 sollen eine ökologische Bewertung menschlichen Vorgehens darstellen. Wie (vom Menschen verursachte, aber auch natürliche) Umweltveränderungen wieder auf den Menschen zurückspiegeln wird in MAB12 erforscht, die Wahrnehmung zu dieser Veränderung in MAB13 und die Auswirkung auf die Biosphäre in MAB14.

Die Festlegung der Projektbereiche ist auf Grund ihrer breiten Ausrichtung ein Fortschritt zur Politik der UNESCO in ihren Anfangsjahren. Zunächst standen die Finanzierung einzelner Forschungsinstitute und der Schutz einzelner Regionen im Mittelpunkt (vgl. Marton-Lefèvre 2007: 13). Durch die Projektbereiche des MAB-Programmes und der Hervorhebung des Menschen ist das Forschungsprogramm international und interdisziplinär. Denn immer dort, wo Mensch und Natur zusammentreffen, bedarf es neben Umweltforschung auch kultur- und sozialwissenschaftlicher Forschung um die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur auf beiden Seiten zu beleuchten. Daher ist der Mensch als Einflussfaktor auf beinahe alle Ökosysteme wichtiger Bestandteil des MAB-Programmes (vgl. Erdmann / Frommberger 1999: 7).

Biosphärenreservate sollen innerhalb des MAB-Programmes Regionen darstellen, in denen die Forschungsergebnisse praktisch umgesetzt werden. Sie fallen formal in den Projektbereich 8 und bilden seit ihrer Einführung 1974 das Hauptinstrument des MAB-Programmes (vgl. Deutsches MAB-Nationalkomitee 2004: 13). In diesem Jahr erarbeitete eine Sonderarbeitsgruppe des MAB-Programmes die räumliche Gliederung und konkrete Funktionen von Biosphärenreservaten.

Demnach haben Biosphärenreservate wie beispielsweise Natur- und Nationalparke eine Konservierungsfunktion, d.h. natürliche Ressourcen, Ökosysteme und biologische Vielfalt sollen geschützt werden. Die Abgrenzung zu gerade erwähnten Schutzgebietskategorien, liegt aber in den weiteren beiden von Biosphärenreservaten zu erfüllenden Funktionen. Die logistische Funktion besagt den Aufbau und die Vernetzung von Biosphärenreservaten zum Zwecke der Forschung, Monitoring und Bildung und die Entwicklungsfunktion zielt darauf ab, Konzepte zu entwickeln und zu erproben um wirtschaftliche Entwicklung sowie Natur-und Umweltschutz zu verbinden (vgl. Marton-Lefèvre 2007: 14).

Die Sonderarbeitsgruppe legte weiterhin fest, dass jedes Biosphärenreservat eine Kern-, Pflege- und Entwicklungszone enthalten muss. Mit der Zonierung ist zunächst keine Rangfolge der Wertigkeit verbunden. Jede Zone hat eigenständige Aufgaben. Die Kernzone dient dem Schutz der Naturlandschaft. Darin soll sich die Natur möglichst unbeeinflusst vom Menschen entwickeln können. Der Schutz natürlicher und naturnaher Ökosysteme genießt höchste Priorität. Die Pflegezone soll die Kernzone vor Beeinträchtigungen schützen, in ihr sollen Ökosysteme erhalten und gepflegt werden, die durch menschliche Nutzung entstanden sind (vgl. Erdmann / Frommberger 1999: 12f.). In Deutschland muss derzeit die Kernzone 3 % der Gesamtfläche des Biosphärenreservates umfassen, die Pflegezone soll 10 % umfassen, beide zusammen müssen aber mindestens 20 % ausmachen. Die Kernzone muss rechtlich als Nationalpark oder Naturschutzgebiet gesichert sein, für die Pflegezone sind diese Schutzkategorien Soll-Bedingungen (vgl. Deutsches MAB-Nationalkomitee 2007).

Die Entwicklungszone letztendlich ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Menschen und der Ort, an denen Konzepte nachhaltiger Entwicklung erprobt und umgesetzt werden sollen. Dazu zählen die Erzeugung und Vermarktung umweltfreundlicher, sozialverträglicher Produkte und umweltschonender Tourismus (vgl. Erdmann / Frommberger 1999: 13). Gerade die Entwicklungszone und die darin zu verwirklichende Entwicklungsfunktion durch die dort ansässige Bevölkerung zeigt die humane Dimension von Biosphärenreservaten und ist von entscheidender Bedeutung für die Regional- und Strukturentwicklung der Region (vgl. Büttner 2005: 93).

Die Realität der Umsetzung der drei Funktionen sah zunächst anders aus. Zwar wurden bereits 1976 die ersten Stätten als Biosphärenreservate anerkannt und seitdem ist das Weltnetz der Biosphärenreservate stetig gewachsen und umfasst derzeit 553 Biosphärenreservate in 107 Staaten (Stand: 26 Mai 2009, vgl. http://www.unesco.de/br_weltnetz.html?&L=0 ), aber die Praxis der Biosphärenreservate lag in den ersten Jahren zunächst fast ausschließlich in der Erfüllung der Schutzfunktion. Das spiegelt sich auch im Namen des Projektbereichs 8 wider, bei dem es um die Erhaltung der Naturgebiete und des darin enthaltenen genetischen Materials geht und nicht um nachhaltige Entwicklung (vgl. Erdmann / Nauber 1996: 97) sowie in der Tatsache, dass fast alle neu anerkannten Biosphärenreservate vorher anders geschützte Gebiete waren.

Eine Aufwertung der anderen Funktionen von Biosphärenreservaten wurde erst in den 1990er Jahren mit dem Wandel des MAB-Programmes vollzogen. In diese Zeit fällt die im Juni 1992 von den Vereinten Nationen geführte Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. Sie gilt als Indiz für die Aufnahme des Gedankengutes der nachhaltigen Entwicklung („sustainable development“) ins internationale Bewusstsein. Das in Rio beschlossene Aktionsprogramm Agenda 21 verfolgt das Ziel, durch globale Partnerschaft Probleme der Weltentwicklung, insbesondere der Interessenkonflikte von armen und reichen Ländern zu lösen. Dies betrifft insbesondere zukünftige Generationen, da die soziale Ungleichheit immer weiter voranschreitet und dieser Sachverhalt eine neue Nachhaltigkeitsperspektive erfordert, die Nachhaltigkeit als gesellschaftlichen Prozess sieht (vgl. Ott / Wittmann 2004: 17).

Dabei ist der Begriff der Nachhaltigkeit nicht klar definiert, sondern es existieren verschiedene Interpretationen mit verschiedenen Ansätzen, Strategien und Schwerpunkten. Einen Minimalkonsens gibt es lediglich darin, dass Konzepte nachhaltiger Entwicklung gleichermaßen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte integrieren müssen (vgl. Erdmann / Frommberger 1999: 3). Bedeutsam für Biosphärenreservate ist das insofern, da sie Modellregionen für nachhaltige Entwicklung darstellen sollen. Damit verlagerte sich auch der Schwerpunkt des MAB-Programmes von wissenschaftlicher Grundlagenforschung hin zu einem lösungs- und anwendungsorientierten Forschungsprogramm (vgl. Erdmann / Nauber 1996: 97).

Eine weitere Aufwertung der Entwicklungsfunktion von Biosphärenreservaten wurde 1992 auf dem Weltkongress für Nationalparke und andere Schutzgebiete in Caracas/Venezuela erreicht. „Neue Methoden zur Beteiligung von Interessengruppen an Entscheidungsprozessen und zur Konfliktlösung wurden entwickelt, und der Notwendigkeit, regionale Ansätze zu verfolgen, wurde zunehmend Bedeutung beigemessen“ (UNESCO 1996: 5f.).

[...]


[1] Das Biosphärenreservat Rhön wird hier beispielhaft für alle Biosphärenreservate in Deutschland betrachtet. Allerdings muss dazu angemerkt werden, dass es sich bei diesem Reservat um ein Gebiet handelt, zu dem am meisten im Vergleich zu allen anderen Biosphärenreservaten geforscht und publiziert wird.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das MAB-Programm, UNESCO-Biosphärenreservate und Regional Governance im Biosphärenreservat Rhön
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V132206
ISBN (eBook)
9783640381104
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
MAB-Programm, UNESCO, UNESCO-Biosphärenreservate, Biosphärenreservate, Rhön, Governance, Regional Governance
Arbeit zitieren
Martin Schultze (Autor), 2009, Das MAB-Programm, UNESCO-Biosphärenreservate und Regional Governance im Biosphärenreservat Rhön, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132206

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