In dieser Arbeit sollen die innerhalb von Henrik Ibsens Dreiakter Bygmester Solness (1892) erscheinenden „direkten“ Märchenmotive untersucht werden. Da diese im Stück von Hilde Wangel und Halvard Solness als den beiden Hauptfiguren etabliert werden, stehen sie mit diesen in direkter Verbindung und können letztlich nur von ihnen ausgehend bzw. im Hinblick auf sie schlüssig analysiert werden.
Es sollen zunächst unter II. 1. 1. und II. 1. 2. die durch die Hilde-Figur eingeführten Begriffe „Prinzessin“ (in Abgrenzung zu der nicht im Dramentext selbst enthaltenen, sondern von mir als Kontrastbegriff eingeführten Bezeichnung Hildes als „Abenteurerin“), „Königreich“, „Schloss“ und „Turm“ behandelt werden, unter II. 1. 3. wiederum soll das der Vorstellungswelt der Baumeister-Figur zugeordnete Konstrukt der „Helfer und Diener“ („Troll“, „Teufel“, „Mächte“) im Vordergrund stehen. Die Untersuchung und Besprechung der Märchenmotive soll sowohl unter Rückgriff auf die durch die Lektüre von deutschen und skandinavischen Volksmärchen gegebene unmittelbare Kenntnis bestimmter gattungsspezifischer Strukturen und charakteristischer Motive als auch –wenn dies sinnvoll erscheint- auf diesbezügliche Erkenntnisse der „klassischen“ Märchenforschung (Lüthi, Röhrich) geschehen. Unter II. 2. sollen schließlich die besprochenen Motive auf ihre Funktion im Text bzw. für den Text und nicht zuletzt auch für dessen Rezipienten untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. 1. Zu den Märchenmotiven in Henrik Ibsens Bygmester Solness
II. 1. 1. Prinzessin und Abenteurerin
II. 1. 2. Königreich, Schloss und Turm
II. 1. 3. Helfer und Diener
II. 2. Zur Funktion der Märchenmotive in Henrik Ibsens Bygmester Solness
III. SCHLUSS
IV. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verwendung und Funktion von "direkten" Märchenmotiven in Henrik Ibsens Drama "Bygmester Solness". Ziel ist es zu analysieren, wie diese Motive durch die Hauptfiguren Hilde Wangel und Halvard Solness etabliert werden, ihre Identitäten prägen und als Mittel zur Darstellung komplexer psychologischer Zustände, Lebensentwürfe sowie als strukturelles Kontrastelement innerhalb des Dramas dienen.
- Analyse der Märchenfiguren und -motive (Prinzessin, Abenteurerin, Königreich, Schloss, Turm, Helfer und Diener)
- Untersuchung der psychologischen Bedeutung dieser Motive für die Hauptfiguren
- Vergleich mit gattungsspezifischen Strukturen aus deutschen und skandinavischen Volksmärchen
- Deutung der Motive als Ausdruck für Machtstreben, Schuldgefühl, Idealismus und Freiheitsdrang
- Funktionsanalyse der Märchenmotive für die Textstruktur und die Rezipienten
Auszug aus dem Buch
II. 1. 1. Prinzessin und Abenteurerin
Mit dem Auftreten der Hilde-Figur und genauer mit ihrer Schilderung der Geschehnisse in Lysanger wird im ersten Akt von Ibsens Bygmester Solness ein Verbund „klassischer“ Märchenmotive in die Bildebene des Dramas eingeführt, welcher im weiteren Verlauf des Stückes in Hildes und Solness’ Dialogen noch um verschiedene mythische Elemente erweitert wird. Zwar werden bereits vor Hildes Erscheinen im Gespräch des Baumeisters mit dem Doktor gewisse Aspekte berührt, die auf Solness’ märchenhaft-magisches Selbstverständnis hindeuten (er erwähnt, wie sich Kaja Fosli ohne eine Aufforderung seinerseits, vermeintlich allein aufgrund seines inneren Wünschens und Wollens in seinen Dienste begeben hat und lässt die Angst vor einer Wendung seines bisherigen außerordentlichen „Glücks“ ins Gegenteil durchscheinen, was er wiederum als Bestrafung von Seiten einer übernatürlichen Instanz aufzufassen scheint)- doch erst mit Hildes Auftauchen und ihrer Beschreibung des Zusammentreffens vor zehn Jahren wird jener märchenhafte Vorstellungsraum geriert, in dem sich weite Teile des anschließenden Gesprächs zwischen dem Baumeister und der jungen Frau bewegen.
Auch wenn Hilde geradezu als fantasien eller fiksjonen som prinsipp erscheinen mag, darf nicht übersehen werden, dass es –wenn man ihren Aussagen Glauben schenkt- Solness war, der damals mit seinen im Übermut geäußerten Versprechungen in ihr die Vorstellungen vom „Prinzessin“-Sein, vom „Troll“ und vom „Königreich“ geweckt hatte. Es bleibt letztlich unklar, ob die Ereignisse in Lysanger tatsächlich so geschehen sind, wie Hilde sie darstellt oder ob von ihr hiermit vielmehr ein Art Wunschtraum formuliert wird. Ginge man davon aus, dass das Zusammentreffen der beiden im Hause Wangel tatsächlich stattgefunden und Solness Hilde wirklich als en liten prinsesse bezeichnet hat, die er in zehn Jahren „wie ein Troll“ fortführen wolle, um ihr ein Königreich zu kaufen, so wäre es die Phantasie des Baumeisters gewesen– beflügelt durch die zuvor bestandene „Mutprobe“ der Turmbesteigung-, die jene märchenhafte Verheißung für Hilde geschaffen hat.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Märchenmotive in Ibsens "Bygmester Solness" und Skizzierung der methodischen Vorgehensweise unter Einbeziehung der Märchenforschung.
II. 1. Zu den Märchenmotiven in Henrik Ibsens Bygmester Solness: Detaillierte Untersuchung der spezifischen Märchenmotive "Prinzessin/Abenteurerin", "Königreich/Schloss/Turm" sowie "Helfer und Diener" in Bezug auf die Hauptfiguren.
II. 1. 1. Prinzessin und Abenteurerin: Analyse der Hilde-Figur als ambivalente Persönlichkeit, die zwischen der passiven Rolle der Prinzessin und der aktiven Rolle der Abenteurerin schwankt.
II. 1. 2. Königreich, Schloss und Turm: Deutung dieser Motive als Symbol für einen utopischen Lebensentwurf der Freiheit und als Instrument der psychologischen Charakterisierung.
II. 1. 3. Helfer und Diener: Untersuchung der magischen "Helfer" wie Trolle und Teufel als Ausdruck von Solness’ Schuldgefühlen und seinem Bedürfnis nach Macht.
II. 2. Zur Funktion der Märchenmotive in Henrik Ibsens Bygmester Solness: Analyse der intertextuellen Funktion der Märchenmotive für die Struktur des Dramas und den Rezipienten.
III. SCHLUSS: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse zur Bedeutung und Funktion der Märchenmotive für die Figurenzeichnung und das Drama insgesamt.
IV. LITERATURVERZEICHNIS: Verzeichnis der herangezogenen Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Henrik Ibsen, Bygmester Solness, Märchenmotive, Hilde Wangel, Halvard Solness, Prinzessin, Abenteurerin, Königreich, Troll, Helfer und Diener, magisches Denken, Symbolik, Literaturwissenschaft, Dramenanalyse, Rollentausch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Verwendung von Märchenmotiven in Henrik Ibsens Drama "Bygmester Solness" und untersucht deren Bedeutung für die Charakterisierung der Hauptfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Märchenmotive Prinzessin, Abenteurerin, Königreich, Schloss, Turm sowie Helfer und Diener (wie Trolle und Teufel) und deren psychologische sowie strukturelle Funktion im Stück.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Motive zur Zeichnung der Vorstellungs- und Gedankenwelt von Hilde Wangel und Halvard Solness beitragen und wie sie das Drama intertextuell bereichern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Analyse des Dramas unter Rückgriff auf Erkenntnisse der "klassischen" Märchenforschung (z.B. Lüthi, Röhrich) und der einschlägigen Ibsen-Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Motivuntersuchung (Figuren, Orte, Helfer) und eine Analyse der Funktion dieser Motive im Dramentext im Hinblick auf den Leser/Zuschauer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Märchenmotive, Identität, Machtstreben, Schuldgefühl, Idealismus, Freiheit, Symbolik und intertextuelle Bezüge.
Wie verändert Hilde die Rolle der "Prinzessin" im Stück?
Hilde durchbricht das klassische Bild der passiven Prinzessin, indem sie aktiv die Rolle der Abenteurerin einnimmt und versucht, den "Troll" (Solness) für ihre eigenen Zwecke zu gewinnen.
Welche Rolle spielen die "Helfer und Diener" für den Baumeister Solness?
In Solness’ Vorstellungswelt sind sie (Trolle, Teufel, Mächte) magische Handlanger, die er durch sein Wünschen herbeiruft, um seinen Erfolg zu sichern, womit er sich jedoch in eine belastende Schuld verstrickt.
Wie kontrastiert das Drama Realität und Märchenwelt?
Das Stück setzt den äußeren, historisch-gesellschaftlichen Realismus in Kontrast zu einem irrealen, magisch-mystischen Raum, den Hilde und Solness als den eigentlich wirklichen Raum etablieren.
Welche Bedeutung hat die Turmbesteigung?
Die Turmbesteigung dient als symbolische Demonstration des Strebens nach Freiheit und Höhe, markiert aber gleichzeitig den Wendepunkt im Schicksal des Baumeisters und das Ende seiner Macht.
- Quote paper
- E. Schröder (Author), 2006, Zu den Märchenmotiven und ihrer Funktion in Henrik Ibsens "Bygmester Solness", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132306