Die hier vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich im Allgemeinen mit geschlechtsspezifischen Stereotypen, die mitunter durch die Interaktion der in der Gesellschaft existierenden binären Geschlechtsformen, also Frau und Mann, konstruiert und transformiert werden. Um diese komplexe Thematik möglichst mit all ihren Facetten aufzeigen und diskutieren zu können, wurde die Theorie des Geschlechterarrangements in Verbindung mit der Interaktion des viel zitierten soziologischen Autors Erving Goffman (1922 – 1983), herangezogen und mit Hilfe der feministischen Theorien zum einen Kritik an dessen Ausführungen geübt, zum anderen das jeweilige Themengebiet konkretisiert und ergänzt. Eine umfassende Einführung in die Diskussion der geschlechtsspezifischen Stereotype bieten Begriffsdefinitionen und –verwendungsarten, sowie Darstellungen über die Verbindung bzw. das Verhältnis von Stereotypen und Vorurteilen in der westlichen Gesellschaft und weiters die geschlechtsspezifische Sozialisation als Grundlage von Stereotypen im Kontext der Geschlechter.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stereotypen: Definitionen und Verwendungsarten
2.1. Semantische Analyse von Verwendungen des Ausdrucks „Stereotyp“
2.1.1. Die Kompatibilität der linguistischen Stereotypenbegriffe
2.2. Der philosophische Stereotypenbegriff
2.3. Das sozialwissenschaftliche Stereotypenkonzept
3. Stereotypen und Vorurteile
3.1. Historische Einführung
3.2. Das „Vor-Urteil“
3.2.1. Das Vorurteil im hermeneutischen Kontext
3.3. Das Verhältnis von Vorurteil und Stereotyp
3.4. Die Veränderbarkeit von sozialen Vorurteilen
3.4.1. Die Beeinflussbarkeit von sozialen Vorurteilen durch persönliche Erfahrung
4. Die geschlechtsspezifische Sozialisation
4.1. Allgemeines
4.2. Gechlechtsidentitäten
4.2.1. Sex
4.2.2. Gender
4.2.3. Begehren und Sexualität
4.3. Weibliche Sozialisation und Geschlechterstereotypen
5. Die 8 Defizite bei Goffman
5.1. 1. Defizit: Die zentralen Begriffe
5.1.1. Begriffsdefinitionen in der feministischen Literatur
5.1.2. Die Zweigeschlechtlichkeit bei Hagemann-White
5.1.3. Die Geschlechterkonstruktion bei Knapp
5.2. 2. Defizit: Rollenbilder und Benachteiligung
5.2.1. Frauen- und Männerrollen bei Beck-Gernsheim
5.2.2. Die Benachteiligung der Frau im historischen Kontext bei Fuchs
5.3. 3. Defizit: Das Hofieren und die Sexualität
5.3.1. Das Hofieren
5.3.2. Die Sexualität im historischen Kontext bei Gilbert und Roche
5.3.3. Sexualität, Gewalt und Pornographie bei Benjamin
5.4. 4. Defizit: Die Höflichkeiten
5.4.1. Hofieren und Höflichkeiten
5.5. 5. Defizit: Die institutionelle Reflexivität
5.5.1. Arbeit und Geschlecht bei Krais und Maruani
5.5.2. Geschwister und Rollenverteilung bei Belotti
5.6. 6. Defizit: Die soziale Bedeutung der biologischen Unterschiede
5.6.1. Frauen-Körper-Sport bei Palzkill, Scheffel und Sobiech
5.7. 7. Defizit: Geschlechterrituale im öffentlichen Leben
5.7.1. Gewalt und Sprache bei Trömel-Plötz
5.7.2. Die männliche Dominanz in der Sexualität bei Benjamin
5.8. 8. Defizit: Die Symbiose von Geschlecht und Interaktion
6. Schlussbemerkungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Magisterarbeit untersucht geschlechtsspezifische Stereotypen in Verbindung mit sozialer Interaktion, indem sie Erving Goffmans Werk "Interaktion und Geschlecht" einer kritischen Analyse unterzieht. Das primäre Ziel ist es, Goffmans Argumentation auf acht wesentliche Defizite hin zu überprüfen, diese durch feministische Theorien zu ergänzen und die Rolle von Sprache und Sozialisation bei der Aufrechterhaltung dieser Stereotypen aufzuzeigen.
- Kritische Dekonstruktion von Goffmans "Interaktion und Geschlecht"
- Analyse der geschlechtsspezifischen Sozialisation und Identitätsbildung
- Untersuchung der Bedeutung von Sprache als Machtinstrument in der Interaktion
- Diskussion von Geschlechterarrangements, Arbeitsteilung und körperlichen Unterschieden
- Reflexion über gesellschaftliche Normen und Veränderungsmöglichkeiten durch kritisches Hinterfragen
Auszug aus dem Buch
Die geschlechtsspezifische Sozialisation
Im Kontext geschlechtsspezifischer Stereotype wird der geschlechtsspezifischen Sozialisation ein hoher Stellenwert zugeschrieben, da diese sozusagen die „Basis“ bildet, in der die Rollen und damit auch das lebenslange „Zuständigkeitsgebiet“ der Frauen und Männer, mit all ihren dazugehörigen Eigenschaften, festgelegt wird. Weiters folgen nun Ausführungen zur Definition der geschlechtsspezifischen Sozialisation, wobei auf die Bildung der Geschlechtsidentitäten im Besonderen eingegangen werden soll und zur weiblichen Sozialisation mit Bezug auf die Geschlechterstereotypen.
Wenn von Sozialisation gesprochen wird, so soll an lebende Menschen gedacht werden, die in der Regel als Frauen oder Männer existieren, auch wenn jede allgemeinere Aussage über Frauen oder Männer die Binarität des Zweigeschlechterdenkens weiter festschreiben könnte. Trotzdem die Kategorie Geschlecht in Frage gestellt wird, bleibt keine andere Wahl, als die vorhandenen Begriffe und Unterscheidungen zurück zu greifen, da sie als Ergebnisse historischer Prozesse wichtig gemacht und wirksam sind. Jedoch ist das Problem unvermeidbar, dass unterscheidend-beschreibende Begriffe immer wieder als Zustimmung zu Essenzen gelesen werden. Entscheidend ist aber, die Unterscheidungen nicht zu fixieren, sondern auch wieder los lassen zu können. Darüber hinaus ist das größte Problem nicht die kategoriale Unterscheidung nach Geschlecht, sondern die Hierarchisierung. (vgl. Bilden 2006: 45f.)
Die feministische Autorin Helga Bilden (2006) definiert Sozialisation „[...] als Prozess der Individuierung durch Vergesellschaftung und der Vergesellschaftung als Individuierung [...] in einer Gesellschaft, die nach Geschlecht und anderen Differenzen strukturiert ist; insofern ist Sozialisation auch immer Vergeschlechtlichung. [...] Denn auf Geschlecht als eine zentrale soziale Kategorie beziehen sich die Handelnden in sozialen Interaktionen.“ (Bilden 2006: 46f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die Motivation der Autorin dar, das Werk von Erving Goffman unter Anwendung feministischer Theorien kritisch zu beleuchten und soziologische Forschungsfragen zur Interaktion und Geschlecht zu formulieren.
2. Stereotypen: Definitionen und Verwendungsarten: Dieses Kapitel liefert eine semantische Analyse des Stereotypenbegriffs aus linguistischer, philosophischer und sozialwissenschaftlicher Sicht.
3. Stereotypen und Vorurteile: Es werden die historischen Hintergründe und das Verhältnis zwischen Vorurteilen und Stereotypen sowie deren Veränderbarkeit durch persönliche Erfahrung diskutiert.
4. Die geschlechtsspezifische Sozialisation: Hier wird der Prozess der Vergeschlechtlichung von Individuen im Rahmen des Zweigeschlechtersystems und die Bildung von Identitäten beleuchtet.
5. Die 8 Defizite bei Goffman: Der Hauptteil der Arbeit analysiert acht identifizierte Defizite bei Erving Goffman, von zentralen Begriffen über institutionelle Reflexivität bis hin zur fehlenden Symbiose von Geschlecht und Sprache.
6. Schlussbemerkungen und Ausblick: Die Argumentationslinien werden zusammengefasst und die Erkenntnisse über die Verbindung von Interaktion, Sprache und Stereotypen resümiert.
Schlüsselwörter
Geschlecht, Stereotypen, Sozialisation, Interaktion, Erving Goffman, feministische Theorie, Machtverhältnisse, Geschlechterarrangements, Sprache, Diskurs, Identität, Vorurteile, Soziologie, Geschlechterrolle, Sozialstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen geschlechtsspezifischen Stereotypen und sozialer Interaktion unter besonderer Berücksichtigung der soziologischen Perspektive von Erving Goffman.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die soziale Konstruktion von Geschlecht, die feministische Kritik an männlich geprägten soziologischen Theorien sowie die Rolle von Sprache, Sozialisation und Machtstrukturen in unserer Gesellschaft.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, Goffmans Thesen kritisch zu hinterfragen, durch feministische Ansätze zu erweitern und das Bewusstsein für die tagtägliche Produktion und Reproduktion von Geschlechterstereotypen zu schärfen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet einen theoretisch-analytischen Ansatz, bei dem Goffmans Werk "Interaktion und Geschlecht" mit einer Auswahl bekannter feministischer Fachliteratur konfrontiert und ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit acht spezifischen Defiziten, die die Autorin in Goffmans Analysen sieht, darunter Aspekte wie das Hofieren, Höflichkeiten, Arbeitsteilung und Geschlechterrituale.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Geschlechterarrangements, institutionelle Reflexivität, weibliche Sozialisation, Machtverhältnisse, sprachliche Diskriminierung und Stereotypenforschung beschreiben.
Warum ist die Sprache für die Autorin ein zentrales Argument?
Die Autorin argumentiert, dass Sprache nicht neutral ist, sondern als Instrument zur Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen und zur Einengung weiblicher Entfaltungsmöglichkeiten dient.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der Sozialisation bei?
Sozialisation gilt als Basis für die Bildung von Geschlechtsidentitäten, in der durch Erziehung und gesellschaftliche Erwartungen bereits früh die Rollenbilder zwischen Jungen und Mädchen verfestigt werden.
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- Mag. Andrea König (Autor), 2008, Das Defizit bei Goffman, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132396