Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen einer Abgeltungsteuer auf die Effizienz und Dynamik internationaler Finanzmärkte. Um eine Operationalisierung der Analyse zu erreichen wird hierbei auf ein künstliches Finanzmarktmodell mit heterogenen Marktteilnehmern zurückgegriffen. Die wesentlichen Ziele der Arbeit sollen einerseits die Vorstellung des Konzeptes der seit Anfang des Jahres 2009 in Deutschland eingeführten Abgeltungsteuer und andererseits die möglichst realitätsnahe Modellierung deren Auswirkungen auf die Stabilität der internationalen Finanzmärkte sein.
Es kann gezeigt werden, dass die Abgeltungsteuer in ihrer in Deutschland vorherrschenden Ausgestaltungsform bei kurzen Handelshorizonten unabhängig vom Steuersatz durch eine Reduktion von Volatilität und Verzerrung eindeutig positive Stabilisierungseffekte nach sich zieht und somit zu einer Verbesserung der Effizienz internationaler Finanzmärkte beiträgt. In Hinblick auf längerfristige Handelshorizonte ist eine differenzierte Betrachtung erforderlich. Während die Volatilität eindeutig sinkt, kann die Verzerrung bei hinreichend großen Steuersätzen ihr initiales Niveau ohne Besteuerung übersteigen, sodass die Effizienz der Finanzmärkte verringert wird.
Die Arbeit gliedert sich wie folgt. Zunächst wird in Kapitel 2 eine kurze Einführung in das deutsche Einkommensteuerrecht gegeben sowie dessen Modifikationen durch die Unternehmensteuerreform des Jahres 2008 beschrieben. Anschließend wird detailliert auf die Konzeption der Abgeltungsteuer als wesentliche Neuerung bei der Besteuerung von Kapitaleinkünften und Fokus der vorliegenden Arbeit eingegangen. Kapitel 3 gibt im Rahmen eines Literaturüberblicks einen Einblick in die Analyse von Finanzmärkten. In Kapitel 4 werden die Kernpunkte der Abgeltungsteuer in Form eines künstlichen Finanzmarktes modelliert um deren Auswirkungen auf die Effizienz und Dynamik internationaler Finanzmärkte zu analysieren. Die Ergebnisse werden anschließend in einer Sensitivitätsanalyse auf ihre Robustheit überprüft. Kapitel 5 stellt eine Erweiterung des Modells aus Kapitel 4 um die Möglichkeit zur Verrechnung von Verlusten aus Aktiengeschäften mit Gewinnen aus ebensolchen Geschäften dar und analysiert die resultierenden Stabilisierungseffekte. Kapitel 6 fasst die wesentlichen Inhalte der Arbeit zusammen und liefert im Rahmen einer kritischen Reflexion des entwickelten Finanzmarktmodells Ansatzpunkte für weiterführende Forschungsvorhaben.
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG
2 DIE ABGELTUNGSTEUER IM DEUTSCHEN STEUERSYSTEM
2.1 DAS DEUTSCHE EINKOMMENSTEUERRECHT
2.2 MODIFIKATION DES EINKOMMENSTEUERRECHTS DURCH DIE UNTERNEHMENSTEUERREFORM 2008
2.2.1 Rechtslage bis 2008
2.2.2 Rechtslage ab 2009
2.3 KONZEPTION DER ABGELTUNGSTEUER
2.3.1 Besteuerungsgrundsätze
2.3.1.1 Ertragsbesteuerung
2.3.1.1.1 Besteuerung von Gewinnanteilen und sonstigen Bezügen aus KapGes
2.3.1.1.2 Besteuerung weiterer laufender Erträge aus Kapitalanlagen
2.3.1.2 Vermögensbesteuerung
2.3.1.2.1 Besteuerung der Veräußerung von Anteilen an KapGes und anderen Anteilen an Körperschaften
2.3.1.2.2 Besteuerung weiterer Veräußerungsgeschäfte
2.3.2 Berücksichtigung von Werbungskosten
2.3.3 Möglichkeit der Verrechnung von Verlusten
2.3.4 Steuertarif der Abgeltungsteuer
2.3.5 Erhebung der Abgeltungsteuer
2.3.6 Bestandsschutzregelung
2.3.7 Ausnahmen von der Abgeltungsteuer
2.3.7.1 Nichtanwendung der Abgeltungsteuer
2.3.7.2 Versagung der Abgeltungsteuer
2.3.8 Zusammenfassung der Kernpunkte der Abgeltungsteuer
3 GRUNDLAGEN DER ANALYSE VON FINANZMÄRKTEN
3.1 MARKTTEILNEHMER
3.1.1 Fundamentalisten
3.1.2 Chartisten
3.1.3 Market Maker
3.1.4 Flow Trader
3.2 EIGENSCHAFTEN VON FINANZMÄRKTEN
3.2.1 Hypothese effizienter Märkte
3.2.2 Theorie der Behavioral Finance
3.2.3 Stilisierte Fakten von Finanzmärkten
3.2.4 Künstliche Finanzmärkte
3.3 REGULIERUNG UND KONTROLLE VON FINANZMÄRKTEN
3.3.1 Zentralbankinterventionen
3.3.2 Handelsunterbrechungen
3.3.3 Besteuerung von Transaktionen und Gewinnen
4 AUSWIRKUNGEN EINER ABGELTUNGSTEUER AUF INTERNATIONALE FINANZMÄRKTE – EIN MODELL MIT HETEROGENEN MARKTTEILNEHMERN
4.1 DARSTELLUNG DES MODELLRAHMENS
4.2 DEFINITION DER MODELLBAUSTEINE
4.2.1 Preisanpassungsfunktion
4.2.2 Aufträge der Chartisten
4.2.3 Aufträge der Fundamentalisten
4.2.4 Fitnessfunktionen
4.2.5 Gewichtungsfunktionen
4.3 DYNAMIK DES MODELLS
4.3.1 Kalibrierung des Modells
4.3.2 Dynamik ohne Abgeltungsteuer
4.3.2.1 Dynamik mit lag 2
4.3.2.2 Dynamik mit lag 5 und 10
4.3.3 Dynamik mit Abgeltungsteuer
4.3.3.1 Dynamik mit lag 2
4.3.3.2 Dynamik mit lag 5 und 10
4.3.4 Sensitivitätsanalyse
5 ERWEITERUNG DES MODELLS UM DIE VERRECHNUNG VON VERLUSTEN
5.1 MODIFIKATION DES MODELLS
5.2 DYNAMIK DES MODELLS MIT VERLUSTVERRECHNUNGSMÖGLICHKEIT
5.3 SENSITIVITÄTSANALYSE MIT VERLUSTVERRECHNUNGSMÖGLICHKEIT
6 ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen der in Deutschland eingeführten Abgeltungsteuer auf die Stabilität und Effizienz internationaler Finanzmärkte. Durch den Einsatz eines künstlichen Finanzmarktmodells mit heterogenen Marktteilnehmern wird analysiert, wie diese Besteuerung das Anlageverhalten und die Marktdynamik beeinflusst.
- Analyse des deutschen Steuersystems und der Abgeltungsteuer-Konzeption
- Charakterisierung heterogener Marktteilnehmer wie Fundamentalisten und Chartisten
- Theoretische Grundlagen zur Effizienz und Regulierung von Finanzmärkten
- Modellierung von Preisanpassungsprozessen und Anlagestrategien unter Steuereinfluss
- Untersuchung der Stabilisierungseffekte durch Gewinnbesteuerung und Verlustverrechnung
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Chartisten
Die von den oftmals als naiv bzw. nicht vollständig rational bezeichneten Chartisten durchgeführte technische Analyse ist durch drei grundlegende Prinzipien charakterisiert. (1) Der Finanzmarktpreis enthält alle fundamentalen, politischen, psychologischen und anderen Informationen, die den Preis beeinflussen können. Aus diesem Grund ist es ausreichend, historische Preisbewegungen zu analysieren um Rückschlüsse auf die zukünftige Kursentwicklung ziehen zu können. (2) Finanzmarktpreise bewegen sich in Trends, die zu Beginn ihrer Entstehung identifiziert werden müssen, damit sie möglichst effektiv ausgenutzt werden können. Ein positiver Preistrend bedeutet hierbei ein Kaufsignal, während fallende Preise ein Signal zum Verkauf der Finanztitel setzen. Im Idealfall werden die Wertpapiertransaktionen unmittelbar nach einer Trendumkehr ausgeführt, da somit Gewinne maximiert bzw. Verluste minimiert werden. (3) Bestimmte Kursmuster wiederholen sich, sodass diese zur Prognose zukünftiger Kursentwicklungen herangezogen werden können.
Neben den grafischen Verfahren der technischen Analyse, wie beispielsweise der Trendextrapolation oder dem Erkennen und Bewerten von Trendmustern, spielen auch quantitative Methoden, zum Beispiel die Berechnung von kurz- und langfristigen gleitenden Durchschnitten oder Oszillatoren, eine wesentliche Rolle. Aufgrund der Vielzahl der existierenden Regeln kann sich die technische Analyse als sehr komplex erweisen. Ein Vorteil der technischen Analyse ist allerdings ihre flexible Anwendbarkeit auf verschiedene Finanzmärkte. Während sich Fundamentalisten aufgrund des großen Aufwands der fundamentalen Analyse in der Regel auf einen oder wenige Märkte beschränken müssen, können Chartisten auf beliebig vielen Märkten agieren. Das von Chartisten generierte große Handelsvolumen führt mitunter dazu, dass technische Handelsstrategien häufig als Ursache spekulativer Kursschwankungen verurteilt werden, was die heutige Relevanz technischer Anlagestrategien allerdings keineswegs mindert. Der Grund hierfür ist, dass die technische Analyse sogar langfristig höhere Profite erzielen kann als fundamentale Anlagestrategien. Eine weitere Ursache für die Beliebtheit technischer Handelsstrategien ist die geringe Kostenintensität einfacher technischer Regeln. Während die fundamentale Analyse in der langen Frist dominiert, sind fundamentale und technische Analyse in der kurzen Frist weitgehend gleichbedeutend.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINFÜHRUNG: Die Einleitung umreißt die Motivation zur Untersuchung der Abgeltungsteuer und beschreibt die Methodik eines künstlichen Finanzmarktmodells zur Stabilitätsanalyse.
2 DIE ABGELTUNGSTEUER IM DEUTSCHEN STEUERSYSTEM: Dieses Kapitel erläutert die steuerrechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere die Konzeption der Abgeltungsteuer und deren Auswirkungen auf die Besteuerung von Kapitalerträgen.
3 GRUNDLAGEN DER ANALYSE VON FINANZMÄRKTEN: Hier werden die Rollen verschiedener Marktteilnehmer charakterisiert sowie zentrale Theorien zur Markteffizienz und Regulierungsmaßnahmen diskutiert.
4 AUSWIRKUNGEN EINER ABGELTUNGSTEUER AUF INTERNATIONALE FINANZMÄRKTE – EIN MODELL MIT HETEROGENEN MARKTTEILNEHMERN: Dieses Kapitel stellt das entwickelte Modell vor, kalibriert dieses und analysiert die Marktdynamik mit und ohne Abgeltungsteuer.
5 ERWEITERUNG DES MODELLS UM DIE VERRECHNUNG VON VERLUSTEN: Die Untersuchung wird hier um die rollierende Verlustverrechnung ergänzt, um die Auswirkungen auf die Stabilitätseffekte bei verschiedenen Handelshorizonten zu bewerten.
6 ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und reflektiert die Modellannahmen sowie Ansatzpunkte für zukünftige Forschung.
Schlüsselwörter
Abgeltungsteuer, Finanzmarktmodell, Heterogene Marktteilnehmer, Fundamentalisten, Chartisten, Volatilität, Markteffizienz, Behavioral Finance, Verlustverrechnung, Kursstabilität, Kapitalanlage, Steuersystem, Transaktionskosten, Marktliquidität, Modellierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der im Jahr 2009 in Deutschland eingeführten Abgeltungsteuer auf die Stabilität und Dynamik internationaler Finanzmärkte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Konzeption der Abgeltungsteuer, die theoretischen Grundlagen von Finanzmärkten unter Berücksichtigung verschiedener Anlagestrategien sowie die Modellierung dieser Zusammenhänge mittels computergestützter Experimente.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch ein realistisches Finanzmarktmodell mit heterogenen Akteuren zu prüfen, ob die Abgeltungsteuer als Regulierungsmaßnahme zur Stabilisierung internationaler Finanzmärkte beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird ein künstliches, zeitdiskretes Finanzmarktmodell entwickelt, das auf der Theorie der Behavioral Finance basiert und mittels numerischer Simulationen die Auswirkungen der Besteuerung analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Modellrahmens, die mathematische Definition der Modellbausteine, die Kalibrierung sowie die detaillierte Analyse der Marktdynamik unter Variation von Steuersatz und Handelshorizonten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Abgeltungsteuer, künstliche Finanzmärkte, Volatilität, Verzerrung, Fundamentalisten, Chartisten und Verlustverrechnung.
Welche Rolle spielen die "Chartisten" im Modell?
Chartisten nutzen technische Analyse und historische Kursverläufe für ihre Handelsentscheidungen; sie wirken im Modell häufig destabilisierend, da sie Trends verstärken.
Warum wird eine "Verlustverrechnung" als Erweiterung modelliert?
Die Verlustverrechnung ist ein wesentlicher Bestandteil des realen Steuerkonzepts, der die steuerliche Belastung reduziert und somit das Anlegerverhalten und die Stabilisierungseffekte beeinflusst.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der Wirksamkeit der Steuer?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die Abgeltungsteuer insbesondere in der kurzen Frist positive Stabilisierungseffekte durch eine Reduktion von Volatilität und Verzerrung bewirkt.
- Citation du texte
- Dipl.-Kfm. Univ. Johannes Krämer (Auteur), 2009, Auswirkungen einer Abgeltungsteuer auf Effizienz und Dynamik internationaler Finanzmärkte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132794