„Wer Rache nimmt, ist nicht besser als sein Feind. Verzichtet er aber darauf, dann ist er ihm überlegen.“ (Francis Bacon)
Rache gab es immer schon; Rache wird es immer geben. Francis Bacon vertritt mit seiner Auffassung von Vergeltung die Moralverstellungen unserer heutigen modernen Gesellschaft. Doch wie sieht diese in anderen Gesellschaften aus? Besonders die Antike war von der Vorstellung geprägt, Unrecht durch eigenhändige Vergeltungstaten ausgleichen zu können. Gerechtigkeit durch Rache – man ging geradezu davon aus, den Schaden nur wiedergutmachen zu können, indem man ihn mit geballter Wucht zurückschleuderte. Der Feind sollte seine eigene Tat zu spüren bekommen. Unter den zahlreichen Darstellungen von Rache ist die Medea des Euripides wohl einer der grauenvollsten und zugleich faszinierendsten Persönlichkeiten der antiken Literatur. Die Rache der Medea ist besonders. Sie macht keinen Halt vor einem wehrlosen Opfer, keinen Halt vor den eigenen Kindern. Rache in ihrer grausamsten Form – des Kindermords.
Ausgehend von diesem Bühnenstück sollen in der vorliegenden Arbeit die verschiedenen Aspekte der Rache Medeas analysiert werden, um diese mit der antiken Vorstellung von Rache und Vergeltung zu vergleichen und daraus die mögliche gesellschaftliche Wirkung und Funktion der Tragödie erfassen zu können. Lässt sich die literarische Verarbeitung dieser extremen Form von Rache mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen vergleichen? Welche Wirkung könnte diese Darstellung erzielt haben? Und welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche Prozesse und Hintergründe?
Nach einer Betrachtung zum Umgang der Griechen mit Rache und Vergeltung folgt daher eine ausführliche Analyse der Tragödie, die besonderes Augenmerk auf die Merkmale der Rache Medea legt und diese von verschiedenen Blickwinkeln her untersucht. Neben den verschiedenen Ursachen und Konsequenzen dieses Vergeltungsakts wird näher auf die Besonderheiten des Kindermords, die heldenhaften Züge Medeas und die sich daraus ergebende innere Zerrissenheit der Mutter eingegangen und die Rolle des Chors näher betrachtet. Abschließend sollen die Ergebnisse in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet werden, um die literarische Darstellung der Rache auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Rache bei den Griechen
III. Die Rache der Medea
a) Die Medea des Euripides
b) Medeas Rache – Motive und ihre Wirkung
c) Die Absolutheit der Rache – der Kindermord
d) Die „Männlichkeit“ der Rache
e) Die Rolle des Chors
IV. Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Relevanz
V. Schlussbetrachtung
VI. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit analysiert die Rachekonzeption in der Tragödie „Medea“ von Euripides, um deren gesellschaftliche Funktion und Wirkung im antiken Griechenland zu ergründen. Dabei steht die Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen individueller Racheethik, den männlich geprägten heroischen Idealen und dem historischen Kontext der athenischen Polis im Zentrum der Betrachtung.
- Racheethik und Vergeltungsmoral im antiken Griechenland
- Motive und psychologische Aspekte des Racheakts bei Medea
- Die Dialektik zwischen weiblicher Mutterrolle und maskulinem Heldenethos
- Politische und gesellschaftliche Dimensionen der Tragödie im 5. Jahrhundert v. Chr.
- Die Funktion und Rolle des Chors als moralische Instanz und Spiegelbild
Auszug aus dem Buch
c) Die Absolutheit der Rache – der Kindermord
„Ich muß weinen, denke ich, welches Werk ich dann vollbringen muß. Denn meine Kinder werde ich töten. Es gibt niemand, der sie wird retten können. Und wenn ich dann das gesamte Geschlecht Iasons vernichtet habe, will ich das Land verlassen, vor der liebsten Kinder Mord fliehend, wenn ich das gottloseste Werk vollbracht habe. Denn von Feinden verlacht zu werden ist nicht erträglich, liebe Frauen.“29
Die Passage aus einem Dialog zwischen Medea und dem Chor ereignet sich kurz nach dem Gespräch mit dem König von Athen. Bereits hier vergegenwärtigt sie sich die Auswirkungen, die der Mord an der Königstochter haben wird, denn die Zusage zum Asyl wird ihr späteren Schutz bieten können. Die Bluttat an den wehrlosen Kindern ist nun für sie aus zwei Gründen, die sich gegenseitig bedingen, unabwendbar: aus Notwendigkeit und aus Rache. Sie ist sich darüber bewusst, dass die Rache an der zukünftigen Braut Iasons wiederum nicht ungerächt bleiben wird – die Notwendigkeit, die Kinder nach der Tat aufopfern zu müssen, ist für sie bereits nach ihrer Ausweisung offensichtlich. Die Anhänger der Königsfamilie würden sonst über die Kinder herfallen. Eingestehen wird sie sich dies aber erst, als der Mord an der Königstochter geschehen ist, denn nun ist ihr Tod unausweichlich geworden. Auf der anderen Seite ist für sie der Kindermord nötig, um die Rache zu vervollständigen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Bedeutung der Rache ein und steckt den Analyserahmen für die Untersuchung der Tragödie Medea ab.
II. Die Rache bei den Griechen: Dieses Kapitel erläutert den antiken Normenkodex der Vergeltung sowie die soziokulturellen Hintergründe und die Institutionalisierung des Rechts.
III. Die Rache der Medea: Eine detaillierte Analyse der Handlung, der mörderischen Motive Medeas, ihres archaischen Ehrbegriffs und der Rolle des Chors.
IV. Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Relevanz: Untersuchung der Tragödie im zeitgenössischen politischen Kontext des antiken Athens am Vorabend des Peloponnesischen Krieges.
V. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung von Medea als Symbolfigur eines gesellschaftlichen Wertewandels und der Gefahr entgrenzter individueller Ethik.
VI. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Medea, Euripides, Rache, Vergeltung, Antike, griechische Tragödie, Kindermord, Ehrbegriff, Polis, Oikos, Moral, Ethik, Athen, Gesellschaft, Frauenbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rachekonzeption im Drama „Medea“ von Euripides und stellt diese in den Bezugsrahmen antiker griechischer Moralvorstellungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Racheethik, die Diskrepanz zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlichen Erwartungen sowie der Zusammenhang von privater Rache und politischem Status.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Funktion der Rache als Motiv der Hauptfigur zu untersuchen und zu erörtern, ob Euripides damit zeitgenössische gesellschaftliche Krisenproblematiken reflektiert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor wendet eine literaturwissenschaftliche Analyse an, die durch historische Kontexte und psychologische Interpretationen (z.B. den Thymos-Begriff) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des antiken Racheverständnisses, die detaillierte Analyse von Medeas Motiven, den Kindermord als Akt der totalen Vernichtung und die Rolle des Chors als Mitwisser.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Medea, Racheethik, antikes Griechenland, Ehrbegriff und gesellschaftliche Relevanz gekennzeichnet.
Wie bewertet der Autor den Kindermord in Medea?
Der Kindermord wird als Resultat einer ausweglosen Situation und als Ausdruck einer „maskulinen“ Heldenethik gedeutet, mit der Medea ihren Gegenspieler Iason vollends vernichten will.
Welche Rolle spielt der Chor im Stück?
Der Chor fungiert als Solidargemeinschaft der Frauen, die Medeas Rache zunächst befürwortet, sich aber beim Kindermord passiv distanziert, was als Mitwisserschaft interpretiert wird.
Warum wählt Euripides ausgerechnet eine Frau für dieses Rachemotiv?
Laut der Arbeit nutzt Euripides die Frauenrolle, um durch den Kontrast zur „männlichen“ politischen Sphäre (Polis) die Gefahren einer entgrenzten Leidenschaft und die Brüchigkeit sozialer Ordnungen besonders drastisch aufzuzeigen.
- Citation du texte
- Jochen Engelhorn (Auteur), 2008, "Medea und die Rache", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133439