Die ost- bzw. südosteuropäischen Staaten sind seit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Jahre 1989/90 in einem steten Wandel begriffen. Dies betrifft vor allem die urbanen Zentren, hat aber auch starke Auswirkungen auf dörfliche Gemeinschaften.
Am Beispiel des einst siebenbürgisch-sächsischen Dorfes Gârbova (Urwegen)in Rumänien sollen diese Veränderungen, die dort seit dem Eintritt in den kommunistischen Machtbereich im Jahre 1944 bis heute stattfanden, behandelt werden. Vor allem wird in vorliegender Arbeit auf die interethnischen Beziehungen zwischen Siebenbürger Sachsen und Rumänen, auf die Gemeindeorganisation, Familie, Religion und die kulturellen Erscheinungsformen eingegangen.
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Inhaltsverzeichnis
A. Der kulturelle Wandel in Rumänien
B. Der soziale und kulturelle Wandel seit 1944 am Beispiel des Dorfes Gârbova
I. Stand der Literatur, Quellenlage und Methoden
II. Einzelaspekte des sozialen und kulturellen Wandels bei den Sachsen und den Rumänen in Gârbova/Urwegen
1. Veränderungen im Alltagsleben
Zum interethnischen Aspekt
Die Nachbarschaften
Die Familie
Die Religionen
Kulturelle Einrichtungen
2. Folklorismus und Folklore
C. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des tiefgreifenden sozialen und kulturellen Wandels in Rumänien seit 1944 am Beispiel der ehemals sächsischen Gemeinde Gârbova (Urwegen) und analysiert dabei, wie sich die Modernisierung, politische Umstrukturierungen und ethnische Veränderungen auf das Alltagsleben, die Familienstrukturen und die dörfliche Ordnung ausgewirkt haben.
- Analyse des soziokulturellen Wandels im dörflichen Milieu unter sozialistischen und postsozialistischen Bedingungen.
- Untersuchung der interethnischen Beziehungen zwischen Rumänen, Sachsen und Roma.
- Erforschung von Veränderungen in der Siedlungsstruktur, Wohnkultur und Volksarchitektur.
- Betrachtung des Niedergangs traditioneller Lebensformen, wie Trachten und Volksmusik, im Kontext von Modernisierung und Folklorismus.
Auszug aus dem Buch
Die Nachbarschaften
Die Nachbarschaft (rumänisch: vecinătate) stellt eine Organisation dar, die das soziale Leben innerhalb der Gemeinde regelt. Sie ist sowohl bei den Sachsen als auch bei den Rumänen verbreitet. Besonders bei den Sachsen galt bis zu ihrer massenhaften Auswanderung ab 1989 die Nachbarschaft als ein Teil ihrer Sozialstruktur. Sie zeichnete sich durch ihre Konfliktvermeidungs- und Konfliktbewältigungsstrategien, Handlungsorientierung und Sanktionsmechanismen aus (Schenk 1995: 262; Weber 1981: 133).
Die Anzahl der Nachbarschaften ist von der Größe des Dorfes abhängig. Ihre Aufgabe ist es, neben der Kontrolle des sozialen, sittlichen und kirchlichen Verhaltens, die gegenseitige Nachbarschaftshilfe nach dem Prinzip der Leistung und Gegenleistung zu organisieren. Auch die Nachbarschaft unterlag einem Wandel, vor allem im Hinblick auf Veränderungen von Wertesystemen, sozialen Beziehungen und Gesellschaftstypen (Weber 1981: 133/134). Mit dem Eintritt Rumäniens in den kommunistischen Machtbereich verloren die Nachbarschaften einen beträchtlichen Teil ihrer ursprünglichen Aufgaben. Arbeiten, die auch eine Identifizierung der Bevölkerung mit ihrem Dorf mit sich brachten, wie z. B. die Reparatur von Straßen und Wegen sowie die Instandhaltung der Weinberge, wurden nun von der Gemeinde übernommen. Die Dorfwache, die noch bis Mitte der 1940er Jahre das nächtliche Ausgehverbot zu überwachen hatte, fiel dem Systemwandel ebenso zum Opfer wie auch sämtliche nachbarschaftliche Aufgaben, die mit einer Taufe oder Hochzeit zusammenhingen. Diese wurden von den Gemeindedeputierten übernommen. Lediglich die Modalitäten der Beerdigung blieben weiterhin Aufgabe der Nachbarschaft (Juchum 1970: 291).
Nach dem Ende des Kommunismus übernahmen die Nachbarschaften wieder einen Teil ihrer früheren Aufgaben. Die Dorfwache wird jedoch nicht mehr organisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Der kulturelle Wandel in Rumänien: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen und die gesellschaftlichen Ursprünge des kulturellen Wandels in Rumänien im Kontext der Modernisierung und der spezifischen historischen Entwicklung zwischen Ost und West.
B. Der soziale und kulturelle Wandel seit 1944 am Beispiel des Dorfes Gârbova: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und beleuchtet detailliert die Auswirkungen politischer, ökonomischer und sozialer Transformationen auf die Lebensverhältnisse in der Gemeinde Gârbova, unterteilt in methodische Vorgehensweisen und inhaltliche Schwerpunkte wie Alltag, Ethnie, Familie, Religion, Kultur und Architektur.
C. Zusammenfassung: Dieses Kapitel resümiert die Transformationsprozesse in Rumänien seit 1944 und konstatiert, dass das sächsische Volksleben heute eine Reliktkultur darstellt, während sich die ländlichen Regionen insgesamt zwischen Modernisierung und Verfall bewegen.
Schlüsselwörter
Kultureller Wandel, Rumänien, Gârbova, Siebenbürgen, Sozialstruktur, Modernisierung, Alltagsleben, Interethnik, Nachbarschaften, Familie, Religion, Folklorismus, Volksarchitektur, Migration, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die soziokulturellen Veränderungen in der rumänischen Gemeinde Gârbova seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die postsozialistische Zeit.
Welche zentralen Themenfelder werden untersucht?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Wandel der Sozialstruktur, den interethnischen Beziehungen zwischen Sachsen, Rumänen und Roma sowie Veränderungen in der Wohnkultur und der Volksarchitektur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Auswirkungen der politischen und ökonomischen Transformationsprozesse auf das Alltagsleben und die traditionellen Strukturen der lokalen Bevölkerung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse und empirischen Methoden, darunter Interviews mit Bewohnern vor Ort sowie teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Aspekte wie die Kollektivierung der Landwirtschaft, der Wandel familiärer Normen, die Rolle der Religion, die Funktion der Nachbarschaften und der Niedergang traditioneller Trachten und Musik thematisiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie kultureller Wandel, Siebenbürgen, soziale Transformation, Interethnik und Reliktkultur beschreiben.
Wie hat sich die ethnische Zusammensetzung in Gârbova verändert?
Aufgrund der massenhaften Auswanderung der Siebenbürger Sachsen nach 1989 hat sich das ethnische Gefüge in Gârbova stark zugunsten der rumänischen Bevölkerungsmehrheit verändert.
Welche Rolle spielt die "Nachbarschaft" (vecinătate) im Dorfleben?
Die Nachbarschaft fungiert als ein traditionelles soziales Organisationssystem, das Aufgaben der gegenseitigen Hilfe und der sozialen Kontrolle regelte, wobei sie im Laufe der Zeit durch den kommunistischen Systemwandel ihre ursprüngliche Bedeutung teilweise verlor.
- Quote paper
- M.A. Nikolaus Wilhelm-Stempin (Author), 2001, Soziokultureller Wandel in einem siebenbürgischen Dorf am Beispiel von Gârbova (Urwegen), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133530