Im Jahr 1981 beschrieb das TIME-Magazine Abtreibung als „the most emotional issue of politics and morality that faces the nation“. In der Abtreibungsdebatte wird der Kern der Wertvorstellungen eines Menschen diskutiert. Und in dieser Diskussion über den Beginn menschlichen Lebens, mit den Argumentationsmustern der liberalen und konservativen Kräfte, der Mediziner, Biologen, Rechtswissenschaftler und Religionsgelehrten ist Abtreibung nicht nur ein einzelnes Thema sondern eine Verbindung mehrerer Themenbereiche. Die Webster- und die Casey-Entscheidung umfasst einen Zeitraum in der ersten Hälfte der 1990er Jahre, der sich in der Untersuchung der Abtreibungsdebatte als überaus interessant darstellt. In dieser Periode wurde die Abtreibungspolitik von der gesamtstaatlichen Ebene zurück auf die Einzelstaatenebene verlagert. Dabei lässt sich in den meisten Fällen mit einem Blick auf die politischen Konstellationen in den Staaten erkennen, dass konservative, republikanische Einzelstaaten wie North Dakota oder Mississippi eher restriktive Gesetze zur Abtreibungspraxis hervorgebracht haben, während liberale, demokratische Einzelstaaten wie Washington und New York weniger restriktive Gesetze vorzuweisen haben. In Bezug auf die seit 1990 integrierte Pro-Life-Agenda im Parteiprogramm der Republikaner und die Pro-Choice-Positionierung der demokratischen Partei auf Bundesebene wird diese Unterscheidung noch einmal belegt. Dennoch werden anschließend zwei Fälle vorgestellt, bei denen Erklärungsbedarf besteht. So wird die Abtreibungspolitik in Minnesota und Arizona untersucht, da beide Staaten auf den ersten Blick die Voraussetzungen für Restriktionen der Abtreibungsgesetze vorwiesen, aber dennoch keine solchen Gesetze verabschiedeten. Bei beiden, in diesem Zusammenhang nicht als liberal geltenden Staaten bestanden um 1990 konservative Mehrheiten und eine entwickelte Pro-Life-Bewegung. Ungeachtet dessen werden im Folgenden verschiedene Faktoren genauer betrachtet, um herauszufinden, ob scheinbar vorteilhafte Grundlagen einen selbstverständlichen Rückschluss auf die Schärfe der Abtreibungsgesetze in beiden Einzelstaaten zulassen. Nachdem die jeweiligen Entwicklungen in Minnesota und Arizona nachgezeichnet wurden, erfolgt eine Analyse der fünf verschiedenen Betrachtungsebenen: auf institutioneller Ebene, Akteursebene, strategische Ebene, situative Ebene und kulturelle Ebene.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Abtreibungsgesetze – eine Grundsatzdebatte
1.1 Roe v. Wade als Weckruf der Pro-Life-Bewegung
1.2 Webster v. Reproductive Health Services als Weckruf der Pro-Choice-Bewegung
1.3 Planned Parenthood of Southeastern Pennsylvania v. Casey als Ja und Nein zur Abtreibung
2. Fallbeispiele
2.1 Einführung
2.2 Public Opinion: Wo steht die Bevölkerungsmehrheit?
2.3 Minnesota: Der Pendelprozess zwischen Befürwortern und Gegnern von Abtreibungsrestriktionen
2.3.1 Vorstellung des Fallbeispiels
2.3.2 Institutionelle Ebene: Keine Mehrheit für Pro-Life und Pro-Choice
2.3.3 Akteursebene: Die übermäßige Dominanz der MCCL
2.3.4 Strategische Ebene: Die Abtreibungsthematik als nicht wahlentscheidend
2.3.5 Situative Ebene: Gesetzeserfolge durch Medienereignisse
2.3.6 Kulturelle Ebene: Ungeborenes Leben oder individuelle Freiheiten
2.3.7 Entwicklung nach 1994: Die Fortsetzung des Pendelprozesses
2.4 Arizona: Der Unterschied zwischen Konservatismus und Abtreibungsrestriktionen
2.4.1 Vorstellung des Fallbeispiels
2.4.2 Institutionelle Ebene: Ja zu Konservatismus heißt nicht unmittelbar Ja zu Pro-Life
2.4.3 Akteursebene: Organisiertes Chaos bei der Bürgerinitiative
2.4.4 Strategische Ebene: Täuschende Kampagne und mangelnde Unterstützung
2.4.5 Situative Ebene: Der „Goldwater-Faktor“
2.4.6 Kulturelle Ebene: Individuelle Freiheiten statt staatlicher Regulierung
2.4.7 Entwicklung nach 1992: Bedeutungszuwachs des Gouverneurs
3. Fazit
4. Bibliografie
4.1 Literaturquellen
4.2 Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einflussfaktoren auf die Umsetzung restriktiver Abtreibungsgesetze in den USA, wobei sie anhand der Fallbeispiele Minnesota und Arizona analysiert, warum trotz vorhandener konservativer Mehrheiten keine weitreichende Gesetzgebung realisiert wurde. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Zusammenspiel von institutionellen, akteursbezogenen, strategischen, situativen und kulturellen Bedingungen.
- Analyse der Abtreibungspolitik in den Einzelstaaten zwischen 1989 und 1992.
- Untersuchung der Rolle politischer Institutionen und der Parteiprofile.
- Evaluation des Einflusses von Pro-Life- und Pro-Choice-Interessengruppen.
- Betrachtung kontingenter Faktoren wie Medienereignisse und persönlicher politischer Akteure.
- Einfluss der politischen Kultur auf die Gesetzgebungsprozesse.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung: Abtreibungsgesetze – eine Grundsatzdebatte
Im Jahr 1981 beschrieb das TIME-Magazine Abtreibung als „the most emotional issue of politics and morality that faces the nation“. In der Abtreibungsdebatte wird der Kern der Wertvorstellungen eines Menschen diskutiert. Und in dieser Diskussion über den Beginn menschlichen Lebens, mit den Argumentationsmustern der liberalen und konservativen Kräfte, der Mediziner, Biologen, Rechtswissenschaftler und Religionsgelehrten ist Abtreibung nicht nur ein einzelnes Thema sondern eine Verbindung mehrerer Themenbereiche. Im Fokus stehen sowohl Vorstellungen von Geschlechterrollen und Sexualmoral, demografische Faktoren, Geburtenraten und Wirtschaftsindizes, Gesundheitsbedenken und Entwürfe alternativer Beziehungen, als auch die Glaubenslehre von der Unverletzlichkeit des Lebens sowie das amerikanische Kulturkonzept der Freiheit des Individuums.
Die Thematik kann unter sozioökonomischen Kriterien betrachtet werden. So zum Beispiel in Bezugnahme auf Statistiken, die zeigen, dass die meisten Abtreibungen proportional von alleinstehenden, unter 30-jährigen, afro-amerikanischen Müttern vollzogen werden. Abtreibung kann allerdings auch vom rechtlichen Standpunkt aus untersucht werden, wenn über die amerikanische Verfassung und deren Auslegung beziehungsweise Anwendung in der heutigen Zeit diskutiert wird.
Bei dieser Vielschichtigkeit an Diskussionsfeldern verwundert es kaum, dass Abtreibung in den USA ein wahres hot button issue geworden ist und unzählige Protestmärsche sowie eine hohe Anzahl der Fälle zivilen Ungehorsams und gewalttätigen Übergriffen provozierte. Der Ausgangspunkt der Arbeit liegt in der Betrachtung der Christlichen Rechten, welche sich das Thema auf konservativer Seite zu Eigen gemacht hat. Die aus der konservativen Rechten kommenden Paul Weyrich und Richard Viguerie haben als Chefstrategen der in den 1970er Jahren entstandenen Bewegung frühzeitig erkannt, dass die nationale Rechte in den USA – mit elf Prozent der Amerikaner, die sich selbst als rechts einstufen – nur Einfluss ausüben kann, wenn mithilfe sozialkonservativer Themen eine starke und große Koalition gebildet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Abtreibungsgesetze – eine Grundsatzdebatte: Einführung in die komplexe Debatte um Abtreibungsrechte in den USA unter Berücksichtigung zentraler Supreme-Court-Urteile.
2. Fallbeispiele: Überblick über das methodische Vorgehen und die Auswahl der untersuchten Staaten Minnesota und Arizona sowie eine Analyse der öffentlichen Meinung.
3. Fazit: Zusammenführende Analyse der fünf Untersuchungsebenen und Reflexion über die Dynamiken der staatlichen Abtreibungspolitik sowie die Bedeutung von politischen Mehrheiten und Kampagnenstrategien.
4. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Literaturquellen und Internetressourcen für die wissenschaftliche Arbeit.
Schlüsselwörter
Abtreibungsdebatte, USA, Pro-Life, Pro-Choice, Minnesota, Arizona, Supreme Court, Gesetzgebung, Politische Kultur, Christliche Rechte, Grassroots Campaigning, Politische Strategie, Wahlanalyse, Restriktive Abtreibungsgesetze, Politische Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Faktoren, die dazu führen, dass in bestimmten US-Bundesstaaten restriktive Abtreibungsgesetze implementiert werden oder eben an politischen Hürden scheitern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Abtreibungsdebatte innerhalb der USA, der Rolle politischer Gruppierungen und der Auswirkungen unterschiedlicher politischer Kulturen auf die Gesetzgebung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, warum trotz bestehender konservativer Mehrheiten in den Bundesstaaten Minnesota und Arizona im betrachteten Zeitraum keine weitreichenden Abtreibungsverbote durchgesetzt werden konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt einen komparativen Ansatz anhand der Fallbeispiele Minnesota und Arizona, strukturiert durch eine Fünf-Ebenen-Analyse: institutionell, akteursbezogen, strategisch, situativ und kulturell.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Fallbeispiele detailliert untersucht und die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen, Akteurskonstellationen und Medienereignisse gegenübergestellt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Pro-Life, Pro-Choice, politische Kultur, Gesetzgebung und die Analyse des "Pendelprozesses" in der amerikanischen Abtreibungspolitik geprägt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der "Christlichen Rechten" in Arizona?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Christliche Rechte in Arizona trotz ideologischer Nähe zu den Zielen der Bewegung an internen Organisationsproblemen und einer fehlenden professionellen Mobilisierungsstrategie scheiterte.
Welchen Einfluss hatte Barry Goldwater auf das Referendum in Arizona?
Barry Goldwater fungierte als kontingenter Faktor, dessen überraschendes öffentliches Auftreten gegen das Referendum der Pro-Choice-Seite massiven Auftrieb verlieh und zur Ablehnung des Gesetzesentwurfs beitrug.
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- Renard Teipelke (Author), 2009, Einflussfaktoren der Umsetzung restriktiver Abtreibungsgesetze an den Fallbeispielen Minnesota und Arizona, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133941