Wenn Ulrike Marie Meinhof von Bullen und Schweinen sprach, war klar, dass nicht von Tieren die Rede war. Doch wie ist es zu deuten, wenn sie im „Spiegel“ vom 15. Juni 1970 zitiert wird mit: „und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinander zu setzen. […] Natürlich kann geschossen werden.“ Während im „Konzept Stadtguerilla“ vom April 1971 zu lesen ist: „Wäre unsere Praxis so überstürzt wie einige Formulierungen dort, hätten sie uns schon.“ und „Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen.“
Handelte es sich dabei um eine Entradikalisierung der Sprache, da Meinhof zuvor gemachte Aussagen relativierte?
„Wenn das System tabu ist, ist die Ordnung in Ordnung, weiß der Teufel, wer die Polizei entmenscht hat.“ , heißt es sarkastisch in „konkret“ Nr.4/1968. Hier bezeichnet sie die bundesdeutsche Ordnungsmacht noch als Polizei, bevor sie diese drei Jahre später selbst entmenschlicht. Handelt es sich dabei um einen Einzelfall oder radikalisierte sich die Sprache von Ulrike Meinhof generell in den Jahren 1968-1971? Handelt es sich doch nicht um eine gemäßigtere Sprache?
Diesen Fragen soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden.
[...]
Der zentrale Teil der Arbeit ist die Textanalyse. [...] Aus ihrer Zeit bei der linksgerichteten Zeitschrift „konkret“, bei der sie von 1960-1964 Chefredakteurin war und danach weiterhin für die Zeitschrift Kolumnen schrieb, soll ein Text exemplarisch analysiert werden. Hierzu eignet sich meiner Meinung nach besonders gut der Artikel „Wasserwerfer – auch gegen Frauen. Student und Presse Eine Polemik gegen Rudolf Augstein und Konsorten“, weil er zum einen sehr viele Merkmale beinhaltet, die sich auch in ihren anderen Aufsätzen für „konkret“ zeigen und zum anderen, da er strukturelle und thematische Ähnlichkeiten zu dem Vergleichstext aufweist. Bei diesem handelt es sich um das „Konzept Stadtguerilla“, das als theoretische Grundlage der RAF gelten kann und im April 1971 veröffentlicht wurde.
Zwischen den Texten stehen zentrale Ereignisse, die eine Radikalisierung der Sprache bewirkt haben könnten. „Wasserwerfer“ und das „Konzept Stadtguerilla“ umschließen den Gang in den Untergrund und die Konstituierungsphase der RAF.
[...]
Ziel dieser Arbeit ist es primär, zu analysieren, inwiefern sich die Sprache von Ulrike Meinhof im Zeitraum 1968-1971 veränderte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie und Methode
2.1 Quellenlage und Forschungsstand
2.2 Definition von „Radikalisierung“
2.3 Das Problem der Theorie und der Stellenwert der Methode
3. Zeithistorischer Kontext
3.1 Studentenbewegung und Journalismus
3.2 RAF und Terrorismus
4. Analyse der zentralen Texte
4.1 Wasserwerfer – auch gegen Frauen
4.1.1 Zum Text
4.1.2 Semantik
4.1.3 Syntax
4.1.4 Rhetorik und Stil
4.2 Das Konzept Stadtguerilla
4.2.1 Zum Text
4.2.2 Semantik
4.2.3 Syntax
4.2.4 Rhetorik und Stil
5. Auswertung
6. Fazit und Ausblick
7. Literatur
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, ob und wie sich die Sprache von Ulrike Meinhof im Zeitraum von 1968 bis 1971 radikalisiert hat, wobei der Schwerpunkt auf einem Vergleich zwischen ihren journalistischen Texten bei „konkret“ und den theoretischen Schriften der RAF liegt.
- Diachrone Analyse der Sprache von Ulrike Meinhof
- Untersuchung der sprachlichen Radikalisierung im Zeitraum 1968-1971
- Textvergleich: „Wasserwerfer – auch gegen Frauen“ vs. „Konzept Stadtguerilla“
- Analyse von Semantik, Syntax, Rhetorik und Argumentationsstruktur
- Überprüfung der These der sprachlichen Radikalisierung durch linguistische Indikatoren
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Zum Text
Meinhofs Essay „Wasserwerfer“ behandelt die gegenseitige Annäherung der Presse im Rahmen der Berichterstattung über die Studentenunruhen.
Meinhofs Aufhänger ist dabei der Tod Ohnesorgs, den sie als Grund für den Ausbruch verschiedener Konflikte in der Bundesrepublik Deutschland sieht: „Endlich gibt es wieder Generationenkonflikte, Konflikte zwischen Männern und Frauen, Meinungsgegnern. Freunden und Feinden“.
Als Überleitung zur Kritik an der einseitigen Presseberichterstattung konstatiert sie, dass die bundesdeutschen Medien ein Interesse daran haben, dass gesellschaftliche Konflikte nicht zu Tage getragen werden, da sie darunter nicht leiden und von deren Verschleierung profitieren. Im Folgenden eruiert sie vier Verschleierungsmodelle und belegt diese mit Zitaten aus der Springer- und Regionalpresse sowie aus dem „Spiegel“.
Das erste Verschleierungsmodell bezieht sich auf die Kritik, dass die Studenten die „bürgerliche Wohlanständigkeit“ verletzt haben, was von den eben genannten Medien beanstandet wird.
Verschleierungsmodell zwei bezeichnet sie als „Die Unschuld des Systems“. Meinhof zeigt auf, dass die Studentenunruhen laut der konkurrierenden Zeitungen ein Problem der Studenten selbst seien und der Staat keine Schuld daran trägt. „Das System [zu kritisieren] ist tabu“, gelte nach Meinhof als Maxime der bundesdeutschen Presse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung der sprachlichen Radikalisierung von Ulrike Meinhof ein und definiert das Untersuchungsziel sowie die methodische Herangehensweise.
2. Theorie und Methode: Dieses Kapitel setzt sich mit dem Forschungsstand auseinander, definiert den Begriff „Radikalisierung“ für den Kontext der Arbeit und erläutert die gewählten sprachanalytischen Methoden.
3. Zeithistorischer Kontext: Hier werden die biografischen und historischen Zäsuren der Jahre 1967 bis 1971 skizziert, die für Meinhofs Entwicklung und die Entstehung der RAF von Bedeutung sind.
4. Analyse der zentralen Texte: Der Hauptteil unterzieht zwei ausgewählte Texte einer detaillierten semantischen, syntaktischen, rhetorischen und argumentationsanalytischen Untersuchung.
5. Auswertung: Die gewonnenen Erkenntnisse werden synthetisiert, um die Forschungsfrage nach einer sprachlichen Radikalisierung auf Basis der definierten Indikatoren zu beantworten.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert Implikationen für die weitere Meinhof- und RAF-Forschung sowie mögliche Theorieerweiterungen.
7. Literatur: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendeten Quellen und die für die Untersuchung herangezogene wissenschaftliche Literatur auf.
Schlüsselwörter
Ulrike Meinhof, RAF, Radikalisierung, Politolinguistik, Textanalyse, Konzept Stadtguerilla, Wasserwerfer, Freund-Feind-Schema, Ideologiesprache, Stigmawörter, Sprachwandel, Journalismus, Terrorismus, Rhetorik, Argumentationsanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht sprachliche Merkmale in Texten von Ulrike Meinhof, um festzustellen, ob ein nachweisbarer Prozess der Radikalisierung zwischen 1968 und 1971 stattgefunden hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die journalistische Sprache Meinhofs in der Zeitschrift „konkret“ im Vergleich zur theoretischen Sprache der RAF im „Konzept Stadtguerilla“ sowie den Einfluss des historischen Kontexts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, wissenschaftlich zu prüfen, inwiefern sich die Sprache von Ulrike Meinhof im genannten Zeitraum verändert hat und ob diese Veränderung als „Radikalisierung“ bezeichnet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein linguistischer Ansatz gewählt, der Elemente der Semantik, Syntax, Rhetorik und Argumentationsanalyse nutzt, basierend auf einem selbst erstellten Indikatorraster.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der beiden Primärtexte „Wasserwerfer – auch gegen Frauen“ und „Das Konzept Stadtguerilla“, jeweils unterteilt in die Ebenen Semantik, Syntax sowie Rhetorik und Stil.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist charakterisiert durch Begriffe wie Ulrike Meinhof, Radikalisierung, RAF, Politolinguistik, Sprachanalyse und das Freund-Feind-Schema.
Welche Rolle spielt das „Freund-Feind-Schema“ in Meinhofs Texten?
Die Analyse zeigt, dass Meinhof insbesondere in späteren Texten zunehmend Stigmawörter verwendet, um Gegner zu diffamieren und eine klare Grenze zwischen ihrer Gruppe und dem „System“ zu ziehen.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der Radikalisierung?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass eine sprachliche Radikalisierung vorliegt, insbesondere in den Bereichen der Freund- und Feindbezeichnungen, im Stil und in der Argumentationsstruktur.
- Citar trabajo
- Daniel Hitzing (Autor), 2009, „Sie hätten nicht die Macht, wenn sie nicht die Mittel hätten, die Schweine“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134852