„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“

Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Lichte von Bourdieus Habitus-Theorie


Bachelorarbeit, 2009

41 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff „soziale Ungleichheit“? – Begriffsexplikation

3 Die Kapitaltheorie
3.1 Ökonomisches Kapital
3.2 Kulturelles Kapital
3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital
3.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital
3.3 Soziales Kapital
3.4 Symbolisches Kapital
3.5 Transformation des Kapitals

4 Habitus, Klassen und Geschmack
4.1 Der Habitus
4.2 Die Geschmackssorten
4.2.1 Der legitime Geschmack
4.2.2 Der mittlere Geschmack
4.2.3 Der populäre Geschmack

5 Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem
5.1 Die Bildungsexpansion – Weg zur Chancengleichheit!?
5.1.1 Überblick der Bildungsexpansion
5.1.2 Fazit der Bildungsexpansion: Veränderte Reproduktionsstrategien
5.2 Pisa und Co. - Oder wie der Habitus die Schulkarriere bestimmt
5.3 Die Erben – Studenten und der Habitus
5.4 Der Habitus als Karrierekiller: Wer die Wahl hat…Nimmt den, der ihm am ähnlichsten ist!

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Pierre Félix Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin geboren und starb am 23. Januar 2002 in Paris. Er war ein französischer Philosoph und Soziologe. Eines seiner Hauptwerke ist das Buch „Die feinen Unterschiede“ aus dem Jahre 1979. In diesem Werk bezeichnet er die französische Gesellschaft als Klassengesellschaft und macht klar, dass dies auch für alle anderen westlichen Industriegesellschaften der Fall ist. Im Grunde ist Bourdieus Theorie „eine Weiterführung der Theorien sozialer Ungleichheit“.[1]

Wäre das gesellschaftliche Leben mit einem Glücksspiel vergleichbar, so hätte jeder Mensch jederzeit die Chance, einen neuen, höheren Status innerhalb kürzester Zeit zu erlangen. Oder anders gesagt, es bestünde auch immer die Gefahr, von einem sehr hohen Status in einen sehr niedrigen zu fallen. Das Glücksspiel ist zufällig und absolut unabhängig von der Vergangenheit, ein Paradebeispiel an Chancengleichheit.[2] Keiner hätte einen Vorteil durch seine Eltern und ihre Arbeit, ebenso wenig hätte keiner einen Nachteil aus seiner Herkunft zu befürchten. Dies ist aber in unserer Gesellschaft nicht der Fall.

PISA und andere Studien zeigen, dass in Deutschland keine Chancengleichheit, sondern soziale Ungleichheit herrscht. Bourdieu hat mit seiner Theorie die Mechanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit aufgedeckt. Daher wird diese Arbeit zunächst seine Habitus-Theorie aufgreifen und die wesentlichen Begriffe erklären. Was ist die Kapitaltheorie? Wie äußert sich der Habitus und was sind die verschiedenen Geschmäcker, die Bourdieu beschreibt? Diese Fragen werden in den Mittelpunkt des größeren, theoretischen Teils gerückt. Als Einstieg dient zunächst eine kurze Explikation des Begriffes „soziale Ungleichheit“. Im zweiten Teil soll Bezug auf die aktuelle Lage in Deutschland und die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem genommen werden. Im Mittelpunkt werden dabei die Bildungsexpansion und ihre Folgen für die Reproduktionsmechanismen, der durch das Elternhaus bestimmte Schul- und Universitätserfolg und die Einflussnahme des Habitus bei der Vergabe von Spitzenpositionen im Beruf stehen.

2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff „soziale Ungleichheit“? – Begriffsexplikation

Die Bevölkerung in modernen Gesellschaften gliedert sich in verschiedene Gruppierungen. Man kann die Personen beispielsweise nach Beruf, Alter, Geschlecht, Familienstand, Religion oder Wohnortgröße einteilen. Je nachdem zu welcher sozialen Kategorie man gehört, hat man gemeinsame (mit den Mitgliedern derselben Kategorie) oder unterschiedliche Lebensumstände. So unterscheiden sich beispielsweise die Lebensbedingungen eines Chefarztes von denen eines Krankenpflegers. Auch die Lebensbedingungen eines 15-jährigen Jungen sind vollkommen anders als die seines 75-jährigen Großvaters. Allein durch diese objektiven Merkmale werden die Mitglieder einer Gesellschaft unterschieden.[3]

Der Begriff der sozialen Ungleichheit impliziert jedoch, dass es Einteilungen in soziale Kategorien in einem Verhältnis von besser-schlechter oder höher-tiefer gibt. So bezieht sich die Bedeutung zunächst einmal auf bestimmte Güter, „die im Rahmen einer Gesellschaft als 'wertvoll' gelten“.[4] Je mehr jemand von diesen wertvollen Gütern besitzt, desto besser sind seine Lebensbedingungen in der Gesellschaft. Diese wertvollen Güter verschaffen ihren Besitzern Vorteile, wodurch der Eindruck entsteht, dass jene Personen besser oder höhergestellt sind als andere, die weniger oder kaum wertvolle Güter besitzen. Der Wert von Gütern ist historisch gesehen jedoch nicht konstant, sondern verschiebt sich mit der Zeit. So ist ein hoher Bildungsabschluss heute als äußerst wertvolles Gut anzusehen, während Bildung im Mittelalter für den Großteil der Bevölkerung keine Rolle spielte. „Insofern bestimmte 'Güter' also (wie z.B. Geld oder eine unkündbare Berufsstellung) Lebens- und Handlungsbedingungen darstellen, die zur Erlangung von allgemein verbreiteten Zielvorstellungen einer Gesellschaft dienen, kommen sie als Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit in Frage.“[5]

Zudem impliziert der Begriff der sozialen Ungleichheit eine gewisse Vorstellung darüber, wie die Verteilung der wertvollen Güter aussehen muss, damit man von ungleich sprechen kann. Zu unterscheiden sind dabei die relative und die absolute Ungleichheit. Von einer absoluten Ungleichheit spricht man, wenn jemand mehr wertvolle Güter einer Gesellschaft in seinem Besitz hat als jemand anderer. Absolut ungleich ist es also, wenn jemand höherwertige Bildungsabschlüsse besitzt als beispielsweise sein Nachbar. Von relativer Ungleichheit spricht man dagegen, wenn die Verteilungskriterien unterschiedlich sind. So ist zum Beispiel das Einkommen je nach Beruf unterschiedlich hoch. Demnach verdient ein erfolgreicher Unternehmer mehr als sein Hausmeister. Diese Differenz der Löhne ist Ausdruck der sozialen Ungleichheit. Soziologisch verwendet beinhaltet der Begriff also nicht zwangsläufig, dass die Ungleichheit mit Ungerechtigkeit gleichzusetzen ist.[6]

Außerdem schließt der Begriff der sozialen Ungleichheit nur wertvolle Güter ein, die regelmäßig aufgrund der Stellung von Menschen in gesellschaftlichen Strukturen ungleich verteilt werden. Dazu zählen Einkommens- und Machtunterschiede, da diese mit bestimmten beruflichen Positionen zusammenhängen. Der soziologische Begriff schließt damit individuelle, zufällige und kurzfristige Ungleichheiten aus, obwohl diese zum Teil eng mit sozial strukturierten Ungleichheiten zusammenhängen können. Man kann den Begriff zum einen verwenden, um von einer ungleichen Verteilung der wertvollen Güter unter allen Mitgliedern der Gesellschaft zu sprechen (z.B. Lohnunterschiede bei allen Erwerbstätigen). Zum anderen kann man ihn aber auch für die Unterschiede zwischen bestimmten Gruppen verwenden. Ein Beispiel dafür wäre die Lohndifferenz von erwerbstätigen Männern und Frauen. An die zweite Strukturierungsart ist nicht selten eine politische und gesellschaftliche Brisanz gebunden. In dieser Arbeit soll deshalb auch vor allem die zuletzt genannte Strukturierungsart im Vordergrund stehen. Abschließend fasst Hradil den Begriff der sozialen Ungleichheit folgendermaßen zusammen: „'Soziale Ungleichheit' liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den 'wertvollen Gütern' einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten.“[7]

3 Die Kapitaltheorie

Soziale Ungleichheit hängt zu einem großen Teil mit der Verfügung über Kapital zusammen. Von Karl Marx entlehnte Pierre Bourdieu den Begriff Kapital und interpretierte diesen in völlig neuer Weise. Für ihn ist das ökonomische Kapital, auf welches sich Marx bezog, nur eine Form seiner drei Kapitalarten[8]. Nach Jurt hat Bourdieu diesen Begriff vor allem wegen seiner formalen Eigenschaften (Akkumulationsstrategien, Transmission eines Erbes, Gewinnschöpfung) gewählt.[9] „Mit Karl Marx teilt Bourdieu die Überzeugung, dass ökonomisches Kapital ein wichtiges Merkmal zur Bestimmung von Klassen ist, und er nimmt auch an, dass es typische Formen des Denkens und Handelns in jeder Klasse gibt.“[10] Jedoch sieht Bourdieu im ökonomischen Kapital nicht das einzige Kriterium zur Unterscheidung der Klassen.

Für Bourdieu ist es wesentlich, dass es sich bei Kapital stets um „akkumulierte Arbeit“ handelt, die in Form von tatsächlich greifbarem Material oder in inkorporierter Form auftreten kann. Zudem braucht die Akkumulation immer auch Zeit. Die Anhäufung von Geld benötigt ebenso Zeit wie das Erwerben von schulischen und akademischen Titeln.

Wichtig ist für Bourdieu auch, den Kapitalbegriff in allen seinen Erscheinungsformen zu benennen, um der „Struktur und [dem] Funktionieren der gesellschaftlichen Welt gerecht zu werden“.[11] Wird der Kapitalbegriff nur im ökonomischen Sinne verwendet, so zieht dies nach sich, dass jegliche andere Formen des sozialen Austausches (abgesehen vom Warenaustausch) uneigennützig sind. Dies würde bedeuten, dass nur der ökonomische Austausch einen Profit mit sich bringt. Doch genau dem widerspricht Bourdieu. So führt er folgerichtig an, dass auch „scheinbar unverkäufliche Dinge“[12] ihren Preis haben. Und auch Akte des sozialen Handelns können eine Belohnung mit sich bringen. So führt Jurt an, dass selbst im Bereich der sozialen oder kirchlichen Arbeit kein völlig interessenfreies und selbstloses Handeln vorhanden ist, denn Selbstlosigkeit wird in diesem Umfeld geachtet und dementsprechend auch belohnt, selbst wenn dies nur durch Gottes Lohn geschieht.[13]

Es gibt in diesem Zusammenhang drei Arten von Kapital: das ökonomische Kapital, das kulturelle Kapital und das soziale Kapital. Außerdem wird noch das symbolische Kapital angeführt, welches jedoch keine weitere Kapitalform ist, sondern als das Ansehen beschrieben werden kann, welches der Besitz der einen oder anderen Kapitalart mit sich bringt. In welcher Form das Kapital auftritt, hängt vom jeweiligen Anwendungsbereich und den damit verbundenen Transformationskosten ab, denn alle Kapitalformen können (mit mehr oder minder großem Aufwand) in die jeweiligen anderen transformiert werden.

Die Zusammensetzung dieser drei Kapitalsorten bestimmt den Platz, den ein Mensch in der gesellschaftlichen Hierarchie einnimmt. Ihre jeweilige Kombination charakterisiert die einzelnen Klassen.[14]

3.1 Ökonomisches Kapital

Das ökonomische Kapital zeichnet sich dadurch aus, dass es „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“[15] ist. Es eignet sich besonders zur „Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts […]“[16] Es bezeichnet also sämtliche Güter und Besitztümer eines Menschen. Diese Kapitalform ist nach wie vor für die Differenzierung nach Klassen wichtig. Der Kampf um gesellschaftliche Macht wird jedoch im Bereich des kulturellen Kapitals entschieden, welches im Folgenden beschrieben werden soll.

3.2 Kulturelles Kapital

Bourdieu griff bei seiner Konstruktion des kulturellen Kapitals auf Max Weber zurück. Dieser hatte zwischen Klassenlage (Chancen auf dem Güter- und Arbeitsmarkt, entspricht der Marktlage) und Klassenstand (Stellung in der Hierarchie von Prestige) unterschieden. Nach Jurt sei das kulturelle Kapital im Bezug auf die Ansehenshierarchie von noch größerer Bedeutung als der Besitz des ökonomischen Kapitals und mache den entscheidenden Unterschied im Ansehen der Menschen aus.[17]

Mit dem kulturellen Kapital liefert Bourdieu einen Ansatz, um die Ungleichheit schulischer Leistungen von Kindern, die aus verschiedenen sozialen Klassen stammen, zu erklären. Fähigkeiten oder auch die sogenannte Begabung resultieren nach Bourdieu vor allem auch aus der Investition von Zeit und kulturellem Kapital in der Familie. Das bedeutet, dass die Leistungen, die in der Schule erbracht werden, maßgeblich von dem kulturellen Kapital der Familie abhängen.[18]

Besonderes Gewicht wird dem kulturellen Kapital auch dann zugemessen, „wenn die sichtbaren Formen der Übertragung des (ökonomischen) Kapitals sozial missbilligt werden […].“[19] Als Reaktion darauf wird dann mehr in die Bildung und Ausbildung der Kinder investiert, damit die bestehenden Verhältnisse aufrecht erhalten werden können.

3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital

Das inkorporierte Kapital ist, wie der Name schon verrät, an den Körper einer Person gebunden und setzt einen Prozess der Verinnerlichung voraus. Man könnte diese Kapitalform mit dem deutschen Ausdruck Bildung gleichsetzen. Dieser Prozess kostet zum einen Zeit und kann zum anderen nur von einem selbst durchgeführt werden. Man kann keine andere Person dazu anstellen, um Bildung für einen selbst zu erwerben. Bildung bedeutet insbesondere Arbeit an sich selbst.[20]

Es ist schwierig kulturelles Kapital zu messen, jedoch schlägt Bourdieu vor, die Dauer des Erwerbs als Maßstab zu nehmen, wobei erwähnt sein sollte, dass damit nicht nur die Dauer des Schulbesuches gemeint ist. Es ist ja durchaus möglich zehn Jahre zur Schule zu gehen und kaum Bildung während dieser Zeit zu erwerben. Die Familie spielt für das inkorporierte Kapital eine besonders große Rolle. Sie ist die Instanz der Primärsozialisation und kann sich positiv auswirken, indem sie dem Kind einen kulturellen Vorsprung verschafft, an dem das Kind in der Schule anknüpfen kann und anderen Kindern gegenüber einen Vorteil hat. Die primäre Sozialisation kann auf der anderen Seite aber auch einen doppelten Nachteil bedeuten. Werden notwendige Voraussetzungen in der Familie nicht geschaffen (keine korrekte Anwendung der Sprache etc.), verliert das Kind doppelt Zeit, da erst eine Korrektur stattfinden muss. Inkorporiertes Kapital wird dann zum Bestandteil der eigenen Person, zum Habitus. Da es an den biologischen Körper gebunden ist und mit ihm ebenso vergeht und stirbt, kann es weder durch Schenkung noch durch Kauf, weder durch Vererbung noch durch Tausch weitergegeben werden. Nichtsdestotrotz kann dieses Kapital durch die soziale Vererbung innerhalb der Familie weitergetragen werden, was häufig verborgen und meist unsichtbar geschieht. Dennoch bleibt einem die Arbeit der eigenen Aneignung nicht erspart, wie bereits Goethe feststellte: „Was du von deinen Vätern hast ererbt, erwirb es, um es zu besitzen.“ Bourdieu bemerkte außerdem, dass nur in Familien, in welchen ein starkes Kulturkapital vorhanden ist, die Anhäufung kulturellen Kapitals ohne Zeitverlust und ab der frühesten Kindheit stattfindet. In solchen Familien kann die ganze Zeit der Primärsozialisation bereits als Akkumulation bezeichnet werden. Die Folge davon ist, dass die Übertragung von Kulturkapital „zweifellos die am besten verschleierte Form erblicher Übertragung von Kapital ist“.[21]

Das inkorporierte Kapital bleibt nach Bourdieu immer von seiner Primärsozialisation geprägt. Spuren dieser ersten Aneignung bleiben meist ein Leben lang vorhanden. Ein Beispiel dafür ist die Sprechweise einer Person, so z.B. der elaborierte oder der restringierte Code. Besitzt ein Kind in der Schule den elaborierten bzw. restringierten Code, so lässt sich leicht darauf schließen, aus welchem sozialen Milieu dieses Kind stammt. Der Wert des kulturellen Kapitals wird durch diese Umstände stets mitbestimmt.[22]

Der Besitz einer speziellen Kulturkompetenz, die in der Gesellschaft wenig vorhanden ist, hat einen Seltenheitswert und der Besitzer dieser bestimmten Fähigkeit kann Extraprofite daraus ziehen. So werden Hochschulabschlüsse in einem Land mit sehr geringer Abiturientenquote deutlich mehr wertgeschätzt als in einem Land, wo das Abitur mit anschließendem Studium üblich ist. Dies resultiert aus der Sachlage, dass nicht alle Familien in einer Gesellschaft die Mittel haben, um den Bildungsprozess des Kindes über das übliche Maß hinaus zu verlängern. Verfügen Eltern über wenig ökonomisches oder auch kulturelles Kapital, werden sie ihr Kind eher nach zehn Jahren Schule in das Berufsleben schicken als nach 13 oder noch mehr Jahren. Die Akkumulation von inkorporiertem Kapital kann nur so lange ausgedehnt werden, wie ökonomisches Kapital in der Familie vorhanden ist, um dem Kind eine freie Zeit ohne ökonomische Zwänge zukommen zu lassen.[23]

3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital

Diese Form des Kulturkapitals steht im engen Zusammenhang mit dem inkorporierten Kapital. Objektiviertes Kulturkapital ist materiell übertragbar, jedoch nur über seinen materiellen Träger, welche u.a. sein können: Gemälde, Bücher, Instrumente, Maschinen etc. Übertragbar ist aber nur das Eigentum im juristischen Sinne. Zur eigentlichen Aneignung wird das oben beschriebene inkorporierte Kulturkapital benötigt. So kann ein Buch zwar materiell vererbt oder auch gekauft (setzt ökonomisches Kapital voraus) werden, jedoch kann man sich das objektivierte Kulturkapital symbolisch nur dadurch aneignen, dass man auch in der Lage ist, das Buch zu lesen und zu verstehen. Man muss also die kulturellen Fähigkeiten selbst besitzen oder sich jemanden besorgen, der über die nötigen Kompetenzen verfügt. Die Inhaber von kulturellem Kapital verfügen dadurch über eine gewisse Macht, die laut Bourdieu noch weiter zunimmt, und damit erhöht sich auch die Qualifikationszeit, die benötigt wird, um sich die gewünschten Fertigkeiten anzueignen. Demgegenüber steht, dass die Inhaber von ökonomischem Kapital, welches die dominierende Kapitalform ist, die Inhaber von kulturellem Kapital in eine Konkurrenzsituation bringen. Die Gewinne, die aus dem objektivierten Kapital gezogen werden können, richten sich nach der Beherrschung ebendieses Kapitals.[24] Wer reich mit ökonomischem Kapital beschert ist, will auch für das objektivierte Kapital (zum Beispiel die Maschinen in seiner Firma) nur die besten Leute, die dann entsprechend entlohnt werden.

Das objektivierte Kulturkapital ist jedoch nur dann symbolisch aktiv, wenn es von handelnden Personen auch angeeignet und tatsächlich genutzt wird, d.h. wenn ein Buch gelesen, ein Gemälde interpretiert oder ein Gerät benutzt wird.[25] So kann man seinen Kindern viele wertvolle Gegenstände im doppelten Sinne vererben: im materiellen und im symbolischen Sinne. Eine Skulptur oder ein Gemälde kann schnell in Geld umgesetzt werden. Der symbolische Sinn erschließt sich jedoch nur dem, der auch in den Genuss von Bildung gekommen ist.

3.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital

Unter dem institutionalisierten Kulturkapital ist die „Objektivierung von inkorporiertem Kulturkapital in Form von Titeln“[26] zu verstehen. Ein Titel wird von einer Institution verliehen und garantiert rechtlich kulturelles Kapital. Wer keinen Titel besitzt, muss seine kulturellen Kompetenzen ständig neu unter Beweis stellen. Ist man aber Träger eines Zeugnisses von Kulturkapital, braucht man sein Wissen nicht immer wieder neu zu beweisen. Legt ein Abiturient sein Abiturzeugnis an der Universität vor, um sich einzuschreiben, wird dort erwartet, dass er die speziellen Kompetenzen, die das Zeugnis bestätigt, auch besitzt. Ein Titel ist jedoch unabhängig vom tatsächlichen kulturellen Kapital. Mit dem Abiturzeugnis werden einem zwar gewisse Kompetenzen zugesprochen, ob man diese im Laufe seiner Schulzeit aber tatsächlich alle erworben hat, ist nicht garantiert. Insbesondere wenn man daran denkt, wie minimal die Unterschiede sind zwischen jenen, die eine Prüfung noch gerade bestehen und damit den Titel erwerben und diesen, die als erste die erforderliche Punktzahl nicht mehr erreichen und ihnen damit der Titel verwehrt bleibt.[27] Es stellt sich die Frage, ob jemand, der in einer Prüfung noch die 50 Punkte erreicht, die benötigt werden, wirklich so viel kompetenter ist als jemand, der nur 49,5 Punkte geschafft hat und damit durchgefallen ist.

[...]


[1] Abels 2007a, S. 309. Hradil sieht dies anders: „Aber im Hinblick auf soziale Ungleichheiten sind Bourdieus Annahmen offenkundig überzogen.“ (Hradil 1999, S. 139.) Dennoch werde ich Bourdieus Theorie im weiteren Verlauf der Arbeit als eine Theorie der sozialen Ungleichheit behandeln.

[2] Vgl. Bourdieu 2005, S. 49f.

[3] Hradil 1999, S. 23.

[4] Hradil, 1999, S. 24.

[5] Hradil 1999, S.24.

[6] Vgl. Hradil 1999, S. 24f.

[7] Hradil 1999, S. 26.

[8] Siehe Kapitel 3.1

[9] Jurt 2008, S. 70.

[10] Abels 2007a, S. 309.

[11] Bourdieu 2005, S. 50.

[12] Bourdieu 2005, S. 52.

[13] Vgl. Jurt 2005, S. 72.

[14] Vgl. Abels 2007a, S. 311.

[15] Bourdieu 2005, S. 52.

[16] Ebd.

[17] Vgl. Jurt 2008, S. 72f.

[18] Vgl. Bourdieu 2005, S. 54f.

[19] Jurt 2008, S. 74.

[20] Vgl. Bourdieu 2005, S. 55.

[21] Bourdieu 2005, S. 58.

[22] Vgl. Bourdieu 2005, S. 56ff.

[23] Vgl. Bourdieu 2005, S. 59.

[24] Vgl. ebd. S. 59f.

[25] Vgl. Jurt 2008, S. 75.

[26] Bourdieu 2005, S. 61.

[27] Vgl. ebd. S. 61f.

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Details

Titel
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“
Untertitel
Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Lichte von Bourdieus Habitus-Theorie
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
41
Katalognummer
V135111
ISBN (eBook)
9783640427772
ISBN (Buch)
9783640423903
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Apfel, Stamm, Reproduktion, Ungleichheit, Lichte, Bourdieus, Habitus-Theorie
Arbeit zitieren
Anne Mey (Autor), 2009, „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135111

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