Immer wieder finden sich Beiträge zum Thema Sprache und Spracheinstellung auf derStandard.at unter denen mit den meisten Postings. Daher fragt der Artikel "Bundesdeutsch“ vs. Österreichisch: Welche Begriffe nerven Sie?“ explizit die Nutzer*innen des Forums, welche Wörter sie nervig finden und warum sie diese nervig finden. Gerade die Frage nach dem „Warum“ kommt häufig zu kurz.
Die konkrete Forschungsfrage lautet: Welche bundesdeutschen Wörter werden abgelehnt und warum werden sie abgelehnt, um zu verstehen, aus welchen Gründen verschiedene bundesdeutschen Wörter als „nervig“ empfunden werden.
Die These, die der Untersuchung zugrunde liegt, besagt, dass laienlinguistische Bewertungen häufig Falschannahmen zugrunde liegen und dass oft kein Grund hinter der Ablehnung verschiedener Lexeme genannt werden kann.
Das Ziel der Arbeit soll sein, Muster für die Ablehnung bundesdeutscher Bergriffe herauszufinden und somit einen Ansatzpunkt zu liefern, an welchen Schrauben beim Deutschunterricht zum Beispiel gedreht werden muss, um sich mehr Wissen über die verschiedenen Varietäten des Deutschen anzueignen.
In einem ersten theoretischen Abschnitt erfolgt die Konzeptionalisierung der Begriffe „Austriazismus“, „Plurizentrik“, „Varietäten“ und „Sprachautoritäten“. In weiterer Folge geht es um die Klärung der Frage, welche Personengruppen überhaupt auf laienlinguistischer Ebene die Kommentare verfassen, um auch deren Spracheinstellung einordnen zu können. Methodisch dienen als Datengrundlage 370 Online-Kommentare zu dem erwähnten Artikel. Die Auswertung passiert in zwei quantitativen Schritten. Zunächst erfolgt die Kategorisierung nur auf Lexemebene und im zweiten Schritt eine Einordnung, in welche Richtung die Begründungen gehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Hinführung
3 Methodik, Datenbasis, Material
4 Analyseergebnisse
4.1 Analyse der „nervigen Wörter“
4.2 Analyse der ‚Begründungen‘
5 Fazit
6 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche bundesdeutschen Wörter in österreichischen Online-Foren als „nervig“ empfunden werden und welche Beweggründe hinter dieser Ablehnung stehen. Dabei soll insbesondere die These geprüft werden, dass laienlinguistische Bewertungen oft auf Falschannahmen beruhen und die Ablehnung häufig nicht rational begründet ist.
- Analyse von Spracheinstellungen zu bundesdeutschen Standardvarietäten.
- Untersuchung von laienlinguistischen Diskursen in Online-Kommentarspalten.
- Kategorisierung von Lexemen und Begründungsmustern für sprachliche Ablehnung.
- Reflektion über Identitätskonstruktion und den Einfluss plurizentrischer Sprachkonzepte.
- Evaluation des Wissensstandes zur Variation des Deutschen im Bildungskontext.
Auszug aus dem Buch
4.1 Analyse der „nervigen Wörter“
Da der Leitartikel explizit die Frage stellt, welche „bundesdeutschen Ausdrücke“ die User*innen als nervig empfinden, wäre davon auszugehen, dass die Kommentierenden mindestens ein Lexem nennen oder als Antwort „keines“ geben. Von den untersuchten 370 Kommentaren haben lediglich 64 User*innen mindestens ein Wort genannt. Diese Wortnennungen teilen sich folgendermaßen auf:
Die überwiegende Mehrheit (73,4%) der User*innen, die die erste gestellte Frage (Welche Wörter nerven Sie? (Herger 2023)) beantwortet haben, nennt ein ,bundesdeutsches Lexem‘. Ein bemerkenswerter Teil erweitert die Fragestellung und bewertet einen Phraseologismus als ,nervig‘. Des Weiteren kommen vereinzelt auch Präpositionen, Artikel, Austriazismen und Rechtschreibfehler hinzu. Diese Zahlen kommen zustande, weil einige User*innen sowohl Lexeme als auch Phraseologismen angefügt haben. Von den insgesamt 116 Nennungen sind 69% davon Lexeme und 18,1% davon Redewendungen. Somit besteht der überwiegende Teil der Nennungen aus diesen beiden Kategorien.
Die beiden Austriazismen gehen eigentlich an der Frage vorbei, sollen hier trotzdem genannt werden, da es sich hier im ersten Fall um das Wort „Paradeiser“ handelt. Das Posting schließt an den Diskurs an, dass das Wort ,Paradeiser‘ als Austriazismus dargestellt wird, obwohl es hauptsächlich in Wien, Niederösterreich und im Burgenland verwendet wird (Elspaß / Möller 2003ff.). Der zweite Austriazismus ist das Wort ,g‘schmackig‘, das von einem Südösterreicher beanstandet wird. Das ist insofern bemerkenswert, weil dieses Wort laut Variantenwörterbuch in ganz Österreich verbreitet ist (vgl. Gellan [u. .a] 2016: 299).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung von Kommunikationsforen im medialen Diskurs dar und formuliert die Forschungsfrage zur Ablehnung bundesdeutscher Wörter in Österreich.
2 Theoretische Hinführung: Das Kapitel behandelt den plurizentrischen Charakter der deutschen Sprache, definiert zentrale Begriffe wie Varietäten oder Austriazismen und geht auf die sprachliche Identitätsbildung in Österreich ein.
3 Methodik, Datenbasis, Material: Hier werden das Datenset (370 Online-Kommentare), der Analyseansatz nach Höll/Koppensteiner und das Modell der Kommentatorentypen beschrieben.
4 Analyseergebnisse: Dieses Kapitel präsentiert die Auswertung der genannten „nervigen“ Lexeme und die systematische Einordnung der Begründungen aus den Forenbeiträgen.
4.1 Analyse der „nervigen Wörter“: Eine detaillierte quantitative und qualitative Untersuchung der von den Usern identifizierten problematischen Wörter und Phraseologismen.
4.2 Analyse der ‚Begründungen‘: In diesem Teil werden die Kommentare nach inhaltlichen Themensektoren kategorisiert, um die Beweggründe für die sprachliche Ablehnung zu verstehen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass sprachliche Ablehnung oft emotional motiviert ist und durch eine stärkere Thematisierung der Plurizentrik im Unterricht verbessert werden könnte.
6 Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Österreichisches Deutsch, Bundesdeutsch, Varietäten, Plurizentrik, Laienlinguistik, Spracheinstellung, Online-Kommentare, Austriazismen, Teutonismen, Identität, Diskurs, Sprachwandel, Sprachnorm, Sprachunterricht, Reflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Spracheinstellungen von Österreicherinnen und Österreichern gegenüber bundesdeutschen Varietäten anhand von Online-Diskussionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen sind sprachliche Variation, Identitätskonstruktion durch Sprache, die Wahrnehmung von Austriazismen versus Teutonismen sowie laienlinguistische Diskurse in digitalen Medien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Muster für die Ablehnung bundesdeutscher Begriffe zu identifizieren und zu untersuchen, ob diese Ablehnung auf fundierten Gründen basiert oder lediglich Stereotypen und Falschannahmen folgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine quantitative und qualitative Analyse von 370 Beiträgen aus Online-Foren, die auf Basis von Kategorisierung und Sektorenanalyse ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Plurizentrik, die methodische Einbettung sowie eine detaillierte Analyse der genannten „nervigen Wörter“ und der zugrunde liegenden Argumentationsmuster.
Welche Schlagworte charakterisieren diese wissenschaftliche Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind österreichisches Deutsch, plurizentrische Sprachbetrachtung, Identität, Diskursanalyse und Sprachreflexion.
Warum werden bestimmte Wörter im Online-Forum als "nervig" empfunden?
Oft handelt es sich um eine emotionale Abgrenzung, wobei die Kommentierenden bundesdeutsche Begriffe als Störung ihres Sprachgefühls oder als Bedrohung der eigenen österreichischen Identität wahrnehmen.
Welche Beobachtung lässt sich bei der jüngeren Generation in den Kommentaren festmachen?
Die Analyse zeigt, dass eine jüngere Generation durch soziale Medien verstärkt den bundesdeutschen Akzent oder Wortschatz übernimmt, was innerhalb der Online-Community kritisch als Verlust österreichischer Sprachmerkmale diskutiert wird.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für den Bereich Sprachunterricht?
Der Autor argumentiert, dass eine stärkere Vermittlung des Konzepts der Plurizentrik im Deutschunterricht helfen kann, sprachliche Unsicherheiten abzubauen und das Bewusstsein für die Vielfalt der deutschen Sprache zu erhöhen.
- Quote paper
- Nico Türk (Author), 2023, Einstellung von Österreichern zu bundesdeutschen Standardvarietäten anhand von Foreneinträgen im Medium "derStandard" im Jänner 2023, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1352519