Um Dostojewski zu analysieren, bedarf es für Bachtin eines gänzlich neuen analytischen Instrumentariums, das seinerseits nur dann fruchtet, wenn es auf den polyphonen und nicht den homophonen Roman angewendet wird. Ein solches Instrumentarium versucht Bachtin darzubieten.
Laut Bachtin haben Kritiker und Forscher seiner Zeit die Besonderheit der polyphonen Romanstruktur Dostojewskis nicht erkannt. Sie untersuchten seine Werke vielmehr aus monologischer Perspektive und setzten den Akzent auf die im Werk dargestellten Themen, Ideen und Gestalten, anstatt die Wirkung dieser erzählten Welt auf das Bewusstsein der Figur selbst wiederzugeben.
Dostojewskis Werke wurden stattdessen fälschlich als philosophische Monologe verstanden, in denen eine monologische, sich im Horizont eines einzigen Autorbewusstseins bewegende Welt vorherrscht. Den Hauptunterschied zwischen diesen beiden Romantypen sieht Bachtin darin, dass im monologischen Roman die Auffassungen und Urteile des Autors über alle übrigen dominieren und ein kompaktes, nicht zweideutiges Ganzes ergeben müssen. Die Protagonisten des polyphonen Romans hingegen vertreten unvereinbare Standpunkte, deren Konkurrenz nicht durch eine übergeordnete Autorinstanz entschieden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Literaraturhistorische Einordnung Bachtins
1.2 Polyphoner / homophoner Roman
1.3 Dialogizität / Monologizität
1.4 These und Methodik / Problematik
2. Kommunikation der Instanzen
2.1 Verhältnis: Erzähler-Raskol'nikow
2.2 Der monologische Dialog: Marmeladov – Raskol'nikow
2.3 Der dialogische Monolog: Raskol'nikow – Familie
2.4 Zeitlich-räumliche Manipulation des Autors
2.5 Der dialogische Monolog: Raskol'nikow – Sonja
3. Funktion von Ende und Nachwort
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These Michail Bachtins vom polyphonen Roman am Beispiel von Dostojewskis "Schuld und Sühne". Ziel ist es, nachzuweisen, dass trotz Bachtins Theorie einer "allgegenwärtigen Dialogizität" in den analysierten Dialogen und Monologen eine monologische Struktur dominiert, die durch den Autor und dessen religiöse Botschaft im Nachwort forciert wird.
- Kritische Auseinandersetzung mit Bachtins Romantheorie (Polyphonie vs. Monologie).
- Analyse der narratologischen Kommunikation zwischen Erzähler und Figuren.
- Untersuchung der monologischen Tendenz in Raskol'nikows internen Bewusstseinsprozessen.
- Dekonstruktion des Nachworts als Instanz, die dialogische Offenheit zugunsten einer religiösen Deutung eliminiert.
Auszug aus dem Buch
1.1 Literaraturhistorische Einordnung Bachtins
„Достоевский — творец полифонического романа“ (Bachtin 1963: 4). Diese These äußert Michail Bachtin direkt zu Beginn seines Werks Problemy poetiki Dostojewskogo. Als Adjektivattribut zu Roman wird die Polyphonie somit in den Status des Hauptcharakteristikums eines, laut Bachtin, gänzlich anderen Romantyps erhoben.
Die Forderung nach einer Neuorientierung in der Dostojewski-Forschung sah Bachtin in der bestehenden Dostojewski-Rezeption. Ende der 20-er Jahre galt er als „einer der schärfsten Angreifer des russischen Formalismus“ (May/Rudtke 2008: 58). Während die Formalisten literarische Kunst als eine bloße „Anordnung des sprachlichen Substrats“ (Martínez / Scheffel 2010: 108) auffassten, deren „Forschungsgegenstand allein spezifische literarische Verfahren“ (ebd.: 108) umfasst, betont Bachtin, dass die Kunst alle Werte — „moralische, kognitive, emotionale, weltanschauliche“ (ebd.: 109) — in eine wechselseitige Beziehung zueinander setzt und aufeinander bezieht. Eben dieses In-Beziehung-Setzen verschiedener Wertungshaltungen soll Dostojewski perfektioniert haben. Daraus entstanden ist eine „множественность самостоятельных и неслиянных голосов и сознаний“ (Bachtin 1963: 3), die Grundlage des polyphonen Romans. Dieser soll durch und durch dialogisch sein. („весь сплошь диалогичен“ (ebd.: 24)). Eine solche großzügige Begriffsbestimmung von Polyphonie und Dialogizität ist allerdings, laut einigen Forschern, „für konkrete linguistische Analysen nicht besonders sinnvoll zu verwenden, da er zu viele und zu heterogene Phänomene einschließt“ (Imo 2016: 341).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Polyphonie nach Bachtin und kritische Hinterfragung seiner These im Kontext der Dostojewski-Forschung.
2. Kommunikation der Instanzen: Analyse der Interaktionsformen zwischen Erzähler, Raskol'nikow und weiteren Figuren in Bezug auf (Mono-)Dialogizität.
3. Funktion von Ende und Nachwort: Untersuchung, wie das Nachwort als religiöse Instanz die im Roman aufgeworfene Dialogizität zugunsten einer autoritären Botschaft auflöst.
4. Fazit und Ausblick: Zusammenführung der Ergebnisse und Widerlegung der Annahme, dass Schuld und Sühne durch und durch dialogisch konstituiert ist.
Schlüsselwörter
Bachtin, Dostojewski, polyphoner Roman, Dialogizität, Monologizität, Schuld und Sühne, Raskol'nikow, Erzähltheorie, Autorintention, Narratologie, Metalinguistik, Textinterferenz, religiöse Transformation, literarische Analyse, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch Michail Bachtins Theorie über den „polyphonen Roman“ anhand von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und legt dar, dass der Roman entgegen Bachtins These fundamental monologische Strukturen aufweist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Autorstimme und Figurenhorizont, die Dialogstrukturen zwischen den Charakteren sowie die Rolle des erzählerischen Nachworts.
Was ist das primäre Ziel oder die Kern-Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit hinterfragt, ob Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ gerechtfertigt als polyphon bezeichnet wird oder ob er durch monologische Autorintentionen geprägt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt primär das „Close-Reading“ narratologischer Textpassagen in Verbindung mit Begriffen wie „Textinterferenz“ nach Wolf Schmid, um dialogische oder monologische Tendenzen nachzuweisen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil steht die Kommunikation zwischen Erzähler und Raskol'nikow, die Dialoge mit Marmeladov und Sonja sowie die Rolle der Zeit-Raum-Manipulation des Autors im Vordergrund.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Polyphonie, Dialogizität, Autorintention, Monologizität, Raskol'nikow, Erzähler, Textinterferenz.
Wie beeinflusst das Nachwort von „Schuld und Sühne“ die Deutung des Romans?
Das Nachwort fungiert laut Arbeit als eine Instanz, welche die zuvor angelegte „innere Dialogizität“ Raskol'nikows eliminiert, indem sie den Protagonisten in ein religiöses, widerspruchsloses Weltbild überführt.
Warum wird Marmeladow im Kontext der Analyse als „Hülse“ bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass Marmeladow vom Erzähler instrumentalisiert wird, um den Mord moralisch „vertretbar“ zu umrahmen und Raskol'nikows späteren Handlungsverlauf vorzubereiten.
- Citar trabajo
- Alexander Dorbert (Autor), 2022, Grenzen des Dialogischen in Dostojewskis "Schuld und Sühne". Eine Auseinandersetzung mit Michail Bachtins Romantheorie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1354865