Die Relevanz der Shoa für die Erziehung definierte Theodor W. Adorno in seiner Rundfunk-rede »Erziehung nach Auschwitz« (1966) auf folgende Weise: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. (…) Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.“ Eine »Erziehung nach Auschwitz« ist bis heute richtungsweisend für die Bildung und meint gewiss nicht „Aneignung von Wissen über Auschwitz“. Adorno verstand darunter vielmehr eine „Erziehung zur Mündigkeit“. Deshalb ist gerade die Institution Schule dazu angehalten, einen entscheidenden Beitrag zu Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit zu leisten.
Für die Herangehensweise an die Thematik existieren vielfältige didaktische Methoden in unterschiedlichen Schulfächern. Eine ist die der Projektarbeit. Auf der Grundlage des im Sommer 2008 durchgeführten Projekts, »Erinnerung – Ein Denk-Mal entsteht«, wird sich in dieser Arbeit der Methode des Projektunterrichts als Realisierung der politischen Urteilsbildung im Politikunterricht gewidmet werden.
Dabei erfolgt zunächst die Definition des Begriffs der politischen Urteilsbildung. Es wird nachzufragen sein, was unter einem politischen Urteil zu verstehen ist und inwieweit es von anderen Urteilen differenziert werden kann. Im Anschluss daran sollen die Kategorien des politischen Urteils erläutert und schließlich die Bedeutung der politischen Urteilsbildung für den Politikunterricht in den Fokus der Betrachtung genommen werden. In Kapitel 3 erfolgt eine Beschreibung des Projekts, »Erinnerung – Ein Denk-Mal entsteht«. Dabei werden zunächst methodisch-didaktische Vorüberlegungen angestellt. In diesen wird sich der Problematisierung der Shoa im Politikunterricht gewidmet. Daran schließt sich die Planung und Vorgehensweise der Projektphasen an. Die Analyse des Unterrichtsgegenstands sowie die Auswahl bzw. Begründung der Lernziele und Methoden wird direkt anknüpfen. Der tatsächliche Projektablauf, der in tabellarischer Form dargestellt ist, bildet den Abschluss der Ausführungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Zu Thema und Aufgabenstellung der Arbeit
2. Theoretische Vorbetrachtung zur politischen Urteilsbildung
2.1 Was ist unter einem politischen Urteil zu verstehen?
2.2 Kategorien der politischen Urteilsbildung
2.3 Relevanz der politischen Urteilsbildung für den Politikunterricht
3. »Erinnerung - Ein Denk-Mal entsteht«. Projektarbeit zur Thematik der Shoa
3.1 Methodisch-didaktische Vorüberlegungen
3.1.1 Problematisierung des Gegenstands – Die Shoa im Politikunterricht
3.1.2 Die Vorgehensweise in den einzelnen Projektphasen
3.1.3 Die Analyse des Unterrichtsgegenstands
3.1.2.1 Die Shoa
3.1.2.2 Das Erinnern und Gedenken
3.1.4 Die Auswahl und Begründung der Lernziele
3.1.5 Die Methoden- und Medienauswahl
3.1.5.1 Der Projektunterricht
3.1.5.2 Assoziativer Bildeinstieg
3.1.5.3. Lernen am historischen Ort – Der Gedenkstättenbesuch
3.2 Praktische Umsetzung - Ablauf der Projektwoche
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Eignung des Projektunterrichts als Methode zur Förderung der politischen Urteilsbildung bei Schülern am Beispiel des Projekts »Erinnerung – Ein Denk-Mal entsteht« zur Thematik der Shoa. Das primäre Ziel ist es, den Beitrag des Politikunterrichts zur Aufklärungsarbeit zu legitimieren und aufzuzeigen, wie Jugendliche durch handlungsorientierte Ansätze zu reflektierten Urteilen befähigt werden.
- Grundlagen der politischen Urteilsbildung
- Methodik des Projektunterrichts im Politikunterricht
- Die Shoa als Unterrichtsgegenstand
- Lernen an historischen Orten (Gedenkstättenpädagogik)
- Assoziativer Bildeinstieg als pädagogisches Instrument
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1 Die Shoa
Der Begriff Shoa wird meist synonym für Holocaust verwendet. Doch schon deren Übersetzungen beweisen, dass diese nicht auf denselben Sachverhalt referieren. Der Terminus Holocaust wurde von dem hebräischen Wort olá abgeleitet, dessen Bedeutung emporsteigend ist und als Bezeichnung für Tieropfer verwendet wurde, die gänzlich verbrannt und nicht gegessen wurden. In der griechischen Übersetzung der Tora wurde für dieses Wort holocauston vollständig verbrannt, gebraucht. Das holocauston war Ausdruck der höchsten Zuneigung zu Gott. Der Begriff wurde schließlich für die Massenvernichtung von Menschen in der NS-Diktatur verwendet. Er wird jedoch völlig falsch gebraucht, da die Opfer beleidigt und die Täter verherrlicht werden. Daher erscheint der Begriff Shoa, so der Tenor von Politik- und Geschichtswissenschaft, für den Genozid an den europäischen Juden zutreffender. Denn Shoa wurde in der Übersetzung der lateinischen Bibel mit Totalvernichtung und –Verwüstung übersetzt. Interdisziplinär umfasst der Terminus Shoa heute „den gewaltsamen Tod, die Ermordung und Vernichtung des europäischen Judentums.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zu Thema und Aufgabenstellung der Arbeit: Einführung in die Relevanz der Erinnerungsarbeit nach Adornos "Erziehung nach Auschwitz" und Vorstellung des Projektansatzes.
2. Theoretische Vorbetrachtung zur politischen Urteilsbildung: Definition des politischen Urteils und Erläuterung der sechs Kategorien, die dessen Qualität und Komplexität bestimmen.
3. »Erinnerung - Ein Denk-Mal entsteht«. Projektarbeit zur Thematik der Shoa: Detaillierte Darstellung der methodisch-didaktischen Vorüberlegungen, der Projektphasen und der praktischen Umsetzung des konkreten Schulprojekts.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Eignung des Projektunterrichts für die politische Urteilsbildung und die Sensibilisierung Jugendlicher für die Shoa.
Schlüsselwörter
Politische Urteilsbildung, Projektunterricht, Shoa, Gedenkstättenpädagogik, Erinnerungskultur, Buchenwald, Handlungsorientierung, Politikunterricht, Urteilskompetenz, historisches Lernen, politisches Lernen, Didaktik, Nationalsozialismus, Selbstreflexion, Erinnern und Gedenken
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Potenzial des Projektunterrichts im Politikunterricht, um Schülern die Fähigkeit zur politischen Urteilsbildung zu vermitteln, insbesondere am schwierigen Beispiel der Thematik Shoa.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die theoretischen Grundlagen der Urteilsbildung, die didaktische Aufarbeitung der Shoa sowie die praktische Anwendung von Methoden wie Projektunterricht, Gedenkstättenbesuche und Bildarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Jugendliche durch einen strukturierten, handlungsorientierten Prozess – vom ersten Bildeinstieg bis zur Gestaltung eines eigenen Denkmals – von einer rein subjektiven Wahrnehmung zu einer fundierten politischen Urteilskompetenz gelangen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte theoretische Literaturanalyse zu den Themen politische Urteilsbildung und Projektpädagogik, die sie an einem konkreten Fallbeispiel – einem Schulprojekt aus dem Jahr 2008 – exemplifiziert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Urteilsbildung und eine detaillierte projektpädagogische Konzeption, inklusive der Problematisierung des Gegenstandes und der Begründung gewählter Medien und Orte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind politische Urteilsbildung, Projektunterricht, Shoa, Erinnerungskultur, Buchenwald, Urteilskompetenz und Handlungsorientierung.
Warum wird der Begriff "Shoa" dem Begriff "Holocaust" vorgezogen?
Die Arbeit argumentiert, dass "Holocaust" etymologisch ein "Brandopfer für Gott" bezeichnet, was im Kontext der NS-Verbrechen unangemessen ist, während "Shoa" im interdisziplinären Diskurs treffender die systematische Vernichtung und Verwüstung beschreibt.
Welche Rolle spielt die Gedenkstätte Buchenwald im Projekt?
Die Gedenkstätte fungiert als authentischer Lernort, der durch den direkten Kontakt mit dem Gelände und dessen Geschichte die emotionale und kognitive Auseinandersetzung der Schüler maßgeblich vertieft und den geschichtlichen Stoff in ihre Lebenswelt adaptiert.
Warum ist das Memory-Spiel zum Einstieg gewählt worden?
Es diente dazu, die Schüler an die eigene Biografie und die persönliche Bedeutung von Erinnern und Vergessen heranzuführen, um von dort aus eine Brücke zu den negativen Erinnerungen und der Notwendigkeit des Gedenkens zu schlagen.
- Citar trabajo
- Jennifer Koch (Autor), 2009, »Erinnerung – Ein Denk Mal entsteht« , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135907