Seitdem man 1910 in dem Münsterschen Fragment Z1 die Melodie zu Walthers Palästinalied überliefert gefunden hat, wurde diese Melodie mit anderen Melodien des Mittelalters in Verbindung gebracht. In dieser Arbeit möchte ich die beiden Lieder, die durch die Kontrafakturdiskussion rund um das "Palästinalied" vernetzt worden sind, vergleichen und den Gedanken der Kontrafaktur in Frage stellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Kontrafaktur und Walthers von der Vogelweide Palästinalied
2. Zum Kontrafakturbegriff
3. Die marianische Antiphon Ave regina caelorum, mater regis
4. Maria, moder unde maget reyne aus der Bordesholmer Marienklage
5. Vergleich
6. Bibliographie
7. Melodieanhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die musikalischen und textlichen Verflechtungen zwischen dem Palästinalied Walthers von der Vogelweide und zwei marianischen Gesängen, um zu prüfen, ob es sich bei diesen Zusammenhängen tatsächlich um eine bewusste Kontrafaktur handelt oder ob andere Entstehungsweisen vorliegen.
- Analyse des Kontrafakturbegriffs in der Musikwissenschaft
- Untersuchung der marianischen Antiphon "Ave regina caelorum, mater regis"
- Betrachtung von "Maria, moder unde maget reyne" aus der Bordesholmer Marienklage
- Vergleichende Untersuchung der Melodieführung und Textstruktur
- Kritische Überprüfung der Intertextualität und Melodiewahl
Auszug aus dem Buch
2. Zum Kontrafakturbegriff
Thus, although there are certainly examples of true contrafacture to be found, it is wise to be very careful about claiming that a given melody is a contrafactum because it is similar to another melody. Unless the similarity is close, complete and consistent, the two melodies may simply share several commonly-used melodic components.
Allgemein spricht man von einer Kontrafaktur, wenn ein neuer Liedtext zu einer bereits vorhandenen Melodie verfasst wird. Der Begriff „Kontrafaktur“ tritt zuerst in der 2. Hälfte 15. Jh. auf, wo er im Sinne der Umtextierung vom Weltlichen ins Geistliche gebraucht wird. Besonders oft wurden weltliche Melodien mit geistlichem Text unterlegt, zumal in der Zeit der Reformation, um die Melodien zu sakralisieren und durch die Lieddichtung eine Wende aus dem Weltlichen ins Geistliche herbeizuführen.
Im musikalischen Fall bedeutet Kontrafaktur dann die Unterlegung eines neuen Textes unter einer mehrstimmigen Vokalkomposition oder die Nachdichtung (Paraphrase, freie Nachbildung) oder Umdichtung eines Liedtextes zu einer unverändert übernommenen Liedweise, im literaturwissenschaftlichen Bereich die ernste Nachdichtung einer literarischen Vorlage unter völliger oder weitgehender Wahrung des Inhalts und der poetischen Form. Die Unterscheidung von regulärer und irregulärer Kontrafaktur (entsprechend der Wahrung oder Änderung von Silbenzahl, Versmaß und Strophenform des ursprünglichen Textes) ist von untergeordneter Bedeutung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kontrafaktur und Walthers von der Vogelweide Palästinalied: Einführung in die Forschungsgeschichte und die Diskussion um die vermeintliche Kontrafaktur des Palästinaliedes.
2. Zum Kontrafakturbegriff: Definition und musikgeschichtliche Einordnung des Begriffs der Kontrafaktur sowie deren verschiedene Ausprägungen.
3. Die marianische Antiphon Ave regina caelorum, mater regis: Analyse der Ursprünge und der liturgischen Verwendung dieser marianischen Antiphon.
4. Maria, moder unde maget reyne aus der Bordesholmer Marienklage: Vorstellung der Bordesholmer Marienklage und eine textliche sowie inhaltliche Analyse des Liedes.
5. Vergleich: Zusammenführender Vergleich der betrachteten Stücke unter Berücksichtigung musikalischer und inhaltlicher Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede.
6. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Literatur und Quellen.
7. Melodieanhang: Zusammenstellung der musikalischen Belege und Transkriptionen zur Ergänzung der Untersuchung.
Schlüsselwörter
Kontrafaktur, Palästinalied, Walther von der Vogelweide, Bordesholmer Marienklage, Ave regina caelorum, marianische Antiphon, Musikwissenschaft, Melodieanalyse, Intertextualität, Mittelalter, geistliches Lied, geistliche Dichtung, Umtextierung, Liturgie, Vokalmusik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob das bekannte Palästinalied von Walther von der Vogelweide in einem direkten Kontrafakturverhältnis zu zwei geistlichen marianischen Gesangstexten steht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die kontrafaktische Praxis im Mittelalter, die musikalische Analyse von Liedmelodien und die literarische Untersuchung geistlicher und weltlicher Liedtexte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung der These, dass eine bloße Ähnlichkeit der Melodien zwangsläufig auf eine bewusste Kontrafaktur schließen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die vergleichende Musik- und Liedanalyse, abgestützt auf musikwissenschaftliche Fachliteratur und historische Quellenstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Kontrafakturbegriff, beleuchtet die Geschichte der behandelten marianischen Antiphonen und führt einen detaillierten Vergleich der Melodien und Textstrukturen durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Kontrafaktur, Palästinalied, marianische Antiphon, sowie die literarische und musikalische Intertextualität des Mittelalters.
Welche Rolle spielt die Bordesholmer Marienklage?
Sie dient als Vergleichsobjekt für das Lied "Maria, moder unde maget reyne", um dessen Beziehung zu den anderen untersuchten Stücken zu prüfen.
Zu welchem Ergebnis kommt der Autor bezüglich der "Intertextualität"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass von einer bewussten Intentionalität der Dichter bezüglich der Melodiewahl nicht die Rede sein kann und schlägt eine polygenetische Entstehung vor.
- Arbeit zitieren
- Claudia Gheorghita (Autor:in), 2009, "Ave regina caelorum, mater regis" und "Maria moder unde maget reyne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1359218