Was genau ist denn eigentlich sprachliche Gewalt – wie kann Gewalt durch Sprache ausgeübt werden? Dies gilt es in einem ersten Punkt, mit Hilfe von verschiedenen Perspektiven der Sekundärliteratur zu klären. Im Anschluss daran erscheint es sinnvoll in einem zweiten Punkt generelle sprachliche Gewaltstrategien in nationalsozialistischen Reden aus der Sekundärliteratur herauszuarbeiten, unter anderem im Hinblick auf die Denunzierung von anderen Rassen und verschiedene Formen von sprachlicher Gewalt. Der Fokus der Arbeit wird auf dem letzten Punkt, einer Analyse von sprachlicher Gewalt gegen Juden in ausgewählten Reden Adolf Hitlers (aus dem Zeitraum 1920-1928), liegen. In diesem Teil der Arbeit soll überprüft werden, ob die zuvor herausgearbeiteten sprachlichen Gewaltstrategien des Nationalsozialismus auf die frühen Reden Hitlers anwendbar sind, oder, ob sich Unterschiede feststellen lassen. Hierbei wird deutlich, dass sprachliche Gewalt gegen Juden für Hitler eine Strategie der Überzeugung der Massen konstituiert – mit der Aufgabe auf die kommende physische Gewalt gegen die Juden vorzubereiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist sprachliche Gewalt?
3. Generelle sprachliche Gewaltstrategien in nationalsozialistischen Reden
3.1 Denunzierung von anderen Rassen und Völkern
3.2 Formen sprachlicher Gewalt
4. Sprachliche Gewalt gegen Juden in ausgewählten Reden Adolf Hitlers
4.1 Krankheitsmetaphorik
4.2 Dehumanisierung
4.3 Entindividualisierung
4.4 Stereotypisierung
4.5 Inklusion und Exklusion
4.6 Beleidigung und Verleumdung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Adolf Hitler in seinen frühen Reden (1920–1928) gezielt sprachliche Gewalt als Instrument einsetzte, um antisemitische Ressentiments zu schüren und die Massen auf eine spätere physische Gewalt gegen Juden vorzubereiten. Dabei wird analysiert, inwieweit allgemeine sprachliche Gewaltstrategien des Nationalsozialismus in diesen spezifischen Quellen Anwendung fanden.
- Analyse der theoretischen Grundlagen sprachlicher Gewalt und Sprechakttheorien
- Untersuchung von nationalsozialistischen Gewaltstrategien (u.a. Denunzierung, Feindbildkonstruktion)
- Dehumanisierung und Stigmatisierung von Juden durch Krankheits- und Tiermetaphorik
- Strategien der Entindividualisierung und kollektiven Ausgrenzung
- Darstellung von Inklusions- und Exklusionsmechanismen sowie Injurien als performative Sprechakte
Auszug aus dem Buch
4.1 Krankheitsmetaphorik
Einige der oben genannten Formen sprachlicher Gewalt in nationalsozialistischen Reden finden sich auch in den frühen Reden Hitlers wieder. Fast alle Formen, egal ob Beleidigungen, Krankheitsmetaphorik oder Verleumdung, sind alle zum Teil Formen der Diskriminierung von Juden. Besonders auffällig sind hier die in fast allen ausgewählten Reden vorkommenden Krankheitsmetaphern und -vergleiche. So bezeichnet Hitler das Judentum explizit als „Krankheit“ und als „Rassentuberkulose“ sowie den Juden als „Erreger“, „Bazillus“ und „Erreger der Rassentuberkulose“ (Hitler 07.08.1920: 176). Mit Hilfe von Metaphern wird der Jude respektive das Judentum mit dem jeweiligen Krankheitsbegriff gleichgesetzt, was einer schwerwiegenden Beleidigung des Judentums und der Juden entspricht:
[...] ob unser Volk vor allem wieder innerlich gesundet, ob der jüdische Geist auch wirklich verschwindet. Denn denken Sie nicht, daß Sie eine Krankheit bekämpfen können, ohne nicht den Erreger zu töten, ohne den Bazillus zu vernichten, und denken Sie nicht, daß Sie die Rassentuberkulose bekämpfen können, ohne zu sorgen, daß das Volk frei wird von dem Erreger der Rassentuberkulose. Das Wirken des Judentums wird niemals vergehen, und die Vergiftung des Volkes nicht enden, solange nicht der Erreger, der Jude, aus unserer Mitte entfernt ist. (Hitler 07.08.1920: 176-177)
Alle hier verwendeten Metaphern sind dem Spenderfeld der Krankheiten entliehen und besitzen folglich auch die negativ besetzte Konnotation von Krankheiten – Krankheiten schwächen, der Mensch will sie so schnell wie möglich wieder loswerden und macht von jeglichen Möglichkeiten der Prävention Gebrauch. Hitler spricht von einer „Vergiftung des Volkes“ (Hitler 07.08.1920: 176-177) und um in dem Feld der Medizin zu bleiben, spricht Hitler von dem Ziel, dass das Volk „wieder innerlich gesundet“ (Hitler 07.08.1920: 176). Mehr oder weniger explizit wird das Publikum zu einer Handlung gegen die Juden aufgefordert, was sich in den Verbformen „bekämpfen“, „töten“, „vernichten“, „entfernt“ (Hitler 07.08.1920: 176-177) zeigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die sprachliche Gewalt in frühen Reden Adolf Hitlers als Mittel zur Vorbereitung auf physische Gewalt zu analysieren.
2. Was ist sprachliche Gewalt?: Dieses Kapitel beleuchtet theoretische Konzepte von Gewalt, insbesondere die Unterscheidung zwischen physischer und struktureller Gewalt sowie die verletzende Kraft von Sprache.
3. Generelle sprachliche Gewaltstrategien in nationalsozialistischen Reden: Hier werden rhetorische Mechanismen wie die Denunzierung ganzer Bevölkerungsgruppen und der Einsatz unterschiedlicher Sprachstile zur Konstruktion von Feindbildern untersucht.
4. Sprachliche Gewalt gegen Juden in ausgewählten Reden Adolf Hitlers: Das Hauptkapitel analysiert die spezifischen rhetorischen Mittel der Diskriminierung, darunter Tier- und Krankheitsvergleiche, Entindividualisierung und explizite Verleumdungen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Hitlers frühe Reden bereits die vollen Dimensionen nationalsozialistischer Hetzsprache enthielten und dass sprachliche Diskriminierung zur systematischen Entmenschlichung der Opfer genutzt wurde.
Schlüsselwörter
Sprachliche Gewalt, Nationalsozialismus, Adolf Hitler, Antisemitismus, Krankheitsmetaphorik, Dehumanisierung, Entindividualisierung, Stereotype, Diskriminierung, Propaganda, Sprechakttheorie, Hetze, Ausgrenzung, Rhetorik, Feindbildkonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Untersuchung befasst sich mit der Analyse sprachlicher Gewalt in frühen Reden Adolf Hitlers aus dem Zeitraum 1920 bis 1928 und deren Funktion als Instrument nationalsozialistischer Propaganda.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Im Fokus stehen rhetorische Strategien wie Krankheits- und Tiermetaphorik, Ausgrenzungsmechanismen (Inklusion/Exklusion) sowie die systematische Entindividualisierung von Juden in politischen Reden.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die allgemeinen sprachlichen Gewaltstrategien des Nationalsozialismus in den frühen Reden Hitlers bereits vollständig ausgebildet waren und wie diese zur Vorbereitung physischer Gewalt dienten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine philologische Analyse unter Heranziehung von Sprechakttheorien (Austin/Searle) und diskursanalytischen Ansätzen durchgeführt, um die Wirkung der Rhetorik auf das Publikum zu deuten.
Welche Aspekte werden im Hauptteil vertieft betrachtet?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spezifischer Ausprägungen von Gewalt, darunter die Verwendung von metaphernhaften Vergleichen, die diskursive Entmenschlichung sowie Beleidigungs- und Verleumdungsstrategien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind neben „sprachlicher Gewalt“ vor allem „Dehumanisierung“, „Antisemitismus“, „Propaganda“ sowie „rhetorische Macht“, welche die untersuchten Phänomene prägnant erfassen.
Wie definiert Hitler laut der Analyse das „Judentum“ in seinen frühen Reden?
Hitler konstruiert das Judentum als kollektives, bedrohliches Feindbild, das er bewusst von allen individuellen menschlichen Zügen befreit und als „Fremdkörper“ oder „Krankheit“ kennzeichnet.
Welches überraschende Ergebnis wird im Fazit hervorgehoben?
Überraschend ist, dass entgegen früherer Annahmen nur wenige Euphemismen für die Vernichtung verwendet wurden; Hitler äußerte sich in seinen frühen Reden stattdessen oft erschreckend explizit durch Begriffe wie „töten“ oder „vernichten“.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2010, Sprachliche Gewalt gegen Juden in Reden Adolf Hitlers als Strategie der Beeinflussung der Massen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1360150