Das zentrale Forschungsinteresse der Arbeit stellt die Frage dar, inwiefern heteronormative Geschlechtervorstellungen in Schulen über einen sogenannten 'heimlichen Lehrplan' vermittelt werden. Um der Frage nachzugehen, bildet die vorliegende Arbeit zunächst den theoretischen Rahmen der Geschlechterforschung ab. Genauer eingegangen wird neben der Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit auch auf Geschlechter außerhalb der binären Matrix. Unter gendertheoretischer Perspektive wird darüber hinaus die Einteilung des Geschlechts in 'sex' und 'gender' erklärt, um anschließend zwei Zugänge zur Zweigeschlechtlichkeit zu nennen. Zum einen den Prozess des 'doing gender‘ und zum anderen das Konzept der 'heterosexuellen Matrix‘. Daraufhin wird ausführlich auf den Begriff der heteronormativen Geschlechterordnung eingegangen und dabei auch die Auswirkungen auf Gesellschaft und Institutionen, mit dem Fokus auf Schule, beleuchtet.
Anschließend wird in einem weiteren Theorieteil der sogenannte 'heimliche Lehrplan‘ zunächst allgemein und anschließend in Bezug auf die Vermittlung der heteronormativen Ordnung erläutert. Es geht darum, welche sozialen Regeln, Normen, Werte und Einstellungen unbewusst in Schulen vermittelt werden. Bezogen auf die Kategorie Geschlecht wird beleuchtet, inwiefern über den heimlichen Lehrplan Heteronormativität unbewusst vermittelt wird und anhand welcher Mechanismen sich dies zeigt. Im Gegenzug werden auch die rechtliche Lage und der offizielle Auftrag von Schulen bezüglich des Umgangs mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt thematisiert.
Im darauffolgenden Kapitel wird sich mit der zentralen Forschungsfrage auseinandergesetzt, indem mittels verschiedener Studien geschaut wird, inwiefern heteronormative Geschlechtervorstellungen in der Schule vermittelt werden. Dabei werden fünf Faktoren in den Fokus gerückt, nämlich die Institution Schule sowie Lehrkräfte, Schüler*innen, Lehrmittel/ Unterrichtsinhalte und die Gesellschaft. In diesem Zusammenhang wird der Umgang mit sexueller und geschlecht-licher Vielfalt in Schulen betrachtet. Es wird außerdem beleuchtet, inwieweit die Vermittlung von heteronormativen Geschlechtervorstellung die psychosoziale Entwicklung von LSBTIQ*-Personen im schulischen Umfeld beeinflusst und wie die vorherrschende Norm der Zweigeschlechtlichkeit einen doing-gender Prozess sowohl bei den Schüler*innen als auch seitens der Lehrkräfte herbeiführt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Rahmen: Geschlechterforschung
2.1 Binäre Zweigeschlechtlichkeit als Alltagstheorie
2.2 Geschlecht außerhalb der binären Matrix
2.3 Die sex/gender Unterscheidung
2.3.1 West und Zimmermanns Prozess des ‚doing gender‘
2.3.2 Butlers Konzept der ‚heterosexuellen Matrix‘
2.4 Die heteronormative Geschlechterordnung
2.4.1 Heteronormativitätskritik
3 Theoretischer Rahmen: Schule und Geschlecht
3.1 ‚Ohne Auftrag‘: Der heimliche Lehrplan
3.2 Der heimliche Lehrplan der heteronormativen Ordnung
3.2.1 Mechanismen und Faktoren des heimlichen Lehrplans
3.3 ‚Mit Auftrag‘: Zur rechtlichen Lage
3.4 Mögliche Folgen (Geschlechter)reflektierender Bildungsarbeit
4 Heteronormativität in der Schule
4.1 Die Rolle der Schule
4.2 Die Rolle der Lehrkraft
4.2.1 Drei Typologien sozialer Deutungsmuster von Lehrkräften
4.3 Die Rolle der Schüler*innen
4.4 Die Rolle der Lehrmittel und Unterrichtsinhalte
4.5 Die Rolle der Gesellschaft
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aufzuzeigen, inwiefern Heteronormativität und die gesellschaftliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit in Schulen durch den sogenannten "heimlichen Lehrplan" vermittelt und reproduziert werden, um die Auswirkungen auf die psycho-soziale Entwicklung von LSBTIQ*-Personen im schulischen Umfeld zu beleuchten.
- Analyse der Rolle der Institution Schule, Lehrkräfte und Schülerschaft
- Untersuchung des Einflusses von Lehrmitteln auf die Geschlechterrollen
- Betrachtung gesellschaftlicher Einflussfaktoren auf die schulische Heteronormativität
- Evaluation der Bedeutung der Heteronormativitätskritik in pädagogischen Kontexten
- Beurteilung der Diskrepanz zwischen offiziellen Bildungsaufträgen und der Unterrichtsrealität
Auszug aus dem Buch
3.1 ‚Ohne Auftrag‘: Der heimliche Lehrplan
Im Gegensatz zum offiziellen Lehrplan, der Angaben über Bildungs- und Erziehungsziele des Unterrichts enthält, bezeichnet der heimliche Lehrplan nichtbeabsichtigte Folgen der Schule, die sich meist unbemerkt auf Schüler*innen auswirken (Valtin 1996, 3). Bereits 1925 hat der Pädagoge Siegfried Bernfeld darauf aufmerksam gemacht, dass Schule neben den bekannten Lerninhalten über bestimmte Organisationsformen, Strukturen und Regeln Schüler*innen erzieht und für Verhaltenskonformität sorgt (Siebert 1996, 252). Erstmals explizit benannt wurde der heimliche Lehrplan 1968 im Englischen von Philip Jackson. Er bezeichnete mit dem ‚hidden curriculum‘ einen „Grundkurs der sozialen Regeln, Regelungen und Routinen“ (Jackson 1975, 36). Zinnecker schließlich etablierte 1975 den Begriff des ‚heimlichen Lehrplans‘ im deutschsprachigen Raum. Implizit lässt sich die Idee des heimlichen Lehrplans auch in verschiedenen weiteren Werken wiederfinden, ohne dass er dort als solcher benannt wird. So stellt auch der Soziologe Robert Dreeben fest, dass die schulische Ausbildung dazu beitrage, dass Schüler*innen gewisse soziale Normen lernen und akzeptieren müssen (Dreeben 1980, 89). Er ist der Annahme, dass Schule mehr vermittle, als die reine fachliche Qualifikation und stellt einen Unterschied heraus zwischen offiziell pädagogisch vermittelten Lehrinhalten und solchen, die nicht pädagogisch vermittelt werden können und vielmehr inoffiziell im sozialen Umgang miteinander vermittelt würden (Dreeben 1980, 44, 62f.).
Döring greift die Bezeichnung des heimlichen Lehrplans auf, indem er von „zwei Arten von schulischen Lehr-/Lernzielen und Lehr-/Lerninhalten“ (Döring 1992, 305, H.i.O.) spricht. Der von ihm als heimlich-informell bezeichnete Lehrplan beinhalte die Bereiche des sozialen Lernens, soziale Verhaltensweisen sowie sozial-emotionale Wert- und Normenvorstellungen (Döring 1992, 306). Unterschieden wird zwischen drei Ebenen, auf denen sich der heimliche Lehrplan vollziehe.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Forschungsinteresse ein, die Vermittlung von Heteronormativität durch einen "heimlichen Lehrplan" in Schulen zu untersuchen.
2 Theoretischer Rahmen: Geschlechterforschung: Dieses Kapitel klärt grundlegende Konzepte wie "doing gender", die "heterosexuelle Matrix" und Heteronormativität als theoretisches Fundament.
3 Theoretischer Rahmen: Schule und Geschlecht: Es wird das Konzept des "heimlichen Lehrplans" theoretisch erarbeitet und mit der rechtlichen Lage sowie geschlechtersensibler Bildungsarbeit verknüpft.
4 Heteronormativität in der Schule: Das Hauptkapitel analysiert die Rolle von Schule, Lehrkräften, Schülerschaft, Lehrmitteln und Gesellschaft bei der Reproduktion heteronormativer Strukturen.
5 Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert Möglichkeiten zur Überwindung heteronormativer Geschlechtervorstellungen in der Bildungspraxis.
Schlüsselwörter
Heteronormativität, heimlicher Lehrplan, Geschlechterforschung, Schule, doing gender, LSBTIQ*, Zweigeschlechtlichkeit, Geschlechterrollen, Diskriminierung, Bildungsauftrag, Gender Studies, Queer Studies, soziale Konstruktion, schulische Sozialisation, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen, dass Schulen trotz offizieller Bildungspläne zur Gleichstellung heteronormative Geschlechtervorstellungen vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören Geschlechterforschung, Schultheorie, die Rolle von Lehrkräften und Lehrmitteln sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Heteronormativität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie und warum Schulen als Institutionen zur Reproduktion der gesellschaftlichen Norm der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität beitragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung verschiedener Studien zum Thema schulische Sozialisation und Geschlechterbilder basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert fünf Faktoren: die Institution Schule, Lehrkräfte, Schüler*innen, Lehrmittel und den Einfluss der Gesellschaft auf die Vermittlung von Heteronormativität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Heteronormativität, heimlicher Lehrplan, doing gender, LSBTIQ* und die konstruktivistische Geschlechterforschung.
Welche Rolle spielen Lehrkräfte als Deutungsmuster?
Die Arbeit differenziert Lehrkräfte in drei Typologien: Dethematisierung, Fragmentierung und Responsibilisierung, basierend darauf, wie sie mit sexueller Vielfalt im Unterricht umgehen.
Warum ist das "Sichtbarmachen" von LSBTIQ*-Lebensweisen allein nicht ausreichend?
Die Autorin argumentiert, dass eine bloße Sichtbarmachung in Lehrmitteln noch keine erfolgreiche Inklusion bedeutet, solange die heteronormative Grundstruktur und die Bewertung von Vielfalt als "Abweichung" bestehen bleiben.
- Citation du texte
- Alisa Stürmer (Auteur), 2023, "Ohne Auftrag". Zur Vermittlung von heteronormativen Geschlechtervorstellungen in der Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1370729