Der einhundertste Geburtstag war für Leni Riefenstahl kein Grund zur Freude. Ihr Leben nach 1945 war geprägt von Prozessen um ihre Rolle im Nationalsozialismus gleichsam wie der Kampf zwischen ihren Anklägern und ihren Apologeten. Sie selbst fühlte sich immer betrogen um eine würdige Anerkennung ihres Lebenswerkes. In der Tat muss ihr großes filmisches Werk auch der politischen Dimension enthoben werden können, um zu Beginn der Arbeit einen Blick auf ihre außerordentlichen Leistungen zu werfen: Zum einen tragen ihre Filme einen hohen filmhistorischen Wert. Keine Dokumentation über den Nationalsozialismus kommt mehr ohne die Bilder aus einem ihrer größten Werke - Triumph des Willens - aus, kaum ein Film hat unsere Vorstellungen über den Nationalsozialismus mehr geformt. Zum anderen ist es unerlässlich, ihrem Genie als Regisseurin und der Ästhetik ihrer Bildsprache Tribut zu zollen, was beides international stets große Anerkennung genoss. So konstatiert etwa der Amerikaner Amos Vogel, dass Leni Riefenstahl „zweifellos eine der größten Regisseurinnen“ sei. Demensprechend gewaltig ist der Einfluss, den die im Jahre 2003 im hohen Alter von 101 Jahren verstorbene Riefenstahl auf ihre Nachwelt hat. In Vorlesungen an Hochschulen dient sie als Anschauungsmaterial par exellence, ihre Bildsprache dient für Werbung, Videos von Musikgruppen und Fotografien als Vorlage, große Regisseure wie Ridley Scott oder George Lucas rezipieren Riefenstahls revolutionäre Filmtechnik, unzählige Dissertationen und Fachbücher wurden über sie verfasst. Prominente wie Mick Jagger, David Bowie oder Andy Warhol suchten daher noch zu Lebzeiten ihre Nähe. Mit ihrem wohl einzigartigen ästhetischen und künstlerischen Anspruch hat Leni Riefenstahl Filmgeschichte geschrieben, wofür sie 2002 von der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft mit der Ehrenmedaille für ihre „außerordentlichen Verdienste um den deutschen Film“ ausgezeichnet wurde.
In der vorliegenden Arbeit jedoch steht das Verhältnis von Leni Riefenstahl zum Nationalsozialismus im Mittelpunkt, wobei eingangs die Ursachen für ihre Verbindung mit dem Nationalsozialismus untersucht werden, ferner das Schaffen von Riefenstahl im Dritten Reich einer Analyse unterzogen wird und letztendlich Kritik an ihrer Rolle als Propagandaregisseurin geübt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Würdigung ihres Lebenswerkes
2. Motive Riefenstahls für ihre Affinität mit dem Nationalsozialismus
2.1 Persönliche Prägung Riefenstahls
2.2 Anerkennung ihrer Leistungen durch die Nationalsozialisten
2.3 Verhältnisse zu den Machtträgern des Dritten Reiches
3. Analyse von Riefenstahls Schaffen zur Zeit der Nationalsozialisten
3.1 Propaganda im Dritten Reich
3.2 Merkmale der riefenstahlschen Filme
3.3 Nutzen der Filme
4. Kritik ihres vermeintlich unpolitischen Denkens
4.1 innere Widersprüche von Riefenstahls Aussagen und Taten
4.2 Problematik des „unpolitischen Denkens“
5. Abschließende Würdigung
6. Literatur- und Quellenverzeichnis, Bildverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Leni Riefenstahl zum Nationalsozialismus, wobei der Fokus auf den Ursachen ihrer Verbindung mit dem Regime sowie einer kritischen Analyse ihres filmischen Schaffens im Dritten Reich liegt.
- Persönliche Prägung und Motive für die Affinität zum Nationalsozialismus
- Analyse des propagandistischen Gehalts und der filmischen Ästhetik
- Untersuchung der Widersprüche zwischen Riefenstahls Aussagen und ihrem tatsächlichen Handeln
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos des „unpolitischen Denkens“
Auszug aus dem Buch
3.1 Propaganda im Dritten Reich
Rainer Rother definiert in seinem „Sachlexikon Film“ Filmpropaganda wie folgt:
„Ein Film, der in seiner Form wie Story darauf ausgerichtet ist, eine bestimmte politische Aussage (mit unmittelbarem Bezug zur Gegenwart) zu propagieren. [Propagandafilme] werden auf eine bestimmte Wirkung hin inszeniert und geschnitten und stehen in deutlich definierten politischen Zusammenhängen.“46
Diese Beschreibung trifft sicherlich auf Riefenstahls Filme zu, wie später deutlich werden wird. Ihre Filme hatten in der Tat politischen Inhalt und sie dienten einzig der Propagierung der nationalsozialistischen Ideologie, damit zugleich der Festigung des Regimes. Da Riefenstahl in ihren Filmen aber mit Dokumentarmaterial arbeitete, und nicht etwa wie Veit Harlans Jud Süß (1940) als Spielfilm konzipiert war, ist es „in ihrem Fall angemessen, von dokumentarischen Propagandafilm zu sprechen.“47
Im Wesentlichen waren Hitler und Goebbels für die eingesetzte Propaganda im „Dritten Reich“ zuständig. Einig waren sich beide in dem Punkt, dass das Wesen jeder Propaganda darin bestünde, die „Menschen für eine Idee zu gewinnen, so innerlich, so lebendig, daß (sic!) sie am Ende ihr verfallen sind und nicht mehr davon loskommen“.48 Erstaunlicherweise aber unterschieden sich ihre Ansichten bezüglich der Art, wie Propaganda beschaffen sein müsse. Während Goebbels eine indirekte, subliminale Beeinflussung des Menschen favorisierte, forderte Hitler eine offensive Propaganda, die als solche erkennbar sein müsse.49 Hitlers Credo war, dass ein Film entweder Kunst oder Politik sein müsse, beides zusammen sei nicht vereinbar.50
Zusammenfassung der Kapitel
1. Würdigung ihres Lebenswerkes: Einleitende Betrachtung von Riefenstahls filmischem Erbe und ihrer Bedeutung als Regisseurin bei gleichzeitiger Thematisierung der politischen Dimension ihrer Karriere.
2. Motive Riefenstahls für ihre Affinität mit dem Nationalsozialismus: Untersuchung der biografischen Prägung, des Strebens nach Anerkennung und der engen persönlichen Kontakte zu den Machtträgern des NS-Regimes.
3. Analyse von Riefenstahls Schaffen zur Zeit der Nationalsozialisten: Analyse der Propagandawirkung und der ästhetischen Merkmale ihrer wichtigsten Filme wie Triumph des Willens und Olympia.
4. Kritik ihres vermeintlich unpolitischen Denkens: Aufarbeitung der Widersprüche zwischen Riefenstahls Selbstdarstellung als unpolitische Künstlerin und ihren tatsächlich politisch motivierten Handlungen.
5. Abschließende Würdigung: Synthese der Ergebnisse, die Riefenstahls Rolle als zentrale Akteurin der NS-Propaganda verdeutlicht und ihre spätere Vergangenheitsbewältigung kritisch hinterfragt.
Schlüsselwörter
Leni Riefenstahl, Nationalsozialismus, Propaganda, Triumph des Willens, Olympiafilm, Regisseurin, Dritte Reich, Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Filmästhetik, Unpolitisches Denken, Vergangenheitsbewältigung, Antisemitismus, NS-Propaganda, Filmgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle von Leni Riefenstahl im Dritten Reich, insbesondere ihre Verbindung zum nationalsozialistischen Regime und ihr propagandistisches filmisches Wirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die biografischen Motive für Riefenstahls Nähe zum NS-Staat, ihre Beziehungen zur Führungsspitze sowie die kritische Untersuchung ihres Filmstils als Instrument der Propaganda.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Riefenstahls Behauptung, sie sei eine rein „unpolitische Künstlerin“ gewesen, durch eine Analyse ihrer tatsächlichen Rolle und Handlungen zu entlarven.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine detaillierte Quellenarbeit unter Einbeziehung zeitgenössischer Dokumente sowie einer tiefgehenden Analyse ihres filmischen Gesamtwerkes und ihrer Aussagen in den Nachkriegsjahren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung ihrer persönlichen Prägung, die Analyse ihrer wichtigsten Propagandafilme und die kritische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen in ihrer nachträglichen Rechtfertigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Riefenstahl, NS-Propaganda, Filmgeschichte, Ideologie, politische Instrumentalisierung und die kritische Aufarbeitung ihrer Biografie.
Wie verhielt sich Riefenstahl zu ihren jüdischen Freunden?
Obwohl sie jüdische Freunde hatte, instrumentalisierte sie im NS-Regime rassistische Ressentiments und distanzierte sich opportunistisch, wenn dies ihrem beruflichen Vorteil diente.
War Riefenstahls "unpolitisches Denken" eine echte Haltung?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass ihr „unpolitisches Denken“ lediglich eine bewusste Maskerade war, um ihre aktive Rolle als Propagandafilmerin des Regimes zu verschleiern.
Welche Rolle spielte Riefenstahls Ehrgeiz?
Ihr ausgeprägter Karrierismus und die Suche nach Selbstverwirklichung machten sie zu einem willfährigen künstlerischen Instrument der Nationalsozialisten.
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- Florian Wiesböck (Author), 2008, Leni Riefenstahl und ihr Verhältnis zum Dritten Reich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137806