Wer Kultur und künstlerische Güter wirtschaftlichen Betrachtungsweisen unterziehen will, wird verdächtigt, der Kreativität ungewollte Effizienzkalküle anzuhängen. Begriffe wie `Kulturmanagement´ und `Wirtschaftsfaktor Kultur´ stoßen auf Kritik und Ablehnung. Doch gerade in Zeiten mit zunehmend flexibler werdenden Arbeitsverhältnissen vermehren sich die ökonomischen Untersuchungen in den Wirtschaftszweigen, in denen solche Arbeitsbedingungen schon immer vorhanden waren.
Diese Arbeit fokussiert sich auf das Theater als eine dieser Branchen. Das Ziel ist es, die Eigenschaften von Beschäftigungssystemen im Allgemeinen sowie an Theatern im Speziellen herauszuarbeiten. Dabei werden insbesondere die flexiblen Beschäftigungsverhältnisse der künstlerischen Mitarbeiter und die Frage nach deren Management beleuchtet.
Grob lässt sich die Arbeit in drei Teile eingliedern, wie
folgende Darstellung veranschaulicht: (Abbildung erscheint in der Vollversion).
Im ersten Teil wird zur allgemeinen Betrachtung von Beschäftigungssystemen in Kapitel 2, neben einer Erwähnung der Theorien von Ronald H. Coase und Herbert A.Simon, die Theory of Employment Systems von David Marsden vorgestellt. Im zweiten Teil werden die Charakteristika des Beschäftigungssystems Theater genauer untersucht. In Kapitel 3 wird das Theater dazu zunächst als eine `Creative Industry´ gekennzeichnet und die deutsche Theaterlandschaft durch eine Auswertung der Theaterstatistik vorgestellt. In Kapitel 4 werden die theaterspezifischen
Beschäftigungsverhältnisse näher beleuchtet. Der Arbeitsmarkt zeichnet sich durch interorganisationale Mobilität und die Bedeutung einer berufsfachlichen Gemeinschaft aus. Arbeitsorganisatorische Strukturen befassen sich mit der
Projektstruktur am Theater, den Formen des Spielbetriebs und dem Normalvertrag (NV) Bühne als vertragliche Institution. Darauf aufbauend wird die Wichtigkeit der Bildung sozialen Kapitals erläutert und der Künstler als Arbeitskraftunternehmer
eingeordnet. All diese Charakteristika werden in Kapitel 5 auf das
Personalmanagement in Theaterbetrieben bezogen, namentlich auf die Hierarchie und die Führung, die Beschaffung sowie die Beurteilung von Personal. Im dritten Teil (Kapitel 6) wird erneut Bezug auf die Theory of Employment Systems genommenund versucht, das Theater dort einzuordnen. Die Arbeit schließt ab mit einem
zusammenfassenden Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Betrachtung von Beschäftigungssystemen
2.1 Theorie der Unternehmung von Coase
2.2 Die Vorteile von Arbeitsverträgen nach Simon
2.3 Marsdens Theory of Employment Systems
2.3.1 Bedingungen der Regeln
2.3.2 Bedeutung der Beschäftigungsregeln
2.3.3 Inter-firm institutions
3. Das Theater - eine `Creative Industry´
3.1 Eigenschaften von kreativen Industrien nach Caves
3.2. Theaterlandschaft in Deutschland
4. Charakteristik der Beschäftigungsverhältnisse am Theater
4.1 Der Arbeitsmarkt für Schauspieler
4.1.1 Interorganisationale Mobilität
4.1.2 Die `occupational community´ und Reputationsbildung
4.2 Arbeitsorganisatorische Struktur
4.2.1 Formen des Spielbetriebs
4.2.2 Vertragliche Gestaltung
4.3 Soziales Kapital
4.4 Konzept des Arbeitskraftunternehmers
5. Personalmanagement
5.1 Hierarchische Strukturen
5.2 Führung im Theater
5.2.1 Konfliktlösung als größte Aufgabe
5.2.2 Managerintendant - für einen persönlicheren Führungsstil
5.3 Beschaffung von Personal
5.4 Bewertung und Entwicklung von Personal
6. Anwendung der Theory of Employment Systems auf das Theater
6.1 Training- oder production-approach?
6.2 Task- oder function-centred approach?
6.3 Interorganisationale Institutionen des Theaters
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das Beschäftigungssystem sowie die flexiblen Arbeitsverhältnisse in der kreativen Branche Theater. Das Ziel besteht darin, die Eigenschaften von Beschäftigungssystemen generell und speziell an Theatern herauszuarbeiten, wobei insbesondere die prekären Arbeitsverhältnisse künstlerischer Mitarbeiter und deren Management kritisch beleuchtet werden.
- Analyse von Beschäftigungssystemen auf Basis der Theory of Employment Systems nach David Marsden.
- Kennzeichnung des Theaters als "Creative Industry" unter Anwendung der Merkmale nach Richard E. Caves.
- Untersuchung der theaterspezifischen Arbeitsmarkt- und Organisationsstrukturen (z.B. Ensemble vs. Stagione).
- Analyse von Personalmanagement-Äquivalenten (Reputation, soziales Kapital, Arbeitskraftunternehmertum) im Theaterbetrieb.
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Die `occupational community´ und Reputationsbildung
Der Arbeitsmarkt für Schauspieler ist neben der beruflichen Mobilität gekennzeichnet durch eine besondere Art von Bewertungsprozess. Neben der kritischen Meinung der Öffentlichkeit spielt die `occupational community´ eine ausschlaggebende Rolle für den Erfolg. Sie umfasst eine begrenzte Anzahl an Künstlern und dient als begutachtendes organisationsübergreifendes Beziehungsnetzwerk. Die Künstler innerhalb der community verfügen über spezielle Praktiken und Verhaltensweisen, die sie als Mitglieder kennzeichnen. Dabei unterliegen sie ständigen kollektiven Bewertungsprozessen. Als nicht formal festgehaltenes und trotzdem als Norm angesehenes Bewertungskriterium gilt die Reputation.
Die Mitglieder der community teilen bestimmte Ansichten, die sich über die Netzwerkstruktur verbreiten und nach denen, internen Kriterien folgend, nicht-professionelle Schauspieler ausgeschlossen werden. Die Schauspieler betreten den Markt zwar meist mit ähnlichen Qualifikationen, werden dann jedoch wiederholt beurteilt und dadurch in ihrer Position bzw. ihrem Marktwert angehoben oder geschwächt. Die Reputation entsteht dabei nicht nur über das Verhalten des Künstlers, sondern zusätzlich über seine sozialen Kontakte. Die Zusammenarbeit mit einem erfolgreichen Regisseur an einem bekannten Theater steigert die Reputation und führt zu mehr Ansehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Thematik und Abgrenzung des Forschungsgegenstands sowie Darlegung des dreiteiligen Aufbaus der Arbeit.
2. Allgemeine Betrachtung von Beschäftigungssystemen: Theoretische Grundlegung anhand der Ansätze von Coase, Simon und insbesondere der Theory of Employment Systems von David Marsden.
3. Das Theater - eine `Creative Industry´: Charakterisierung des Theaters als kreative Industrie durch Anwendung der Merkmale von Caves und Auswertung der deutschen Theaterstatistik.
4. Charakteristik der Beschäftigungsverhältnisse am Theater: Detaillierte Analyse des Schauspieler-Arbeitsmarktes, der Arbeitsorganisation, des sozialen Kapitals und des Modells des Arbeitskraftunternehmers.
5. Personalmanagement: Untersuchung der hierarchischen Strukturen, Führungsaufgaben, Personalbeschaffung und Bewertung im Kontext des Theaterbetriebs.
6. Anwendung der Theory of Employment Systems auf das Theater: Versuch der Einordnung des Theaters in Marsdens Theorie unter Berücksichtigung der Training- vs. Production- und Task- vs. Function-centred Ansätze.
7. Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse zur Organisation der flexiblen Beschäftigungsverhältnisse und des Managements durch die Künstler selbst.
Schlüsselwörter
Theater, Beschäftigungssystem, Theory of Employment Systems, David Marsden, Arbeitskraftunternehmer, Soziales Kapital, Reputation, Occupational Community, Personalmanagement, Kreative Industrien, Arbeitsmarkt, Schauspieler, Interorganisationale Mobilität, NV Bühne, Ensemble.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Beschäftigungssystem des deutschen Theaters und untersucht, wie die dort vorherrschenden flexiblen Arbeitsverhältnisse für Künstler organisiert und gemanagt werden.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Im Zentrum stehen die theoretische Einordnung von Beschäftigungssystemen, die besonderen Charakteristika des Theaters als kreative Industrie sowie personalwirtschaftliche Aspekte wie Führung, Personalbeschaffung und -entwicklung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fokussiert auf die Eigenschaften von Beschäftigungssystemen an Theatern und geht der Frage nach, wie das Management dieser flexiblen künstlerischen Beschäftigungsverhältnisse in der Praxis funktioniert.
Welche wissenschaftlichen Theorien dienen als Grundlage?
Die Haupttheorie ist die "Theory of Employment Systems" von David Marsden, ergänzt durch institutionenökonomische Ansätze von Coase und Simon sowie das Konzept des "Arbeitskraftunternehmers" von Voß/Pongratz.
Welche Themen prägen den Hauptteil?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert den Arbeitsmarkt für Schauspieler, die Bedeutung von Reputationsbildung und sozialem Kapital sowie die spezifischen Management-Äquivalente, die im Theater an die Stelle klassischer Personalpolitik treten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die "Occupational Community", "Reputation", "soziales Kapital", "kreative Industrien" und das Modell des "Arbeitskraftunternehmers".
Warum wird im Theater von "Personalmanagement-Äquivalenten" gesprochen?
Da explizite, klassische Personalinstrumente (wie direkte Personalentwicklung) am Theater oft fehlen oder als unvereinbar mit der Kunst gelten, übernehmen informelle Prozesse wie die Vernetzung in der "Occupational Community" die Steuerungsfunktion.
Was bedeutet das Konzept des "Arbeitskraftunternehmers" für Schauspieler?
Es impliziert, dass Künstler ein hohes Maß an Selbstmanagement benötigen, da sie ihre Arbeitskraft eigenständig vermarkten, ihre Qualifikationen selbst ausbauen und ihre gesamte Lebensführung an die Erfordernisse des Projektbetriebs anpassen müssen.
Welche Rolle spielt die Reputation für den Erfolg am Theater?
Reputation ist ein zentrales informelles Steuerungsinstrument: Sie wird durch die "Occupational Community" vergeben und bestimmt maßgeblich die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Engagements.
Was ist das Hauptergebnis zur Rolle des Intendanten?
Das Management ist nicht allein von den Fähigkeiten des Intendanten abhängig; vielmehr wird ein großer Teil des Managements durch die Künstler selbst geleistet, stabilisiert durch informelle Institutionen wie Netzwerke und soziale Normen.
- Quote paper
- Ulrike Finn (Author), 2009, Das Beschäftigungssystem Theater, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137918