Zu Anfang soll geklärt werden, wodurch Jurek Becker zu diesem, seinem wohl größten Werk
inspiriert wurde und welche Aspekte es für eine tiefergehende Rezeption durchaus zu beachten
gilt.
Eine Äquivalenz der Schwerpunkte des Romans hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem
Judentum, der Darstellung eines jüdischen Ghettos und Jurek Beckers erste Lebensjahre in
einem solchen ist augenscheinlich. Doch kann man das 1967 von Jurek Becker geschriebene
Drehbuch „Jakob der Lügner“ wirklich als einen autobiografischen Verarbeitungsversuch betrachten?
Als Versuch also, das Gefühl des Einzelnen in einer großen Masse – eingesperrt,
überwacht und mundtot – in den eigenen Kontext zu setzen und dadurch eine Eigenrehabilitation
herbeiführen zu wollen? Man sollte meinen, dass dies nahe liegt, doch war der Autor für
rekapitulierbare, explizite Erinnerungen an ein solches Ghettoleben zu jung; es handelt sich
hier um den Zeitraum ab seiner Geburt, also 1937 bis zum Jahre 1939.
Trotz oder gerade aufgrund nicht vorhandener Erinnerungen ist es Becker ein Bedürfnis, in
eine solche Welt einzutauchen, was ihm mithilfe der Schriftstellerei zu gelingen vermag, denn
„ohne Erinnerungen an die Kindheit zu sein, das ist, als wärst du verurteilt, ständig eine Kiste
mit dir herumzuschleppen, deren Inhalt du nicht kennst“.
Ein weiterer Aspekt für die Romangrundlage ist sicherlich die Geschichte, die der Autor von
seinem Vater Max Becker erfahren hat. Dieser bat ihn im Anschluss, über jemand Außergewöhnliches
zu schreiben. Die Geschichte: „Ich habe einen Mann gekannt, der hat im Ghetto Radio gehört. Weißt du, was das bedeutet? Das war bei Todesstrafe verboten. Der hat Radio
London oder Radio Moskau oder was weiß ich gehört und hat die guten Nachrichten weiter verbreitet, und das ist solange gegangen, bis ein Spitzel ihn denunziert hat, und dann ist er erschossen
worden“. Sowohl das Motiv des Radios als auch der vermeintliche Held und dessen
tragisches Ende haben Becker derart beeinflusst, dass er sein Drehbuch stark daran anlehnte.
Dass der Held in Beckers Umsetzung den Namen Jakob trägt, ist kein Zufall – Jurek Becker
wies darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit der biblischen Geschichte von Jakob und
dessen Betrug an Esau gebe. In dieser wird beschrieben, wie Jakob den Segen des Erstgeborenen,
also den Vorzug vor seinem Bruder Esau durch eine Lüge erhält und damit am Ende
zum Wohle aller beiträgt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. DER JUDE IM TEXT »JAKOB DER LÜGNER«
DARSTELLUNG VON JUDEN UND JUDENTUM IN JUREK BECKERS ROMAN (2006)
1.1 REZEPTIONSASPEKTE DES ROMANS »JAKOB DER LÜGNER«
1.2 IDENTIFIKATION MIT DEM JÜDISCHEN
1.2.1 Die Figur Kowalski
1.2.2 Die Gebrüder Schtamm
1.2.3 Leonard Schmidt
1.2.4 Jakob Heym
1.3 DAS TEXTINTERNE JUDENBILD VS. DAS »HISTORISCHE DEUTSCHE«
2. DER MONTIERTE EFFEKT IM LETZTEN TEIL
VON WALTER KEMPOWSKIS »ECHOLOT«-PROJEKT (2007)
2.1 DIE ROLLE DES ABGESANGS ’45 IM »ECHOLOT«-PROJEKT
2.2 »DAS ECHOLOT« ALS MONTIERTE DOKUMENTATION
2.3 PARA- UND INTERTEXTUALITÄT IN DER LITERARISCHEN MONTAGE
2.3.1 Verwendung von Fotografien / Paratextuelle Aspekte
2.3.2 Intertextualität als Grundbaustein der Montage
2.4 ABGESANG ’45
2.4.1 Hitlers Geburtstag – Rekonstruktion eines „Trauertages“
2.4.2 Dialog von Subjekten als Objektivitätskriterium
2.4.3 Die Kapitulation – Abgesang ’45
3. DIE SCHLAGZEILE DES 11. SEPTEMBERS –
FORMALE UND SOZIOLINGUISTISCHE ASPEKTE (2007)
SCHLAGZEILEN NACH DEM 11. SEPTEMBER 2001
3.1 DIE TAGESZEITUNG: TABLOID UND BROADSHEET
3.2 DIE ALLGEMEINE PRINTMEDIALE SITUATION NACH DEM 11.09.
3.2.1 Unmittelbare Reaktionen der deutschen Tagespresse
3.2.2 Reflektionen kurz- und fünf Jahre danach
3.3 ZIFFER 11 DES PRESSEKODEX’ UND DER 11.09.
3.4 ALLGEMEINE EIGENSCHAFTEN DER SCHLAGZEILE
3.5 DIE SCHLAGZEILENFORMULIERUNG
3.5.1 Die Schlagzeilen-Berichtvorspann-Relation
3.5.2 Die Aufmachung der Schlagzeile und „double talk“
3.6 FAZIT
4. »EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH«-NEOHISTORISTISCHE
ANSÄTZE IN DER LITERATUR DES 11. SEPTEMBERS 2001 (2007)
4.1 DER 11. SEPTEMBER 2001 UND LITERATUR
4.2 LITERATUR DES 11. SEPTEMBER
4.2.1 »Extremely loud & incredibly close« von Jonathan Safran Foer
4.2.2 »www.else-buschheuer.de – das New York Tagebuch«
4.3 DIE REFERENZ AUF »9/11«
4.4 THESEN DES NEOHISTORISMUS
4.5 NEOHISTORISTISCHE ANSÄTZE IN FOERS ROMAN
4.5.1 Kontextbildende Materialien
4.5.2 Der Diskursfaden
4.5.3 Die kulturelle Energie
4.6 FAZIT
5. »DER SCHIMMELREITER«-EINE LITERATURKRITISCHE ANALYSE
DES BÜRGERLICH-REALISTISCHEN WERKES (2006)
5.1 EINBLICK IN DIE EPOCHE UND STORMS LEBEN
5.1.1 Der Realismus-Begriff
5.1.2 Exkurs: Storm in Husum
5.1.3 Aspekte zur Werkentstehung
5.2 DER MYTHOS »SCHIMMELREITER«
5.2.1 Selbstheroisierung Hauke Haiens
5.2.2 Die dargestellte Gesellschaft: Konservatismus vs. Moderne
5.3 LITERATURTHEORETISCHE ANALYSE DES ERZÄHLTEXTES
5.4 REZEPTIONSERGEBNISSE FÜR DEN LESER
6. GOETHE REIST NACH ITALIEN –
MÖGLICHE URSACHEN EINER KRISE (2008)
6.1 DAS WERTESYSTEM DES MÜNDIGEN MENSCHEN GOETHE
6.2 DIE KRISE UND ITALIEN
6.3 PHASEN KINDLICHER ENTWICKLUNG
6.3.1 Goethe wird, was man ihm gibt
6.3.2 Goethe ist, was er will
6.3.3 Goethe ist, was er sich zu werden vorstellen kann
6.4 ERGEBNISSE DER ITALIENREISE
7. ESSAYS ZU SPRACHE UND SCHRIFT (2008)
I PSYCHOGRAFIEN, DIE CHINESISCHE SCHRIFT, DAS ESPERANTO
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das vielschichtige Wechselspiel zwischen Faktum und Fiktion in literarischen Werken und journalistischen Texten. Der Autor analysiert, wie reale historische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg, der 11. September 2001 oder persönliche Krisen (Goethes Italienreise) in Literatur verarbeitet werden und welche Rolle dabei mediale Aufarbeitung und Sprachstrukturen spielen.
- Verarbeitung realer Traumata in der Literatur
- Theorie und Praxis des Neohistorismus
- Soziolinguistische Analyse von Zeitungs-Schlagzeilen
- Kritische Analyse des bürgerlich-realistischen Werkes
- Sprachphilosophische Essays zu Schriftformen
Auszug aus dem Buch
1.1 REZEPTIONSASPEKTE DES ROMANS »JAKOB DER LÜGNER«
Zu Anfang soll geklärt werden, wodurch Jurek Becker zu diesem, seinem wohl größten Werk inspiriert wurde und welche Aspekte es für eine tiefergehende Rezeption durchaus zu beach ten gilt.
Eine Äquivalenz der Schwerpunkte des Romans hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Judentum, der Darstellung eines jüdischen Ghettos und Jurek Beckers erste Lebensjahre in einem solchen ist augenscheinlich. Doch kann man das 1967 von Jurek Becker geschriebene Drehbuch „Jakob der Lügner“ wirklich als einen autobiografischen Verarbeitungsversuch be trachten? Als Versuch also, das Gefühl des Einzelnen in einer großen Masse – eingesperrt, überwacht und mundtot – in den eigenen Kontext zu setzen und dadurch eine Eigenrehabilita tion herbeiführen zu wollen? Man sollte meinen, dass dies nahe liegt, doch war der Autor für rekapitulierbare, explizite Erinnerungen an ein solches Ghettoleben zu jung; es handelt sich hier um den Zeitraum ab seiner Geburt, also 1937 bis zum Jahre 1939.1
Trotz oder gerade aufgrund nicht vorhandener Erinnerungen ist es Becker ein Bedürfnis, in eine solche Welt einzutauchen, was ihm mithilfe der Schriftstellerei zu gelingen vermag, denn „ohne Erinnerungen an die Kindheit zu sein, das ist, als wärst du verurteilt, ständig eine Kiste mit dir herumzuschleppen, deren Inhalt du nicht kennst“2.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DER JUDE IM TEXT »JAKOB DER LÜGNER«: Dieses Kapitel untersucht die Darstellung des Judentums im Roman und Beckers Auseinandersetzung mit der Shoah durch die Perspektive verschiedener Figuren.
2. DER MONTIERTE EFFEKT IM LETZTEN TEIL VON WALTER KEMPOWSKIS »ECHOLOT«-PROJEKT: Hier wird analysiert, wie Kempowski durch die Montage authentischer Dokumente ein literarisches „kollektives Tagebuch“ des Kriegsendes erschafft.
3. DIE SCHLAGZEILE DES 11. SEPTEMBERS – FORMALE UND SOZIOLINGUISTISCHE ASPEKTE: Eine Untersuchung darüber, wie deutsche Tageszeitungen sprachlich auf das Ereignis des 11. Septembers reagierten und welche Rolle der „double talk“ spielt.
4. »EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH«-NEOHISTORISTISCHE ANSÄTZE IN DER LITERATUR DES 11. SEPTEMBERS 2001: Das Kapitel wendet die Theorie des Neohistorismus auf Foers Roman an, um die Verflechtung von Fiktion und historischen Realitäten zu prüfen.
5. »DER SCHIMMELREITER«-EINE LITERATURKRITISCHE ANALYSE DES BÜRGERLICH-REALISTISCHEN WERKES: Eine Analyse von Storms Novelle hinsichtlich des Realismusbegriffs und der Darstellung des gesellschaftlichen Wandels.
6. GOETHE REIST NACH ITALIEN – MÖGLICHE URSACHEN EINER KRISE: Dieses Kapitel durchleuchtet die psychologischen Hintergründe von Goethes Flucht nach Italien mithilfe psychoanalytischer Theorien.
7. ESSAYS ZU SPRACHE UND SCHRIFT: Eine sprachphilosophische Auseinandersetzung mit dem Traum von der „unmittelbaren“ Schrift, der Rolle chinesischer Schriftzeichen und dem Esperanto.
Schlüsselwörter
Literatur, Faktum, Fiktion, 11. September 2001, Zweiter Weltkrieg, Neohistorismus, Jurek Becker, Walter Kempowski, Theodor Storm, Johann Wolfgang Goethe, Soziolinguistik, Schlagzeilenanalyse, Realismus, Sprachphilosophie, Psychoanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Faktum und Fiktion in Literatur und Sprache an verschiedenen historischen Beispielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die literarische Aufarbeitung von Kriegen und Krisen, die Bedeutung von Schrift für die Identität sowie die Analyse literarischer Strukturen und Schreibweisen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Autoren reale Ereignisse in fiktionale Kontexte einbetten und welche Wirkung diese Verschränkungen auf den Rezipienten haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet methodische Ansätze wie die diskursanalytisch-kontextuelle Theorie (Neohistorismus), soziolinguistische Textanalysen und psychoanalytische Deutungsmodelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Werke wie „Jakob der Lügner“, „Das Echolot“, „Extremely loud & incredibly close“ sowie Storms „Schimmelreiter“ und Goethes „Italienische Reise“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Keywords sind Literatur, Faktum, Fiktion, Neohistorismus, Soziolinguistik, Realismus und Identität.
Warum spielt die Montage bei Kempowski eine so große Rolle?
Die Montage dient dazu, eine Vielstimmigkeit von Zeugnissen zu erzeugen, die das subjektive Erleben des Kriegsendes authentischer und multiperspektivischer erfahrbar machen soll.
Inwiefern beeinflusst der Neohistorismus die Foer-Analyse?
Er erlaubt es, den Roman nicht als isoliertes fiktives Werk zu lesen, sondern ihn in ein intertextuelles Netzwerk mit nicht-literarischen Dokumenten der damaligen Zeit zu stellen.
Wie unterscheidet sich die Schlagzeilenanalyse von den literarischen Themen?
Die Schlagzeilenanalyse ist eher soziolinguistisch geprägt und fokussiert auf die formale Gestaltung von Information versus Animation im Journalismus nach dem 11. September.
Was unterscheidet das Esperanto von einer „natürlichen“ Sprache?
Laut Arbeit wird Esperanto zwar als „Plansprache“ klassifiziert, während Esperantisten es aufgrund der Anlehnung an lebende Sprachen als „natürlich“ verteidigen, was die Debatte um künstliche Eingriffe in die Sprachentwicklung widerspiegelt.
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- René Ferchland (Author), 2009, Aufsätze zum Verhältnis von Faktum und Fiktion in Literatur und Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137929