Um das englische Schulsystem scheint es nicht zum besten bestellt zu sein. Weshalb
sonst hätte der damalige designierte Bildungsminister David Blunkett im Jahre 1997 ein
Weißbuch herausgebracht, in dem er die Ansicht vertrat, es sei nötig zu den traditionellen
Lernmethoden zurückzukehren? Statt in der Nutzung eines Taschenrechners sollten die
Schüler lieber im Kopfrechnen gefördert, statt Berichte über die Befindlichkeit zu verfassen,
sollten sie lieber in Rechtschreibung und Grammatik unterwiesen werden. Zudem forderte
er die Eltern auf stärker an der Bildung ihrer Kinder zu partizipieren (Sturm 1998: 283-284).
Diese Forderungen sind ein deutlicher Hinweis darauf, daß das englische Schulsystem in
seinem jetzigen Status quo Mängel aufweist. Die Frage nach der Art und Weise wie ein
alternatives System aussehen könnte, steht jedoch auf einem anderen Blatt geschrieben.
Fest steht, wo Reformen vorgeschlagen werden, da werden Mängel gesehen. Blunketts
Vorschlag zu den traditionellen Lehrmethoden zurückzukehren stehen diverse alternative
Schulmethoden gegenüber. Diese Schulen werden in der einschlägigen Literatur zum Teil
als „Reformschulen“ bezeichnet, zum Teil tragen sie die Bezeichnung
„Alternativschulen“ oder andere Namen. Mit der Masse der Bücher, die man zu einer
klaren Definition zur Rate zieht, steigt auch die Anzahl der verschiedenen Begriffe.
Gelegentlich widersprechen sich Definitionen, unterstützen sich bzw. überschneiden sich
teilweise. Aufgrund des beschränkten Umfangs dieser Arbeit wurde im Folgenden darauf
verzichtet, die Begriffe „Alternativschule“ und „Reformschule“ voneinander abzuheben. Mit
Ausnahme von direkten Zitaten wird lediglich von „Reformschulen“ die Rede sein, was
jedoch nicht ausschließt, daß die Definition „Alternativschule“ nach Ansicht mancher
Pädagogen zutreffender wäre. [...]
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Hauptteil
1. Reformpädagogik
i. Eine Definition
ii. Ursprung und Gründe
iii. Richtungen der Reformpädagogik
2. Die Reformbewegung „vom Kinde aus“
3. Summerhill
i. Geschichte
ii. Der Gründer: Alexander S. Neill
iii. Philosophie
iv. Organisation und Zahlen
v. Stellungnahmen von verschiedenen Seiten
vi. Internationale Beispiele
4. Das Englische Schulsystem
i. Grundsätze
ii. Aufbau
III Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Mängel des englischen Schulsystems und stellt diese der Reformschule Summerhill gegenüber, um aufzuzeigen, wie alternative pädagogische Konzepte die Grenzen und Defizite des staatlichen Systems verdeutlichen.
- Grundlagen und Strömungen der Reformpädagogik
- Philosophie, Organisation und Alltagspraxis in Summerhill
- Kritische Analyse und Vergleich der Zielsetzungen des englischen Schulsystems
- Soziale und emotionale Kompetenzentwicklung durch Selbstverwaltung
- Psychologische Erklärungsansätze für die gesellschaftliche Ablehnung alternativer Bildungsmodelle
Auszug aus dem Buch
iii. Philosophie
Die Philosophie, die Summerhill zugrunde liegt, ist frei nach dem Motto „lieber ein glücklicher Straßenfeger als ein neurotischer Premierminister“ (Neill: „Summerhills Ziele“, in Dietrich 1982: 136). Es wird laut David Stephens, einem ehemaligen Lehrer Summerhills, stark Wert gelegt auf eine „Freiheit von den Moralvorstellungen der Erwachsenen“. In Bezugnahme auf Homer Lanes „Little Commonwealth“ fügt er urteilend hinzu „Autorität: Das grundlegende Problem der Gesellschaft“ (Stephens 1997: 22).
In Summerhill soll das Kind, in Anlehnung an Rousseaus Lehre vom Menschen, Sigmund Freud und Wilhelm Reich, gewaltfrei erzogen werden. Angefangen von den Gesellschaftslehren Platons, Rousseaus, Kants und Marx’ bis hin zu Freud war man der Überzeugung, daß der „wirklich demütigende [...] Zwang durch andere [...] nur vermieden werden kann durch ein verabredetes Maß an Zwang, das jeder sich selbst antut: durch Einsicht oder Vernunft“ (Hentig 1971: S. 78). Einsicht bzw. Vernunft jedoch sind ebenfalls Eigenschaften, die zuerst erlernt werden müssen. Anstatt die zu Erziehenden also durch Zwang dazu zu bewegen etwas zu lernen, muss man sie durch Motivation so weit bringen selbst lernen zu wollen. (Hentig 1971: 81). Demzufolge spielt also die richtige Methodik bei vorhandenem Lernwillen keine Rolle. Diese Gedanken gehen von der Überzeugung aus, daß das neugeborene Kind (entgegen der freud´schen Lehre) gut ist und in persönlicher Freiheit aufwachsen soll (März 1982: 261-2). „Die wichtigsten Dinge [sind] das natürliche Wachstum und das Glück der Kinder“ (Neill 1971: Das Prinzip Summerhill..., 103 u. 149).
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Mängel des englischen Schulsystems und begründet die Wahl von Summerhill als Referenzpunkt für eine alternative Pädagogik.
II Hauptteil: Dieser Abschnitt erörtert die theoretischen Grundlagen der Reformpädagogik, die spezifische Philosophie von Summerhill sowie den strukturellen Aufbau des englischen Regelschulsystems.
1. Reformpädagogik: Definition und geschichtliche Herleitung der reformpädagogischen Bewegung sowie Einordnung zentraler pädagogischer Konzepte.
i. Eine Definition: Erläuterung des Begriffs Reformpädagogik als pädagogische Bewegung zur Überwindung der Lernschule.
ii. Ursprung und Gründe: Darstellung der historischen Wurzeln und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Zwangscharakter institutionalisierter Bildung.
iii. Richtungen der Reformpädagogik: Übersicht der fünf Hauptströmungen nach Willy Potthoff, von der Kunsterziehung bis zur Bewegung „vom Kinde aus“.
2. Die Reformbewegung „vom Kinde aus“: Fokus auf kindzentrierte Erziehungsmodelle wie die Montessori-Pädagogik und die Waldorfpädagogik im Vergleich zu Summerhill.
3. Summerhill: Detaillierte Analyse der Geschichte, Philosophie und der praktischen Organisation der Internatsschule.
i. Geschichte: Darstellung der Gründung und der kontinuierlichen Existenz der Schule trotz politischer Widerstände.
ii. Der Gründer: Alexander S. Neill: Portrait des Gründers und seiner Motivation, eine Schule als Erziehungskritik zu etablieren.
iii. Philosophie: Untersuchung der zentralen Thesen zur Freiheit, Charakterbildung und der Ablehnung autoritärer Strukturen.
iv. Organisation und Zahlen: Erläuterung des internen Schulalltags, der Mitbestimmung durch Versammlungen und der Finanzierung.
v. Stellungnahmen von verschiedenen Seiten: Zusammenfassung der Kritikpunkte und positiven Einschätzungen aus Fachliteratur und Berichten.
vi. Internationale Beispiele: Auflistung vergleichbarer Schulprojekte weltweit als Beleg für die globale Verbreitung reformpädagogischer Ansätze.
4. Das Englische Schulsystem: Analyse der offiziellen Grundsätze und des tatsächlichen Aufbaus des staatlichen Bildungswesens.
i. Grundsätze: Offizielle Zielsetzungen des Bildungssystems in England im Vergleich zur gelebten Schulpraxis.
ii. Aufbau: Beschreibung der Schulstrukturen, des Prüfungswesens und der sozialen Selektionsmechanismen.
III Konklusion: Abschließender Vergleich zwischen den Zielen des staatlichen Systems und den erreichten Resultaten in Summerhill, ergänzt durch psychologische Erklärungsversuche der gesellschaftlichen Ablehnung.
Schlüsselwörter
Reformpädagogik, Summerhill, Alexander S. Neill, englisches Schulsystem, Demokratische Erziehung, Selbstverwaltung, Alternative Bildung, Bildungsreform, Kindzentrierte Pädagogik, Schulkritik, Soziale Kompetenz, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Defizite des englischen Schulsystems und vergleicht diese kritisch mit dem pädagogischen Ansatz der Reformschule Summerhill.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Reformpädagogik, die Philosophie antiautoritärer Erziehung, den Aufbau des englischen Bildungswesens und eine psychologische Analyse der gesellschaftlichen Widerstände gegen alternative Schulen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass Summerhill die vom englischen Staat offiziell angestrebten Bildungsziele effektiver erreicht als das staatliche Schulsystem selbst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zur Darstellung theoretischer Konzepte und eine vergleichende Analyse von Bildungsinstitutionen unter Einbeziehung offizieller Berichte und fachwissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Reformpädagogik, eine detaillierte Fallstudie zu Summerhill sowie eine Analyse der Struktur und Praxis des englischen Regelschulsystems.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Reformpädagogik, Demokratische Erziehung, Selbstverwaltung, Antiautoritäre Erziehung und Schulkritik.
Wie unterscheidet sich Summerhill vom staatlichen Schulsystem in Bezug auf die Disziplin?
Während staatliche Schulen häufig auf Zwang und externe Kontrolle setzen, basiert die Disziplin in Summerhill auf Selbstverwaltung und von Schülern selbst erlassenen Regeln, was zu einem größeren Verantwortungsbewusstsein führt.
Welche Rolle spielt die psychologische Theorie in der Arbeit?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Psychologie, etwa die „Crypt“-Theorie von Walter Davis, um zu erklären, warum die Gesellschaft alternative Modelle wie Summerhill als Bedrohung wahrnimmt und verdrängt.
Warum wird Summerhill trotz Kritik von der Regierung bisher nicht dauerhaft geschlossen?
Laut der Arbeit mangelt es an überzeugenden Argumenten für eine Schließung, da die Schule nachweislich Erfolg in der Entwicklung sozial kompetenter und demokratisch handlungsfähiger Individuen zeigt.
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- B.A. Stephanie Wössner (Author), 2000, Grenzen und Defizite des englischen Schulsystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138127