Einleitung
In den letzten beiden Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts und im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts entstanden wohl die bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlicher Dichtung: die Werke Hartmanns von Aue, Wolframs [...]. Die großen Versromane sind geprägt von der Artuswelt, von der 'âventiure' als idealem Tun und von ritterlicher Ehre und haben für die negierend darstellende Satire keinen Platz.1 Dieser Literatur tritt mit der Figur des 'übelen wîbes' seit dem frühen 13. Jahrhundert
eine neue kleinepische Form entgegen.
Die Darstellung der aufsässigen, herrschsüchtigen Frau wirft die Frage nach den Fähigkeiten und Eigenschaften auf, über die ein Mann verfügen muss, um seine Überlegenheit und damit auch seine Geschlechtsidentität zu behaupten.2 Aufgegriffen wird dieses Motiv in dem Schwank 'Daz buoch von dem übeln wîbe'. Das Verfehlte der Beziehung wird durch die sich wiederholende Aggression der Frau gegen ihren Mann markiert. Durch Analogien
und Kontraste wird die satirische Intention der Dichtung deutlich. So glaubt der Ehemann, es sei schlimmer mit einer
'bösen Frau' verheiratet zu sein, als den Tod eines Märtyrers zu sterben. Als literarischer Kontrast zu dieser Beziehung, welche hauptsächlich auf Prügeleien basiert, werden Erec und Enite, Aeneas und Dido, Tristan und Isolde genannt. Ironisch wird diese Ehe auch als 'ordenunge' angesprochen.3
Aufgabe dieser Arbeit wird es sein, die mittelalterliche Auffassung eines 'übelen wîbes' näher zu beleuchten
um anschließend ausführlich auf das Werk 'Daz buoch von dem übeln wîbe' einzugehen. Neben der Überlieferung des Textes soll vor allem der Inhalt des Schwanks betrachtet werden, um dabei die Szenen zwischen Ehemann und Ehefrau zu bewerten und diese mit weiteren Darstellungen der 'übel-wîp'-Dichtung des 13. Jahrhunderts zu vergleichen.
1 Arntzen, Helmut, 1989, S.34.
2 Gaebel, Ulrike / Kartschoke, Erika (Hrsgg.), 2001‚ S.9.
3 Arntzen, Helmut, 1989, S.58.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Darstellung der >bösen Frau< in der Dichtung des Mittelalters
2. Die >böse Frau< in der Dichtung des 13. Jahrhunderts: Daz buoch von dem übeln wîbe
2.1 Die Überlieferung
2.2 Zum Inhalt des Schwanks
2.2.1 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau
2.2.2 Schmeicheleien und Drohungen als >Kampfmittel< der >bösen Frau<
2.2.3 Die >Prügelszenen<
Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die mittelalterliche Auffassung der sogenannten >bösen Frau< in der Literatur des 13. Jahrhunderts, mit einem besonderen Fokus auf dem Werk >Daz buoch von dem übeln wîbe<, um das literarische Motiv der streitbaren Ehefrau und die damit verbundene Inversion traditioneller Geschlechterrollen zu analysieren.
- Literarische Tradition der Darstellung der >bösen Frau< seit dem Mittelalter
- Überlieferungsgeschichte und textliche Analyse des Schwanks >Daz buoch von dem übeln wîbe<
- Untersuchung der Eheproblematik und der Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau
- Detaillierte Analyse der rhetorischen >Kampfmittel< und der körperlichen >Prügelszenen<
- Satirische Einordnung des Werkes im Kontext der zeitgenössischen Literatur
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Die >Prügelszenen<
Wie bereits mehrfach erwähnt wurde, enden die Streitereien des Ehepaars in brutalen Gewalttätigkeiten. Dagegen denkt die Strickerische Frau noch gar nicht daran, die Schläge ihres Herrn zu erwidern. So nimmt sie die Prügel als etwas Unvermeidliches hin, das ertragen werden muss. Sie unterdrückt den eigenen Schmerz und gibt dem Gatten höhnend das Aussichtslose seiner Absichten zu verstehen. Im Gegensatz zur Ehefrau der Stickerischen Dichtung, wartet das >Heldenweib< hier nicht mehr, bis dem Mann gefällt loszuschlagen, sondern sie ergreift selbst die Offensive und das nicht nur mit den >einfachen< Kampfmitteln des Beißens, Kratzens, Raufens und Kneifens, sondern mit gleicher, wenn nicht sogar überlegener Waffe. Zum Anlass dienen ihr hierbei die allernichtigsten Anlässe. Bereits am dritten Tag nach der Vermählung wird er blutig geschlagen und das nur, weil er es wagte eine Birne, welche sie gerade briet, aus der Glut zu zucken:58
>>mit einem knütel sî mich sluoc
ob dem ougen durch daz hirn
niwan umb ein gebraten birn.
die zuhte ich ûz einer gluot;
dô sluoc sî mich daz bluot
ûf die füeze nider ran.<<59
Als er auf Gewinn ausreitet und mit leeren Händen nach Hause kommt, wird er abermals verprügelt (V.295-302). Beim Flachsschwingen fällt ihr ein wenig Flachs ins Feuer, worüber sie dermaßen erzürnt, dass sie auf dem Kopf ihres Mannes ein Dechsscheit in zweihundert Stücke zerschlägt (V.311-319):
>>sî sluoc ze zwein hundert drumen
daz dehsschît über mînen kopf, [...]<<60
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt das literarische Umfeld des 13. Jahrhunderts dar und definiert das Ziel, die Rolle der >bösen Frau< als satirisches Motiv in >Daz buoch von dem übeln wîbe< zu untersuchen.
1. Die Darstellung der >bösen Frau< in der Dichtung des Mittelalters: Dieses Kapitel beleuchtet den religiösen und gesellschaftlichen Hintergrund, insbesondere die biblische Unterordnung der Frau, die als Ausgangspunkt für die literarische Behandlung des >übeln wîbes< dient.
2. Die >böse Frau< in der Dichtung des 13. Jahrhunderts: Daz buoch von dem übeln wîbe: Das Hauptkapitel analysiert die Überlieferungsgeschichte, den Inhalt des Schwanks sowie die spezifische Dynamik der Ehepartner in diesem Werk.
2.1 Die Überlieferung: Hier werden die handschriftlichen Grundlagen des Textes im Ambraser Heldenbuch sowie die Entstehungsgeschichte beleuchtet.
2.2 Zum Inhalt des Schwanks: Dieses Kapitel fasst die Handlung des 820 Verse umfassenden Schwanks zusammen und erläutert die Grundthematik der Eheproblematik.
2.2.1 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau: Es wird die Machtasymmetrie beleuchtet, in der der Ehemann trotz seiner formalen Überlegenheit unter der Widerspenstigkeit seiner Gattin leidet.
2.2.2 Schmeicheleien und Drohungen als >Kampfmittel< der >bösen Frau<: Dieser Teil zeigt auf, wie die Ehefrau sprachliche Manipulationen und rhetorische Drohungen einsetzt, um ihren Willen durchzusetzen.
2.2.3 Die >Prügelszenen<: Das Kapitel beschreibt die Eskalation der Konflikte hin zur körperlichen Gewalt und analysiert die dabei angewandten Waffen und Kampfhandlungen.
Zusammenfassung: Das Fazit stellt fest, dass der Text eine parodistische Satire darstellt, welche die traditionellen Rollenbilder umkehrt und als Vorlage für spätere Fastnachtspiele diente.
Schlüsselwörter
Mittelalterliche Literatur, Daz buoch von dem übeln wîbe, böse Frau, Geschlechterrollen, Eheproblematik, Schwank, Ambraser Heldenbuch, Kampfmittel, Prügelszenen, Satire, Ehestand, Hausregiment, literarische Tradition, Mittelhochdeutsch, Ehemann.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der >bösen Frau< als literarisches Motiv in der deutschen Dichtung des 13. Jahrhunderts, speziell anhand des anonymen Werkes >Daz buoch von dem übeln wîbe<.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die mittelalterlichen Rollenbilder von Mann und Frau, das Konzept der >Ehe< sowie die satirische Auseinandersetzung mit der häuslichen Herrschaftsstruktur.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, die spezifische Auffassung des >übeln wîbes< im 13. Jahrhundert durch eine Analyse der Überlieferung, des Inhalts und der dargestellten Konfliktmechanismen wie Rhetorik und Gewalt herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext >Daz buoch von dem übeln wîbe< unter Einbeziehung zeitgenössischer Dichtung und historischer Kontexte untersucht.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem Inhalt des Schwanks, der Dynamik der Ehepartner, der sprachlichen Manipulation durch die Frau sowie den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Ehemann und Ehefrau.
Welche Schlüsselwörter beschreiben diese Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind: Mittelalterliche Literatur, böse Frau, Geschlechterrollen, Schwank, Satire, Ehestand, Kampfmittel und Häusliche Gewalt.
Welche Bedeutung hat das Ambraser Heldenbuch für diese Arbeit?
Es bildet die handschriftliche Grundlage der Überlieferung des untersuchten Werkes und wird in Bezug auf seine Entstehung und äußere Gestaltung analysiert.
Wie unterscheidet sich die >böse Frau< in diesem Werk von der literarischen Tradition?
Während sie in früheren Werken oft als ein zu bändigendes Wesen dargestellt wurde, tritt sie im untersuchten Schwank als aktive, physisch und rhetorisch überlegene Akteurin auf, die den Ehemann systematisch unterwirft.
Warum spielt die >Küchenfrage< laut Autorin eine Rolle für das Eheglück?
Die Versorgung mit den gewünschten Speisen wird als integraler Bestandteil des ehelichen Friedens gesehen; ihr Ausbleiben oder die Verweigerung dienen in der Literatur als Indikator für den schlechten Zustand der Ehe.
Was ist das Fazit der Arbeit bezüglich der Wirkung dieses Schwanks?
Die Arbeit schließt, dass der Text eine parodistische Absicht verfolgt und durch die Darstellung eines schwachen, verprügelten Ehemannes den >heroischen< Anspruch der zeitgenössischen Literatur satirisch unterläuft.
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- Katja Landwehr (Author), 2006, Die "böse Frau" in der Dichtung des 13. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138853