Die Europäische Union ist in ihrem Prinzip als partnerschaftlicher politischer Staatenbund von unterschiedlichen Politiken geprägt. Im Zuge des Zusammenschlusses und des weiteren Zusammenwachsens Europas ergibt sich an verschiedenen Stellen die Notwendigkeit, Bündnisse einzugehen und die Politiken zu harmonisieren. Diese Arbeit wird sich damit befassen, welche Rahmenbedingungen und Problemfelder die Angleichung industrieller Beziehungen berühren.
Der zweite Abschnitt der Arbeit wird auf die Struktur industrieller Beziehungen eingehen. Das politische Terrain der Industriellen Beziehungen befasst sich generell mit den Rechten der Parteien in den Arbeitsbeziehungen, der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite. Diese Parteien werden auf EU-Ebene repräsentiert durch organisierte Dachverbände, in denen wiederum die Dachverbände der einzelnen Staaten inkorporiert sind. Auf EU-Ebene heißt hier vornehmlich unter dem Einbezug und der Kontrolle von EU-Organen, im Falle der Industriellen Beziehungen ist die EU-Kommission dieser politischer dritte Hauptakteur.
Diesen Austausch zwischen Arbeitsparteien und politischen dritten Instanzen nennt man den Sozialen Dialog. Der Soziale Dialog stellt das Herzstück industrieller Beziehungen, vor Allem deren Modernisierung und Wandel im Angleichungsprozess, dar. Da der Soziale Dialog eine wesentliche Rolle einnimmt, wird im dritten Teil darauf eingegangen.
Es soll im vierten Teil gezeigt werden, inwiefern der fortgeschrittene Zustand der Wirtschaftsunion mit der noch ausbaufähigen Sozialunion korreliert. Zudem wird auf die verschiedenen Sozialmodelle Europas eingegangen werden und welche Beiträge die EU in der Vergangenheit zur Schaffung eines Europäischen Sozialmodells geleistet hat.
In diesem Zusammenhang sollen Potenziale und Schlupflöcher bestehender Abkommen untersucht werden. Der Fokus liegt letztendlich auf dem von der EU gesetzten Möglichkeit der Gründung Europäischer Betriebsräte (EBR) als Institutionen des Sozialen Dialogs. Praxisnahe Beispiele aus dem Bereich der EBR sollen im fünften Teil der Arbeit die Probleme beleuchten, die bei der praktischen Durchführung von EU-Abkommen auf staatlicher Ebene entstehen.
Die Kommission gibt Handlungsempfehlungen zwecks der Harmonisierung der Sozialmodelle an die Staaten ab. Deren Praktikabilität werden im Schlussteil aufgegriffen und im sechsen Abschnitt am Beispiel Deutschland objektiv interpretiert. Ein Fazit fasst im siebten Abschnitt die gesammelten Ergebnisse zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Hypothese und Fragestellung
1.2. Ergänzende Bemerkungen zur Herkunft und Struktur der Arbeit
2. Was sind industrielle Beziehungen?
3. Der Soziale Dialog – Das Herzstück industrieller Beziehungen
3.1. Der Soziale Dialog – Schlüssel für besseres Regieren
4. Industrielle Beziehungen im Europäischen Wirtschaftsraum
4.1. Die vier Sozialmodelle Europas
4.2. Der Wirtschaftsraum Europa
4.2.1. Vertrag zur Gründung der europäischen Gemeinschaft
4.2.2. Argumentationsketten der Lissabon-Strategie
4.3. Von der Divergenz zur Konvergenz durch supranationale Regelungen:
5. Der Europäische Betriebsrat – Das Herzstück des Sozialen Dialogs
6. Probleme bei der Vereinheitlichung des Sozialen Dialogs am Beispiel Europäischer Betriebsräte
6.1. Fall Bofrost: Verweigerung von Informationen über die Konzernstruktur
6.2. Fall Kühne+Nagel: Aktiver Boykott des EBR / Mitbestimmungsablehnung
6.3. Der Fall Nokia: Messlatte für den Zustand des Europäischen Sozialmodells?
7. Das Europäische Sozialmodell – Versuche der internationalen Angleichung
7.1. Flexicurity an Hand der Offenen Methode der Koordinierung
7.1.1 Auswirkungen von Flexicurity in Deutschland
8. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Rahmenbedingungen und Problemfelder bei der Harmonisierung industrieller Beziehungen innerhalb der Europäischen Union. Das primäre Ziel ist es, die Hypothese zu prüfen, dass trotz der bestehenden Wirtschaftsunion weiterhin verschiedene, divergierende Modelle industrieller Beziehungen in Europa koexistieren, und dabei zu analysieren, welche Schritte die EU unternimmt, um den Sozialen Dialog transnational zu stärken und ein Europa der gemeinsamen Werte zu etablieren.
- Strukturelle Analyse industrieller Beziehungen und der Rolle des Sozialen Dialogs
- Vergleich der vier europäischen Sozialmodelle und deren Auswirkungen auf die betriebliche Mitbestimmung
- Untersuchung der EU-vertraglichen Rahmenbedingungen für den europäischen Wirtschaftsraum
- Analyse praktischer Hürden bei der Gründung und Arbeit Europäischer Betriebsräte (EBR) anhand von Fallbeispielen
- Evaluation des Flexicurity-Konzepts und dessen Umsetzung am Beispiel Deutschlands
Auszug aus dem Buch
6.2. Fall Kühne+Nagel: Aktiver Boykott des EBR / Mitbestimmungsablehnung
Der Logistikkonzern Kühne+Nagel unterhält seine Zentrale in der Schweiz (nicht EU). Derr Betriebsrat hat von der deutschen Niederlassung erforderliche Auskünfte für eine EBR-Gründung angefordert. Das deutsche Unternehmen bestreitet auch nicht, dass es als fingierte zentrale Leitung zuständig ist.
Es behauptet nur, dass es die Informationen selbst nicht habe. Die Zentrale in der Schweiz verweigere jede Auskunft. Reisekosten zu anderen Betriebsratskollegen und Übersetzungskosten wurden regelmäßig eingeklagt. Der Vorstand betonte merhmals auf Versammlungen, dass ein EBR als sinnfrei angesehen werde.
Die Sache landete vor dem Bundesarbeitsgericht. Als Entscheidung wurde bekanntegegeben, dass im Verweigerungsfalle Informationen durch die EU-Zentrale eingeklagt werden müssen. Auch wenn dies bedeute, dass ein Unternehmen sich quasi selbst verklagen muss.
Eine Böckler Studie hat zu diesem Thema zudem eigene Ergebnisse erhoben: Transparenz über die Struktur von Unternehmen und der Auskünftsanspruch wird von Personalleitern generell eher als problematisch eingestuft Grund ist, dass dann ein Ingangsetzen von Anspruchspiralen durch Vergleiche von Lohn- u. Arbeitsbedingungen zustande käme.31
Die Folge von der Ablehnung von Mitbestimmung allein bei Auskunftsversuchen seitens der Beriebsräte ist, dass die Mitarbeiter den Konflikt mit dem Unternehmen scheuen und daher auf Klage verzichten. So bleiben viele Konzerne ohne Europäischen Betriebsrat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Problemstellung hinsichtlich der Harmonisierung industrieller Beziehungen in Europa sowie der methodischen Struktur der Arbeit.
2. Was sind industrielle Beziehungen?: Definition der zentralen Begriffe und Akteure im Kontext soziologischer Betrachtungsweisen.
3. Der Soziale Dialog – Das Herzstück industrieller Beziehungen: Erläuterung der Bedeutung, Akteure und Instrumente des Sozialen Dialogs auf EU-Ebene.
4. Industrielle Beziehungen im Europäischen Wirtschaftsraum: Analyse der existierenden Sozialmodelle und der rechtlichen Rahmenbedingungen der EU.
5. Der Europäische Betriebsrat – Das Herzstück des Sozialen Dialogs: Detaillierte Betrachtung der Voraussetzungen und Richtlinien zur Gründung Europäischer Betriebsräte.
6. Probleme bei der Vereinheitlichung des Sozialen Dialogs am Beispiel Europäischer Betriebsräte: Fallstudien zu praktischen Hindernissen und der Verweigerungshaltung von Unternehmen bei der EBR-Gründung.
7. Das Europäische Sozialmodell – Versuche der internationalen Angleichung: Untersuchung von Strategien wie Flexicurity zur Harmonisierung von Arbeitsmärkten bei gleichzeitiger sozialer Absicherung.
8. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Fragestellung und Bewertung der zukünftigen Entwicklungsaussichten des Europäischen Sozialmodells.
Schlüsselwörter
Industrielle Beziehungen, Soziale Dialog, Europäische Union, Europäischer Betriebsrat, Sozialmodell, Wirtschaftsunion, Sozialunion, Lissabon-Strategie, Mitbestimmung, Flexicurity, Arbeitsbeziehungen, Sozialpartnerschaft, Harmonisierung, Arbeitsrecht, Interessenvertretung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen beim Vereinheitlichungsprozess der industriellen Beziehungen in der Europäischen Union und analysiert das Spannungsfeld zwischen nationalen Systemen und supranationalen Regelungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Soziale Dialog, das Europäische Sozialmodell, die Struktur und Probleme von Europäischen Betriebsräten (EBR) sowie Konzepte der Arbeitsmarktflexibilisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die argumentative Überprüfung der Hypothese, dass trotz Wirtschaftsunion in Europa verschiedene Sozialmodelle koexistieren, was sozialpolitische Reformen durch die EU erforderlich macht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung und der Analyse praxisnaher Beispiele sowie Fallstudien zur praktischen Durchführung von EU-Abkommen in den Mitgliedsstaaten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den verschiedenen europäischen Sozialmodellen, den vertraglichen Rahmenbedingungen der EU, den Herausforderungen bei der EBR-Gründung und dem Flexicurity-Ansatz am Beispiel Deutschlands.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Industrielle Beziehungen, Sozialer Dialog, Europäischer Betriebsrat, Harmonisierung und Europäisches Sozialmodell charakterisiert.
Warum weigern sich manche Unternehmen, einen Europäischen Betriebsrat einzurichten?
Unternehmen fürchten oft Informationspflichten, die Transparenz über Konzernstrukturen schaffen könnten, sowie das Ingangsetzen von Anspruchsspiralen bei Lohn- und Arbeitsbedingungen.
Was zeigt der Fall Nokia in der Untersuchung?
Der Fall Nokia verdeutlicht die Kehrseite des flexiblen europäischen Wirtschaftsraums, bei dem Standortverlagerungen zu Lasten des sozialen Zusammenhalts und der Arbeitnehmerrechte gehen können.
Welche Rolle spielt die Europäische Kommission?
Die Kommission fungiert als dritter Akteur im tripartistischen Dialogsystem, indem sie Richtlinien und Verordnungen setzt, um die Harmonisierung sozialer Standards voranzutreiben.
- Quote paper
- Katharina Richter (Author), 2009, Industrielle Beziehungen in der EU, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139626