Im Jahre 1771 schreibt Goethe in seiner Rede ‚Zum Shakespears Tag‘, dass er zugunsten Shakespeares und dessen Dramen „keinen Augenblick [zweifelte] dem regelmäßigen Theater“ der Franzosen mitsamt des strengen Aufbaus und den ‚drei Einheiten‘ „zu entsagen“. Kurz darauf entsteht das Sturm-und-Drang-Drama ‚Götz von Berlichingen‘, mit dem er, erfüllt von seinem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, jegliche klassizistischen Konventionen bricht und so manche kritische Rezension erfährt. Doch es sollte kein Jahrzehnt vergehen bis Goethe in seiner Zeit am Weimarer Hofe unter Herzog Carl August ein Werk zur Aufführung bringt, das außerordentlich klassisch geprägt war und mit welchem er eben jene Regeln des französischen Klassizismus, denen er gerade noch „Fehde" verkündet hatte, wiederentdeckt – oder, auf seine Art und Weise, völlig neu entdeckt. Dieses Werk, das im April 1779 im Rahmen des Liebhabertheaters aufgeführt wird, ist die erste Fassung der ‚Iphigenie auf Tauris‘. Es sollten noch weitere sieben Jahre vergehen, bis diese erste, Prosafassung der ‚Iphigenie‘, „in neue Verse geschnitten“, ihre endgültige (Blankvers-)Form findet. So wird in Rom am 29. Dezember 1786 ein Werk fertiggestellt, das bis heute aufgrund seines regelmäßigen Aufbaus und seiner Formstrenge zu den hervorragendsten Werken zählt – wenn es nicht gar als das klassischste aller deutschen Dramen angesehen wird.
Nun ist es mehr als verwunderlich, dass Goethe, nachdem er soeben den Franzosen mit ihren ‚drei Einheiten‘ e n t sagte, ein Drama verfasste, das diesen Regeln – zumindest scheinbar – in ihrer gänzlichen und vollkommenen Ausprägung z u sagte. Folglich gilt es also zu klären: Was mag Goethe dazu bewegt haben, wieder den alten klassizistischen Faden aufzunehmen? Setzte er tatsächlich alle Forderungen im französischen Sinne um? Oder passte er diese nicht vielmehr seinen eigenen Vorstellungen und denen seiner Zeitgenossen an? Auf welche Art und Weise geschah das? Dazu muss zunächst einmal untersucht werden, was die Forderungen überhaupt besagten, die vor allem durch die französischen Dramatiker Pierre Corneille und Jean Racine an Bedeutung erfahren haben, aber bereits in Aristoteles‘ ‚Poetik‘ ihren Ursprung finden. Bei allen diesen Untersuchungen steht die Thematik der ‚drei Einheiten‘ im Vordergrund.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Lehre von den drei Einheiten in der griechischen Dramatik
3. Die Auseinandersetzung mit der antiken Regelpoetik in der Neuzeit
4. Die Umsetzung der drei Einheiten in Goethes „Iphigenie“
4. 1. Die Einheit der Handlung
4. 2. Die Einheit des Ortes und der Zeit
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Goethes ambivalentes Verhältnis zu den klassischen „drei Einheiten“ im Kontext seines Dramas „Iphigenie auf Tauris“. Dabei wird analysiert, inwieweit Goethe die antiken und französisch-klassizistischen Vorgaben übernahm, modifizierte oder durch eine psychologische Verinnerlichung der Handlung neu interpretierte.
- Entwicklung des Regelverständnisses von Aristoteles bis zur französischen Klassik
- Kritik an der formalistischen Regelpoetik durch Lessing
- Strukturanalytische Untersuchung der „Iphigenie auf Tauris“ hinsichtlich der Einheiten
- Bedeutung der inneren Handlung und Symmetrie für den dramatischen Aufbau
- Wandel des Dramas zum psychologischen „Seelen-Drama“
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Einheit der Handlung
Die Einheit des Ortes und der Zeit basieren auf der Einheit der Handlung. In Anlehnung an die aristotelische Tragödien-Konzeption gestaltet sich die Handlung in Goethes ‚Schauspiel‘ in sich geschlossen und von regelmäßigem Aufbau, der eben jenem entspricht, den Gustav Freytag später in seiner Theorie des ‚geschlossenen Dramas‘ verdeutlichte. Das Schauspiel gliedert sich in fünf Aufzüge, die eine auffällig symmetrische Form aufweisen und durch einen dramatischen Konflikt verknüpft sind:
Der erste Akt entspricht der Exposition, in der der Leser - beziehungsweise der Zuschauer - in die Geschehnisse der Handlung, in die handelnden Personen und in den sich entwickelnden Hauptkonflikt eingewiesen wird. Nach Aristoteles beginnt hier die ‚Verknüpfung‘ der Handlungselemente.
Iphigenie, Tochter des Agamemnon aus Tantalus‘ verfluchtem Geschlecht, wurde von ihrem Vater geopfert und von der Göttin Diana gerettet. Seither befindet sie sich auf der Insel Tauris, wo sie im Tempel der Göttin das Amt der Priesterin ausübt, sich jedoch ganz und gar nicht heimisch fühlt und sich nach dem „Land der Griechen“ zurücksehnt. Dennoch hat sie seit ihrer Ankunft viel Gutes bewirkt. Sie überzeugte den Barbarenkönig Thoas, die Menschenopfer abzuschaffen, sodass alle Fremden, die diese Insel betraten, auch freien Fußes wieder in ihre Heimat zurückkehren durften. Mit dem ersten erregendem Moment entwickelt sich der dramatische Konflikt – Der Bote Arkas eröffnet ihr, dass Thoas sie „als Braut in [seine] Wohnung einzuführen“ gedenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtung von Goethes frühem Widerstand gegen das französische Theater und die spätere Rückkehr zu klassischer Formstrenge in der „Iphigenie auf Tauris“.
2. Die Lehre von den drei Einheiten in der griechischen Dramatik: Historische Herleitung des Begriffs bei Aristoteles und Nachweis, dass die Einheiten ursprünglich eher aus theaterpraktischen Zwängen als aus theoretischen Forderungen resultierten.
3. Die Auseinandersetzung mit der antiken Regelpoetik in der Neuzeit: Darstellung der Verengung dramatischer Theorie durch die französische Klassik und Lessings Gegenposition, die eine symbolische Anwendung der Regeln fordert.
4. Die Umsetzung der drei Einheiten in Goethes „Iphigenie“: Tiefgreifende Analyse der formalen Struktur des Stücks und dessen Hinwendung zu einer psychologisch motivierten, verinnerlichten Handlung.
4. 1. Die Einheit der Handlung: Untersuchung der symmetrischen Komposition und der Kausalität der Handlungselemente, die das Stück zum „Seelen-Drama“ transformieren.
4. 2. Die Einheit des Ortes und der Zeit: Erörterung der bewussten Aussparung konkreter Örtlichkeiten und der Verschiebung des Handlungsraums in das Innere der Hauptfigur.
5. Schluss: Resümee über die Notwendigkeit und Symbolkraft der drei Einheiten in Goethes Werk als Ausdruck eines inneren Konflikts statt als blinder Gehorsam gegenüber Regeln.
Schlüsselwörter
Goethe, Iphigenie auf Tauris, drei Einheiten, Aristoteles, Lessing, französische Klassik, Drama, Regelpoetik, Einheit der Handlung, Einheit des Ortes, Einheit der Zeit, Symmetrie, innere Handlung, psychologische Verinnerlichung, Seelen-Drama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Johann Wolfgang von Goethe die klassischen dramaturgischen Regeln der „drei Einheiten“ in seinem Werk „Iphigenie auf Tauris“ angewendet und durch eine psychologische Ebene transformiert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Dramentheorie des Aristoteles, die Kritik des Gotthold Ephraim Lessing an der französischen Regelpoetik sowie die strukturelle und inhaltliche Analyse der Iphigenie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, weshalb Goethe, der sich zunächst gegen die „drei Einheiten“ aussprach, diese in der „Iphigenie“ wieder aufgriff und ob er sie nach starren französischen Vorbildern oder eigenen Kriterien umsetzte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Dramentext unter Rückgriff auf zeitgenössische Quellen (Lessing, Aristoteles) sowie eine strukturanalytische Untersuchung der Akte und Szenen interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Einhaltung und Modifikation der Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit und weist nach, wie die äußere Form die innere psychologische Entwicklung der Protagonistin spiegelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind „drei Einheiten“, „Iphigenie auf Tauris“, „Seelen-Drama“, „Regelpoetik“ und „Weimarer Klassik“.
Warum bezeichnet der Autor das Werk als „Seelen-Drama“?
Da die eigentliche Handlung des Stücks primär im Inneren der Charaktere, insbesondere durch Monologe und Visionen, stattfindet, verlagert sich der Fokus von einer physischen äußeren Handlung weg auf eine seelische Konfliktbewältigung.
Welche Rolle spielt die Symmetrie im Aufbau des Dramas?
Die Symmetrie der fünf Aufzüge sowie die gezielte Anordnung von Dialogen und Monologen dienen dazu, die innere Geschlossenheit des Werkes zu betonen und den dramatischen Konflikt kontrolliert zuzuspitzen.
- Quote paper
- Jana Kirchhübel (Author), 2005, Goethes Aufnahme der 3 Einheiten in 'Iphigenie auf Tauris', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140599